Sehr viele Österreicher kritisieren den aktuellen Fußball. Ob Nationalmannschaft, Klubfußball oder einzelne Spieler – bis auf wenige Ausnahmen bleibt niemand verschont. Doch viel schlimmer... Die Seele des österreichischen Fußballs (Teil 1) – Einst war der Donaufußball und das Scheiberlspiel

Sehr viele Österreicher kritisieren den aktuellen Fußball. Ob Nationalmannschaft, Klubfußball oder einzelne Spieler – bis auf wenige Ausnahmen bleibt niemand verschont. Doch viel schlimmer als diese teilweise überharten Kritiken ist die sich langsam einstellende Gleichgültigkeit gegenüber dem österreichischen Fußball im Allgemeinen. Was ist aus der einstmals stolzen Fußballnation geworden, jenem Staat, welcher in ganz Europa für das schöne Spiel stand? Welcher früher mit Prohaska, Krankl und Co. große Spieler in den Top-Ligen Europas sein Eigen nennen durfte? Und wieso?

Donaufußball, Scheiberlspiel, Schmieranskis und Wunderspieler

Nachdem der Fußballsport aufgrund einer wenig einflussreichen Turnergesellschaft und einem deutlich aristokratischeren Einfluss, auch durch jüdische Einzelpersonen, weniger Konkurrenz hatte, setzte er sich rasch in Österreich durch. Bereits 1921 wurde ein Stadion gebaut, welches 80000 Personen fassen konnte und nur drei Jahre später führte man den Professionalismus ein. Der Antrieb dieser Entwicklung war sicherlich Hugo Meisl, der als ehemaliger Spieler, Verbandskapitän, Schiedsrichter und als Mann von Welt bekannt war (er sprach acht Sprachen fließend).  Bald darauf übernahm er die Rolle des ÖFV-Generalsekretärs und sorgte für große Triumphe Österreichs, unter anderem 1930 bei einem damaligen Vorläufer der Europameisterschaft den Titel des Vize“europameisters“ und zwei Jahre später sogar den des europäischen Meisters.

Dazu gesellten sich unzählige Kantersiege in den frühen 30er-Jahren. Symbolisch für das Spiel der Mannschaft um Star Matthias Sindelar war ihr „Scheiberlspiel“, das Kurzpassspiel mit viel Bewegung und noch mehr Eleganz. Nicht selten kam es vor, dass man den Ball bis in den gegnerischen Sechzehner trug und sich abwendete, um das Ganze noch einmal zu wiederholen. Visionär Jimmy Hogan als Gesicht auf der Trainerbank und Mann für die Praxis wie auch Hugo Meisl propagierten zwar selbst das schöne Spiel, dennoch manchmal hatten sogar sie davon genug. Es war eines jener Spiele, in welchem sich das Wunderteam treu bleiben wollte, aber daran scheiterte. Eine hohe Niederlage auf schneebedecktem Boden sorgte 1929 für einen kurzen Bruch im Wunderteam, welches seine volle Stärke erst in den 30ern entfalten sollte. Eine provokante Äußerung Sindelars („Mia hättn no mehr scheiberln miasn“) entwickelte sich zu einem internen Kleinkrieg, welchen aber Mittelstürmer Sindelar zumindest laut Presse gewann – nach heftigen Medienprotesten gab Meisl auf und spielte eins zu eins mit der von den Zeitungen geforderten Mannschaft. Das „Schmieranski“-Team gewann gegen die hoch favorisierten Schotten mit 5:0, 1932 gegen Ungarn mit 8:2, wobei Sindelar an allen Toren der Schwarz-Weißen beteiligt war. In Wahrheit wusste Meisl immer genau über die Einzigartigkeit seines Mittelstürmers und gleichzeitigen Spielmachers Bescheid, sein Platz in der Nationalmannschaft war nie gefährdet, da er für alle erkennbar ebenso das schlampige Genie wie die Seele der Mannschaft war.

Nach dem Sieg auf britischem Boden folgte eine bis heute einmalige Siegesserie in der österreichischen Geschichte. Die einzige Niederlage in 15 Spielen gab es auswärts gegen England, wo man in einem Krimi nach einer furiosen Aufholjagd mit 3:4 unterlag. Zwölf Spiele konnte das Wunderteam für sich entscheiden, erzielte dabei 62 Tore und die Torhüter mussten nur 18mal hinter sich greifen.

Diese zwei kleinen Anekdoten zeigten, was uns Österreicher wirklich stark gemacht hat. Ein kompetenter und, wenn auch höchst ungern, Fehler eingestehender Funktionär, eine Mannschaft mit Talent, Typen und Glauben an die eigene Stärke sowie einer interessierten Gesellschaft und medialen Fachwelt, die das Team zwar an hohen Ansprüchen maß, aber in gleicher Weise die Stärke des Teams durch die oftmals sehr konstruktive Kritik bezeugte. Heute fehlt dieses Selbstbewusstsein – Unentschieden und glückliche Siege werden zu Triumphen hochstilisiert, Niederlagen sorgen nicht einmal für Erschütterung. Es ist nicht nur ein teilweise chaotischer Verband, welcher erst im Jahr 2011 eine von oben vorgegebene Philosophie für Gesamt-Fußballösterreich beschloss, sondern die gesamte Gesellschaft, welche ihren Glauben an das österreichische Team verloren hat. Einerseits liegt dies sicher auch daran, dass maximal nur noch vereinzelt solche talentierten Kicker besitzt, andererseits sind es die fehlenden greifbaren Triumphe jener großen Ära, die sie in Vergessenheit geraten ließ.

1934 war man bei der WM die spielerisch stärkste Mannschaft, schied aber am späteren Weltmeister Italien aus, wobei Diktator Mussolini und der schwedische Schiedsrichter angeblich stark nachgeholfen haben. Beim 0:1, dem Endstand im Halbfinale, sieht man deutlich, wie mehrere Spieler den österreichischen Torhüter zu Boden drücken. Viele sprachen damals vom wahren Weltmeister, obwohl man durch einige Abgänge großer Namen ins Ausland deutlich geschwächt war (damalige Nationaltrainer verzichteten großteils auf Legionäre) und auch von der WM 1938 sind viele Experten überzeugt, man wäre ohne die zwangsintegrierten deutschen Spieler Weltmeister geworden.

Heute sprechen nur noch vergilbte Presseberichte, ältere Fußballfreunde und die offizielle Seite des ÖFB über eine Mannschaft, welche ganz Fußballeuropa dermaßen beeinflusste, dass es für das große Ajax-Team der 70er als Quelle der Inspiration für den totalen Fußball galt. Am ehesten erinnert man sich noch an den jüngsten Torschützen Österreichs, Pepi Bican, und natürlich den Papier‘nen Sindelar, welcher nicht nur auf dem Platz seinen Wiener Schmäh nicht verstecken konnte – die Nazis werden für seinen mysteriösen Tod im Jahr 1939 verdächtigt, als man ihn und seine jüdische Ehefrau vergiftet in ihrer Wohnung fand.

Morgen berichten wir über die Entwicklungen nach dem Krieg, die Rolle der Medien und wie eine positivere Herangehensweise dafür sorgen kann, dass der „Donaufußball“ wieder auflebt.

RM
(Taktikboards von Daniel Mandl)

RM schreibt auch für spielverlagerung.de

Rene Maric

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