Viele haben seinen Namen wahrscheinlich noch nie gehört. Warum also wird Otto Fodrek von der Autorin dieses Artikels als „Jahrhundert“-Fußballer betitelt? In gewissem Maße... Der „Jahrhundert“-Fußballer (1) – Die aktive Karriere des Otto „Stopperl“ Fodrek

Retro FußballViele haben seinen Namen wahrscheinlich noch nie gehört. Warum also wird Otto Fodrek von der Autorin dieses Artikels als „Jahrhundert“-Fußballer betitelt? In gewissem Maße ist er das nämlich: Otto „Stopperl“ Fodrek, Ur-Wiener, Fußballprofi, Funktionär, Fitnesstrainer und Masseur gehört zwar nicht zur Creme de la Creme der österreichischen Fußballstars, trotzdem ist er irgendwo ein „Jahrhundert-Fußballer“. Und zwar deshalb weil seine Lebenszeit in eine für Österreich interessante zeitgeschichtliche Periode fällt: Fodrek ist heute ein fast 92-Jähriger, der die Armut und das Elend der Zwanzigerjahre, den zweiten Weltkrieg, die darauffolgende Verzweiflung, das Wirtschaftswunder und die bis heute andauernden gesellschaftlichen, wirtschaftlichen, technischen und politischen Veränderungen auf und neben dem Rasen mitbekommen hat.

Die Leichtigkeit des Elends

Begonnen hat „Stopperls“ Leben 1921: Als 13. Kind wurde der spätere Verteidiger am 28. Oktober in Wien geboren. Der Vater war halbblind aus dem 1. Weltkrieg zurückgekehrt, die Mutter musste sich abrackern um ihren Nachwuchs durchzubringen. Schon als Kleinkind erledigte der jüngste Familienspross Dienste und Botengänge um zum Einkommen der kinderreichen Mischpoche beitragen zu können. Hilfsarbeiten im Prater, Obst- und Gemüsetransporte auf dem Wiener Naschmarkt und das Zustellen von Brennmaterial gehörten zu Fodreks Aufgaben. Nebenbei stand auch noch der Schulbesuch an und in jeder freien Minute wurde dem Fußballspiel gefrönt.

In den Dreißigerjahren war Kicken das Vergnügen der Wiener Buben. Dafür wurde nicht viel gebraucht: Nur ein Haufen Kinder und ein Ball waren vonnöten. Anfänglich spielte Klein-Otto noch buchstäblich auf der Gasse: Barfuß und mit Tennisball. Er war nicht der Einzige.

Auch Rapid-Legende Rudi Flögel profitierte von einem derartigen „Training“. Auf diesen führte er später sein Markenzeichen den beidbeinigen Volley-Schuss zurück: „Als Kinder haben wir noch mit einem Tennis-Ball gespielt und haben ständig den „Randstein-Servierer“ geübt. Wir haben den Ball gegen den Randstein geschossen und immer drücken müssen, Oberkörper drüber und patsch-patsch-patsch, rechts, links, Dropkick. Das war unsere Stärke, weil wir das jeden Tag gespielt haben.“

Die Jugendtage Fodreks fielen in eine schwierige Zeit, auch wenn „Stopperl“ später erzählte, er habe nichts anderes gekannt und die katastrophale Wirtschaftslage mit seinem kindlichen Verständnis nicht wirklich nachvollziehen können. Die Dreißiger waren von Arbeitslosigkeit, Wohnungsknappheit und Inflation geprägt. Fodrek ist wie viele Wiener ein Kind der Monarchie: Sein in Ungarn geborener Vater lernte „Stopperls“ tschechische Mutter im Schmelztiegel der Hauptstadt kennen. Die Familie lebte in einer kleinen Wohnung im zweiten Wiener Gemeindebezirk.

Fodrek wurde nach seiner Schullaufbahn Schneiderlehrling und ertüchtigte sich feierabends an den neu aufgestellten Straßenlaternen. Die „Buam“ aus dem Grätzl rund um den Volkertmarkt  veranstalteten Klimmzüge an den neuen Rohren und köpfelten bis zum Umfallen gegen die glatte Wand der Markthalle. Das war ihre Variante eines Fitnessstudios.

Nicht nur die Armut der Zwischenkriegszeit prägte „Stopperls“ Kindheit. Die politische Situation verschärfte sich zusehends: Am 25. Juli 1934 ermordeten nationalsozialistische Putschisten Bundeskanzler Dollfuß. Die diktatorische Herrschaft im christlich-demokratischen Ständestaat wurde mit dessen Nachfolger Dr. Kurt Schuschnigg prolongiert.

Herein, wenn’s ein Schneider ist!

Trotz dieser prekären gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Lage empfand Fodrek seine Kindheit als schön. Der Wiener Wurschtelprater war auch ohne Geld ein Paradies. Beim Eislaufen auf der Alten Donau musste man sich zwar abwechseln, da nicht jedes Kind über eigene Schlittschuhe verfügte, aber das war egal. Was man nicht kennt, kann man nicht vermissen. Ein Lederfußball schien für die Sprösslinge armer Leute ebenso unerreichbar. Der schon erwähnte Tennisball diente als Ersatz, wenn man sich auf der Gasse heiße Duelle lieferte. Autos konnten dabei schließlich nicht stören. Doch irgendwie sehnten sich viele Burschen nach einem richtigen Match auf Rasen.

Auch „Stopperl“ wollte endlich „richtig“ kicken, also trat er in den FC Donau ein und wurde bald darauf zum Wiener Athletiksportclub (WAC) geholt. Beim WAC wurde aus Otto: „Stopperl“. Diesen Spitznamen hat der 165cm kleine Verteidiger bis heute.

Um 1931 wurde das österreichische Wunderteam geboren: 17 Siege, zwei Unentschieden und nur eine Niederlage konnte Hugo Meisls Mannschaft in diesem Jahr bilanzieren. „Stopperl“ spielte später beim WAC mit den Wunderteamkickern „Schurl“ Braun und Adolf Vogl zusammen. 1934 war das Wunderteam eigentlich schon wieder Geschichte: Neue Spieler kamen, alte gingen. Die Erfolge waren mäßig. Trotzdem errang Österreich bei der WM 1934 in Italien den vierten Platz.

20 Jahre sollte Fodrek beim WAC verbringen: Er arbeitete als Spieler, Trainer, Masseur und Jugendbetreuer und erlebt ein Auf und Ab. Damals wusste „Stopperl“ aber noch nicht, dass das Kicken für ihn mehr sein würde als nur ein Hobby. Er wäre gerne Fleischhauer oder Rauchfangkehrer geworden. Eine Lehrstelle konnte aber nicht gefunden werden, so begann der Wiener parallel zu seiner Fußballkarriere das Schneiderhandwerk bei seinem Onkel zu lernen.

Seine Eigenschaften als Zeitzeuge werden deutlich, wenn man ihn auf das Happel-Stadion anspricht: Selbiges begleitet „Stopperl“ von der Wiege an. Als Kind tobte der Wiener in den Praterauen und erlebte auch hautnah die Rodung für das zukünftige Stadion. An der Erstveranstaltung dem „Schauturnen der Jugend von Wien“ nahm „Stopperl“ in personam teil. Seit diesem Erlebnis ist das Prater-Oval, in dem er mehrmals spielte, sowie als Masseur, Trainer und Sportschulleiter zu Gast war, sein zweites Zuhause geworden.

Das letzte Spiel

Heute ist Otto „Stopperl“ Fodrek der letzte lebende Teilnehmer des letzten Wiener Fußballspieles im Zweiten Weltkrieg. Ostersonntag, 2. April 1945: Um 15 Uhr laufen der WAC und die Austria am ehemaligen WAC-Platz auf. Man kämpft um jeden Ball, auch wenn die russische Artellerie schon zu hören ist. 6:2 werden die Violetten schließlich deklassiert. Im „Völkischen Beobachter“ gibt es am nächsten Tag sogar noch einen 25-zeiligen Matchbericht. Kurze Zeit später ist der Krieg schon vorbei.

Fodrek war an diesem Spiel als Verteidiger beteiligt, dem WAC-Präsidenten Smolik hat er es zu verdanken, dass er im zweiten Weltkrieg nicht einrücken musste. Otto Smolik war als „Blutordensträger“ ein einflussreicher Mann in der NSDAP und ein Fußballnarr. Fodrek und seinem Bruder Josef blieb so der Frontdienst erspart. „Stopperl“ wurde in dieser Zeit vielfach ausgeliehen um fehlende Positionen in Mannschaften zu besetzen. So kam er unter anderem zu einer Leihe beim FK Austria Wien.

Von den angekommenen Russen erstand „Stopperl“ kurz nach dem 2. April 1945 einen abgemagerten Gaul. Ein befreundeter Fleischhauer schlachtete das Tier und Fodrek versorgte so zehn Tage sein gesamtes Wohnhaus in der Rueppgasse mit Gulasch.

Der Zweite Weltkrieg hatte Wien zerbombt zurückgelassen. Armut und Elend waren wieder eingekehrt. Doch trotz allem wurde Fußball gespielt.

Neue sportliche Dachverbände begannen sich zu bilden. Der WAC gehörte der „Union“ an. Internationale Unions-Meisterschaftsspiele führten „Stopperl“ und Co. nach Paris und Brüssel. Mehrmals konnte der WAC Unions-Europameister werden. Aufgrund dieser Erfolge gestattete der Verein die Mitreise der Spielerfrauen zu einem Auswärtsspiel nach Paris. Die Spieler frohlockten, was sie aber nicht ahnten: Der WAC hatte vorgesorgt und den Damen Nachtquartiere im Nonnenkloster besorgt. Die Kicker, die sich auf einen schönen Abend mit ihren Frauen gefreut hatten, wurden so hinters Licht geführt. Denn schon früh stand der Bus vor der Tür um die Damen in ihre Zellen am anderen Ende der Stadt zu bringen. Dort angekommen, gab es keine Chance auf ein Schäferstündchen mit dem Herrn Gemahl am Zimmer.

Nach dem Krieg

Schon in seiner aktiven Karriere zeigte sich „Stopperl“ als Talentscout begabt: 1946 spielte der WAC in Prag gegen Bohemians Prag. Im Jugendteam der Tschechen fiel Fodrek ein begabter Spieler auf. Sein Name: Walter Schleger. „Stopperl“ machte seinen Trainer auf den Burschen aufmerksam und stellte mit seinen Sprachkünsten auch noch den Kontakt zu diesem her. Mit Erfolg. Denn Schleger transferierte schließlich nach Wien. Vom WAC führte ihn seine sportliche Karriere zum Sportklub und anschließend zur Wiener Austria. Auch im Nationalteam konnte der gebürtige Prager Spiele absolvieren. Nebenbei studierte Schleger übrigens Veterinärmedizin und „Stopperl“ zeigte sich auch hier hilfsbereit. „Geh, Otto, prüf mich“, bat der Jungspund seinen Mentor oft nach dem Training oder in der Kasernierung. So konnte auch Fodrek eine Menge über Fauna und Flora lernen. Schleger selbst promovierte zum Tierarzt, wurde Forscher, Professor und Rektor der Vet.-Uni Wien.

Zwei Monate nachdem das österreichische Nationalteam Schottland besiegen konnte, öffnet das Praterstadion wieder seine Pforten. Der damalige „Krone“-Reporter Arthur Steiner hat „alle größeren Fußballplätze Europas gesehen“ und kann bestätigen, dass „wir die schönste Sportarena dieses Erdteils haben. Unser Stadion wirkt nicht durch Wucht und Größe, sondern weil es wienerisch ist […].“ Auch Fodrek freute sich über die Wiedereröffnung „seines“ Stadions, denn der sportinteressierte Wiener schwärmt auch für Leichtathletik und dabei besonders für den Weltklasseläufer Paavo Nurmi.

Die Gelegenheit den Sprinter zu treffen, bot sich Fodrek eines Tages auch, als der WAC eine Skandinavien-Tour absolvierte. In Helsinki besuchte der Wiener das Modegeschäft des Läufers. Um mit seinem Idol noch länger plaudern zu können, erstand „Stopperl“ zwei Krawatten und ein Hemd. Dabei herrschte bei dem gelernten Schneider nie Not am „G‘wand“. Die Kleidungsstücke waren es aber wert: Der Stoff aus dem Träume sind.

1954 errang Österreich den dritten Platz bei der WM. Nach eigenen Angaben erlebte „Stopperl“ seine schönste Fußballerzeit davor, nämlich von 1939 bis 1957. Viele Sportkameraden mussten an die Front und Fodrek konnte deshalb als Leihspieler in vielen Teams aufgeigen.

Geldsummen wie sie heute an Spieler ausbezahlt werden, waren damals undenkbar. Nach deutschem Recht durfte keinem Spieler der ersten Mannschaft Geld ausbezahlt werden. Im zweiten Weltkrieg sah „Stopperl“ also keine Mark für sein „Gekicke“. Erst als nach 1945 eine österreichische Ligameisterschaft eingeführt wurde, wagte „Stopperl“ sich bei der Vereinsführung nach einer entgeltlichen Entlohnung zu erkundigen. „Du hast doch sowieso dein Schneidergeschäft, da brauchst du die paar Groschen nicht.“, bekam er zu hören. Nur ältere Spieler ohne Zusatzeinkommen wurden bezahlt. Auch der oben angesprochene Rudi Flögel verdiente lebenslang nebenbei Geld bei der Ersten Österreichischen Sparkasse. Austria-Kollege Ocwirk war Tankstellenbesitzer. Und auch „Stopperl“ blieb stets seinem Lehrberuf treu: Er machte sich nach dem Krieg als Schneider selbständig und konnte durch seine guten Kontakte in die Sportwelt viele Kunden gewinnen. So mancher Spitzenspieler trug privat von Fodrek gefertigte Maßanzüge.

Morgen lest ihr alles über „Stopperls“ Zeit nach dem aktiven Sport!

Marie Samstag, abseits.at

Marie Samstag