Heute Abend kommt es im Ernst Happel Stadion zum Aufeinandertreffen der beiden Teams, die in der WM-Qualifikationsgruppe D aus den ersten zwei Töpfen gezogen... Mit Bale, aber ohne Ramsey: Wie stark ist das walisische Nationalteam?

Gareth Bale - Real Madrid_abseits.at

Heute Abend kommt es im Ernst Happel Stadion zum Aufeinandertreffen der beiden Teams, die in der WM-Qualifikationsgruppe D aus den ersten zwei Töpfen gezogen wurden. Sowohl Österreich als auch Wales konnten ihre Auftaktpartien gewinnen. Während das ÖFB-Team Georgien 2:1 niederrang, triumphierte Wales zu Hause gegen Moldawien mit 4:0.

Der Matchwinner für die Waliser im ersten Spiel war Gareth Bale. Der Superstar von Real Madrid erzielte zwei Tore und bereitete ein weiteres vor. Auch vor der Partie in Wien dreht sich alles um den 27-Jährigen, vor allem weil ein anderer ganz wichtiger Spieler fehlt – nämlich Aaron Ramsey. Der 25-Jährige Gunner fällt wegen einer Oberschenkelverletzung aus.

Coleman macht Wales flexibel

Die Waliser, so ÖFB-Stürmer Marc Janko, seien „haushoher Favorit“. Grundlage dieser Aussage war der großartige Eindruck, denn sie bei der EM in Frankreich hinterlassen haben. Sie gehörten zu den taktisch interessantesten Teams. Chris Coleman, der 2012 das Traineramt des verstorbenen Gary Speed übernahm, formte die Waliser zu einer sehr flexiblen Mannschaft und führte sie nicht unverdient in das Halbfinale. Alleine mit ihrer Grundformation ragten sie aus dem Einheitsbrei der 24 Endrundenteilnehmer heraus.

Wales spielte nämlich mit einer Fünferkette und hatte im Wesentlichen nur drei nominelle Offensivspieler auf dem Rasen. Dennoch erzielte man in Frankreich in fünf von sechs Spielen einen Treffer – nur im engen Halbfinale gegen Portugal ging man leer aus. In der Schussstatistik belegte man 5,5 Schüssen auf das gegnerische Tor am Ende den fünften Platz. Trotz ihrer Grundordnung ist Wales also kein Team, das sich stur aufs Kontern verlegt.

Ramsey als vielseitiges Bindeglied

Ein wichtiger Puzzleteil im taktischen Konstrukt Colemans ist Ramsey. Seine Rolle ist die wohl komplexeste, weil vielseitigste. Im groben kann man Wales‘ Formation als 5-3-2 beschreiben, wobei es im Mittelfeld eine klare vertikale Staffelung gibt. Ramsey ist dabei der höchste Spieler. Er rückt auch regelmäßig auf und stellt so ein 5-2-3 her. Er ist das Bindeglied zwischen der massiven Defensive und den beiden Angreifern.

Dieses Aufrücken geschieht dabei in besonders guter Abstimmung mit den zwei Stürmern, denn Ramsey variiert sowohl das Tempo als auch die Zone, in die er vorstößt. Manchmal kommt er über den Flügel, manchmal fächern die Stürmer auf und machen Platz im Zentrum. Manchmal initiiert Ramsey Konterangriffe, manchmal dient er als Unterstützung beim Übergang in die Gefahrenzone. Dass die Waliser gegen Portugal scheiterten mag nicht ausschließlich an Ramseys Fehlen gelegen haben, passt aber ins Bild, das man von einem der international unterschätztesten Akteure hat.

Wie gut kann Bale Alleinunterhalter?

Zwar fehlte Ramsey bereits beim eingangs erwähnten Sieg gegen Moldawien, doch das Spiel gegen Österreich hat andere Rahmenbedingungen. Insbesondere ist die Qualität der Koller-Elf viel höher, sodass Wales mehr brauchen wird außer individuelle Durchbrüche. Auch, dass Bale die Österreicher 2013 bereits im Alleingang bezwang, sollte keine Rolle spielen. Denn Rot-Weiß-Rot spielte damals personell, Wales taktisch komplett anders als heute.

Bale trat im damaligen 4-2-3-1 in seiner gewohnten Rolle als Außenstürmer auf. Seine Aufgabe bestand im Prinzip darin, Eins-gegen-Eins-Duelle gegen Markus Suttner – mit und ohne Ball – zu suchen und zu gewinnen. Damit hatte er naturgemäß keine Probleme. Mittlerweile sind seine Aufgaben andere, denn er läuft auf dem Papier als Stürmer auf. Man wird ihn zwar nach wie vor phasenweis auf dem Flügel, doch Intention dahinter werden andere sein.

Er weicht dorthin aus um sich dem Druck aus dem Zentrum zu entziehen und eventuell Unordnung in die gegnerische Defensive zu bringen und Räume für nachstoßende Mitspieler zu öffnen. Er wird dort wohl auch nur für relativ kurze Zeit sein, um einen Ball prallen zu lassen oder selbst sofort in Richtung Tor zu ziehen. Seine Entwicklung, individuelle Klasse und sein Standing sorgen dafür, dass ihn die Gegenspieler verstärkt ins Auge fassen, sodass seine Mitspieler mehr Räume bekommen.

Ramsey-Ersatz unauffällig

Gerade Ramsey konnte diese marginalen Freiheiten sehr gut ausnützen und es wird interessant zu sehen sein, wen Coleman anstelle des Arsenal-Akteurs aufstellen werden. Im EM-Halbfinale und im Spiel gegen Moldawien setzte der 46-Jährige auf Andy King, einem klassischen Backup-Akteur. Der 27-Jährige spielt solide und verlässlich, hat aber besonders auffällige Fähigkeiten. Die Tatsache, dass er mit Leicester City bereits die Titel in den höchsten drei englischen Ligen gewonnen hat, beschreibt ihn wohl am besten.

Er ist jemand, der sich auf einfache Dinge beschränkt, dabei aber keine nennenswerten Fehler macht. In unteren Ligen hebt man sich damit von vielen Spielern ab, in der Premier League benötigt es aber mehr um Stammspieler zu sein. King wird regelmäßig eingewechselt, schießt ab und zu ein Tor, ist aber niemand, von dem man sich Impulse erwarten darf. Wird er erwartungsgemäß auch gegen Österreich spielen, so werden die individuellen Fähigkeiten Bales erneut stark in den Angriffsfokus gedrängt.

Viele Stammspieler, wenige Leistungsträger

Oberflächlich betrachtet wäre es also das Beste, wenn das ÖFB-Team passiv agieren, Wales den Ball überlassen und auf Fehler warten würde. Dass das passieren wird, ist allerdings ausgeschlossen. Nur in Ausnahmefällen greift Koller auf diese Mittel zurück. Vielmehr darf man die rot-weiß-rote Auswahl aktiv und mit Fokus auf das Ballbesitzspiel erwarten. Das wiederrum dürfte Wales in die Karten spielen, denn in der Defensive haben sie Spieler, denen dies entgegenkommt. Sie können auch großem Druck standhalten – vor allem wenn er athletischer Natur ist – und den Ball schnell gezielt nach vorne bringen.

Der Großteil des walisischen Kaders verdient sein Geld in der Premier League. Die Namen großer Klubs findet man allerdings, analog zum österreichischen Kader, nicht. Viele Akteure sind Stammspieler, wenige Leistungsträger. Gemeinsam entfalten sie allerdings ihre Stärke, oder anders gesagt: Coleman schaffte es die individuellen Stärken gezielt einzubinden und vertraut seinen Spielern – ebenfalls analog zu Österreich und Koller.

Vielseitige und routinierte Defensive

Die Defensive der Waliser ist routiniert. Im Tor haben sie mit Wayne Hennessey einen 63-fachen Internationalen, der sich dank seines starken Linienspiels auf der Insel einen Namen gemacht hat. Zentral davor agiert mit Ashley Williams (66 Länderspiele) der Kapitän. Dieser kann sehr gut zwischen physischem und antizipativ, ballbesitzunterstützendem Spiel wechseln. Auf den Flügelverteidigerpositionen spielen mit Chris Gunter (74 Länderspiele) und Neil Taylor (35 Länderspiele) zwei disziplinierte Arbeiter, die die Außenbahn konsequent rauf und unter runterlaufen.

Die beiden Halbverteidiger haben die wenigsten Einsätze, sind aber gerade für das Ballbesitzspiel sehr wichtig. Halbrechts darf man James Chester (18 Länderspiele) von Aston Villa erwarten, halblinks Ben Davis (26 Länderspiele) von Tottenham. Letzterer ist der wohl interessanteste Akteur in der Defensive, denn er besticht durch kluge taktische Bewegungen, vor allem mit dem Ball am Fuß. Mit seiner Technik und seiner Übersicht kann er Drucksituationen überragend auflösen und Schnellangriffe initiieren.

Klare Aufgabentrennung im Mittelfeld

Im zentralen Mittelfeld gibt es wie bereits erwähnt eine klare Staffelung und Trennung der Aufgaben. Der 29-jährige Joe Ledley strahlt am Ball nur selten Gefahr aus, dient als Abräumer und Staubsauger. Er ist körperlich sehr stark, ist in direkten Duellen ein äußerst unangenehmer Gegenspieler und geht weite Wege. Daneben spielt mit Joe Allen der Ballmagent des Teams. Der 26-Jährige, der im Sommer von Liverpool zum Arnautvoic-Klub Stoke wechselte, sorgt für die Strukturen im Spielaufbau, ist ein sehr starker Kombinationsspieler.

Nach Ramseys Ausfall dürfte neben Bale vor allem Allen mehr in die Verantwortung genommen werden. Vorteil Österreich: er ist zwar ein enorm starker Einfädler im zweiten Spielfelddrittel, taucht aber selten gefährlich vor dem gegnerischen Tor auf. Angesichts dessen darf man Wales heute Abend eher abwartend erwarten, was die Aufgabe für das ÖFB-Team sehr schwierig gestaltet. Wie dargelegt ist die kompakte Formation der Waliser nämlich schwer zu zermürben, gleichzeitig muss man Konter aufgrund der überragenden Fähigkeiten von Bale verhindern.

Alexander Semeliker, abseits.at

Alexander Semeliker

@axlsem

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