Die Tottenham Hotspurs stehen sowohl sportlich als auch das Umfeld betreffend am Scheideweg. Liverpool dagegen, das sich unter dem neuen, alten Manager Kenny Dalglish... Premier League Vorschau: Tottenham und Liverpool – was geht 2011/12?

Die Tottenham Hotspurs stehen sowohl sportlich als auch das Umfeld betreffend am Scheideweg. Liverpool dagegen, das sich unter dem neuen, alten Manager Kenny Dalglish im Frühjahr 2011 wieder erstarkt zeigte, wird in der kommenden Saison eher oben mitmischen. Realistisch betrachtet dürfte es Ziel der neuen Eigentümer und des Teams sein, den 4. Platz zu erobern, der für die Teilnahme an der Champions League-Qualifikation berechtigt.

TOTTENHAM HOTSPUR FC

Die Tottenham Hotspur stehen nach einer relativ erfolgreichen Saison, wenn man den Kontext beachtet, vor einer sehr wichtigen Transferperiode. Das Interesse von Chelsea und Manchester United am Mittelfeld-Strategen Luka Modric ist verbürgt, wobei Chelsea bereits ein Angebot über £22m abgegeben hat, das von Chairman Daniel Levy prompt zurückgewiesen wurde. Die Geschäftszahlen des Klubs können sich durch das Geld aus der Champions League sehen lassen. Die Teilnahme an der Königsklasse führte allerdings auch dazu, dass die besten Spieler der Spurs – Modric, Bale, Van der Vaart – wohl nicht allzu lange auf Fußball auf allerhöchstem europäischem Niveau verzichten möchten. Will Tottenham auch in den kommenden Saisonen konkurrenzfähig bleiben, müssen Mittel und Wege gefunden werden, um das durchschnittliche Lohnniveau im Klub zu heben, um einerseits die Stars halten, andererseits entsprechende Verstärkungen an Land ziehen zu können. Genaue aktuelle Zahlen zu den Gehaltsaufwendungen des Klubs gibt es nicht, allerdings soll keiner der Spieler mehr als £70,000 in der Woche verdienen. Essentiell, speziell aufgrund der Einführung des FFP (Financial Fair Play), wird sein, dass Tottenham die Stadionfrage mittelfristig lösen kann. Die Pläne für den Ausbau der White Hart Lane auf rund 60.000 Plätze liegen fertig in der Schublade, würden aber etwa eine halbe Milliarde Pfund verschlingen. Ein Umzug in das Olympiastadion nach der Sommerolympiade zerschlug sich vor wenigen Monaten. Nur mit einem neuen Stadion könnten die Spurs ausreichend Kapital generieren, um langfristig mit den vier finanziell potenten Vereinen an der Spitze konkurrieren zu können.

Der Kader wird im Sommer wohl umgebaut werden. Der Ire Jamie O’Hara hat den Verein bereits in Richtung Wolverhampton verlassen, wohin er vergangene Saison verliehen war. Als weitere Abgangskandidaten gelten Jermaine Jenas, der im zentralen Mittelfeld nur mehr vierte Wahl ist, sowie David Bentley, der sich bei den Spurs nie wirklich durchsetzen konnte. Der Verbleib des ehemaligen Kapitäns Robbie Keane sowie des kroatischen Spielmachers Niko Kranjcar ist ebenfalls noch nicht fixiert. Keane war im vergangenen Halbjahr an den Stadtrivalen West Ham United verliehen, Kranjcar kam in der Liga überhaupt nur 13 Mal zum Einsatz und absolvierte dabei lediglich 381 Spielminuten.

Während im Mittelfeld mit Steven Pienaar bereits in der Winterpause ’nachgerüstet‘ wurde, müssen die Problemzonen in der Verteidigung sowie im Sturmzentrum erst bearbeitet werden. Die Außenverteidiger Benoît Assou-Ekotto und Vedran Corluka sowie der 21 Jahre alte Engländer Kyle Walker verfügen über gutes Niveau, allerdings steht über Kapitän und Innenverteidiger Ledley King wie zu Beginn jeder Saison ein Fragezeichen, da die Liste seiner Verletzungen in den vergangenen Jahren immer länger geworden ist. Nicht auszuschließen ist deshalb, dass sich Redknapp um einen weiteren Innenverteidiger umsieht, der über die notwendige Klasse im Kampf um die Champions League-Plätze verfügt. Einstweilen stehen mit William Gallas, Michael Dawson und Younes Kaboul sowie Sébastien Bassong vier Optionen zur Verfügung, wo-bei Kaboul auch als Rechtsverteidiger zum Einsatz kommt.

Im Angriff gibt es um alle vier Stürmer – Rafael Van der Vaart ausgenommen – Abwanderungsgerüchte. Während Jermain Defoe wohl bleiben wird, wäre ein Abgang von Roman Pavlyuchenko nicht überraschend. Der Einkauf eines exzellenten Stürmers, der direkt vor dem Niederländer Van der Vaart agieren kann, ist in jedem Fall notwendig, möchte Tottenham die Champions League abermals erreichen. Schon im Wintertransferfenster wurde versucht, u.a. Giuseppe Rossi aus Spanien von Villareal CF zu verpflichten, wobei ein Spielertyp wie der Kolumbianer Radamel Falcao vom FC Porto besser in das System von Redknapp passen würde.
Frühe Prognose: Tottenham wird mit dem Titel nichts zu tun haben, da die Lücke zu den Spitzenteams einfach zu groß ist, um sie in einer Transferperiode schließen zu können. Wie bereits erklärt müssen deshalb Schritte in punkto Infrastruktur geschehen, deren Umsetzung Zeit benötigt. Schafft es Levy, Modric beim Klub zu halten und gleich-zeitig in Kooperation mit Harry Redknapp einen sehr guten Angreifer zu verpflichten, ist die Wiederholung des 5. Platzes realistisch. Für eine bessere Platzierung fehlt vor allem im Tor, wo der Brasilianer Heurelho Gomes immer mal wieder für einen Aussetzer gut ist, die notwendige Qualität.

In: Brad Friedel (ablösefrei, Aston Villa FC)
Out: Jonathan Woodgate (freigegeben), Jamie O’Hara (£5m, Wolverhampton Wanderers)

LIVERPOOL FC

Der FC Liverpool hat eine durchwachsene Saison hinter sich, die letztendlich auf Platz 6 endete, womit der Klub 2012/13 nicht im Europacup vertreten sein wird. Grund für Zuversicht gibt es dennoch: Nach der Übernahme des Klubs durch die New England Sports Ventures (NESV) vergangenen Oktober wurde Kop-Legende Kenny Dalglish als neuer Manager und Nachfolger von Roy Hodgson installiert, für den die Aufgabe beim englischen Topklub wohl eine Nummer zu groß war.

Dalglish ging bereits im Wintertransferfenster (wenn auch gezwungenermaßen) daran, den Kader umzukrempeln. Der Abgang von Fernando Torres zum Chelsea FC (£50m Ablöse) erforderte schnelles Handeln, weshalb der Transfer von Andy Carroll von Newcastle an die Merseyside mit £35m exorbitant teuer ausfiel. Ebenfalls am letzten Tag des Jänner-Transferfensters wurde der Uruguayer Luis Suárez von Ajax Amsterdam verpflichtet, dessen Dienste den Klub £22,7m kosteten. Dalglish setzte in weiterer Folge vermehrt auf junge Akteure wie die Außenverteidiger Martin Kelly und John Flanagan sowie die Mittelfeldkräfte Jonjo Shelvey und Jay Spearing, was sich bezahlt machen sollte: Liverpool konnte die Rückrunde auf Platz 3 beenden und Dalglish erhielt einen Vertrag bis 30.06.2014.

Die kommende Transferperiode werden der Schotte und Sportdirektor Damien Comolli dazu nützen, um den Kaderumbau voranzutreiben. Notwendige Neuverpflichtungen müssen auf den Außenverteidiger- und Flügelpositionen im Mittelfeld sowie in der Innenverteidigung getätigt werden. In der Innenverteidigung verfügt Dalglish zwar mit Martin Skrtel (der alle 38 Premier League-Spiele in der abgelaufenen Spielzeit absolviert hat) und Daniel Agger über zwei Spieler mit Klassepotential, der Däne ist allerdings sehr verletzungsanfällig. Jamie Carragher hat seinen Zenit überschritten, bleibt aber mit seiner Routine ebenso eine Option wie der ehemalige Deutschland-Legionär Sotirios Kyrgiakos.

Im Rahmen des Kaderumbaus werden einige Akteure, die dem Klub nicht mehr weiterhelfen können, zwangsläufig gehen müssen. Abgangskandidaten sind der Däne Christian Poulsen, dessen Verpflichtung bereits umstritten war, Linksverteidiger Paul Konchesky, dem nahegelegt wurde, sich einen neuen Klub zu suchen, der Argentinier Maxi Rodríguez, der in seine Heimat zurückkehren könnte, sowie Milan Jovanovic und Stürmer David N’Gog, an dem Sunderland interessiert ist. Kaum denkbar ist zudem ein Verbleib des Schweizers Philipp Degen, der sich in Liverpool nicht durchsetzen konnte und zuletzt an den VfB Stuttgart verliehen war.

Der Klub hat mit Jordan Henderson von Sunderland schon im Juni eine Neuverpflichtung getätigt, wobei sich die Ablösesumme auf etwa £20m beläuft. Henderson ist ein technisch guter Akteur mit akzeptablem Passspiel, der dem Mittelfeld von Liverpool Impulse verleihen wird. Er kam bei Sunderland sowohl zentral als auch am rechten Flügel zum Einsatz, was aufgrund der Kaderdichte Liverpools im zentralen Mittelfeld sicherlich auch eine Option sein wird. Die Zukunft des Italieners Alberto Aquilani, der während seines Leihjahres bei Juventus in Italien Stammspieler war, ist unklar. Kenny Dalglish hat nicht ausgeschlossen, dass er für den Italiener Verwendung finden wird. Die Konkurrenz im Mittelfeld der ‚Reds‘ wird mit Steven Gerrard, Lucas Leiva, Jay Spearing und Jonjo Shelvey, der verliehen werden könnte, nicht gering sein. Ein Fragezeichen steht über den Verbleib von Raul Meireles, der mit Juventus in Verbindung gebracht wird. Meireles würde im Gegensatz zu einigen anderen Akteuren eine ansprechende Ablösesumme in die Kasse des Klubs spülen, die wieder für Neu-verpflichtungen verwendet werden könnte. Dennoch wäre ein Abgang des portugiesischen Strategen bitter, da er sich sehr schnell in der Premier League akklimatisiert hatte und einer der wenigen Leistungsträger in der abgelaufenen Saison war.
Durch die Gerüchteküche kursieren etliche Namen, wobei zu bedenken ist, dass Liverpool kommende Saison nicht im Europacup vertreten sein wird. Aston Villa-Flügelspieler Stewart Downing erscheint ein realistisches Ziel zu sein, allerdings verlangt der Klub aus Birmingham etwa £15-20m, nachdem bereits Ashley Young die ‚Villains‘ gen Norden zu Manchester United verlassen hat. Der Deal soll nun kurz vor dem Abschluss stehen, wobei Liverpool bereit ist, etwa £15m für den trickreichen Linksfuß auszugeben. Als Innenverteidiger wird der in Liverpool geborene Scott Dann von Absteiger Birmingham City in Betracht gezogen, der mit seiner Robustheit und Kopfballstärke auch offensiv ein Gewinn sein könnte und zudem für rund £10m zu ha-ben wäre. Die Verhandlungen um Blackpool-Kapitän Charlie Adam ziehen sich etwas in die Länge, da sich die beiden Klubs noch nicht auf eine Transfersumme einigen konnten. Ein Wechsel in absehbarer Zeit ist jedoch sehr realistisch, die Transfersumme wird sich auf etwa £8-12m belaufen.
Frühe Prognose: Mit dem momentanen Kader wird sich Liverpool mit Tottenham den 5. Platz ausmachen. Jedoch können zwei bis drei sinnvolle Verstärkungen, die vor allem auf den seit längerem sträflich vernachlässigten Flügelpositionen erfolgen sollten, das Blatt schnell wenden und Liverpool zu einem Top-4-Kandidaten machen. Mit Suarez und Carroll hat Dalglish ein auf dem Papier gut harmonierendes Duo im Sturmzentrum, das den Vergleich mit der Konkurrenz nicht zu scheuen braucht. Die Probleme von Liverpool liegen eher auf den Außenpositionen, die aber nun offenbar neu besetzt werden. Geduld wird dennoch gefragt sein, denn in der Kaderbreite ist das Team nicht annähernd so gut aufgestellt wie die Konkurrenz, die in der letzten Saison die Plätze 1-4 belegt hat. Diesbezüglich wird es Dalglish und der Mannschaft entgegen kommen, nicht im Europacup vertreten zu sein, zudem sich das Interesse an der Europa League in England und der finanzielle Anreiz in überschaubaren Grenzen hält.

In: Jordan Henderson (£20m, Sunderland AFC), Alberto Aquilani (Juventus, Leihzeit beendet), Emiliano Insúa (Galatasaray, Leihzeit beendet), Philipp Degen (VfB Stuttgart, Leihzeit beendet)
Out:

Starostyak, abseits.at

Daniel Mandl Chefredakteur

Gründer von abseits.at und austriansoccerboard.at | Geboren 1984 in Wien | Liebt Fußball seit dem Kindesalter, lernte schon als "Gschropp" sämtliche Kicker und ihre Statistiken auswendig | Steht auf ausgefallene Reisen und lernt in seiner Freizeit neue Sprachen

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