Es ist wohl schlichtweg unmöglich, Geschichten aus der Vergangenheit des österreichischen Fußballs zu erzählen ohne dabei irgendwann auf die Person Hugo Meisl zu stoßen.... Anekdote zum Sonntag (6) – Wer war Hugo Meisl?

Retro FußballEs ist wohl schlichtweg unmöglich, Geschichten aus der Vergangenheit des österreichischen Fußballs zu erzählen ohne dabei irgendwann auf die Person Hugo Meisl zu stoßen. En passant und nebenbei kann über den legendären Verbandskapitän grundsätzlich nicht erzählt werden, denn hätte es den Herrn mit Melone und Gehstock nicht gegeben, wäre der gesamte rot-weiß-rote Ballsport noch eine Weile in der „Ursuppe“ herumgeschwommen. Dazu kommt, dass man sich ohne Meisl und „sein“ Wunderteam auch nicht an jene glorreiche Epoche der Zeitgeschichte erinnern könnte, als Österreich für zumindest kurze Zeit eine echte Fußballgroßmacht war. Zwar wird mit der folgenden Kurz-Beschreibung der Person das Gesetz der Serie durchbrochen und nicht nur eine Anekdote aus dem Leben des 1881 geborenen Altösterreichers zum Besten gegeben, dem Bedürfnis den Charakter und die Bedeutung des Fußballfunktionärs zu erfassen, trägt aber ein akzentuierter Abriss seines Lebens zur Genüge Rechnung.

Meisl war ein geborener Chef. Ein Gentleman vom Scheitel bis zur Sohle, auch oder vielleicht gerade deshalb weil sein Start ins Leben nicht ganz einfach war: Am 16. November 1881 in der böhmischen Provinz zur Welt gekommen, zieht er mit seinen Eltern als Kind nach Wien. Meisl ist ein kleiner, zarter Bub, der sich im Großstadtdschungel erst zu Recht finden muss und für die damalige Zeit gleich zwei Stigmata mit sich herumträgt: Seine tschechische Herkunft und sein jüdisches Religionsbekenntnis. Auf Wunsch seines Vaters, eines Kaufmanns, besucht der spätere Fußballfunktionär zunächst die Handelsschule und absolvierte anschließend eine Banklehre.

Nebenbei packt ihn aber schon als Junger das grassierende Fußballfieber. In seiner Freizeit jagt er auf den Praterwiesen dem „Fetzenlaberl“ nach. Gemeinsam mit Bruder Wilhelm „Willy“ tritt Meisl schließlich dem Vienna Cricket and Football-Club, dem Ur-Verein der Austria, bei. Dort trennen sich die Wege der Brüder: Während „Willy“ jahrelang als Einser-Tormann bei den Wiener Amateuren kickt, fällt Hugos aktive Karriere mager aus. Er ist aufgrund seiner Berufsausbildung viel auf Reisen, lebt in England, Triest und Paris. Bald ist er sich aber sowieso im Klaren darüber, dass er mehr will, als nur ein bisschen Ballspielen. Seine natürliche Autorität und seinen Intellekt befähigt ihn sich mit der Materie Fußball profund zu befassen. Noch bleibt dies für ihn Freizeitbeschäftigung: Denn Hugo macht steile Karriere in der Länderbank. Trotz aller beruflichen Anspannung assistiert er trotzdem 1904 bei der Gründung des österreichischen Fußballverbandes (ÖFV). Nicht das letzte Mal, dass Hugo Meisl den „Geburtshelfer“ spielt. Zunächst konzentriert er sich aber aufs Schiedsrichterwesen, pfeift sechzehn Länderspiele und ist auch bei den Olympischen Spielen 1912 im Einsatz.

Seine diplomatischen Fähigkeiten und sein Führungswille bringen ihn schließlich als österreichischer Delegierter zur FIFA. Meisl spricht neun Sprachen fließend und verfügt über Fachwissen, wie kaum ein Zweiter. Bei zahlreichen Vereinsgründungen legt er mit Hand an: Die „Veilchen“ hebt er gleich zweimal aus der Taufe: Einmal als Wiener Amateur-Sportverein (WAS), dann 1926 als FK Austria Wien. Muss noch extra erwähnt werden, dass der Tausendsassa bisweilen auch im Trainersessel Platz nimmt? Bestimmt nicht. 1926 ist Meisl am Höhepunkt seiner Macht angelangt: Er wird zum Generalsekretär des österreichischen Fußballverbandes ernannt und hängt seinen Bankjob als Leiter des Auslandssektors dafür endgültig an den Nagel. Später wird ihn nicht einmal ein Ministerialposten im neugegründeten tschechischen Staat dazu verleiten, seine Leidenschaft aufzugeben. Ein Minister ohne politische Würden ist er irgendwie schon: Fußballminister. Oder besser gesagt: Fußballfeldwebel.

Ab 1913 betreut Meisl als Verbandskapitän die nationale Auswahl Österreichs. Seinen persönlichen Geschmack trifft schottisch-britischer Zweckfußball à la „Kämpfen und Siegen“. Die Erfolge der Wiener Schule („Scheiberln“) sind ihm zwar recht und billig, für das Nationalteam hat Hugo Meisl jedoch andere Pläne. So kommt es, dass ihm die Presse den ungekrönte König des „Scheiberlgspüs“ Matthias „der Papierene“ Sindelar erst „aufschwatzen“ muss. Meisl gibt dem Druck schließlich nach und fetzt an einem Maivormittag 1931, der in die Annalen der österreichischen Fußballgeschichte eingegangen ist, jene Elf auf ein Blatt Papier, die als „Wunderteam“ weltberühmt werden soll. Im heute nicht mehr existierenden „Ring-Café“ wird der Herr Hugo, wie er nur von wenigen genannt werden darf, laut: „Da habt‘s euer Schmieranski-Team!“: Der beste europäische Kicker seiner Zeit ist endlich auf seiner angestammten Position als Mittelstürmer aufgestellt. Ihm zur Seite stehen „Toni“ Schall und „Fritz“ Gschweidl. Andere Legenden des Wunderteams sind WAC-Hiden im Tor, der pfeilschnelle Adolf Vogl als Linksaußen und der Rapidler „Pepi“ Schmistik. Die Ära des Wunderteams beginnt mit einem 5:0-Sieg über Schottland und ist mit einer knappen 4:3-Niederlage gegen England im Dezember 1932 fast wieder vorbei.

Jene Mannschaft ist Meisls bekanntester Verdienst und zeugt von seiner einmalig scharfsinnig und überlegten Persönlichkeit: Er beweist Mut indem er vier Neulinge in die Auswahl einberuft, insgesamt spielen seine Kicker in sechs verschiedenen Vereinen. Sein guter Draht zu Verteidiger Blum sichert ihm eine Vertrauensposition in der Mannschaft. Außerdem ist Meisl intelligent genug sich den konstruktiven Rat der Fachwelt – auch jenen der Presse – zu Nutze zu machen. Bruder „Willy“ ist so ein Experte. In Deutschland wird der zwölf Jahre jüngere Meisl zum „Vater des modernen Sportjournalismus“, ehe er aufgrund der NS-Machtergreifung nach England flüchten muss. Dieser erzwungene Abschied wird Hugo erspart bleiben, auch kann er aktiver ins Geschehen eingreifen, als dies seinem jüngeren Bruder möglich ist.

Überliefert ist jene Geschichte, als der verärgerte Verbandskapitän fuchsteufelswild die Kabine der Nationalmannschaft entert. „I werd euch ins Kreuz treten, wenn‘s net anständig spüt‘s.“, schäumt Meisl trotz 2:1-Führung der Rot-Weiß-Roten über die Schweiz und droht den Spielern mit Sodom und Gomorrha. Erst nach einem 8:1-Kantersieg ist der Herr Generalsekretär wieder milde gestimmt und meint spöttisch: „Na alsdann, man braucht euch nur gut zureden, ….“ Sein Markenzeichen, den Spazierstock, nützt er nach Möglichkeit auch um seiner Entrüstung Ausdruck zu verleihen. Der ein oder andere Widerspenstige spürt das harte Holz des „Fußballfeldwebels“ auf seinem Rücken. Trotz allem ist Meisl Zeit seines Lebens ringsum beliebt. „Er war wie ein guter Vater zu seinen Kindern sein soll. Streng aber gerecht.“, erinnert sich „Pepi“ Smistik. Auch international bastelt der wortgewandte Österreicher an der Organisation der Weltmeisterschaft, der Einführung des Profitums sowie an der Gestaltung des Mitropacups mit. Viele seiner Ideen, Konzepte und Aufzeichnungen sind durch einen Kanonentreffer, der während des Bürgerkrieges 1934 Meisls Wohnung im Karl-Marx-Hof zerstört hat, leider verloren gegangen.

Bis zu seinem Tod arbeitet der Liebhaber der englischen Fußballphilosophie weiter als gäbe es kein Morgen. Ob er von seiner Bedeutung für die Nachwelt geahnt hat? Sein rastloses Leben gipfelt schließlich in einem Gehirnschlag mitten in einem Arbeitsgespräch mit dem jungen Vienna-Spieler Richard Fischer. Der unvergessene Hugo Meisl wird nur 55 Jahre alt.

Marie Samstag, abseits.at

Marie Samstag

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