Während in den österreichischen Stadien gähnende Leere herrscht, bereiten sich die Mannschaften bereits eifrig und ambitioniert auf den Ligastart in knapp drei Wochen vor.... Die bisherigen Erkenntnisse der Wintervorbereitung des FK Austria Wien

Während in den österreichischen Stadien gähnende Leere herrscht, bereiten sich die Mannschaften bereits eifrig und ambitioniert auf den Ligastart in knapp drei Wochen vor. So auch die Wiener Austria, die aktuell so wie ein Großteil der Liga im türkischen Belek auf Trainingslager weilt und sich für den Pflichtspielstart im Cup-Viertelfinale in zwei Wochen gegen den GAK den letzten Feinschliff holt. Dabei gibt es gerade bei der Austria nach dem durchwachsenen Herbst viel zu tun und muss vom Trainerteam an einigen Stellschrauben gedreht werden, damit man den eigenen Ansprüchen gerecht und die gesteckten Saisonziele auch erreichen kann. Daher blicken wir nun auch auf den Verlauf der Wintervorbereitung und fassen die bisherigen Erkenntnisse zusammen, nachdem ein Großteil der Testspiele absolviert wurde.

 „Neues“ Grundsystem wird einstudiert

Im Herbst gab es bei der Austria in der Frage der Grundformation noch viele verschiedene Gesichter zu sehen. Vom Anfangs präferierten 4-Raute-2 System, bis hin zur Fünferkette und dem gegen Ende hin bevorzugten 4-3-3, gab es bei den Veilchen viele verschiedene Formationen zu sehen. Den Höhepunkt dieser ganzen Thematik gab es dann beim historischen Derbysieg zu sehen, als man gleich drei Mal (!) im Spiel das System wechselte und von dieser Variabilität quasi Gebrauch machte. Doch diese ganze Flexibilität war speziell in der Offensive ein zweischneidiges Schwert, weshalb auch Trainer Thomas Letsch gegen Ende hin erkannte, dass es für die Automatismen förderlicher wäre, eine gewisse Kontinuität in die Mannschaft zu bringen. Daher war man nun auch gespannt,  welche Grundordnung die Austria in der Wintervorbereitung forcieren würde und mit welcher Formation man gedenkt in die Frühjahrssaison zu gehen.

Überraschenderweise war die Antwort auf die Frage weder die „Raute“, noch das 4-3-3, sondern eine klare 4-4-2 Grundformation. Spannend dabei ist allerdings, dass man dieses Struktur relativ flexibel interpretiert und immer wieder die Positionen unterschiedlich besetzt. So gab es durchaus ausgehend von der  4-4-2 Grundordnung, auch eine 4-1-3-2 oder eine 4-2-2-2 Staffelung zu sehen, je nachdem auf welche Zonen man gedachte den Fokus im Positionsspiel zu legen. Spannend ist dabei vor allem die Rollenverteilung in der Offensive. Während man im Mittelfeldzentrum bislang mit einem Sechser/Achter-Pärchen eine klare Rollenverteilung hat, sieht die Sache bei den vier Offensivspieler wesentlich flexibler aus. Nominell bilden in den letzten Testspielen Max Sax und Dominik Prokop die Flügelzange, während Edomwonyi und Ewandro das Sturmzentrum besetzten. Dabei agierten die vier Offensivspieler sehr variabel und wechseln sich speziell bei der Raumbesetzung in den zentralen Regionen immer wieder ab, allerdings mit noch spezifischeren individuellen Schwerpunkten. Während etwa Prokop stärker in Richtung Zentrum tendiert und vermehrt einrückt, da er ja kein klassischer Flügelspieler ist,  gibt gleichzeitig Sax konstanter Breite im Spiel und steht weiter draußen auf dem Flügel, zieht jedoch situativ ebenfalls immer wieder in die Mitte. Dabei wechseln sie sich auch mit den beiden Stürmern ab, die sich nicht nur gerne Zurückfallen lassen und die Halbräume besetzen, sondern ab und zu auch auf den Flügel ausweichen und dabei Räume hinter den Außenverteidigern suchen.

Grundsätzlich ist dies auch kein schlechten Ansatz, denn gerade wenn man mit dieser genannten personellen Besetzung aufläuft, erlauben es die jeweiligen Spielertypen viele Positionswechsel vorzunehmen und die Räume unterschiedlich zu besetzen, was dem Offensivspiel doch eine gewisse Flexibilität gibt. Daher wird es auch interessant zu sehen sein, wie man mit dem neuen Ansatz in die Saison startet und ob es die Spieler auch konstant und erfolgsstabil umsetzen können.

Leitendes Pressing und Fokus auf Spielaufbau unter Druck

Interessant waren zugleich aber auch die strategischen Ansätze, die man in den bisherigen Vorbereitungsspielen wählte. So gab es in der Arbeit gegen den Ball meist ein zunächst abwartendes Mittelfeldpressing zu sehen, in dem man versuchte, den Gegner in eine gewisse Richtung zu leiten und in ausgewählten Zonen dann aggressiv anzulaufen und unter Druck zu setzen. In der Hinsicht also keine großartige Veränderung und eher eine Bestätigung des bisherigen Ansatzes, nur situativ den Gegner aggressiv und energisch früh in der gegnerischen Hälfte zu attackieren.

Ebenfalls interessant war aber auch der klare Fokus, den eigenen Spielaufbau zu forcieren und besser zur Entfaltung zu bringen. Dabei wurde auch sichtlich ein Hauptaugenmerk darauf gelegt, Lösungen gegen einen früh anpressenden Gegner zu finden und ein mögliches Angriffspressing zu umspielen. So gab es in bislang jedem Testspiel gute Szenen zu sehen, wo es gelang, unter Druck von hinten herauszuspielen und sauber nach vorne zu kommen. Das liegt vor allem daran, dass die Positionierung der Spieler sauberer ist, man entsprechend die Formation auffächert und maximale Breite gibt, aber auch die beiden zentralen Mittelfeldspieler situativ nach hinten kippen und damit Gegner herausziehen, um Platz im Zentrum  für die Offensivspieler zu schaffen. Die Abläufe scheinen also optimiert worden zu sein und es wurde in diesem Bereich scheinbar viel mit den Spielern gearbeitet. Ob diese Entwicklung nur ein Strohfeuer oder doch Nachhaltig ist, wird sich in den ersten Pflichtspielen zeigen, speziell beim schwierigen Auswärtsspiel gegen die „Pressing-Maschine“ LASK.

Lazarett lichtet sich

Erfreulich ist in der bisherigen Vorbereitung vor allem die Tatsache, dass beinahe der gesamte Kader wieder zur Verfügung steht und in den Trainingsprozess integriert wurde. Linksverteidiger Christoph Martschinko meldet sich nach seinem Kreuzbandriss und einer langen Pause wieder zurück und scheint wieder ganz der Alte zu sein, Kapitän Alex Grünwald feierte ebenfalls wieder sein Comeback und trainiert bereits eifrig mit der Mannschaft mit, genauso wie wohl das größte Talent der Austria Alexandar Borkovic, der seine Oberschenkelprobleme scheinbar endlich überwunden hat und bislang ohne Probleme die Vorbereitung absolvieren konnte. Auch Petar Gluhakovic kämpft sich Schritt für Schritt zurück und ist wieder im Mannschaftstraining, genauso wie Christoph Monschein, der nach einer unglücklichen Knieverletzung bereits wieder ins Training eingestiegen ist und damit wesentlich früher, als man es im Vorfeld prognostizierte. Einziges Sorgenkind war Dauerbrenner Thomas Ebner, der aufgrund von Leistenproblemen außer Gefecht gesetzt wurde und frühzeitig wieder nach Wien abreisen musste, wo es jedoch glücklicherweise nach einer MRT-Untersuchung Entwarnung gab und keine schwerwiegendere Verletzung vorliegt. Somit konnte man das Trainingsprogramm mit einem Großteil der Mannschaft durchziehen, was ein wichtiger Faktor sein kann.

Überraschungen in der Startelf?

Eine Vorbereitung bietet natürlich gerade für viele Kaderspieler aus der zweiten Reihe auch die Chance, sich aufzudrängen und durch gute Leistungen die etablierten Akteure zu verdrängen und sich einen Stammplatz zu ergattern. Viele Überraschungen und offene Fragen wird es jedoch höchstwahrscheinlich nicht geben, da die meisten Positionen wohl besetzt sind. Einen offenen Kampf gibt es noch um die Position im Abwehrzentrum neben Abwehrchef Madl, wo scheinbar Igor die Nase vor Borkovic haben dürfte, genauso auf der Position des Linksverteidigers, wo sich der wiedergenesene Martschinko und der Chilene Cuevas ein Kopf an Kopf Rennen liefern und noch keine Entscheidung gefallen sein dürfte. In der Offensive konnte sich Dominik Prokop auf dem linken Flügel in die Mannschaft arbeiten und zeigte sich bislang auch in einigen Bereichen verbessert, jedoch klopft Manprit Sarkaria, ein Leistungsträger bei den Young Violets, heftig an der Tür zur Mannschaft und kann bislang durchaus als Gewinner der Vorbereitung gesehen werden, nachdem er in den Testspielen durchwegs starke Leistungen ablieferte und einige Scorerpunkte sammelte. Jedenfalls dürfte Sarkaria auch ein Gewinner der Systemumstellung sein und er könnte im Frühjahr eine noch größere Rolle in der Kampfmannschaft spielen, da mit Lucas Venuto auch ein direkter Konkurrent abgegeben wurde.

Darüber hinaus gibt es noch die Frage, wer sich im Sturmzentrum neben Edomwonyi einen Platz ergattern kann. Es kann aber natürlich auch sein, dass diese vakante Position je nach Gegner und den Anforderungen besetzt wird und nicht klar vergeben wird, da man ja mit Ewandro, Monschein und Turgeman drei jeweils unterschiedliche Spielertypen zur Verfügung hat. Eine große Unbekannte gibt es allerdings darüber hinaus noch, nämlich was mit Kapitän Grünwald passiert. Seine bevorzugte „Zehner-Position“ gibt es in dem zuletzt gespielten 4-4-2 nämlich nicht und man müsste sich etwas einfallen lassen, wie man den Spielmacher wieder in die Mannschaft einbaut. Gut möglich ist es allerdings, dass man sobald Grünwald wieder fit ist auf eine andere Grundordnung vertraut, denn Trainer Thomas Letsch kündigte an, sich auf zwei Systeme festzulegen und diese in der Vorbereitung einstudieren zu wollen. Jedenfalls hat der Austria-Trainer dank der Lichtung des Lazaretts die Qual der Wahl und kann aus dem Vollen schöpfen, was dem Deutschen alle Möglichkeiten gibt ein gutes Team auf das Feld zu schicken.  Bis auf die Flügelposition, wo ein zusätzlicher Spieler nicht schaden würde, ist die Mannschaft ausgewogen besetzt und hat genügend Qualität, um die Saisonziele zu erreichen und ein ansehnliches Spiel abzuliefern. Daran wird Thomas Letsch letztlich auch gemessen werden und man wird sehen, ob er den Turnaround endgültig schafft und die Mannschaft in die richtige Richtung lenken kann.

Dalibor Babic, abseits.at

Dalibor Babic

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