Auf die Sternstunde folgte das bittere Erwachen. Der Kanonier von Hütteldorf fand sich bald nach dem 4:3-Sieg Rapids über Schalke 04 im Endspiel um... Der Schütze vom Dienst –  Franz „Bimbo“ Binder wäre 105 Jahre alt (1)

Retro Fussball_abseits.atAuf die Sternstunde folgte das bittere Erwachen. Der Kanonier von Hütteldorf fand sich bald nach dem 4:3-Sieg Rapids über Schalke 04 im Endspiel um die deutsche Kriegsmeisterschaft im Landserdress mit Karabiner in der Hand an der Ostfront wieder. Justament am Tag des Finales, am 22. Juni 1941 um 3 früh, begann der Angriff Hitlerdeutschlands gegen die Sowjetunion. „An Russland wird sich dieser Wahnsinnige verbluten.“, soll meine Urgroßmutter anlässlich des Unternehmen Barbarossas gesagt haben. Franz „Bimbo“ Binder schoss an diesem Tag drei Tore und reiste mit der 50 Kilogramm schweren Victoria im Arm nach Wien zurück. Der Legende nach soll der Stürmer das sauschwere Prunkstück nicht aus den Augen gelassen haben. Er hatte es sich redlich verdient.

Franz Binder junior hat äußerlich kaum Ähnlichkeit mit seinem berühmten Vater. Beruflich trat er aber in die Fußstapfen des Herrn Papa. Zwar spielte er nie so erfolgreich wie der Torjäger, seine Karriere als Rapid-Manager kann sich dennoch sehen lassen. 2011 schrieb Franz junior anlässlich des 100. Geburtstags eine Biografie über Franz senior. Heuer jährte sich  schon zum 105. Mal der Tag an dem der gebürtige Niederösterreicher das Licht der Welt erblickte. Am Beginn seines Lebens hatte wohl niemand vermutet, welche Fähigkeiten dem kleinen Franz in die Wiege gelegt worden waren.

Zehn

2008 ertönte zum letzten Mal die Fabriksirene der Glanzstoff Austria GmbH in St. Pölten. 327 Niederösterreicher verloren bei ihrer Schließung ihre Arbeit. Als Franz Binder am 1. Dezember 1911 geboren wurde, waren nicht nur sein Vater und seine Mutter in der Kunstseidefabrik beschäftigt, auch seine älteren Geschwister wirkten schon bei der Kupferseidenproduktion mit. Julius und Maria Binder zogen in den „Zehn-Häusern“ (Substandardwohnungen nach „Vierkanter-Art“- gebaut für die Arbeiterschaft) zehn – nomen est omen – Kinder groß. Wer weiß, ob aus Franz, dem zweitjüngsten Sohn, ein Fußballer geworden wäre, wenn er in einem anderen Umfeld das Licht der Welt erblickt hätte. So wuchs er unter fünf fußballverrückten Brüder auf. Der älteste Binder-Bub, Karl, war Mitbegründer des lokalen Vereines,  Sturm 19, und so kickten nach und nach alle weiteren Söhne der Familie bei diesem Klub. Mit dem Fetzenlaberl auf der G’stettn, wo der Schwefelgeruch und Arbeitslärm der umliegend Fabrik gut wahrnehmbar war, erarbeitete sich der Franzl seine wuchtige Schusstechnik und sein Zweikampfverhalten. Als Zehnjähriger fing er an in der Schülermannschaft zu spielen, mit 15 Jahren debütierte er in der Kampfmannschaft. Sturm 19 dümpelte jahrelang in der 2. Klasse Niederösterreich West des VAFÖ-Verbandes herum, bis sie ihr 17-jähriger Torjäger zum Meistertitel schoss. Franz spielte anfangs halb links, sein Bruder Odo als Stopper. Aufgrund seiner Körpergröße wirkte er oft unbeholfen, seine Schusskraft und auch sein gutes Kopfballspiel sprachen sich allerdings rasch bis Wien herum.

Fußball war Franz Chance zu glänzen, wie viele Jugendliche hatte er in der großen Not keine Lehrstelle gefunden und jobbte nur hier und da als Hilfshackler. Im Jahr der Meisterschaft wurde er in die Auswahl der VAFÖ einberufen und nahm an einem Spiel in Belgien teil. Zwei Jahre später passte ihn Rapid-Wien-Funktionär Maier vor einem St. Pöltner Kino ab und lud ihn nach Hütteldorf ein. Die Grün-Weißen machten dem Mann mit dem scharfen Schuss ein Angebot. Dieser zögerte jedoch, obwohl der Verein aus dem Westen Wiens seit jeher sein Traumklub war: Die Zeitung durchforsteten die Binder-Brüder nach jedem Spieltag gespannt nach dem Matchergebnis der Grün-Weißen. Mutter Maria, die sich die Kehle wund schrie, wenn sie ihren kickenden Franz nach vorne peitschte, überredete ihn schließlich, dass Angebot anzunehmen. Franz Binder unterschrieb 1930 bei Rapid, als die Wiener gerade Mitropacupsieger und zum zehnten (!) Mal österreichischer Meister geworden waren. Ein gutes Zeichen.

Die Österreicher zeigen wie schottischer Fußball gespielt werden sollte

Der „Lange“ hatte keinen leichten Start in Hütteldorf. Trotz des zweimal täglichen Trainings pendelte er zwischen Penzing und St. Pölten, wo er sich in der elterlichen Wohnung noch immer ein Bett mit seinem Bruder teilte, hin und her. Zu den Reisestrapazen kamen seine körperlichen Defizite. Trainer Edi Bauer war geduldig mit dem sanftmütigen Riesen und hielt ihn an, gemeinsam mit der grün-weißen Leichtathletik und Boxsektion Beweglichkeit, Kraft und Kondition zu trainieren. Langsam begann sich die Erfolge einzustellen: Zuerst mit sechs Toren in der Reserve, am Saisonende standen dann elf Einsetze in der Kampfmannschaft zu Buche. Binder dachte, dass er sich auf einem guten Weg befinden würde und fiel daher aus allen Wolken, als man ihm im Sekretariat eröffnete, den Vertrag auflösen zu wollen, wenn er nicht auf die Hälfte seines Gehaltes verzichten würde. Gekränkt löste er den Kontrakt auf und ging zu Sturm 19 zurück. Er hakte das Kapitel Profifußball ab und trat bei der Gemeindeverwaltung seiner Heimatstadt einen Posten an. Während Binder nach nur einem Jahr den Wiener Fußball – oder besser gesagt die Wiener Fußballfunktionäre –  satt hatte, stürmte sein Ex-Trainer erzürnt die Vereinsräumlichkeiten der Rapid: Ohne ihn und Schönecker zu informieren, hatte man das Juwel in die Heimat zurückgeschickt! Bauer war außer sich. Er holte sich die Vollmacht Binder zurückzuholen und reiste postwendend nach St. Pölten. Wie schon bei der ersten Offerte, zierte sich der Sturmtank wieder. Er hatte schon Angebote von Wacker und der Vienna ausgeschlagen, warum sollte er zu jenem Verein zurückkehren, der ihn durch die kalte Küche abserviert hatte? Edi Bauer platze schließlich der Kragen: „Bist a Sportler oder ned? Lass dich nicht von anderen irritieren und geh deinen Weg! Du hast das Zeug ein ganz Großer zu werden!“    

Binders Ehrgeiz war angestachelt und er unterschrieb zum zweiten Mal bei Rapid. Sein Coach bestand darauf, dass er weiterhin Extraschichten mit den Leichtathleten schob, nur das Boxtraining hatte sich erledigt: Der Oberkörper des 1,90-Riesen durfte nicht zu muskulös und dadurch zu schwer werden. Seine gesamte Karriere lang musste sich der Rapidler – selbst als er schon berühmt war – anhören, er sei zu langsam und zu unbeweglich. Ihn störte das wenig: Er maß sich an Toren und nahm es mit Humor, wenn ihm ein Pfarrwiesn-Besucher ein liebevolles: „Hearst Langer, heit kann man da beim Rennen wieda die Hos’n flicken.“ zurief. 1932 mauserte sich der Angreifer zum Stammspieler und schoss sich mit sechs Toren gegen den amtierenden Meister Admira in die Herzen der Rapidanhänger. Kurze Zeit später folgte mit einer Kurztournee in England ein weiteres Highlight in der noch jungen Karriere des St. Pöltners. „Rapid Forwards provide early lesson in goal-scoring“, lobte der Daily Express die Torjägerqualitäten der Wiener Stürmer, allen voran Binders. Seine Sternstunde schlug aber erst im Retourspiel gegen die Glasgow Rangers, als er im Wiener Stadion drei Mal beim 4:3-Heimsieg traf. 1933 wurde Binder das erste Mal Torschützenkönig und debütierte im Nationalteam. Man stelle sich vor: Binder neben Sindelar im rot-weiß-roten Sturm – ein Traum. Der „Papierne“ erwies sich als guter Sportskamerad: Er klopfte dem nervösen Niederösterreicher beruhigend auf die Schulter: „Hearst, Langer, hob ka Angst, des klappt schon.“ Wie Trainer Bauer ermutigte er den Stürmer sein Spiel durchzuziehen und – siehe da – die beiden harmoniert, gegen die schlauen Vorhersagen der Sportjournaille, prächtig miteinander. Zu Beginn der Saison 1934/1935 war Rapid trotz aller internationalen Würdigungen seit vier Jahren ohne Titel. Jene Spielzeit sollten sie schließlich ungeschlagen (!) beenden. Die Hütteldorfer bogen schon im Herbst auf die Straße zum Titel ein, als sie ein 5:1 gegen Wacker noch drehten und mit 7:5 gewannen. Binder hatte da bereits 108 Tore für die Grün-Weißen erzielt.

Sein scharfer und platzierter Schuss blieb ein Leben lang sein Markenzeichen. Der Spieler selbst meinte, dass es beim Schießen nicht nur auf Muskelkraft ankäme, sondern vor allem darauf den Ball an der richtigen Stelle zu treffen. Dem St. Pöltner war das richtige Körpergefühl für die Ballberechnung angeboren. Er galt als äußerst treffsicher, ob mit beiden Beinen oder mit dem Kopf. Später, als er mit knapp 50 Jahren den PSV Eindhoven trainierte, demonstrierte er dem damaligen niederländischen Nationalteamtorhüter Bekkering seine Fähigkeiten: Nach Ansage traf Binder mit rechts via linker Innenstange und anschließend mit links via rechter Innenstange ins Tor. Dem Holländer blieb der Mund offen stehen.

Erna, Bimbo , Liesl und der Anschluss

Franz Binders Popularität war Mitte der 1930er-Jahre so gewachsen, dass es vorkam, dass Schnellzüge Richtung St. Pölten für den Kanonier in Hütteldorf-Hacking außerplanmäßig gestoppt wurden. In seiner Heimatstadt lauschten die Geschwister gespannt Franz‘ Fußballabenteuern und wenn er abends in der Stadt unterwegs war traf er auf viele Schulterklopfer und Fans. Naturgemäß machte der fesche Stürmer auch genügend Damenbekanntschaften. Seine spätere Ehefrau wurde ihm pikanterweise von seiner damaligen Freundin vorgestellt. Erna Amesbauer aus Stattersdorf war selbst Sportlerin: Bei den österreichischen Schwimmmeisterschaften hatte sie im Brustschwimmen Platz drei errungen. Bis ins hohe Alter erzählte sie mit einem Augenzwinkern, wie sie ihrer Bekannten den Franzl ausgespannt hatte. Gemeinsam bezog man eine Zwei-Zimmer-Wohnung in St. Pölten.

Als regierender Meister ging Rapid Anfang 1936 auf Afrika-Tournee. In Marseille schiffte man sich nach Marokko ein und überbrückte den Aufenthalt mit einem Kinobesuch. „Der Wüstensturm“ stand auf dem Programm. Da kein Grün-Weißer französisch sprach, mutierte der Abend jedoch zum langweiligen Schwarz-Weiß-Sehen. Als jedoch ein schlaksiger, farbiger Soldat gezeigt wurde, der zu Fuß eine wichtige Nachricht überbringen musste, rief einer der Kicker: „Schauts, da rennt unser Langer.“ Die Bewegungen des Afrikaners erinnerten an Binders Laufstil und ab diesem Zeitpunkt wurde der Torjäger nur noch „Bimbo“ gerufen. Als rassistisch empfand das damals noch niemand.

Am 21. November 1936 wurde Binder Vater einer Tochter, die Elisabeth (Liesl) genannt wurde. Am Tag ihrer Geburt traf er – wie sich das für einen Torjäger gehört – beim 2:2-Unentschieden gegen Postsport einmal. Dionys Schönecker besorgte der kleinen Familie eine Gemeindewohnung in der Hütteldorferstraße. Rapid schien trotz Bimbos Toren nicht richtig in die Gänge zu kommen. Trainer Nitsch und Sektionsleiter Schönecker versuchten die Mannschaft zu verändern und experimentierten. Die Schicksalssaion 1937/1938 brach an: Binder, der mittlerweile Kapitän war,  wollte unbedingt seine dritte Torjägerkrone erreichen und  Rapid musste wieder einen Titel holen. Ein 5:0 über den FC Wien läutete die zwölfte Meisterschaft ein. Mitten in diese Freuden änderte der Anschluss an das Deutsche Reich im März 1938 alles.

Jüdische Sportvereine, wie die Hakoah, wurden aufgelöst, die Austria – als „Judenverein“ verschrien – unter Kuratel gestellt. Juden, politische Gegner, Sinti und Roma mussten aus den Sportvereinen austreten, jeder Klub bekam einen nationalsozialistischen Dietwart zugeteilt, der die Gesinnung der Sportler überwachen sollte. Der Profisport war abgeschafft worden und offiziell verdiente Binder nun sein Geld als Registraturbeamter des Gau Wien. Wie die meisten seiner Kollegen hatte er mit der Nazi-Ideologie allerdings wenig am Hut, in seiner spärlichen Freizeit beschäftigte sich Bimbo hauptsächlich mit seiner kleinen Tochter. Kontakt hatte er nur zu den Spielern Pesser, Skoumal und den Wagner-Brüdern, ansonsten lebte er zurückgezogen.

Dank Binder die Nummer Eins

Sportlich lief es für Rapid auch nach dem Anschluss gut weiter: 1938 gewann Rapid Wien den deutschen Pokal. Auf  schneeüberzogenem Boden spielte man in Berlin am 8. Jänner 1939 gegen den FSV Frankfurt und gewann 3:1. Die Wiener Fußballschule und insbesondere die Rapid-Viertelstunde brachte den Hütteldorfern den Sieg. Bimbo schoss das letzte Tor des Tages. Die Hessen erwiesen sich als miserable Verlierer und beschuldigten den Rapid-Stürmer Schors ihren Spieler May mit Absicht verletzt zu haben. „Brutale Ostmarkschweine“, hießen sie die Wiener und ließen ihren ganzen Zorn an einem aus Österreich – pardon, der Ostmark – mitgereisten Fotografen aus: Franz Blaha wurde von den Kickern des FSV krankenhausreif geprügelt.

Franz „Bimbo“ Binder machte sein Auftritt nun im ganzen Reich berühmt. Der deutsche Nationaltrainer Herberger hatte ihm schon vor Beginn des Finales seine Wertschätzung ausgesprochen, später lud er den Stürmer zu  einem Lehrgang der Nationalmannschaft ein. In seinem ersten Spiel für die Großdeutschen erzielte der St. Pöltner sogleich ein Tor, wurde aber für die WM-Endrunde in Frankreich doch nicht berücksichtigt. Die deutsche Presse schlug sich auf Binders Seite: Die Blätter lobten seinen Siegeswillen und Kampfgeist. Karikaturisten hefteten ihm Gegenspieler an die Beine, die doch wirkungslos blieben. Andere Zeichner ließen das Tor mit Ziegeln vermauern und Binder trotzdem eine Lücke finden. Herberger überreichte dem zunächst Verschmähten schließlich sogar die Kapitänsschleife. „Gegen den Weltmeister brauchen wir Binder-Tore“, hatte die Presse vor dem Spitzenspiel gegen Italien verlangt. Mit drei Toren beim 5:2-Sieg zahlte der Rapidspieler das in ihn gesetzte Vertrauen zurück.

Sepp Herberger wurde trotzdem kein Fan des Torjägers und setzte ihn nur sporadisch ein. Wie sich die Zeiten geändert hatten, erfuhr der 29-jährige im Februar 1941 als er von der Wehrmacht eingezogen wurde. Gemeinsam mit Vienna-Stürmer Decker und Boxer Joschi Weidinger war der Sturmtank zunächst in der Kaserne Breitensee stationiert. Zeitgleich holte sich Rapid die Ostmark-Meisterschaft und qualifizierte sich so für die Endspiele um die deutsche Victoria. Auf dem Weg zum Finale in Berlin schoss Binder den Dresdner SC fast alleine mit zwei Gewaltschüssen aus dem Rennen. Mit einigen Wiener Anhängern reiste man im Juni 1941 zum Finale an. 95.000 Menschen zogen in das Stadion ein, während sich die Flak-Batterien in den obersten Rängen für den Notfall rüsteten: Wiener Schule gegen Schalker Kreisel erwartete man auf dem Feld. Die Königsblauen drehten zunächst auf und führten bald mit 2:0. Als Franz Binder einen Elfmeter verschoss, skandierten die ersten Zuschauer: „9:0! 9:0! 9:0!“ als bittersüßes Referenz an jene Admira-Niederlage gegen die Königsblauen beim Finale ‘39. Nun war der Motivator Binder gefragt: Der Lange trieb seine Mitspieler unermüdlich an. Sturmpartner Georg Schors gelang in der 62. Minute der Anschlusstreffer. Kurz danach war Binder von seinem Bewacher Tibulski nicht mehr fair zu stoppen: Es gab Freistoß für die Wiener. Ein Bombenschuss des Kanoniers stellte den Zähler auf 2:3. Erneut ein Foul: Diesmal war Schors im Strafraum gelegt worden und sein Sturmpartner übernahm wieder die Verantwortung. Ohne mit der Wimper zu zucken zimmerte er den Ball flach ins Eck. Im Olympiastadion war jetzt die Hölle los: Die Ostmärker hatten sich tatsächlich zurückgekämpft. In der 70. Minute führte ein weiterer Binder-Freistoß zum 4:3-Endstand.

Franz „Bimbo“ Binder hatte das Spiel seines Lebens gespielt. Dem Hattrick-Schützen wurde die Victoria in die Arme gedrückt – die Plakette mit dem eingravierten Siegernamen fehlte jedoch, vorschnell hatten die Verantwortlichen schon Schalkes Namen hinaufgeschraubt und keine Zeit mehr gehabt diesen gegen das Rapid-Schild einzutauschen. Der Sonderzug zurück nach Wien wurde in vielen Stationen angehalten und der Torjäger musste tausende Autogramme schreiben. Wenig später schenkte er in der Heimat – schon in Wehrmachtsuniform – einem aufgeweckten Jugendspieler im Trachtenjancker seine Unterschrift: Sein späterer Freund und Kollege Ernst Happel war damals nur ein stiller Bewunderer des Sturmriesen. Mit einem Essen im Rathauskeller begossen die Rapidler den Titel noch bis in die frühen Morgenstunden, dann wachten sie wieder in der grauen Kriegs-Tristesse auf.

Leerzeit

Die Vorbereitung auf die Saison 1941/42 konnte die Rapid-Mannschaft noch absolvieren, dann war es für viele Spieler jedoch vorbei mit dem regelmäßigen Trainieren und Spielen. Binder erhielt im November den Marschbefehl und wurde an verschiedenen Fronten eingesetzt. Der Kanonier musste nun erfahren, was Krieg wirklich bedeutete: Während er im Juli 1943 als Sanitätskraftfahrer bei der Schlacht um Kursk dabei war, hatte seine Tochter gerade ihr erstes Schuljahr absolviert und tanzte als Elevin im Staatsopernballett. Im Herbst bekam Binder überraschenderweise Urlaub und konnte seine Familie sehen. Ganz Sportsmann ließ er sich es nicht nehmen für seine Rapid zu spielen: 1:0 siegten die Grün-Weißen gegen den FC Wien. Hopfen und Malz waren für die Wehrmacht da schon lange verloren: Jeder wusste wie der Krieg ausgehen würde. Ein Primar operierte Binder den völlig gesunden Blinddarm heraus und schrieb ihn für drei Monate krank. „Bimbo“ hatte Glück: Seine Einheit erlitt während dieser Zeit in Russland schwere Verluste und wurde nach Frankreich abkommandiert. Am 6. Juni 1944 kam der Rapidler ausgerechnet am D-Day an der Normandie-Küste an und musste sich mit seiner Einheit sofort zurückziehen. Sein Sanitätswagen wurde von amerikanischen Fliegern beschossen und auch von französischen Partisanen attackiert. Gefreiter Binder sprach nicht gerne über diese Zeit. Wie durch ein Wunder blieb er – wie auch in seiner Fußballkarriere – weitestgehend unversehrt. Im Herbst 1944 wurde er mit dem Eisernen Kreuz 2. Klasse ausgezeichnet und zum Obergefreiten befördert. Diese Anerkennungen bedeuten ihm wenig, er trachtete nur daran, die Nazi-Zeit gesund zu überstehen. Anfang der 40er-Jahre hatte er im besetzten Frankreich sogar Kontakt zu untergetauchten Kollegen aus dem österreichischen Fußball gewahrt. Für den jüdischen Austria-Präsidenten Emanuel „Michl“ Schwarz schmuggelte er Briefe an Frau und Sohn nach Wien. Umso entsetzter war er, als man ihn einige Jahre nach dem Krieg in der internationalen Presse Kriegsverbrechen beschuldigte, die er nie begannen hatte. Das Missverständnis beruhte auf einer Namensgleichheit.

Die missglückte Ardennenoffensive war Franz Binders letzter Kriegseinsatz. Seine Einheit ergab sich im Mai ‘45 bei Bad Aibling in Bayern den Amerikanern. Als „prisoner of war“ konnte er endlich Kontakt mit seiner Familie aufnehmen, die nichts von seinem Schicksal wusste. Erna und Elisabeth Binder konnten nur mit viel Glück aus der brennenden Staatsoper fliehen, wo Liesl während eines Bombenangriffes probte. Im Oktober 1945 feierte die Familie Wiedersehen und der Stürmer konnte es nicht abwarten endlich wieder zu kicken.

Morgen folgt der zweite Teil…

Marie Samstag, abseits.at

Marie Samstag

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