Sturm steht vor einer wegweisenden Saison. Der Absturz ins Mittelmaß und der Fan-Streit liegen hinter den Schwarz-Weißen. Der Status Quo lautet: umgebaute Mannschaft, neuer... Ein bisschen Frieden: Kann der SK Sturm die Fans zurückgewinnen?

_Sturm Graz FanchoreographieSturm steht vor einer wegweisenden Saison. Der Absturz ins Mittelmaß und der Fan-Streit liegen hinter den Schwarz-Weißen. Der Status Quo lautet: umgebaute Mannschaft, neuer Geschäftsführer, realitätsbezogene Bescheidenheit. Und: Druck. Denn Zeit, die ein erfolgreicher Kaderumbruch erfordert, hat man kaum. „Liefert“ Sturm jedoch wird einkehren was der Verein nach der turbulenten Vergangenheit am meisten braucht. Ruhe.

Ein bisschen Frieden, ein bisschen Freude…“ Der Refrain des Song-Contest-Klassikers von Nicole passt gut auf die heurige Saisonaussicht des SK Sturm. Die letzte Saison war von permanenter Unruhe gezeichnet, angefangen bei schwachen Leistungen über Personaldiskussionen bis hin zum Gipfel, der als Zerwürfnis mit den Fanclubs über Sturm hereinbrach. 2015/16 verlief durchschnittlich wie es durchschnittlicher nicht ging – 12 Siege, 12 Remis, 12 Pleiten. Tabellenrang 5 – viel zu wenig für die Ansprüche in Graz.

Abseits des sportlich unerfreulichen Abschneidens sorgten der angesprochene Streit mit den organisierten Fanclubs der Nordkurve für Missstimmung, die so weit ging, dass auch die Mannschaft selbst sich von der Kurve abwandte und sich für einige Zeit beide Seiten – dazwischen der für aus Fan-Sicht zum nötigen Strukturwandel als unwillig kritisierte Vorstand und Trainer – in Trotzhaltung gegenüberstanden. Stimmungsboykott. Stillstand. Sportlich ging nichts mehr. Personell sorgte schließlich die Bestellung von Günter Kreissl als „Geschäftsführer Sport“ (Generalmanager Gerhard Goldbrich übernahm die wirtschaftlichen Agenden) für frischen Wind. Der vormalige Wiener-Neustadt-Chef wurde in Graz gut aufgenommen, egal ob in der Geschäftsstelle, bei der Mannschaft – oder eben den Fans. Die Personalie Kreissl ist es auch, die die Weichen über die Sommerpause und zum Teil bereits zuvor, innerhalb des Vereins neu stellte.

Kreissl räumt auf

Grundsätzlich betrifft dies natürlich die Mannschaft der Schwarz-Weißen. Kreissl räumte auf. Mit Vollgas. Klem, Offenbacher und Rosenberger landeten beim WAC, die Verträge mit Kayhan, Kamavuaka, Schick und Avlonitis wurden ebenso nicht verlängert, was zum Teil an unterschiedlichen Gehaltsvorstellungen, aber auch an sportlichen Ansprüchen lag. Der Abgang von Tormann Esser nach Darmstadt schmerzte am heftigsten, hinzu kam das endgültige Leih-Ende von Donis Avdijaj. Für Keeper Esser kam der letzte Neuzugang Lück aus Cottbus an die Mur. Die Neuerwerbungen zuvor sorgten für positives Aufsehen. War man sich in Graz in den letzten Jahren nicht selten unklar wie dieser oder jener Neue helfen soll ist das vor dieser Saison anders.

Die Verpflichtungen von Christian Schulz aus Hannover und Stefan Hierländer aus der Red-Bull-Filiale in Leipzig gelten als „Königstransfers“ Kreissls. Koch, Huspek, Schmerböck sollen dem Kader mehr als nur Breite verleihen, im Sturm hofft man, dass Deni Alar nach schwierigen Zeiten in Hütteldorf nun in Liebenau der Knopf aufgeht. Wird nötig sein: Edomwonyi, Kienast und Co. zeichneten sich als Torjäger in den letzten Monaten nicht aus. Uros Matic ist wiederum jener Mann der im Mittelfeld die Fäden ziehen und nach hinten absichern soll. Mit ihm hofft man einen neuen Regisseur gefunden zu haben. Im Test gegen Celtic ließ er bereits Klasse aufblitzen. Die Jungen – auch sie sind bei Sturm stets Thema wenn die Fangruppen Trainer Foda für zu wenig Berücksichtigung  der Jungen kritisieren – um Skrivanek, Maresic und Schmid sollen ebenso früh Verantwortung übernehmen und zeigten die Kompetenz hierzu bereits in den Testspielen. Was auffiel: das Vorgehen von Günter Kreissl in Sachen Transferabwicklung zeichnete sich durch absolute Seriosität in Sachen Stillschweigen aus. Das zeigte sich bei Christian Schulz. Den Dreh- und Angelpunkt von Hannover 96 nach dem Abstieg des Vereins nach Graz zu holen, ohne, dass irgendwer aus dem Presse- oder „Informanten“-Bereich Wind davon bekam zeugt von Verhandlungsgeschick.

Keine Zeit

Mit dem aktuellen Spielermaterial arbeiten muss jedoch in erster Linie Trainer Franco Foda. Der Deutsche hat nach wie vor jede Menge Kritiker unter den Fans – sowohl bei den ultra-orientierten als auch den „Normalos“. Er steht vor einer schwierigen Saison: die Neuen mussten rasch integriert werden, das Spiel-System wird offensiver anzulegen sein, will man die schwache Torausbeute der letzten Saison vergessen machen (was jedoch auch an mangelnder Chancenverwertung lag).

Fodas wohl größte zu meisternde Hürde: er hat kaum Zeit. Mit Geduld von Seiten des Umfelds sollte er heuer nicht rechnen. Viele Anhänger sind wie gesagt noch immer erbost über die Leistungen der letzten Saison, auch Fodas teilweise kurios anmutenden Erklärungen für enttäuschende Resultate trugen ihres dazu bei. Gefordert wird ein Europacup-Startplatz. Punkt. Dass sich die Verantwortlichen letztes Spieljahr mit Aussagen wie „Europacup ist Sturms Anspruch“ klar positionierten, erwies sich als Bumerang der auch jetzt wieder eine Runde drehen könnte. Denn, und auch das wird problematisch, die Konkurrenz schläft nicht: Salzburg und die Wiener Clubs strauchelten 2015/16 regelmäßig – selten war die Chance größer dies auszunutzen. Und obwohl bekanntlich vor einer neuen Saison niemand weiß wo er steht muss in Graz davon ausgegangen werden dass sich die drei genannten Top-Teams entsprechend verstärkt haben, um Schwächeperioden wie zuletzt vorzubeugen. Mit anderen Worten: Sturm wird heuer keine Zeit haben in die Saison zu finden – Integration der Neuen, vielleicht neues Spielsystem hin oder her!

Leistet man sich ein Tief droht die Gefahr dass Salzburg, Rapid und Austria enteilen. Und ein teils unübersehbarer Leistungsunterschied wie bei den letzten Duellen gegen die „Großen“ darf kommende Saison nicht eintreten. Diese Vorzeichen sind nicht neu. Angesichts des x-ten Neustarts Sturms ist der Druck „zu liefern“ jetzt jedoch wahrlich enorm.

Grund Angst zu schüren besteht in Graz trotzdem nicht. Nicht nur weil dies kontraproduktiv ist und niemandem hilft. Von Managementseite her geht man realistisch in die neue Spielzeit, große Töne alla Europacup-Vorsatz spuckte niemand, „ich freue mich auf die neue Saison“ hörte man nicht nur von Trainer Foda. Man nimmt es ihm ab. Wer zuletzt das Sturm-Training beobachtete konnte sich ein Bild machen. Wer bei Übungen nachließ erntet umgehend entsprechende Kritik.

Hoffnungsfroh statt euphorisch

In Graz ist man sich dessen bewusst, dass die kommende Saison eine richtungsweisende ist wie selten eine zuvor. Hop oder Drop. Die Ausgangslage ist klar: der Kader wurde „ausgemistet“ und punktiert verstärkt, Günter Kreissl ist als „grader Michl“ bekannt und geschätzt, der bei nicht erbrachter Leistung durchgreifen wird, und unter den Fans herrscht eine komische Stimmung. Vorfreunde merkt man nicht wirklich (der Abo-Verkauf ging bei aktuellem Zwischenstand zurück), es gilt das Motto der Mannschaft eine „faire Chance zu geben“. Besser formuliert: Sturm muss die Fans zurückgewinnen.

All dem zuträglich ist ein positiver Start. Denn nur dann wird rund um Sturm auch jener eingangs angesprochene Frieden einkehren können den die Mannschaft braucht um entsprechende Leistungen abrufen zu können. Und die „Abwesenheit von Angst“, wie einst Deutschlands Ex-Kanzler Helmut Schmidt philosophierte.  Stattdessen: Euphorie. Kreissl sagt: „Die Saison ist für mich dann eine erfolgreiche wenn – ergebnisunabhängig – rund um diesen Verein wieder Euphorie herrscht. Begeisterung entfacht wird, der Funke vom Feld auf die Ränge überspringt.“

Es ist Sturm zuzutrauen Salzburg und die Wiener mehr als nur zu ärgern. Der Europacup wird zwar nicht explizit als Ziel genannt – und ist es doch. Angesichts der Größe des Vereins zu Recht. Entsteht die noch ausbleibende Euphorie ist mit dem (trotz stets kritischer Haltung ungemein treuen) Grazer Publikum speziell der „Nord,“ mit der sich Vorstands- und Mannschaftsvertreter aussprachen, viel zu erreichen. Die Hoffnung lebt in Graz. Und dann lässt dich die Klammer mit dem Liedtext von Nicole wunderbar schließen:…“ein bisschen Frieden, ein bisschen träumen.“

Philipp Braunegger, abseits.at

Philipp Braunegger

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