Pepi Bicans Name mag zwar für österreichische Fußballhistoriker:innen einen besonderen Klang haben, international taucht er aber nur auf, wenn jene Kicker porträtiert werden, die... Anekdote zum Sonntag (157) –  Der Regenschirm der Frau B

Pepi Bicans Name mag zwar für österreichische Fußballhistoriker:innen einen besonderen Klang haben, international taucht er aber nur auf, wenn jene Kicker porträtiert werden, die zu den gefährlichsten Stürmern ihrer Zeit gezählt haben: Bican, der 2001 in seiner Wahlheimat Prag verstorben ist, soll über 5.000-mal die Kugel über die Linie gedrückt haben. Er zählt damit zu den größten Torjägern der Geschichte und wird in Tschechien als Fußballlegende verehrt.

Der in Wien geborene Stürmer war ein typisches Kind der Monarchie, wie sich in seiner wechselhaften Laufbahn widerspiegelte: Pepi wuchs als Sohn tschechischer Eltern in der Favoritner Quellenstraße auf – genauso wie der zehn Jahre ältere Matthias Sindelar, der als Kleinkind mit seiner Familie aus der mährischen Provinz in die k.u.k.-Hauptstadt gekommen war. Wie der „Papier’ne“ schnürte auch Pepi seine ersten Fußballschuhe für den hiesigen ASV Hertha Wien. Danach trennten sich jedoch die Wege der beiden Ausnahmespieler und Bican feierte knapp vor seinem 18. Geburtstag sein Debüt für Rapid ausgerechnet gegen Sindelar und seine Austria: 5:3 hieß es am Ende für die Grün‑Weißen, wobei Pepi vier Treffer erzielt hatte. Zwei Jahre später trug Bican erstmals das österreichische Nationaltrikot und wurde Teil des „Wunderteams“. Der Stürmer galt als Feintechniker, der nicht nur als Vollstrecker, sondern Vorbereiter glänzte. Bald war er ein Star des Wiener Fußballs und kostete die Vorzüge dieses Lebens voll aus. Letzteres führte dazu, dass man den Torschützenkönig von 1933 wegen Undiszipliniertheit aus seiner Klubmannschaft warf. Schon damals liebäugelte der Angreifer mit einem Wechsel in die Heimat seiner Eltern, ging nach einer Sperre aber doch zur Admira. Als zweimaliger österreichischer Meister 1936 und 1937 wechselte er schließlich zu Slavia Prag, wo er ebenfalls eine erfolgreiche Karriere mit fünf Meistertiteln und dem Mitropapokalsieg ’38 hinlegen sollte. Pepi schoss Tor um Tor und lief auch für die tschechoslowakische Nationalmannschaft auf. Doch er hatte Pech, dass die Glanzzeit seiner Karriere in die Epoche des Zweiten Weltkriegs fiel: Die Teilnahme an der WM-Endrunde 1938 wurde dem frischeingebürgerten Tschechoslowaken aus nicht ganz klaren Umständen verwehrt; 1942 und 1946 fanden keine Turniere statt. 1957 beendete der Offensivspieler seine Karriere, wurde Trainer und kickte bis zu seinem 65. Lebensjahr bei den Alten Herren von Slavia Prag. Nach dem Ende des Kommunismus wurden seine Verdienste für den tschechischen Fußball entsprechend gewürdigt.

Die hier erzählte Anekdote spielt jedoch zu jener Zeit, in der Pepi noch als Naturtalent nahe der Quellenstraße Kinderfußball spielte. Anfangs konnte sich der Knabe nicht einmal Schuhe leisten, führte deren Fehlen aber später darauf zurück, dass er sich so eine grandiose Ballkontrolle antrainieren konnte. Schon bald galt die Tormaschine als Star des Teams: Ein Offizieller der Hertha versprach ihm für jedes erzielte Tor einen Schilling – damals eine Menge Geld. Pepi traf daraufhin gleich zweimal.

Eine gewisse Dame war aber über sein Hobby nicht glücklich: Ludmila Bican, die Mutter des Ausnahmekickers. Sie kam nur selten zu den Partien ihres Sohnes, wenn sie aber dabei war, dann war bei Bicans Gegnern Achtung geboten. Mehr als einmal enterte die resolute Dame nach Schlusspfiff den Platz und schickte sich an einen Kicker, der ihren „Pepitschku“ (in ihren Augen) brutal gefoult hatte, mit einem mitgebrachten Regenschirm zu schlagen. Paraplü-Prügel quasi. Bei den Zuschauern sorgte die bizarre Rache der beherzten Dame mitunter für Heiterkeit. Pepi war es peinlich. Er beschwor seine Mutter händeringend diese Aktionen in Zukunft zu lassen, Ludmila besuchte seine Matches schließlich gar nicht mehr. Ihre Nerven hielten die 90 Minuten nicht durch.

Denn, die Geschichte von der Mutter, die die Ehre ihres Sohnes verteidigt, hatte einen tieftraurigen Hintergrund: Schon Pepis Vater war für die Hertha aufgelaufen und hatte sich bei der Attacke eines Gegenspielers einst eine schwere Nierenverletzung zugezogen. František Bican hatte aus Angst die notwendige Operation verweigert und war schließlich als 30-jähriger an den Spätfolgen dieser Sportverletzung verstorben. Der kleine Pepi wurde mit 8 Jahren Halbwaise. Auch sein älterer Bruder František junior sollte früh – im Alter von 17 Jahren – unter ungeklärten Umständen zu Tode kommen. Nachdem Ludmila Bican Ehemann und Erstgeborenen verloren hatte, waren ihre beiden Söhne Josef und Vilík ihr Ein und Alles. Es war ihr gar nicht recht, dass Pepi die Familientradition am Fußballplatz fortführte. Doch sein Talent und sein Ehrgeiz führten dazu, dass er den Sport auch für seine Mutter nicht aufgeben wollte. Sein Schicksal veränderte den Torjäger allerdings schon, wie sich ein Freund aus Prager Zeiten erinnerte: „Pepi hat sich nie geprügelt; auch wenn man ihn beleidigt hat. Er ertrug sein Schicksal. Fußball war sein Leben.“

Marie Samstag, abseits.at

Marie Samstag

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