Zwei Monate nachdem Mario Götze zum FC Bayern München wechselte besetzte Borussia Dortmund dessen Kaderplatz nach. Für über 20 Millionen Euro Ablöse holte der... Borussia Dortmund holt Mkhitaryan: Wie gut passt der Neue zum Spiel des BVB?

Borussia DortmundZwei Monate nachdem Mario Götze zum FC Bayern München wechselte besetzte Borussia Dortmund dessen Kaderplatz nach. Für über 20 Millionen Euro Ablöse holte der achtfache deutsche Meister Henrikh Mkhitaryan von Shakhtar Donetsk. Der Armenier erzielte in der abgelaufenen Saison in der ukrainischen Liga in 29 Spielen 25 Tore, was ihn in den Augen vieler zu einem ausgezeichneten Transfer macht. Doch wie gut passt Mkhitaryan wirklich zum Spiel des BVB? abseits.at zeigt die Potenziale und Probleme dieses Wechsels auf.

Gerüchte um einen Transfer des Spielers mit dem unaussprechlichen Namen gab es zwar schon länger, dennoch sah es lange danach aus, als würde Borussia Dortmund andere Spieler präferieren. Wäre es nach den Medien gegangen hätte Ajax-Talent Christian Eriksen schon vor Wochen unterschrieben. Bei den Verantwortlichen stand dem Vernehmen nach Kevin De Bruyne hoch im Kurs. Dennoch wäre es falsch Mkhitaryan als kurzfristige Notfalllösung zu bezeichnen, denn wer die BVB-Verantwortlichen kennt, der weiß, dass Schnellschüsse keinesfalls ihr Ding sind.

Eine gefährliche Waffe im Konterspiel

Bei Shakhtar agierte Mkhitaryan im zentralen offensiven Mittelfeld einer 4-2-3-1-Grundordnung. Die große Stärke des ukrainischen Meisters war sein Umschaltspiel. So erzielte in der Gruppenphase der abgelaufenen Champions-League-Saison keine Mannschaft mehr Kontertore als die Orange-Schwarzen aus der ukrainischen Industriestadt. Neben den brasilianischen Legionären stach dabei vor allem Mkhitaryan heraus. Dank seines unglaublich explosiven Antritts kam er schnell hinter die Abwehr, wohin er von seinen Mitspieler geschickt wurde. Aber auch aus dem normalen Aufbauspiel heraus ging er diese vertikalen Wege. Dieses Muster findet man dementsprechend bei vielen seiner 25 Tore wieder.

Auch Borussia Dortmunds Stärke ist bekanntlich das schnelle Umschaltspiel. Aufgrund der Erfolge in den letzten Jahren verlagerte sich der Schwerpunkt vom klassischen Konterspiel jedoch dahingehend, dass die Schwarz-Gelben in erster Linie nach Balleroberungen im Gegenpressing gefährlich werden. In der Champions League gehören sie allerdings noch nicht zu den dominierenden Kräfte, was ihrer Spielanlage bzw. ihrem ungeheuer starkem Pressing aber entgegenkommt. Im Gegensatz zur Bundesliga sind sie nicht darauf angewiesen das Spiel zu machen, was insbesondere die spielgestalterischen Anforderungen an den Zehner herunterschraubt.

Insofern sollte dem umschaltstarken Mkhitaryan in dieser Hinsicht die Eingliederung leichtfallen. Zusammen mit den ebenfalls schnellen Marco Reus, Robert Lewandowski, Jakub Blaszczykowski oder auch Pierre-Emerick Aubameyang könnte der BVB in der Königsklasse an die konterreiche Meistersaison 2010/2011 erinnern.

Raumfüller statt Spielgestalter

Das zweite Muster, das aus den Toren Mkhitaryans herausgelesen werden kann ist, dass er viele Tore nach einfachen Querpässen aus dem Rückraum erzielte. Zwar kam er in der abgelaufenen Saison auch auf zehn Assists, dennoch zeigt die erwähnte Tatsache, dass er bei seinen Abschlüssen zu einem Gutteil von seinen Mitspielern abhängig ist. Ähnlich wie etwa Thomas Müller hat Mkhitaryan seine Stärken darin, freie Räume zu besetzen beziehungsweise solche für seine Mitspieler aufzureißen. Aus taktischer Sicht eine durchaus wichtige Eigenschaft, jedoch bringt dies auch Probleme mit sich.

Die spielerischen Akzente werden beim BVB aus dem Zentrum heraus gesetzt – um den Strafraum herum naturgemäß vom Zehner. Egal ob Götze oder dessen Vorgänger Shinji Kagawa – in der zuletzt so erfolgreichen Zeit besetzten stets kleine dynamische Spieler die Zehnerposition, die am Ball immer wieder für Überraschungsmomente gut waren. Sie setzten die freigelaufenen Spieler ein oder zogen mit Dribblings selbst an der Viererkette vorbei, anstatt mit Steilpässe dahinter geschickt zu werden. Bei Mkhitaryan fehlt diese Eigenschaft.

Dies soll allerdings keinesfalls implizieren, dass der Armenier nicht mit dem Ball umzugehen weiß. Gerade wenn er mit Tempo auf seinen Gegenspieler zuläuft ist er nur schwer vom Spielgerät zu trennen und hält das Tempo somit hoch. Seine Dribblings sind weniger spektakulär als effektiv. Jedoch hat man nicht das Gefühl, dass er sich leichtfüßig aus der Enge befreien kann, vielmehr versucht er es über Kombinationen mit Mitspielern um dann seine Schnelligkeit ausspielen zu können.

Ähnliche Probleme wie mit Reus?

Aufgrund dessen ist Mkhitaryan von den Spielern, die unter Jürgen Klopp als Zehner agierten, am meisten mit Reus zu vergleichen. Auch der DFB-Internationale besticht durch seine Schnelligkeit. Im eins-gegen-eins greift er in erster Linie zu einem einfachen Haken; allerdings derart perfekt gesetzt, dass er den Gegenspieler stets im Moment der Imbalance erwischt. Bei Borussia Mönchengladbach, das damals ebenfalls eine überaus gefährliche Kontermannschaft war, brillierte er als hänge Spitze in Lucien Favres 4-4-2 – einer vergleichbaren Position zur zentral-offensiven eines 4-2-3-1.

Auch zu Beginn der letzten Saison wurde Reus von Klopp als Zehner aufgeboten, jedoch gingen von ihm kaum spielerische Impulse aus. Deshalb wurde er – neben der Tatsache, dass Götze sich von seiner Verletzung erholte – anschließend auf den Flügel gezogen, wo er übrigens auch im DFB-Team gesetzt ist. Dort hatte er mehr Platz und konnte mit Tempo aufs Tor ziehen oder per Hereingabe seine Mitspieler einsetzen. Während er im Zentrum keine einzige Torvorlage verbuchen konnte, waren es am Flügel acht. Dorthin zieht es Mkhitaryan aber eher selten.

 

Wie die obige Grafik zeigt, bereitete der Neo-Borusse in der abgelaufenen Champions-League-Saison Torchancen ausschließlich aus zentralen Positionen und im Strafraum vor. Im Vergleich dazu ist daneben die Verteilung der Key Passes von Götze zu sehen. Der Deutsche agierte viel variabler, kam über die Seiten und besetzte den Zehnerraum konsequenter. Wie man sieht passt auch in dieser Hinsicht der vielzitierte Terminus „Götze-Nachfolger“ kaum.

Neue Spielanlage oder muss sich Mkhitaryan anpassen?

Mit einer einfachen Umstellung – Götze zentral rein, Reus auf den Flügel – konnte Klopp letzte Saison auf ein bereits funktionierendes System umstellen. Im Gegensatz dazu kann der BVB-Coach – gemäß der Annahme, dass kein neuer Spieler für die relevante Position mehr kommt – heuer nur schwer auf einen derartigen Notfallplan zurückgreifen. Man könnte sich überlegen – wie am Ende der letzten Saison – Ilkay Gündogan nach vorne zu ziehen bzw. auf eine 4-3-3-Grundformation umzustellen, dann sähe man sich jedoch womöglich mit Transferflop-Schmähungen konfrontiert.

Es stellt sich daher die Frage, ob man generell einen Schnitt in der Spielanalage vollzieht oder Mkhitaryan die Zeit gibt, sich in eine neue Rolle einzugewöhnen. Risiken gibt es bei beiden Varianten. So könnte eine Philosophieänderung in einem schlechten Saisonstart bzw. in einem Abrutschen in der Tabelle münden, was wiederum enormen Mediendruck zur Folge hätte. Auf der anderen Seite ist Mkhitaryan immerhin schon 24 Jahre alt, hat gewisse Abläufe schon automatisiert und eine Umgewöhnung könnte selbst nach längerer Zeit scheitern.

Alexander Semeliker, abseits.at

Alexander Semeliker

@axlsem

  • vd

    13.Juli.2013 #1 Author

    Selten hab ich einen Artikel gelesen, der so konträr zu meiner eigenen Meinung steht.
    Ich interpretiere die Grafiken eher als positionelle Freiheiten für Götze und taktische Zwänge für Mchitarjan, um die Außenräume für die superschnellen Brasilianer nicht zuzumachen.

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