Trotz einiger Verletzungen gelten die Spanier als einer der absoluten Topfavoriten für den EM-Sieg. Bereits bei den letzten beiden Großturnieren konnten sie sich durchsetzen,... Muss sich Del Bosque „neu erfinden“? – Die Stärken und Schwächen der spanischen Nationalmannschaft

Trotz einiger Verletzungen gelten die Spanier als einer der absoluten Topfavoriten für den EM-Sieg. Bereits bei den letzten beiden Großturnieren konnten sie sich durchsetzen, wobei sie bei der Weltmeisterschaft 2010 neben viel Ballbesitz auch eine gewisse Torarmut verzeichnen mussten. In diesem Sommer fehlt ihnen auch noch Topstürmer David Villa sowie Abwehrrecke Carles Puyol. Angesichts dieser Ausfälle stellt sich die Frage, ob die Spanier ihre Erfolge weiterführen können oder ein Ende der internationalen Dominanz in Sicht ist. Allerdings dürfte klar sein, dass sich bei diesem Großereignis viel verändern wird, nicht nur aufgrund der verletzten Führungsspieler.

Das Aufgebot

Tor: Iker Casillas (Real Madrid, #1), Victor Valdes (FC Barcelona, #12), Pepe Reina (Liverpool FC, #23)

Verteidigung: Raul Albiol (Real Madrid, #2), Gerard Piqué (FC Barcelona, #3), Juanfran (Atlético Madrid, #5), Sergio Ramos (Real Madrid, #15), Alvaro Arbeloa (Real Madrid, #17), Jordi Alba (Valencia, #18)

Mittelfeld: Javi Martinez (Athletic Bilbao, #4), Andrés Iniesta (FC Barcelona, #6), Xavi (FC Barcelona, #8), Cesc Fabregas (FC Barcelona, #10), Juan Mata (Chelsea FC, #13), Xabi Alonso (Real Madrid, #14), Sergio Busquets (FC Barcelona, #16), Santi Cazorla (Malaga, #20), David Silva (Manchester City, #21), Jesús Navas (Sevilla, #22)

Angriff: Pedro Rodriguez (FC Barcelona, #7), Fernando Torres (Chelsea FC, #9), Alvaro Negredo (Sevilla, #11), Fernando Llorente (Athletic Bilbao, #19)

Torwartnation Spanien?

Oftmals besaßen große Teams mit einem Fokus auf spielerischer Qualität keinen sicheren Rückhalt. Dies zieht sich durch die meisten brasilianischen Nationalmannschaften der Geschichte wie auch durch andere Teams. Anders sieht es bei der spanischen Nationalmannschaft aus. Mit Pepe Reina, Victor Valdes und dem Riesentalent David De Gea ist man sogar auf der Bank schlicht Weltklasse besetzt. Hierbei liegt die Besonderheit auch darin, dass diese Torhüter stark von den Regeländerungen der Neunziger profitiert haben. Seit der Veränderung der Rückpassregel gibt es eine stärkere Tendenz zu mitspielenden und ballsicheren Goalies, was den Spaniern und ihren Entwicklungen in der Trainingslehre entgegen kam.

Sämtliche Torhüter der spanischen Auswahl besitzen ihre Stärken sowohl auf der Linie als auch beim Verarbeiten von Anspielen. Fast schon paradox, dass Stammkeeper Iker Casillas in letzterer Disziplin sogar der Schwächste der vier sein dürfte. Dennoch wird der mehrfache Welttorhüter seinen Platz im Kasten sicher behalten und einmal mehr ein starkes Turnier spielen. Den Konkurrenzkampf auf der Bank verlor David De Gea: Dem Jungstar gehört nach einer schweren Saison bei Manchester United die Zukunft. Er konnte sich im Laufe der Spielzeit von einem angeblichen Flop zum wohl besten Torhüter der Rückrunde hocharbeiten.

Die zentrale Innenverteidigung

Mit Kapitän Carles Puyol fehlt der Abwehrchef der Spanier. „Der Stier“ war eine der zentralen Figuren bei den Iberern, mit seiner Abwesenheit öffnet sich ein Fragezeichen in der spanischen Abwehr. Theoretisch könnten sowohl Martinez als auch Sergio Busquets diese Position übernehmen. Ersterer spielte bei Athletic Bilbao diese Rolle die gesamte Saison über auf hohem Niveau, gilt aber als eigentlicher Mittelfeldspieler. Busquets wäre die noch offensivere Variante als Innenverteidiger. Beide sind extrem moderne Varianten dieser Position und beeindrucken durch Stellungsspiel und Stärken im Spielaufbau. Die klassischen Defensiveigenschaften sind ihnen ebenfalls nicht fremd, wobei Busquets – auf allerhöchstem Niveau – hier eine Schwäche darstellen könnte.

Voraussichtlich wird es dennoch auf das Pärchen Ramos und Piqué hinauslaufen. Sie sind ebenfalls moderne Innenverteidiger, wobei Piqué der technisch stärkere und Ramos der dynamischere ist. Dadurch ergänzen sie sich in der Theorie sehr gut, die Ersatzmänner finden sich im defensiven Mittelfeld, und in Raul Albiol wieder.

Die defensiven Außenbahnen

Aufgrund Sergio Ramos‘ möglicher Versetzung nach innen könnte jemand Neues einen Platz in der Stammelf erobern. Sowohl Juanfran als auch Arbeloa konnten in ihren Mannschaften viel Spielpraxis sammeln, weswegen sie gute Chancen auf einen Stammplatz haben. Juanfran spielte beim Europa-League-Sieger Atlético Madrid als offensiver Rechtsverteidiger, Arbeloa konnte sich in der Rückrunde bei dessen Erzrivalen und Meister aus Madrid behaupten. Letzterer wäre die defensivere, als auch die etwas erfahrenere Variante.

Auf der gegenüberliegenden Abwehrseite steht der Stammspieler bereits fest: Jordi Alba, der bei Valencia eine gute Saison spielte und angeblich vom FC Barcelona umworben wird. Mit seiner Dynamik und Offensivstärke passt er perfekt in das System der spanischen Nationalmannschaft und dürfte eine der Schlüsselfiguren in der Mannschaft sein. Schafft er es, seine Leistungen aus der letzten Saison weiterhin zu bringen, könnte er mehr Facettenreichtum in das Team bringen. Sollte Juanfran auf der gegenüberliegenden Außenbahn spielen, dann gäbe es zwei aufrückende Außenverteidiger, welche bis zur Grundlinie durchgehen. Die Außenspieler des Mittelfelds könnten näher beieinander spielen und etwas effektiver agieren.

Als Ersatz würde dann Arbeloa fungieren, der sowohl links als auch rechts spielen kann.

Das Mittelfeldproblem

Kann es ein Problem sein, wenn zu viele ähnliche Spielertypen im zentralen Mittelfeld gibt? Javi Martinez und Busquets sind spielmachende defensive Mittelfeldspieler, die sich durch Kurzpässe profilieren. Xabi Alonso spielt minimal höher und streut öfter weite Bälle in sein Spiel ein, während Xavi vom FC Barcelona ebenfalls etwas weiter vorne agiert und fast als spielmachender Achter agiert. Mit David Silva und Andrés Iniesta gibt es zwei weitere nominelle Spielmacher, die jedoch zumeist im letzten Spielfelddrittel agieren. Auch Santi Cazorla sowie Cesc Fabregas können eine solche Rolle spielen, aufgrund der enormen Konkurrenz ist eine Aufstellung jedoch unwahrscheinlich.

Selbst die Topstars ihrer jeweiligen Vereine, David Silva von Manchester City und Javi Martinez vom baskischen Athletic Bilbao, haben nur geringe Chancen auf einen Stammplatz. Voraussichtlich werden die beiden mit Fabregas und Cazorla zusammen nur Ersatz sein. Vermutlich dürften Busquets und Xabi Alonso eine Doppelsechs vor der Abwehr bilden, während Xavi und Iniesta weiter vorne agieren. Dies kommt ersterem allerdings ungelegen, da er von hier aus das Spiel nur schwer oder gar nicht komplett an sich reißen kann – was ihn beim FC Barcelona bekanntlich auszeichnet.

Die zwei Stürmer

Sollte es bei diesem 4-4 in Mittelfeld und Abwehr bleiben, dann müssen sich ganze sieben Spieler um zwei Positionen streiten. Eine Position ist die des hängenden Stürmers auf der rechten Seite. Da Iniesta links spielt und teilweise Flügelstürmeraufgaben übernimmt, muss einer der Stürmer verstärkt rechts agieren, da Xavi auf halbrechts die Iniesta-Rolle nicht beherrscht. Für diese Rolle kommen neben Navas und Pedro auch Silva und mit Abstrichen Mata sowie Cazorla in Frage. Letztere würden hierbei eher die Spielstärke verstärken, was jedoch kaum nötig ist. Darum ist die Aufstellung von Pedro am wahrscheinlichsten, der den Vorzug vor Navas erhalten würde.

Offen bliebe dann die Aufstellung des Mittelstürmers. Diese Rolle hatte Cesc Fabregas beim FC Barcelona in dieser Saison ebenfalls gespielt, eine Kopie dessen wäre ungemein interessant und mutig von Del Bosque. Der ehemalige Arsenal-Kapitän könnte eine falsche Neun wie Lionel Messi spielen und neben seiner Torgefahr ebenfalls viel Ballsicherheit ins Spiel bringen. Nichtsdestotrotz ist diese Variante unwahrscheinlich. Voraussichtlich wird Torres auflaufen, der mit seiner Dynamik und Abschlussstärke (wenn in Form) die nötige Torgefahr ins Spiel bringen würde. Ohne David Villa fehlt es klar an eben diesen beiden Attributen, welche Llorente und Negredo nur bedingt verkörpern. Letzterer ist eher ein körperlich starker Spieler, welcher sich nur schwer in das spanische Kombinationsspiel einbinden könnte. Llorente hingegen wäre eine gute Wahl – er ist ebenfalls robust, kann sich aber dennoch in das Kombinationsspiel und das Pressing einbinden.

Das System bleibt gleich – wie auch seine Schwächen

Aller möglichen Gedankenspiele zum Trotz wird sich bei der Europameisterschaft wohl die gleiche Spielweise wie bei den vorherigen Turnieren ergeben. Das bedeutet, dass die Vorgehensweise der Gegner ebenso ähnlich aussehen wird. Zwei enge Ketten vor der Abwehr, eine tiefe und kompakte Stellung sollen die Stürmer vom Mittelfeld isolieren. Dadurch hat Spanien zwar weiterhin enorm viel Ballbesitz, kommt aber nur schwer in die Tiefe. Im Gegenzug warten die gegnerischen Mannschaften ab und hoffen auf erfolgreiche Konter. Bei der letzten Weltmeisterschaft spielte Spanien jedoch dermaßen stark am Ball, dass es kaum Konter setzte. Allerdings fehlte es an der Vertikalität und Gefahr in den eigenen Reihen. Lediglich David Villa konnte durchgehend Torgefahr entfachen, weswegen er schmerzlich vermisst werden wird.

Eine Umstellung auf ein 4-3-3, wie es die Spanier seit dem letzten Großereignis mehrmals praktizierten, wäre wünschenswert – aber ohne Villa wohl unwahrscheinlich. Man könnte zwar mit Navas, Cazorla, Mata und Pedro ein starkes Flügelpaar aufbauen, aber aufgrund der Vielzahl namhafter Weltklasseakteure wird es beim asymmetrischen 4-4-1-1 bleiben. Es sei denn, Del Bosque erfindet sich neu.

Ein 4-3-3 mit falscher Neun wäre eine Option, hierbei würden sich Pedro und eben Fabregas anbieten. Der zentrale Stürmer würde etwas zurückgezogener spielen und sich horizontal sowie nach hinten bewegen, die Außenstürmer könnten enger aneinander spielen. Dank Juanfran und Alba wäre ein solches System sogar umsetzbar.

Die letzte Option wäre mit Ramos auf rechts und einer verkappten Dreierkette. Hier könnten sich noch mehr ballstarke Spieler ins System einbringen, was eine zusätzliche Dimension bedeuten würde. Aufgrund der mangelnden Eingespieltheit ist dies jedoch sehr unwahrscheinlich. Mit den verschiedenen Stürmeroptionen könnte man sich auch an die Gegner perfekt anpassen. Die spielstärkste und innovativste Variante wäre es jedoch Fabregas, der sich vorne positionieren würde. Mata würde vor Pique die Breite ins Spiel bringen, dank Busquets und Martinez könnte entweder Ramos oder jeweils einer der beiden mit nach vorne gehen.

Rene Maric, abseits.at

Rene Maric

Keine Kommentare bisher.

Sei der/die Erste mit einem Kommentar.

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.