Es gibt Menschen für die Österreich grundsätzlich nur aus Wien besteht. Das ist kurzsichtig, aber nicht aus der Luft gegriffen. In der ballesterischen Geschichtsschreibung... Anekdote zum Sonntag (7) – Der böse „Schwejk“ aus Linz

LASKEs gibt Menschen für die Österreich grundsätzlich nur aus Wien besteht. Das ist kurzsichtig, aber nicht aus der Luft gegriffen. In der ballesterischen Geschichtsschreibung gab das ungeeinte „Fußball-Wien“ tatsächlich 54 Jahre lang den Ton an und erkämpfte sämtliche Meistertitel ab Tag eins. Erst 1965 erwachte die Provinz und der LASK stand – getreu dem historischen Motto „In Linz beginnt‘s“ – nach der letzten Bundesligarunde an erster Stelle der Tabelle. Weil doppelt besser hält, krönten sich die Schwarz-Weißen zugleich auch zum Cupsieger.

Vater des Erfolges war der tschechische Trainer František Bufka. Ein Peitschenknaller erster Güte wie Ernst Happel oder Felix Magath. Bufka stammte aus Mährisch-Ostrau und wollte oder konnte nur wenig Deutsch sprechen. Dementsprechend gestaltete sich sein Verhältnis zu den Spielern. „Bei Bufka habe ich lange gebraucht, bis ich ihn überzeugt habe, er war unnahbar“, schildert der LASK-Jahrhundertspieler Helmut Köglberger seine Beziehung zum strengen Übungsleiter. Bufka und sein Co-Trainer Laszlo Simko hatten bald überrissen, dass sie den anderen Vereinen nur durch eine überlegene Physis gefährlich werden konnten. Denn obwohl sich der LASK in den letzten drei Jahren beständig im oberen Tabellendrittel festsetzen konnte, 1963 sogar ins Cup-Finale vorgedrungen war, waren die Wiener Vereine immer noch um eine spielerische Klasse besser. Während die restlichen Bundesligaspieler also über den Winter ausspannten, richteten Bufka und Simko ein Trainingslager in Obertraun aus und scheuchten ihre LASKler bei Schnee und Eisregen über den Platz. Innerhalb der Spielergemeinschaft begann es ordentlich zu brodeln. Auseinandersetzungen ging Bufka aber prinzipiell aus dem Weg. Dafür hatte er eine sichere Methode: Suchte ein Spieler das Gespräch mit ihm, wies er ihn postwendend brüsk zurück: „Ich nix deitsch.“ So perlten sämtliche Beschwerden an ihm ab.

Bufka war eine Art böser („beesa“) „Schwejk“. Bauernschlau und beharrlich, dabei aber grimmig und rücksichtslos. Während sich die von Jaroslav Hašek geschaffene literarische Figur durch ihren spitzbübischen Humor beim Leser beliebt macht, war der LASK-Trainer ob seiner Schroffheit gefürchtet. Gemeinsam ist den beiden aber die Chuzpe, die Frechheit alles – mag es auch über die Maßen unverschämt sein – zu versuchen, um vorwärts zu kommen. Diese „Verwandtschaft“ zwischen der fiktiven Person des „Schwejk“ und Bufka ist nicht vollkommen haltlos. Für den Schriftsteller Friedrich Torberg ist die Hauptperson der Antikriegssatire „Der brave Soldat Schwejk“ natürlicher Bestandteil der tschechischen Lebensart, Versinnbildlichung ihres Volkscharakters. Eine Figur, die „die Monarchie und die Erste Republik, ebenso wie den klirrenden Frost, der dem Prager Frühling nachkam, überstanden hat“ und schemenhaft auch in Bufka weiterlebte. Nur wo der von Fritz Muliar oder Heinz Rühmann im Film verkörperte Offiziersdiener sein verschmitztes Wesen zeigt, damit sich alle Fähnchen nach seinem Wind drehen, war bei Bufka – ähnlich wie bei seinem Landsmann Karel Brückner – bei der Beschreitung ihres Weges stets nur bittere Ernsthaftigkeit zu spüren. Mangelhafte Sensibilität im Umgang mit der Mannschaft wurde ihnen übel genommen.

Ein Meisterteller kann aber nicht lügen. Bufka und Simko schindeten ihre Kicker für den Erfolg und dieser gelang ihnen letztendlich auch. Der gebürtige Mähre hatte die Linzer zur ersten Meisterschaft geführt und wurde dafür Jahrzehnte später zum LASK-Jahrhunderttrainer gewählt. Die eigentliche Anekdote um die Person des streitbaren Tschechen spielt aber rund 500 Kilometer von Linz entfernt im Schwabenlande, beim alt-ehrwürdigen VfB Stuttgart zu dem Bufka nach seinem Oberösterreich-Engagement wechselte. In aller Euphorie hatten die Süddeutschen nicht bedacht, dass der Meistertrainer über keine deutsche Trainerlizenz verfügte. Die Klubleitung war gezwungen, ihren Chefcoach mitten in der laufenden Meisterschaft auf die Sporthochschule Köln zu schicken – voller Hoffnung, dass diese reine Formalangelegenheit bald erledigt sei. Für František Bufka hieß es jedoch nach dem Examen – Setzen, nicht genügend!

Keine seiner zehn Flanken hatte das Tor getroffen, bei der Theorieprüfung waren seine Antworten als „zu allgemein“ zurückgewiesen worden. Vielleicht wollte oder konnte ihn die Prüfungskommission aber nur nicht verstehen – „Ich nix deitsch“.

Dabei wurde Bufka nur zum tragischen „Bauernopfer“ einiger neidischen Inländer, die deutsche Cheftrainerposten lieber an Heimische vergeben wollten und somit „Nostrifikation-Prüfungen“ für Fußballlehrer aus Rest-Europa forderten. Für Bufka saß dann VfB-Geschäftsführer Franz Seybold in der Saison 1969/1970 auf der Bank. Der „beese“ „Schwejk“ konnte spazieren gehen. Wie sagt sein „Namensvetter“: „Wenn‘s auch war, wie‘s halt war, irgendwie war‘s, denn noch nie war‘s, dass es nicht irgendwie war.“

Marie Samstag, abseits.at

Marie Samstag

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