In dieser Serie gehen wir auf einzelne Weltklassetalente ein, die auf dem Sprung standen – und ihn nicht schafften. Zumeist waren es persönliche Tragödien,... Der verlorene Weltklassespieler (12) – Matthew Le Tissier

SpielszeneIn dieser Serie gehen wir auf einzelne Weltklassetalente ein, die auf dem Sprung standen – und ihn nicht schafften. Zumeist waren es persönliche Tragödien, Verletzungen oder einfach die Umstände ihrer Karriere: zur falschen Zeit am falschen Ort kann manchmal schmerzhaft wahr sein.

Wir lassen die Karrieren dieser Akteure Revue passieren, spekulieren über die mögliche Auswirkung ihres fehlenden Durchbruchs in der Geschichte des Fußballs und ein kleines „was wäre, wenn…?“ darf natürlich auch nicht fehlen. Immerhin besitzt für solche Spieler nahezu jeder Fußballfan noch eine schöne Erinnerung und jene fragende Wehmut, welche Erinnerungen man nicht alles verpasst hat.

In diesem Teil widmen wir uns …

Matthew Le Tissier

Englands Fußballer werden immer wieder von den eigenen Fans und den Medien kritisiert. Ihnen fehlt es an Übersicht, Kreativität und Technik – zu sehr ist der englische Fußballer auf Kraft und Dynamik getrimmt, zu wenig auf Eleganz, Technik und Spielintelligenz. Doch im gleichen Moment, in welchem sie ihre eigene Nationalmannschaft und ihre Spieler kritisieren, sowie den spanischen und nun den deutschen Fußball loben, werden für Spieler wie Andy Carroll Unsummen bezahlt.

Ein so herausragender Spieler wie Paul Scholes spielte nur 66 Länderspiele für England, viele davon auf unpassenden Positionen wie dem linken Flügel. Mit nur 30 Jahren beendete er seine Nationalmannschaftskarriere. Auch andere große englische Fußballer wurden oftmals nicht genug anerkannt oder kaum wertgeschätzt. Einer davon war Matt Le Tissier.

In der Jugend schon im Probetraining gescheitert

Le Tissier ist auf Guernsey geboren – einer Insel, die nicht zu England oder dem United Kingdom gehört, sondern direkt der britischen Krone unterstellt ist. Als solcher hätte er theoretisch auch die Wahl gehabt, beispielsweise für Schottland oder Wales aufzulaufen. Er sollte sich später für England entscheiden – doch als Spieler bei Port Vale auf der kleinen Insel Guernsey schien diese Vorstellung lange Zeit absurd zu sein.

Mit 14 Jahren scheiterte er im Probetraining bei Oxford. Erst zwei Jahre später sollte er Guernsey verlassen, zu jener Zeit hatte er seine Schule beendet und einen Ferialjob gefunden, um sich sein erstes Geld zu verdienen. Für Oxford war er wohl zu langsam, zu schmächtig und zu lauffaul, um überhaupt die Chance zu erhalten, sich in der Jugend zu beweisen.

Erst mit 16 Jahren unterschrieb er dann bei Southampton seinen ersten Vertrag und wurde schon etwas mehr als ein Jahr später zum Bestandteil der ersten Mannschaft. Southampton sollte seine einzige Station in seiner gesamten Profikarriere sein, 16 Jahre blieb er ihnen treu und erntete auch deswegen den Spitznamen „Le God“.

Southamptons einziger Star

Bis heute gilt er vielerorts als das Idealbild des Stars eines kleinen Vereins. Einige gute Angebote, unter anderem von Tottenham im Jahre 1990, lehnte er ab. 1990 wurde er gar zum besten Jungspieler der englischen Liga gewählt. Doch Le Tissier blieb dem kleinen Southampton seine ganze Karriere treu. Er konnte deswegen nie einen Titel gewinnen und fristete eine Karriere im Schattendasein von so großen Spielern wie Alan Shearer, Ryan Giggs oder Eric Cantona, die in den 90ern in der Premier League wirbelten.

Le Tissier begnügte sich Zeit seiner Karriere damit, dass er Southampton phasenweise alleine vom Abstiegskampf fernhalten und mehrmals den Nichtabstieg knapp sichern konnte. So erzielte er in den drei Saisonen von 1992 bis 1995 alleine schon insgesamt 60 Tore. Später sollte er der erste Mittelfeldspieler sein, der 100 Tore in der Premier League erzielen sollte. Viele davon wurden zum Tor des Monats gewählt.

Für die Nationalmannschaft bestritt er trotz Forderung der Fans nur wenige Spiele. Insgesamt sollten es acht Spiele sein, in denen ihm kein Tor gelang. Zur WM 1998 wurde er nicht nominiert und es sollte ein kleiner Treppenwitz sein, dass England ausgerechnet im Elfmeterschießen ausschied: Le Tissier galt als herausragender Elfmeterschütze, 47 seiner 161 Tore sollte er vom Punkt aus erzielen, nur ein einziges Mal verschoss er.

Matt Le Tissier war aber nicht nur vom Punkt ein Genie, sondern generell auf dem Fußballplatz. Fast schon ohne Anstrengung erzielte er Tore aus sämtlichen Positionen. Er verwandelte Freistöße auf unnachahmliche Weise, schoss ansatzlos aus 25 Metern Traumtore, oder dribbelte einfach die gegnerische Abwehr alleine aus.

Obwohl es ihm an Athletik, Ausdauer, Lauffreude und Schnelligkeit mangelte, konnte er im Laufe eines Spiels viele Gegenspieler fast mühelos stehen lassen. Der Spielgestalter des FC Barcelona, Welt- und Europameister Xavi Hernandez, gab ihn sogar als eines seiner Vorbilder an:

„The man I absolutely loved watching as a kid was Matt Le Tissier after seeing the highlights of his extraordinary goals. His talent was out of the norm. He could dribble past seven or eight players but without speed – he just walked past them. For me he was sensational.“ – Xavi

Le Tissier war einer jener Zehner, die im klassischen englischen 4-4-2 keinen wirklichen Platz haben. Als hängender zweiter Stürmer fehlte es ihm natürlich an der nötigen Athletik und Durchschlagskraft. Für die Position des Sechsers war er zu defensivschwach beziehungsweise zu lethargisch im defensiven Umschaltspiel.

Natürlich war er ein herausragender Akteur und ist zu Unrecht unterbewertet. Dennoch hatte er selbst auch einen nicht unerheblichen Anteil an dieser Einschätzung, denn Le Tissier schien gar nicht mehr zu wollen, als der Star von Southampton zu sein. Er blieb nicht nur aus Loyalität bei Southampton, sondern hatte keinen wirklichen Ehrgeiz an größeren Aufgaben, wie er Jahre später in Interviews andeuten sollte.

Also eine klassische Zehn, wie sie im Buche steht. Hätte er einer der dominierenden Spieler der 90er werden können? Wer weiß – man wird es leider nie herausfinden. Eine kleine Schande eigentlich. Seine Tore und Vorlagen bleiben dennoch für die Ewigkeit.

Rene Maric, www.abseits.at

Rene Maric