Jeden Sonntag wollen wir in dieser neuen Serie Spieler beleuchten, die ungewöhnliche Wege eingeschlagen haben. Wir möchten Geschichten von Sportlern erzählen, deren Karriere entweder... (Wo)Men to (re)watch (3) –  Megan Rapinoe (KW 3)

Jeden Sonntag wollen wir in dieser neuen Serie Spieler beleuchten, die ungewöhnliche Wege eingeschlagen haben. Wir möchten Geschichten von Sportlern erzählen, deren Karriere entweder im Konjunktiv stecken blieb, die sich zu einem gegebenen Zeitpunkt radikal verändert haben oder sonst außergewöhnlich waren und sind: Sei es, dass sie sich nach dem Fußball für ein völlig anderes Leben entschieden haben, schon während ihre Profizeit nicht dem gängigen Kickerklischee entsprachen oder aus unterschiedlichen Gründen ihr Potenzial nicht ausschöpften. Auf jeden Fall wollen wir über (Ex)-Fußballer reden, die es sich lohnt auf dem Radar zu haben oder diese (wieder) in den Fokus zu rücken. Wir analysieren die Umstände, stellen Fragen und regen zum Nachdenken an. Im dritten Teil stellen wir mit der US-amerikanischen Fußballerin Megan Rapinoe erstmals eine Frau in den Mittelpunkt dieser Serie…

„Solltet ihr nicht mehr bezahlt werden als die Männer? Schließlich seid ihr Weltmeister.“, fragte Late-Night-Show-Gastgeber Jimmy Kimmel frech. Trotz Beifall und Jubelbekundungen aus dem Publikum blieb Megan an diesem Abend cool: „Wir nehmen dich zu den Verhandlungen mit!“, meinte die Stürmerin mit pinken Haaren lässig und erntete erneut Lachsalven und stürmischen Applaus. Megan Rapinoe ist keine gewöhnliche Fußballerin: Sie ist Herz und Hirn der US-Nationalmannschaft und aufgrund ihres gesellschaftlichen Engagements eine Art Jeanne d’Arc der Fußballwelt. Die Weltfußballerin von 2019 gilt mittlerweile als Ikone für Gleichberechtigung und als role model für LGBTQ-Anliegen. Gut kicken kann sie obendrein.

Tomboy

Geboren wurde die zweifache Weltmeisterin und Olympiasiegerin am 5. Juli 1985 in Redding, einem heimeligen, aber konservativen Arbeiterstädtchen in Kalifornien. Sie wächst mit ihrer Zwillingsschwester Rachael und ihrem älteren Bruder Brian auf. Ihr Vater betreibt ein kleines Bauunternehmen, ihre Mutter kellnert seit Jahren in jenem Restaurant, das ihrer Tochter später einen eigenen Fanklub widmen wird: Zwar sind nicht alle mit Megans Positionen einverstanden, Lokalpatriotismus steht in dieser Republikaner-Hochburg aber an erster Stelle.

Megans Fischen-, am-Fluss-spielen-, Hühner-jagen und auf-Bäume-klettern-Kindheit à la Huckleberry Finn wird rasch von Sport abgelöst: Die Rapinoe-Schwestern duellieren sich beim American Football, Baseball und Hockey bis sie ihren großen Bruder zu einem seiner Fußballspiele begleiten. Für Rachael und Megan ist es Liebe auf den ersten Blick. Brian bringt ihnen die Grundlagen des Kickens bei. Heute sind sie es, die sich um den einst fürsorglichen Bruder kümmern müssen. „Wir waren zehn als wir herausfanden, was mit ihm war.“, erzählt die spätere Frankreich-Legionärin in einem Interview. Als Jugendlicher wurde Brian drogensüchtig, kriminell und kämpft bis heute mit seinen Dämonen: „Ich habe jeden Tag Angst um ihn.“

In gemischten Mannschaften starten Rachael und Megan ihre Karrieren, bald spielen sie in der Meisterschaft von Sacramento und stecken ältere Burschen in die Tasche. Da es weit und breit kein reines Mädchenteam gibt, gründen die Rapinoes eine eigene Mannschaft: Mavericks United, gecoacht von Vater Jim, während sich Mutter Denise um das Organisatorische kümmert. Die junge Megan liebt zwar Fußball, zeigt aber auch für andere Sportarten Interesse. Auf der High School spielt sie zunächst Basketball und schwimmt, Leichtathletik hat sie schon früher betrieben. Doch der Trainer von Elk Grove United sieht sie bei einem Match und überzeugt sie für sein Team zu kicken. Er lobt ihr kreatives und unvorhersehbares Spiel: Sie führe Spielzüge aus, die nur sehr wenige 15- oder 16-jährige Spielerinnen beherrschen.

Megan und ihre Schwester sind so gut, dass sich sämtliche Uni-Mannschaften um sie reißen: Stanford, die UCLA, etc. Doch kaum ein Team will beide Spielerinnen zusammen verpflichten, sodass sich die Rapinoe-Schwestern schließlich für die University of Portland entscheiden, die beiden einen Platz anbietet. Das Schicksal will, dass sich ihre Wege tragischerweise trotzdem trennen: Megan wird mit der amerikanischen U-19 WM-Dritte, schießt die Portland Pilots zur Meisterschaft und wird mit Einzelauszeichnungen überschüttet, während Rachael wegen gesundheitlicher Probleme immer weniger spielt. Sie wird den Fußball später ganz aufgeben müssen.

In Portland ist Megans Torquote mit 25 Treffern in 38 Spielen gewaltig. Es scheint, als könne sie nichts aufhalten. Mit 20 Jahren wird sie in die A-Nationalmannschaft einberufen – ein Traum, der wahr wird. Ihre Lieblingsspielerin Kristine Lilly, deren Poster einst Megans Zimmerwand in Redding schmückte, wird zu ihrer Mentorin. Die steile Karriere der Flügelspielerin wird jedoch erstmals von Verletzungen unterbrochen. Rapinoe behauptet jedoch, die Rekonvaleszenz habe sie geerdet und letztendlich mental und physisch stärker gemacht. Die Offensivspielerin kann sich gut anpassen: Da sie durch mehrere Verletzungen am Kreuzband an Schnelligkeit eingebüßt hat, ist sie heute gezwungen sich besser zu platzieren, was ihr meist gut gelingt. Diese Adaptionsfähigkeit ist eines der Geheimnisse ihres Erfolges.

2009 schlägt Megan ein Angebot der Uni aus noch ein Jahr länger zu bleiben und startet ihre Profikarriere bei Chicago Red Stars in der frisch gegründeten Frauenliga. Zunächst kann sie nicht richtig Fuß fassen, spielt anschließend für Philadelphia Independence, magicJack und den Sydney FC. Sie ist noch lange kein Superstar und nicht immer die Beste am Platz, aber schon im Anfangsstadium ihrer Karriere zeigt sich, dass die Amerikanerin einfach das gewisse Etwas mitbringt: „Sie spielte sehr europäisch. Überhaupt hatte sie schon damals eine unfassbare Ausstrahlung und den Charme eines Rockstars.“

Heute ist die Ballon d’Or-Siegerin von 2019 für ihre „schlaue Art“ zu spielen bekannt. Sie verfügt über eine hervorragende Schuss- und Passtechnik und ist die einzige Spielerin (Männer sind mitgemeint!), die im Olympischen Fußballturnier einen Eckball direkt verwertet hat. Ach ja, sie hat das zweimal getan. Sie antizipiert großartig, hat viel Übersicht und schießt nebenbei noch jede Menge Tore. Neben ihren Talenten, ist Rapinoe – typisch amerikanisch – sehr aktiv und lauffreudig. Nach und nach entpuppt sie sich als Leadertyp, nichts scheint sie aufzuhalten.

Ab 2011 schwebt Pinoe, wie sie auch gerufen wird, in der Nationalmannschaft von Erfolg zu Erfolg: Bei der Weltmeisterschaft diesen Jahres kommt sie im Gruppenspiel gegen Kolumbien kurz nach der Pause aufs Feld und schießt – beinahe mit der ersten Aktion – nach einem Zuckerpass von Cheney das Tor zum 2:0. Die Stürmerin feiert ihren Treffer, indem sie Bruce Springsteens „Born in the USA“ ins Stadionmikrofon anstimmt. Erst im Endspiel müssen sich die Amerikanerinnen Japan geschlagen geben. Ein Jahr später werden sie aber im dramatischen Finale von London mit einem 4:3-Sieg über Kanada Olympiasiegerinnen. Megan schießt in diesem Spiel zwei Tore. Sportlich gesehen ist sie ganz oben, in den Siegerinterviews spricht sie ein Thema an, das mit ihrer Leistung nichts zu tun haben scheint, aber alles damit zu tun hat: „Ich denke, durch das Coming-Out ist eine schwere Last von mir abgefallen, denn ich spiele nun besser als zuvor. Außerdem habe ich großen Spaß und fühle mich super“, stellt die Angreiferin fest. Ihre damalige Freundin ist ihre Ex-Mitspielerin, die Australierin Sarah Walsh.

Der Präsident, den ich hasse

Nach den Olympischen Spielen 2012 ist die gebürtige Kalifornierin eine kleine Berühmtheit in den USA. Mit Olympique Lyon klopft die europäische Klubfußballwelt an: Rapinoe will in der Hauptstadt der französischen Küche die Champions League erobern. Sie unterschreibt für sechs Monate, doch es läuft nicht optimal. Im Finale 2013 wird sie in der Halbzeitpause ausgewechselt, OL verliert und scheidet in der nächsten CL-Saison schon im Achtelfinale aus. Megan geht zu Seattle, wo sie bis heute spielt.

2015 wird sie an ihrem 30. Geburtstag Weltmeisterin: Nach einem 5:2-Sieg gegen Japan hat Rapinoe ihr großes Ziel erreicht. Anschließend empfängt Präsident Obama die Soccer Girls, das Team wird ins Fernsehen eingeladen. Vier Jahre später verteidigen die Fußballfrauen ihren Titel, Rapinoe, die als Spielführerin aufläuft, ist die älteste Spielerin, der in einem WM-Finale ein Tor gelingt, außerdem wird sie „Player of the Match“, beste Spielerin des Turniers und teilt sich mit ihrer Teamkollegin Alex Morgan und der Engländerin Ellen White den „Golden Boot“.

Schon vor dem Turniersieg hat sich Rapinoe auch außerhalb ihrer sportlichen Qualitäten positioniert: „I’m not going to the fucking White House!“ Auf die Frage, ob sie einer Einladung von Obamas Nachfolger Trump Folge leisten würde, antwortet sie „Nein, das würde ich nicht und jede Mitspielerin, mit der ich gesprochen habe, würde auch nicht gehen. Niemand im Team hat Interesse daran, die Plattform, an der wir so hart gearbeitet haben, und die Dinge, für die wir kämpfen, oder wie wir unser Leben leben, von dieser Regierung besetzen oder korrumpieren zu lassen.“ Zündstoff bekommen diese Aussagen auch noch, als bekannt wird, dass Rapinoe und vier ihrer Teamkameradinnen den US-Verband wegen Lohndiskriminierung verklagen: Sie verdienen rund 60% weniger als ihre männlichen Kollegen. Letztendlich verlieren sie den Prozess, setzen aber ein einmaliges Zeichen.

Trump schießt auf Twitter scharf gegen die Fußballerin. Der ist es egal, sie wird ihn später einen „Idioten, der sie unterhält“ nennen. Es ist schließlich nicht das erste Mal, dass sich Rapinoe außerhalb der ihr zugeschrieben Rolle verhält: So ist sie die erste Sportlerin, die sich – solidarisch zu NFL-Profi Colin Kaepernick – aus Protest gegen Polizeigewalt im September 2016 bei der Nationalhymne hinkniet. Sie stellt klar „Fußball hat mir so viel gegeben, dass ich mich jetzt dafür einsetzen muss, damit es andere auch schaffen, unabhängig von Geschlecht, Hautfarbe oder Herkunft.“ Sich für andere stark zu machen, ist für sie so selbstverständlich wie Passen und Tore schießen. Daran lässt auch ihre Rede, nachdem sie von der FIFA zur besten Spielerin des Jahres 2019 gewählt wurde, keinen Zweifel. Während ihr männliches Pendant an diesem Abend, Lionel Messi, seiner Familie und seinen Teamkameraden dankt, lobt Rapinoe das Verhalten der Fußballprofis Sterling und Koulibaly im Kampf gegen Rassismus. Außerdem erwähnt sie die Iranerin Sahar Khodayari, die sich aus Angst vor einem drohenden Gerichtsverfahren wegen eines Stadionbesuches umbrachte, und widmet ihren Preis schließlich Collin Martin, dem einzigen offen schwulen MLS-Profi. Mit den Worten: „Wenn alle Homophobie, ungleiche Löhne und die fehlenden oder mangelnden Investitionen in den Frauenfußball als skandalös empfinden würden, dann wäre das meine größte Errungenschaft“, schließt sie ihre Ansprache.

Schon klar, Rapinoe ist Sportlerin, Werbeträgerin und Trendsetterin; sie ist keine Heilige. Ihr Instagram-Account ähnelt mit seinen Werbefotos, Bildern im Teamdress oder in schönen Hotelbadewannen, dem vieler ihrer männlichen Kollegen. Sie hat teure Sponsoren, liebt ihre Rolex und lässt sich gemeinsam mit ihrer Verlobten Sue Bird ohne Hüllen für ein Magazin ablichten. Doch sie steht auch für eine neue, offene Gesellschaft. Die Stürmerin hält mit ihrer Meinung nicht hinterm Berg, versucht sie für Benachteiligte einzusetzen und dies mit einem Leistungssportkontext zu verbinden. Schon als 14-jährige träumte sie davon, ihre Nationalfarben bei einer Olympiade oder Weltmeisterschaft zu vertreten, es ist ihr gelungen, ohne ihre Überzeugungen aufzugeben. Rapinoe zeigt dem konservativen Amerika den Mittelfinger, lächelt aber dabei und sieht sich keinesfalls als „Outsider“. „Stars & Stripes“ und die Regenbogenflagge gehören bei ihr zusammen. Sie ist Bereiterin eines Weges, den sie selbst noch lange nicht zu Ende gegangen ist.

Marie Samstag, abseits.at

Marie Samstag