Die Nachspielzeit des Verfolgerduells zwischen Red Bull Salzburg und Rapid Wien verlief zerfahren und wurde nach 4:35 Minuten beendet. Und das zu einem Zeitpunkt... 71 Sekunden tatsächliche Nachspielzeit: Das fehlende Fingerspitzengefühl des Markus Hameter


Pfeife Schiedsrichter RDie Nachspielzeit des Verfolgerduells zwischen Red Bull Salzburg und Rapid Wien verlief zerfahren und wurde nach 4:35 Minuten beendet. Und das zu einem Zeitpunkt als Rapid im Begriff war einen vielversprechenden Konter zu starten. Der Ärger von Peter Schöttel und seinen Spielern war nach dem Abpfiff groß – zu Recht?

Vorweg ein grundsätzlicher Blick ins Regelwerk: Der Schiedsrichter legt zum Ende der 90.Minute die Nachspielzeit fest, die sich aus einigen Faktoren, wie etwa Verletzungen oder Zeitspiel, zusammensetzt. Die angezeigte Nachspielzeit ist keine absolute Zeit, sondern eine Mindestnachspielzeit. Im FIFA-Regelwerk ist dies wie folgt ausgewiesen: „Diese Anzeige ist keine exakte Angabe der nachzuspielenden Zeit. Der Schiedsrichter kann die Nachspielzeit bei Bedarf verlängern, nicht aber kürzen.“

Hameter pfeift Burgstaller und Sabitzer zurück

Sekunden bevor der 32-jährige Schiedsrichter Markus Hameter das Spiel beendete, erkämpfte sich Guido Burgstaller nach einem Missverständnis im Salzburger Team im Mittelfeld den Ball und bewegte sich in Richtung Salzburg-Tor. Vor ihm: Ein letzter Gegenspieler auf Höhe der Mittellinie und sein Mitspieler Marcel Sabitzer – aufgrund dessen, dass Sabitzer aus der eigenen Hälfte startete (und sich bereits im Lauf befand), wäre eine Abseitsfalle obsolet gewesen. Es wäre die mit Abstand größte Konterchance Rapids im gesamten Spiel entstanden, doch Hameter beendete das Spiel als die Matchuhr 94 Minuten und 35 Sekunden anzeigte. Zuvor hatte er vier Minuten (Mindest)Nachspielzeit angezeigt.

Kein Fehler im eigentlichen Sinn

Der Schiedsrichter machte natürlich grundsätzlich keinen Fehler und es gibt weltweit zahlreiche Präzedenzfälle, in denen ein Spiel – zumindest für den Geschmack der einen Partei – zu früh abgepfiffen wurde. Wenn der Schiedsrichter vier Minuten dranhängt, darf er Punkt 94:00 Feierabend machen. Woche für Woche kommt es vor, dass ein Eckball, Freistoß oder Gegenangriff aufgrund der strengen Regelexekution des Unparteiischen nicht mehr ausgeführt werden darf.

Spontane Verlängerung der Nachspielzeit üblich

Noch häufiger als einen „verfrühten“ Abpfiff sieht man jedoch Verlängerungen der Nachspielzeit, weil in den hitzigen letzten Sekunden und Minuten noch einige Dinge passieren, die eine weitere Aufstockung der Spielzeit in den Rahmen des Möglichen bzw. Vernünftigen schieben. Einige Schiedsrichter beug(t)en dem mit einer grundsätzlich langen Nachspielzeit vor, so etwa Fritz Stuchlik, dessen sechs- bis achtminütige Nachspielzeit auf Dauer zum Markenzeichen wurde. Andere verlängern die Nachspielzeit, so sich dies aufgrund von weiteren Unterbrechungen rechtfertigen lässt, so lange bis konkrete Angriffe zu Ende gespielt oder erstickt wurden.

Die Ereignisse von 90:00 bis 94:35

Selten zuvor wäre diese Vorgehensweise angebrachter gewesen als gestern, was ein genauer Blick auf die Nachspielzeit verdeutlicht. Die Abfolge der Ereignisse: Foul und gelbe Karte für Terrence Boyd – nach Dibons Freistoß-Ausrutscher erzielt Sabitzer das 3:3 – die Auflage wird wiederholt, weil sich einige Spieler zu früh in die gegnerische Hälfte bewegen – nach einigen Sekunden Spiel foult Hofmann Klein und sieht Gelb – Hofmann wird ausgewechselt und durch Heikkinen ersetzt – der Freistoß, der aus Hofmanns Foul resultierte, wird ausgeführt – der Ball bleibt in der Ein-Mann-Mauer hängen – Schlusspfiff.

71 Sekunden Nettonachspielzeit

All dies passierte in exakt 4 Minuten und 35 Sekunden. Die Nachspielzeit dauerte also 275 Sekunden. Die Zeit, in der der Ball freigegeben bzw. im Spiel war, betrug dabei gerade mal 71 Sekunden. Die Nettonachspielzeit war also nur eine Minute und elf Sekunden lang. Die Rede ist hier von einem Spiel, in dessen regulärer Spielzeit der zweiten Halbzeit dreimal gewechselt wurde, vier Tore fielen (davon eines aus einem Elfmeter) und zudem zweimal Gelb und einmal Rot gezückt wurden – und richtig heftig wurde es erst nach Ende der regulären Spielzeit. Angesichts dessen, dass praktisch die gesamte Nachspielzeit auf Torjubel, Spielerbehandlungen, Karteneintragungen und Spielerwechsel  draufging, war das abrupte Matchende nach 94:35 Minuten mehr als fragwürdig.

Rapid in Unterzahl jammert, Salzburg über „verfrühten“ Abpfiff glücklich

Das Kuriose: Am Ende beschwerte sich Rapid, das direkt und indirekt für die meisten Verzögerungen im Rahmen dieser Nachspielzeit verantwortlich war. Wäre das Spiel nicht im Zuge einer erstklassigen Kontermöglichkeit für Rapid abgepfiffen worden, hätte die in Überzahl befindlichen Salzburger weitaus mehr Anlass zur Beschwerde gehabt. So oder so bewies Schiedsrichter Hameter bei der Wahl des Abpfiffzeitpunktes kein Fingerspitzengefühl, auch weil der Salzburger Freistoß nach Beendigung der angezeigten vier Minuten Nachspielzeit noch ausgeführt, der bereits laufende Rapid-Konter jedoch nicht mehr zugelassen wurde.

Keine Contra-Rapid-Entscheidung, sondern Überforderung

Eine letzte These muss jedoch noch entkräftet werden: „Hameter pfiff das Spiel während eines Rapid-Angriffs ab, um die Fouls und Hofmanns langsame Auswechslung nicht auch noch zu belohnen“. Im Regelwerk ist natürlich nirgendwo verankert, dass in einem solchen Zweifelsfall das zuvor verzögernde Team zu benachteiligen ist. Hameters fehlendes Gefühl für die Ereignisse in der Nachspielzeit war also sicher keine Retourkutsche an überharte bzw. übermotivierte Rapid-Spieler, sondern ein Zeugnis seiner allgemeinen Überforderung, als es in der Schlussphase doch noch einmal ruppig, hitzig und vor allem spannend wurde. Unterm Strich steht ein 3:3 zwischen Red Bull Salzburg und dem SK Rapid Wien – in einer Partie, in der sich zwei tolle Mannschaften einen großen Kampf lieferten und damit jeden neutralen Beobachter verzückten. Praktisch gesehen bringt das Remis jedoch keinem der beiden Teams etwas…

Daniel Mandl, abseits.at

Daniel Mandl Chefredakteur

Gründer von abseits.at und austriansoccerboard.at | Geboren 1984 in Wien | Liebt Fußball seit dem Kindesalter, lernte schon als "Gschropp" sämtliche Kicker und ihre Statistiken auswendig | Steht auf ausgefallene Reisen und lernt in seiner Freizeit neue Sprachen

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