Die spanische Liga ist derzeit wenig mehr als ein ausgedehnter Zweikampf zwischen den beiden Großclubs FC Barcelona und Real Madrid. Nirgendwo sonst auf der... Auf ewig „La Liga de dos“ oder gibt es Chancen auf eine Revolution in der spanischen Liga?

Die spanische Liga ist derzeit wenig mehr als ein ausgedehnter Zweikampf zwischen den beiden Großclubs FC Barcelona und Real Madrid. Nirgendwo sonst auf der Welt ist qualitativer Spitzenfußball so eintönig wie im Land des Weltmeisters. Doch die „Kleinen“ der Primera Division sind bei weitem nicht untätig und rüsten sich zur Revolution von unten.

„Die stärkste Liga der Welt“, dieser Begriff wird vor allem von emotionalen Sport1 Programmvorschauen derzeit recht inflationär benutzt. In professionellen Einschätzungen sollte man ihn eher vermeiden, genauso wie andere hochgradig subjektiven Aussagen wie „der beste Spieler“ oder die beste Mannschaft aller Zeiten“. Nichtsdestotrotz, spricht man derzeit von Dominanz im Fußball, ist Spanien meist nicht weit entfernt. Die Statistik spricht für die Iberer: Seit der Jahrtausendwende ging der Champions League Pokal fünfmal nach Spanien, der UEFA-Cup bzw. die Europa League wurde viermal erobert. Darüber hinaus hat die Spanische Nationalmannschaft ihren Ruf als ewig erfolglose Schönwettertruppe innerhalb von zwei Jahren beeindruckend abgestreift, mit dem Gewinn der Euro 2008, der WM 2010 und einer Serie an gewonnenen Partien dazwischen. Doch auch abseits von Datenbanken sprechen viele Argumente für Spanien: die beiden Flaggschiffe FC Barcelona und Real Madrid werden gemeinhin als die beiden besten Clubmannschaften der Welt gehandelt und auch die „alltäglichen“ Ligaspiele gelten im europäischen Vergleich als qualitativ hochwertig, sehr temporeich und schön anzusehen. La Liga ist reich an vielen Clubs mit großer Tradition aus nahezu allen Regionen des Landes, deren unterschiedliche Spielkultur ein schöner Spiegel für die Vielfalt des Königreichs darstellt.

Das spanische Dilemma – Langeweile auf höchstem Niveau

Paradoxerweise steht die Primera Division in dem Ruf, wenig abwechslungsreich und spannend zu sein. Zyniker behaupten, eine Saison in Spanien hat 380 Spiele und wird innerhalb von zwei Partien entschieden. Gemeint sind damit die berühmten Clasicos, die beiden Aufeinandertreffen des Rekordmeisters Real Madrid und seinem größten Rivalen FC Barcelona. Ganz so schottisch sind die Verhältnisse in Spanien natürlich nicht. Ein Blick auf die Statistiken zeigt allerdings, dass sich ein gewisser Trend nicht leugnen lässt. In den letzten 30 Jahren war der Meister ganze sechsmal ein anderer als Real oder Barça, und selbst in vier dieser Spielzeiten war der Vizemeister einer der beiden Großclubs. Soweit, so einseitig. Fairerweise sollte erwähnt bleiben, dass dominante Clubs kein spanisches Phänomen sind. De facto jede Liga hat ihre üblichen Verdächtigen an Rekordmeistern, Rekordpokalsiegern und Eurofightern, die vor Beginn jeder Saison als Favoriten auf den Titel gehandelt werden. Doch zumindest in den europäischen Topligen ist der Erfolg nirgends so stark konzentriert wie in Spanien. Die Mutter aller Spielklassen in England hat seine Big Four, und wenn diese so etwas wie das vornehme Hinterzimmer der Premier League darstellen, an das andere Teams nur zaghaft anklopfen durften, so ist Machester City gerade dabei die Tür einzutreten. Die Serie A in Italien hat mit Inter, AC Milan und Juventus Turin zumindest ein Triumvirat an Spitzenclubs, wobei die beiden Hauptstadtclubs Lazio und AS Roma national doch noch gehörig mitmischen. Und in Deutschland bleibt die Spannung trotz der Vormachtstellung von Bayern München zu jeder Saison erhalten, da es zumindest ein Club pro Saison schafft, mit den Münchnern auf Augenhöhe zu konkurrieren. Dass die „Bayernjäger“ dabei fast jährlich rotieren, und dass auch vermeintliche Punktelieferanten schnell zum Titelaspiranten werden können, trägt sicher sehr viel zur momentanen Popularität der Bundesliga bei.

Die Schere geht weiter auseinander

Unabhängig von der Anzahl an Topteams zeigt sich besonders am Beispiel der deutschen Bundesliga, dass Attraktivität einer Liga davon profitiert, je geringer der Qualitätsunterschied zwischen den Mannschaften ist, oder anders gesagt, je „breiter“ eine Liga aufgestellt ist.

Und darin liegt das aktuelle Problem der Primera Division. Derzeit halten sowohl Real als auch Barcelona bei jeweils zwei Niederlagen von 33 gespielten Partien. In der vorigen Saison hatte Barça auch nach dem letzten Spieltag zwei Niederlagen zu verbuchen, Real vier (davon zwei im direkten Duell mit Barcelona). Im Rekordjahr davor, wo Barça 99 punkte erreichte, hatten die Katalanen eine einzige Niederlage zu verschmerzen. Diese fast schon surrealen Ergebnisse haben den bekannten Kolumnisten Sid Lowe dazu veranlasst zu schreiben: „Für Barça und Real ist ein Unentschieden die neue Niederlage, und eine Niederlage ist eine Krise“
Was man bei aller Sensationalisierung jedoch nicht vergessen sollte, die letzten drei bis vier Jahre waren auch für Barcelona und Real außergewöhnlich erfolgreich. Allein schon aus der Geschichte kann man wohl recht sicher behaupten, dass die Rekorde nicht jede Saison neu gebrochen werden. Wie stark und ob sich die Dominanz von Barça und Real weiterhin aufrechterhalten lassen wird, hängt im Wesentlichen von zwei Faktoren ab: Erstens natürlich davon, wie stabil die jeweiligen Erfolgsformeln zeitlich gesehen sind. Und zweitens, welchen Weg gehen die anderen Vereine in Spanien?

Geist über Materie – der katalanische Weg

Das Erfolgsgeheimnis des FC Barcelona ist mittlerweile weltbekannt und so gut durchleuchtet wie kein anderes: La Masia, Systemtreue, Technik vor Athletik. Trotzdem hat es bis heute kein Verein geschafft, Barça mit den eigenen Waffen zu schlagen. Warum das auch in Zukunft wohl so bleiben wird, erklärte der ehemalige Coach und Entdecker von Lionel Messi, Carles Rechax ziemlich trocken: „Natürlich können andere Teams damit beginnen, unser System zu kopieren. Aber wir haben einen Vorsprung von 30 Jahren.“ Dass Barcelona auch in den nächsten 30 Jahren sein System in den Grundfesten nicht ändern wird, gilt als gesichert. Die Erfolge unter Pep Guardiola haben gezeigt, was mit der Cruyff’schen Philosophie potentiell möglich ist. Schwer abzuschätzen ist dabei jedoch noch die Frage, welchen Anteil die herausragenden Spieler der derzeitigen Generation an der überragenden Form der letzten Jahre haben. Es wäre vermessen zu behaupten, dass kein Spieler jemals wieder die Qualität von Messi, Xavi oder Iniesta erreichen wird. Doch bei aller Zuversicht in die Talentfabrik von La Masia, die Chancen dass sich zum gleichen Zeitpunkt wieder drei derartige Ausnahmekönner so perfekt ergänzen werden, ist ziemlich gering. Gerade diese Synergie von alleine schon sehr talentierten Spielern macht wohl den Unterschied aus zwischen einem Weltklasse-Team und einer Mannschaft für die Geschichtsbücher. Die zukünftige Generation des FC Barcelona ist sicher nicht darum zu beneiden, immer an den Helden von heute gemessen zu werden.

Die Marke „Real Madrid C.F.“

Das Rezept zum Erfolg für den Real Madrid Club de Futbol ist auf den ersten Blick weniger augenscheinlich wie das seines katalanischen Rivalen. Zum einen ist festzuhalten, Real ist wahrhaftig eine Institution des Fußballs. Der spanische Rekordmeister ist mit neun Champions League Titeln auch der erfolgreichste Verein Europas, bzw. mit drei Weltpokalen auch Rekordhalter bei interkontinentalen Meisterschaften. Doch auch abseits von Statistiken und Daten umgibt Real eine Aura von Extraklasse. In gewisser Weise ist Real Madrid in den Köpfen der meisten Fußballfans ein Synonym für Champions League, für Starensembles und für unvergessene Spiele auf höchstem Niveau. Spätestens seit den Glanzstunden von Kopa, Puskas und Di Stefano und der Geburtsstunde des weißen Balletts in den 50er Jahren gilt Real als Magnet für Weltstars, was die Clubführung, besonders seit Amtsantritt von Florentino Perez gezielt zur wirtschaftlichen Vermarktung ausnutzt. Das Ergebnis spricht für sich, seit 2000 konnte Real seinen Jahresumsatz vervierfachen und liegt damit der umsatzstärkste Verein der Welt. Dies erklärt dann auch einen astronomischen Etat von geschätzt 500 Millionen Euro, die Real für die laufende Saison zur Verfügung gestellt hat. Kein Wunder also, dass kaum ein Verein ernsthaft mit Real konkurrieren kann, wenn diese am Transfermarkt tätig werden. Weitaus weniger Beachtung findet dabei natürlich die Arbeit von Reals „cantera“, der in Spanien als Steinbruch bezeichneten Nachwuchsakademie eines Vereins. Vom Niveau der Ausbildung stehen die Canteranos ihren Pendants in Barcelona oder Athletic Bilbao um nichts nach. Im Gegensatz zu diesen auf Eigenbauspieler setzende Vereine gibt sich Real allerdings oft damit zufrieden, seine Talente möglichst gewinnbringend zu verkaufen. Schaffen es Spieler aus dem Nachwuchs jedoch tatsächlich sich in der mit Weltstars überlaufenen ersten Mannschaft festzusetzen, wie etwa Raul oder Casillas, so entwickeln sich diese außergewöhnlich talentierten Spieler meist zu Legenden des Clubs.

Auch wenn sich das Versprechen von Perez, dass der Erfolg über „Zidanes y Pavones“ führt, also der richtigen Mischung aus Weltstars und Eigenbauspielern, nicht umsetzen lies und Real weiterhin auf Stareinkäufe setzt, die Königlichen sind stärker denn je, und das bewährte System erscheint ebenso langlebig wie unnachahmlich für andere Vereine zu sein.

Kein Ende in Sicht?

Wie stehen also die Chancen der anderen spanischen Clubs? Immerhin ist der Kampf gegen die Vorherrschaft von Barça und Real nicht nur auf rein sportlicher Ebene. Die beiden Platzhirsche haben im Laufe der Jahre so viele Vorzüge erkämpft, dass man nicht mehr von einer Chancengleichheit sprechen kann. Das reicht von den Einnahmen durch die umstrittene dezentrale Vermarktung der TV-Rechte bis zu der „gefühlten“ Bevorzugung durch die Schiedsrichter im Zweifelsfall. Gibt es trotz all dieser Widrigkeiten dennoch Hoffnung auf eine Revolution in der spanischen Liga?

Fortsetzung folgt!

Timon Novalin, abseits.at

Timon Novalin

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