Jose Mourinho ist auf bestem Weg jahrzehntelange, mühsame Normalisierungsversuche der Beziehungen zwischen Real Madrid und FC Barcelona zunichte zu machen. Jetzt liegt es an... Visca Barça! Visca Catalunya! Barcelona und Real oder die politischen Aspekte einer Fußballrivalität

Jose Mourinho ist auf bestem Weg jahrzehntelange, mühsame Normalisierungsversuche der Beziehungen zwischen Real Madrid und FC Barcelona zunichte zu machen. Jetzt liegt es an Spielern und Verantwortlichen auf beiden Seiten, den Konflikt nicht politisch werden zu lassen. Die Folgen könnten drastisch sein, nicht nur für das spanische Nationalteam.

Trotz aller Empörung über den „Totengräber des spanischen Fußballs“ – insgeheim können die Fans des FC Barcelona sehr zufrieden mit Jose Mourinho sein. Der Versuch des Portugiesen durch Eskalation auf und neben dem Platz die Dominanz von Barcelona zu brechen, ist gescheitert. Mourinho wirkt wie ein General, der die Schlacht in die Wüste verlegt, nur um festzustellen, dass die eigenen Truppen die Hitze schlechter vertragen als der Gegner. Mit sechs roten Karten in sieben Clasicos, üblen Fouls und Rudelbildungen hat sich Real Madrid selbst um die Früchte der sportlichen Arbeit gebracht. Darüber hinaus hat Mourinho den cules einen weiteren Dienst erwiesen: Real Madrid ist wieder einmal EE, „el enemigo“, der böse Club der Hauptstadt an den Hebeln der Macht, der sämtliche unmoralische Mittel ausschöpft um Barcelona und seine Philosophie des schönen Fußballspiels zu zerstören. Es kommt für nicht-katalanische Fans des FC Barcelona immer überraschend, aber diese Vorstellung von der moralischen Überlegenheit gehört bei den eingefleischten Anhängern zur Identität des Clubs wie „La Masia“ oder der „Cant del Barça“.

Fußball als Fortsetzung des politischen Kampfes

Die einzigartige Beziehung zwischen Real Madrid und FC Barcelona hat ihren Ursprung in den Jahren der Franco-Diktatur. Real Madrid, als Verein der Hauptstadt und Lieblingsclub von Franco war de facto die Vertretung des Regimes auf dem Fußballplatz, während der FC Barcelona sich zum Volksclub aller Katalanen entwickelte, die damals kulturell unterdrückt wurden. Es fällt also nicht schwer nachzuvollziehen, warum ein Sieg Barças über Real für die Anhänger damals einen ungemein höheren emotionalen Wert hatte, als vergleichsweise ein Sieg Borussia Dortmunds über Bayern München.
Allerdings sollte das Erwecken dieser alten Ressentiments im Jahre 2011 kritischer betrachtet werden. „Cada moneda tiene dos caras – Jede Münze hat zwei Gesichter“ – dieses spanische Sprichwort hat auch im Bezug auf den FC Barcelona seine Gültigkeit. Das Bekenntnis zur katalanischen Kultur im Angesicht von Unterdrückung durch eine Diktatur weckt Sympathien. Im heutigen demokratischen Spanien, wo Katalonien weitgehende Autonomie genießt und die regionale Kultur mit dem Segen des Staates gefördert wird, wirkt das selbe katalanisch-nationale Bekenntnis überzogen, vor allem wenn es sich gleichzeitig anti-spanisch gestaltet. Im September 2010 meldete die Internetzeitung „El Confidencial“, eine einflussreiche Gruppe rund um Johan Cruyff hätte den Neuzugang David Villa, aufgefordert eine kleine spanische Fahne, die Villa immer auf einem seiner Schuhe trägt, zu entfernen.

Zarte Identifikation mit dem spanischen Nationalteam

Wie auch immer diese Anekdote einzuschätzen ist, die jüngste Entwicklung deutete daraufhin, dass auch in Barcelona die Uhren nicht still stehen. Nicht zuletzt auf Grund der Tatsache dass Spieler und System des FC Barcelona maßgeblich an den jüngsten Erfolgen der Nationalmannschaft beteiligt waren, fanden auch viele, vor allem jüngere Einwohner der Metropole Freude an den Erfolgen der Selección. Natürlich waren die Parties in Madrid, Sevilla oder Valladolid größer und ausgelassener als in der katalanischen Hauptstadt. Dennoch, die zarte Begeisterung war ein starkes Indiz dafür, dass sich katalanische Identität und spanischer Patriotismus im 21. Jahrhundert nicht mehr gegenseitig ausschließen. Mit bestem Beispiel voran gehen dabei die Spieler selbst. Xavi Hernandez und Carles Puyol, das Hirn beziehungsweise Herz von Barça, feierten auf dem Rasen von Soccer City mit der Senyera, der Flagge Kataloniens, den Weltmeistertitel, und stimmten dann gemeinsam mit ihren Mitspielern in das bekannte Volkslied „Que viva España“ ein. Nahezu jeder Spieler der Selección hatte in diesem größten Moment ein Symbol seiner Heimatregion bei sich. Ein Weltmeistertitel für Katalonien, Andalusien, Madrid, das Baskenland, die Kanarischen Inseln. Und auch wenn in dieser Betrachtung viel Romantik mitschwingt: Vielfalt ist Trumpf. In Spanien finden sich regionale Unterschiede tatsächlich auch in der Spielweise wieder, freilich im Einklang mit den Erfordernissen eines modernen taktischen Fußballbetriebes. Ist es daher Zufall, dass sich die Erfolge der Selección genau dann einstellen, wenn regionaler Stolz der Spieler und Einheitsgefühl der Mannschaft im Einklang stehen? Doch diese Veränderungen betreffen nicht nur das Nationalteam. Viele aktuelle Entwicklungen im spanischen Fußball brechen mit Traditionen, die größtenteils noch aus der konfliktvollen Zeit des letzten Jahrhunderts stammen. So ist es heute kaum noch eine Fußnote wert zu betonen, dass mit Xabi Alonso ein Baske zu Real Madrid wechselt, oder dass mit David Lopez 2007 zum ersten Mal ein Spieler nicht-baskischer Herkunft für Athletic Bilbao aufläuft. Und auch beim FC Barcelona selbst hatte sich mit Sandro Rosell als Präsident ein deutlich gemäßigterer Nachfolger für den offen nationalistisch-katalanischen Joan Laporta gefunden. Bezeichnend für den neuen sachlicheren Umgang der beiden spanischen Großklubs miteinander war auch, dass Transferpoker um Spieler wie David Beckham, der sich schließlich für Real und gegen Barça entschieden hatte, ohne Beschuldigungen der Katalanen abliefen, Madrid hätte wieder einmal seine Macht als Club des Establishments benutzt, um sich einen Vorteil zu verschaffen, wie das im berühmten Transferstreit um Alfredo Di Stefano vor 50 Jahren der Fall gewesen war.

Mourinhos Spiel mit dem Feuer

Das erste Aufeinandertreffen der Saison zwischen Barça und Real im Herbst 2010 sollte dann mehrfach brisant werden. In sportlicher Hinsicht war es eine Machtdemonstration der Katalanen, die Real mit 5:0 deklassierten. In Erinnerung blieben aber auch die Rudelbildung und das Handgemenge zwischen Reals Sergio Ramos und Barcelonas Xavi und Puyol, drei Spieler die seit mehreren Jahren in der Selección zusammenspielten und Stammkräfte bei den großen Teamerfolgen von 2008 und 2010 gewesen waren. Es sollte der Auftakt zu einem sechs Monate dauernden Kampf zwischen den beiden spanischen Großklubs werden, der auf und neben dem Platz erbittert geführt wurde. Am Ende hatte der FC Barcelona sportlich und auch moralisch triumphiert, nicht zuletzt deshalb, weil sich Jose Mourinho zu Aktionen hinreißen ließ, die selbst die Führungsebene von Real nicht mehr verteidigen wollte.
Dennoch, es bleibt ein fahler Beigeschmack, denn auch auf Seiten der Katalanen hat man nicht mit Polemik gespart und bei der Kritik an Real oftmals auch Klischees vergangener Zeiten benutzt. Derzeit wird viel über die Auswirkungen auf das Spanische Nationalteam spekuliert, und nicht wenige Beobachter meinen, die Differenzen zwischen den Spielern der beiden Großklubs, die nahezu das gesamte Stammpersonal der „goldenen Generation“ stellen, wird unvermeidlich den Rückfall Spaniens in die Erfolglosigkeit der letzten Jahrzehnte zur Folge haben.

Die Parallelen zu Jugoslawien – eine Warnung

Auf Grund der negativen sozialen Dynamik die ein Fußballspiel in den schlimmsten Fällen auslösen kann, sollte man sich allerdings auch bewusst werden, dass aus ungelösten nationalen Spannungen größere Desaster entstehen können als ein zerrüttetes Nationalteam.
Am 13. Mai 1990 kam es im Zagreber Maksimir-Stadion in der nationalistisch aufgeheizten Stimmung des krisengeschüttelten Jugoslawien zu einer Tribünenschlacht zwischen kroatischen Fans von Dinamo Zagreb und serbischen Fans von Roter Stern Belgrad, bei der über sechzig Menschen verletzt wurden. Kroatische und slowenische Klubs zogen sich daraufhin aus der jugoslawischen Liga zurück. Eineinhalb Jahre später begann der jugoslawische Bürgerkrieg. Eine traurige Charakteristik dessen war, dass die schlimmsten Menschenrechtsverletzungen von paramilitärischen Einheiten verübt wurden, die, auf allen Seiten, zu einem großen Teil auch in Hooligan- und Ultra-Fangruppierungen rekrutierte.
Welche menschliche Tragödie der jugoslawische Bürgerkrieg darstellt, muss nicht extra betont werden. Doch auch aus fußballerischer Sicht war der Verlust enorm. Jugoslawien galt Jahrzehnte lang als spielstarke Mannschaft mit schönem, anspruchsvollem Spiel. Roter Stern wurde 1991 Weltpokalsieger. 20 Jahre später hat die Zeitung Kurir den serbischen Fußball symbolisch „auf Grund chronischer Erfolglosigkeit“ beerdigt.
Die Nationalteams der Nachfolgestaaten gelten zwar als starke Mittelgewichte, von der europäischen Spitze oder gar einem internationalen Titel ist man allerdings weit entfernt.

Fazit: Der Ball ist, wie auch auf dem Platz, beim FC Barcelona

Es wäre sehr pessimistisch zu behaupten, diese Szenarien stünden Spanien auch bevor. Allerdings, Deeskalation von nationalen Spannungen in einer Gesellschaft, die gerade schwer unter Wirtschaftskrise und Arbeitslosigkeit zu leiden hat, kann in keinem Fall schaden. Durch oder mit Fußball kann viel zerstört werden, aber auch genauso viel geheilt und aufgebaut, gerade in Spanien. Spielerisch ist der FC Barcelona zurzeit drauf und dran, das beste Team aller Zeiten zu werden. Gelingt es der Clubführung auch, den Balanceakt zwischen katalanischer Identität, professionellem modernen Umgang mit Real Madrid, dem königlichen Fußballverband und den gesellschaftlichen Ansprüchen des 21. Jahrhunderts zu meistern, so kann sich Barça auch für die nächsten Jahrzehnte rühmen, „més que un club“ zu sein.

Timon Novalin, abseits.at

Timon Novalin

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