Die Bundesligasaison 2010/2011 war eine, in der die Großklubs der Liga – allen voran Salzburg – regelmäßig ausschütteten. Sturm Graz profitierte letztendlich von den... Anekdote zum Sonntag (101) –  Meisterteller – verzweifelt gesucht!

Die Bundesligasaison 2010/2011 war eine, in der die Großklubs der Liga – allen voran Salzburg – regelmäßig ausschütteten. Sturm Graz profitierte letztendlich von den Ausrutschern der Mozartstädter sowie vom „schwarzen April“ der Austria und Rapids zahlreichen Nullnummern (inklusive dem Skandalderby im Mai) und wurde als lachender Vierter im Bunde Meister. Für die Schwoazen kam der Gewinn des Tellers einer Riesensache gleich: Tormann Gratzei, der als bester Torhüter der Saison wesentlichen Anteil am Titel hatte, spielte im Interview kurz nach dem entscheidenden Sieg über Innsbruck auf den Konkurs des Grazer Traditionsklubs an: „…was der Verein durchgemacht hat. Der Titel kommt einer Sensation gleich.“

Das Stadion war außer Rand und Band: Unter den Klängen des STS-Klassikers „Steiermark“ feierten die Spieler mit Meisterbier auf dem Rasen. Als Coach Foda das obligatorische Interview gab, zerrten ihn einige Spieler unter der Führung von Oldie Mario Haas von den laufenden ORF-Kameras weg, um ihm eine Glatze zu scheren: Anlässlich des Cupsieges (im Jahr davor) hatten sie dem gebürtigen Deutschen das Versprechen abgerungen, im Falle einer Meisterschaft sein Haupthaar entfernen zu dürfen. Spitzbua Haas hielt grinsend den mehr schlecht als recht funktionierenden Rasierapparat hoch und die Meisterkicker machten sich eher dilettantisch ans Werk. Richtig kahl wurde Fodas Schädel allerdings nicht: Seine Frisur erinnerte nach der Prozedur mehr an ein zerrupftes Vogelnest als an einen Kahlkopf.

Nach der wilden Party mit den Fans machten die Sturmspieler anschließend die Grazer Innenstadt unsicher. Foda selbst gab am nächsten Morgen zu Protokoll, dass seine Ehefrau seine neue Frisur noch gar nicht gesehen habe. Der Grund: Der Trainer feierte die Nacht mit seinen Jungs durch. Kaum einer der Blackies landete in seinem Bett. Dennoch war für diesen Tag eine offizielle Party in der Landeshauptstadt angesetzt. Die Mannschaft sollte in einem offenen Bus bis zum Grazer Hauptplatz fahren, wo eine Bühne vorbereitet war. Für diesen Auftritt hatte man sich spontan Lederhosen am Landestheater organisiert: Christian Gratzei rief verkatert im Büro des Theaterfundus an und fragte, ob es denn möglich sei den Meisterkickern kurzweg schicke Beinbekleidung zwecks einheitlichem Erscheinungsbild zu leihen. Nach dem Motto „Steirermen san very good“ ließ man sich noch schlichte weiße Hemden dazugeben. Die Sache mit den Krachledernen gestaltete sich jedoch kniffliger als zunächst angenommen: Ja, das Theater verfügte zwar über reichlich gegerbte Lederhosen in allen möglichen Farben, allein fast alle waren nur in XXL- oder sogar XXXL-Größen zu haben. Na bumm, jetzt mussten die trainierten Sportler sehen, wie sie in die Riesen-Röhren hineinpassen sollten. Mario Haas hatte wieder einen grandiosen Vorschlag: Er drehte die Hosenträger am Rücken so zusammen, dass es zwar im Schritt unangenehm zwickte, die Kniebundhose aber in der Taille hielt. Andere Spieler wickelten sich die Hosenträger gar um Hals oder Bauch, wieder andere entfernte die lästigen Halterungen und hielten das Trachtengewand mit dem persönlichen Gucci-Gürtel auf Hüfthöhe.

Als endlich alle Spieler mit dem Umziehen fertig waren, bestieg man den Bus zur lustigen Fahrt. Nach wenigen Kilometern merkten die Steirer jedoch, dass etwas Essentielles fehlte: Der Meisterteller war verschwunden! Die ganze Nacht lang waren die Spieler mit der begehrten Trophäe durch Lokale gezogen. Unzählige Leute hatten den Teller in der Hand gehabt. Niemand wusste mehr mit Sicherheit, wer das Prunkstück als Letzter gesehen hatte. Gratzei erbarmte sich, bestieg mit einem Sturm-Funktionär das nächste Taxi und klapperte in Windeseile jedes Lokal der nächtlichen Beisltour ab: „Grüß Gott, hätten Sie vielleicht unseren Meisterteller gesehen?“, musste er mindestens ein Dutzend Mal die Lokalbesitzern fragen. Die ungewöhnliche Frage wurde meist mit einem Schulterzucken quittiert. Die Schale blieb unauffindbar. Der Leobener hatte nur noch eine letzte Idee: Im Theaterfundus könnte sie abgeblieben sein. Dort angekommen, wühlte er sich erneut durch den Berg Riesen-Lederhosen und tatsächlich: Der Meisterteller hatte sich in einer XXL-Buxe versteckt. Goalie Gratzei atmete auf, die Feier war gerettet. Sogar der Taxifahrer – ein Sturm-Anhänger – war über den Fund im Fundus so erfreut, dass er Gratzei und dem Funktionär die Fuhre spendierte. War es doch eine Ehre mit einem Meisterkicker auf strenggeheimer Mission unterwegs gewesen zu sein: Meisterteller, wo bist du?!

Marie Samstag, abseits.at

Marie Samstag

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