Es sah lange Zeit recht gut aus für die Kroaten, die die spanischen Angriffe immer wieder gut unterbinden konnten. Vicente Del Bosque nahm einen... Spanien sichert sich durch taktischen Kniff den Gruppensieg

Es sah lange Zeit recht gut aus für die Kroaten, die die spanischen Angriffe immer wieder gut unterbinden konnten. Vicente Del Bosque nahm einen Kniff vor und kurz vor Schluss fiel das erlösende 1:0 durch Jesus Navas (88.)

 

Bilics Waffe gegen Spanien

Im Gegensatz zum Zwei-Stürmer-System gegen Italien setzte Kroatiens Teamchef Slaven Bilic auf ein 4-2-3-1. Zusätzlich zu Luka Modric und Ognjen Vukojevic wurde noch Ivan Rakitic in der Mittelfeldzentrale gestellt. Danijel Pranjic, der bei den Bayern oft Linksverteidiger spielte, bekam die Position im linken Mittelfeld, mit definitiven Defensivaufgaben. Auf der anderen Seite begann mit Darijo Srna auch ein Spieler mit Defensivqualitäten. An vorderster Front agierte Mario Mandzukic als Konterspeerspitze. Bilic machte in der Mitte und auf den Außenbahnen zu, mit der Intention den Spaniern das Spielgerät zu überlassen und möglichst alle Passwege zuzustellen.

Spanien wieder mit Torres

Vicente Del Bosque erwartete die Kroaten wohl noch mutiger, weswegen er Fernando Torres als Stürmer einsetzte und vertraute derselben Elf, die den irischen Abwehrriegel erfolgreich geknackt hatte. Allerdings entpuppte sich diese Ausrichtung schnell als unzureichend, denn das System mit Torres verlangt entweder einen Gegner, der sich auch offensiv traut, wie etwa Italien, oder defensiv hölzerner ist, wie etwa Irland. Erfolg brachte erst eine Umstellung, aber dazu später mehr.

Schildenfeld organisiert

Der ehemalige Sturm-Graz-Spieler, der im Mai mit der Frankfurter Eintracht in die erste Bundesliga aufgestiegen war, absolvierte über weite Strecken eine grandiose Partie. Er organisierte den Abwehrriegel, der in der Defensive aus neun Mann bestand. Die Spanier taten sich mehr als schwer. Fernando Torres kam einmal aus spitzem Winkel zum Abschluss (23.), Sergio Ramos probierte es von außerhalb des Strafraums (24.) Silvas Versuch innerhalb des Strafraums war zu schwach (29.). Mehr brachten die favorisierten Spanier zunächst nicht zusammen. Schildenfeld gewann über 80 Prozent seiner Zweikämpfe, beging kein einziges Foul. Die Kroaten ließen über das Spiel hinweg nur 14 Schüsse zu, die Italiener ließen 18 zu, Irland 26 – alle drei Teams verstehen sich auf gute Defensivarbeit.

Spanier umständlich

Die „Furia Roja“ verstrickte sich im Laufe der ersten Halbzeit immer mehr in Kleinklein-Aktionen, ließ den letzten Zug zum Tor vermissen. Die Kroaten hatten die Defensive im Griff, Pranjic war für David Silva zuständig, übernahm mehr oder weniger die Manndeckung. Die Iberer hatten über weite Strecken der ersten Halbzeit zwar den Ball, zum Pausenpfiff stand bei Ballbesitz 68 Prozent, am Ende 64 – sie konnten sich aber nicht wirklich durchspielen. An dem Bild änderte sich auch im zweiten Durchgang recht wenig, erst dann, als zuerst Jesus Navas für Torres und später Cesc Fabregas für David Silva kam.

Kroaten taktisch klug

Die Kroaten machten ihre Sache in der Defensive richtig gut. Die Verteidiger waren nah am Gegner dran, die Offensivspieler unterstützen in der Zentrale und zu Beginn des letzten Angriffsdrittels der Spanier die Verteidigung, es fand sich zumeist ein rot-weiß-kariertes Bein, dass schnelle Pässe in die Tiefe unterband. Das Zauberwort war Flexibilität. Die Kroaten liefen viel, stellten die Passwege der Spanier weitgehend zu und überließen dem Gegner wie beim Handball den Ball rund um die Gefahrenzone. Daran litt allerdings das Offensivspiel. In der 27. Minute hätte es aber durchaus Elfmeter geben können, da Mandzukic von Ramos rechts im Strafraum gelegt wurde. Die Pfeife von Schiedsrichter Wolfgang Stark blieb aber ruhig, Corluka beschwerte sich und sah Gelb.

Noch stärkeres Pressing nach Seitenwechsel

Mit dem Pausenstand in der Parallelpartie mussten die Kroaten mehr tun und setzten das Pressing zu Beginn der zweiten Halbzeit noch weiter vorne an. Die Organisation in der Defensive funktionierte dennoch sehr gut. Drei, vier Karierte stellten nach dem Seitenwechsel schon früh in der gegnerischen Hälfte. Die Bemühungen gipfelten in der 59. Minute, als der defensiv wie offensiv starke Modric eine Flanke in den Strafraum schlug, wo Rakitic alleine vor Iker Casillas scheiterte. Das war aber auch der Knackpunkt der Partie.

Wechsel auf 4-4-2

Slaven Bilic reagierte wenig später und brachte Ex-Rapidler Nikica Jelavic und Dortmunds Ivan Perisic für Pranjic und Vida, stellte auf ein 4-4-2 um, mit Jelavic neben Mandzukic und Perisic auf der linken Flanke (65.). Davor hatte auch del Bosque umgestellt und Jesus Navas für Torres gebracht, was zu dem 4-6-0 aus dem Spiel gegen Italien führte. Die kroatische Nationalelf musste sich nun auf die weniger kompakte Abwehr verlassen und weiter aufrücken, um spanische Angriffe schon früh zu unterbinden. Das gelang zeitweilig ganz gut, denn die Spanier kamen weiterhin nicht wirklich durch und die Kroaten kamen wieder gefährlich in den Strafraum. Jelavic verpasste eine Hereingabe knapp (69.), Perisic nahm sich eine Flanke kunstvoll mit, Casillas parierte zur Mitte, aber die Iberer konnten klären (78.).

Schema der Systeme durch die Umstellungen zwischen 61. und 73. Minute

Spanier erfangen sich wieder

Es dauerte bis zur Hereinnahme von Fabregas in der 73. Minute, ehe das Offensivspiel der Spanier wieder richtig gut funktionierte. Iniesta (83.) und Navas (84.) kamen aus spitzem Winkel zum Abschluss. Zu diesem Zeitpunkt regierten weniger zielgerichtete Aktionen, denn der Wunsch, endlich die Entscheidung herbeizuführen. Außerdem organisierte Schildenfeld die durch die Auswechslungen dezimierte Abwehr nach wie vor ausgezeichnet. Doch die Kroaten benötigten nach wie vor ein Tor, das aber nicht kam, da die Titelverteidiger in der Defensive zumeist gut aufgestellt waren.

Zweiter Elfer verwehrt, Gegentor

Die letzten fünf Minuten sollte für die Kroaten ähnlich bitter werden wie im Viertelfinale der Euro 2008, als die Türkei sich in letzter Sekunde ins Elfmeterschießen rettete. War es damals ein Klasnic-Tor in der 119. Minute, das in der 122. egalisiert wurde, so war es diesmal ein Elfmeter, der in der 86. Minute nach einem Eckball nicht gegeben wurde, obwohl der im Fünfer lauernde Corluka deutlich gehalten wurde. Quasi im Gegenzug beging die kroatische Abwehr einmal einen Stellungfehler, Iniesta konnte sich einen weiten Ball im Strafraum herrichten und auf Jesus Navas ablegen, der ins leere Tor einschob (88.).

Nicht ganz so mutige Kroaten

Von einer ‚ausg’machten G’schicht’ war keine Rede. Ein 2:2 oder ein höheres Remis hätte beide Teams in Viertelfinale befördert. Doch davon war wenig zu sehen, die Kroaten zeigten eine defensiv mehr als ordentliche Leistung, vergaßen aber, den Ball im Tor unterzubringen. Hätte Stark in der 28. Minute auf Elfmeter entschieden, wäre ein spanisches Tor fast nicht mehr möglich gewesen. Danach fehlte in der entscheidenden Phase nach der Pause der Zug zum Tor, die Überzahlsituationen, die Modric und Rakitic hätten erreichen sollen. Das Flügelspiel erwies sich als unzureichende Variante, da es zu sehr auf den perfekten Moment aufgebaut ist. Wie die Umstellung auf das 4-4-2 bewies, hätte man den Spaniern vielleicht noch früher defensive Probleme bereiten können. Bei genug Beschäftigung macht eine Abwehr schon den einen Fehler, der zum Tor führt. In dem Fall machten diesen die Kroaten.

Spanien wieder sehr ballverliebt

Eine Szene in der 78. Minute: Busquets bekam den Ball 14 Meter vor dem Tor zentral serviert, doch statt einen guten Schuss zu machen, dribbelte er und vertendelte den Ball. Wie schon gegen Irland zeigten die Spanier fast einen Tick zu viel ‚Hacke-Spitze-Trallala’. Nur konnten die Iren gar nicht und die Kroaten so gut wie kein Kapital daraus schlagen. Der Welt- und Europameister war etwas ausrechenbar und erst zwei Minuten vor Schluss gelang die Wende. Den Spaniern fehlt derzeit eine ‚Dreckssau’, ein Spieler, der sich eine gelbe Karte abholt und die Richtung vorgibt. Wenn die Spanier nicht etwas ändern, werden Spieler wie Benzema oder Rooney dem ballverliebten Einbahnfußball Einhalt gebieten können.

Georg Sander, abseits.at

Georg Sander

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