Nach drei Jahren in der deutschen Bundesliga verlässt Marko Arnautovic den SV Werder Bremen und wechselt in die englische Premier League. Etwas mehr als... Weniger Kick and Rush, mehr Offensive: Das erwartet Marko Arnautovic bei Stoke City

Marko Arnautovic (ÖFB, SV Werder Bremen)Nach drei Jahren in der deutschen Bundesliga verlässt Marko Arnautovic den SV Werder Bremen und wechselt in die englische Premier League. Etwas mehr als zwei Millionen Euro überweist Stoke City auf das Konto der Norddeutschen. Doch was erwartet ihn auf der Insel? Wer sind seine Konkurrenten um einen Platz in der Stammelf? Und welche Rolle kann Arnautovic bei Stoke City spielen? abseits.at wagt einen Ausblick.

Die Potters (deutsch: Töpfer) – so der, an den entsprechenden Industriezweig der Stadt angelehnte Spitzname – standen jahrelang für das typische Klischee vom britischen Fußball. Unter Tony Pulis setzte man auf die verschriene Kick and Rush-Taktik wie keine andere Mannschaft in der Liga, spielte massenhaft lange Bälle, dominierte Foul- und Kartenstatistiken. Nach der letzten Saison, die der Verein aus den Midlands auf Platz 13 beendete, trennte man sich von Pulis und stellte Mark Hughes als neuen Manager vor.

„Evolution, not revolution“

In seiner ersten Pressekonferenz stellte Hughes klar, dass er seinen Job bei Stoke unter Motto „Evolution, not revolution“ bestreiten wolle. Damit wollte er die Erwartungshaltung bewusst senken, denn viele Medien und Journalisten erwarteten eine schnelle Umstellung, wenngleich auch aus dem Kaderumfeld immer wieder derartiges Feedback kam. „Es ist eine neue Arbeitsweise und eine neue Art zu denken“, sagte etwa Stürmer Cameron Jerome, der als kleinster Angreifer im Kader unter Pulis kaum Chancen in der Startelf bekam. „Zu hören, dass der Trainer einen offensiveren Fußball spielen lassen will, ist besser für die Stürmer“, so der 26-Jährige weiter. „Es sind aber nicht nur die Spieler, ich glaube auch der Betreuerstab ist glücklicher.

Verhältnismäßig ruhiges Transferfenster

Die „Evolution, not revolution“-Strategie konnte man zunächst auch auf dem Transfermarkt erkennen. Bis vor rund einer Woche standen erst zwei Neuzugänge fest, die aber gut zum eingeschlagenen Weg passten. Für kolportierte 3,6 Millionen Euro kam mit Erik Pieters ein neuer, technisch beschlagener Linksverteidiger, der für die neue Philosophie auch notwendig war.

Mit Marc Wilson bekleidete diese Position zuvor ein vollkommen anderer Spielertyp, von dem kaum Flanken und Torschussvorlagen kam – dafür umso mehr lange Bälle. Das gleiche Bild sah man im gesamten Spielaufbau, jedoch scheint Hughes dort den Umstieg mit den gegebenen Spielern durchziehen zu wollen – zu Recht, wie die nachstehende Grafik zeigt. Der Anteil an langen Bällen ging bei allen wichtigen Aufbauspielern zurück.

Sollte man wieder in alte Muster zurückfallen hat der Waliser mit Marc Muniesa jedoch einen hochveranlagten Innenverteidiger in der Hinterhand. Der 21-Jährige kam ablösefrei vom FC Barcelona und hat als langjähriger La Masia-Schüler selbstverständlich das Kurzpassspiel im Blut. In den letzten Tagen des Transferfensters legten die Potters aber auch in den offensiven Bereichen nach.

Neben Arnautovic kam mit Oussama Assaidi (ausgeliehen von Liverpool) ein weiterer Flügelspieler, sowie mit Stephen Ireland (leihweise von Aston Villa) ein Mann fürs zentrale Mittelfeld. Im Sturm musste man nichts Signifikantes ändern, denn die athletischen Stürmer – neben Cameron stehen noch Peter Crouch und Kenwyne Jones im Kader – eignen sich gut als Wandspieler um Kombinationen im Fluss zu halten.

Guter Saisonstart, dennoch Luft nach oben

Nach drei Spielen blickt Stoke auf einen durchaus guten Saisonstart zurück. Bei zwei Siegen und einer Niederlage rangiert der zweitälteste noch existierende Fußballklub der Welt auf Platz fünf. In den bisherigen Partien konnte man zudem bereits erkennen, dass bei den Potters ein Umdenken stattfand. In den letzten Jahren verzichteten sie bewusst auf hohe Ballbesitzzahlen – nur 2012/2013 gab es Teams, die weniger Ballbesitz als Stoke hatte -, griffen hauptsächlich zu langen Bällen, wodurch die Passqualität enorm litt. In den letzten vier Spielzeiten stellte man in der Kategorie „angekommene Pässe“ stets das Schlusslicht.

Bei aller Euphorie, die aufgrund dieser Tatsachen aufkommen könnte, besteht trotzdem noch Luft nach oben. So verhinderte beispielsweise Asmir Begovic – für manche einer besten Keeper der Liga – einige Gegentreffer, hielt sein Team in heiklen Situationen im Spiel. Überdies hinaus versäumte man es, gegen Liverpool am ersten Spieltag in der Nachspielzeit per Elfmeter bei 0:1-Rückstand auszugleichen. Aber auch das angestrebte Kurzpassspiel zog man nicht immer konsequent durch.

Am zweiten Spieltag gegen Crystal Palace zeigte man zunächst gute Ansätze, als man aber nach einer halben Stunde in Rückstand geriet, wurde das eigene Spiel wieder unkontrollierter, was die Statistik bestätigt. In den ersten 30 Minuten spielte Stoke fast gleichviele angekommene Kurzpässe wie in der Stunde nach dem 0:1. Zwar gewann man das Spiel letztlich mit 2:1, die beiden Treffer waren aber weniger herausgespielt, als erzwungen. In beiden Fällen war man im Strafraum nach zweiten Bällen schneller als der Gegner. Den 1:0-Siegtreffer gegen West Ham erzielte man per direkt verwandeltem Freistoß.

Die Konkurrenz: keine klassischen Winger

Angesichts der bisherigen Ausführungen macht die Verpflichtung von Arnautovic durchaus Sinn, zumal die beiden aktuellen Flügelspieler keine klassischen Winger sind. Auf der rechten Seite agiert mit Jonathan Walters ein Spieler, von dem einige österreichische Fußballfans wohl schon gehört haben. Wenn nicht wegen seines unglücklichen“ frameborder=“0″ allowfullscreen> Auftritts gegen Chelsea in der letzten Saison, als er zwei Eigentore fabrizierte und einen Elfmeter verschoss, dann wegen seiner Tätigkeit im irischen Nationalteam. In der aktuellen WM-Qualifikation traf er beim 2:2 gegen Österreich nämlich zweimal. Walters ist extrem bullig und lauffreudig, jedoch spielerisch und technisch keine große Nummer. Er sucht selten eins-gegen-eins-Situationen und schlägt kaum Flanken, dafür schießt er gerne aufs Tor.

Die dynamischere und technisch stärkere Option wäre Jermaine Penannt, der mit einer einjährigen Ausnahme seit 2010 für die Potters aufläuft. Allerdings fehlt es beim ehemaligen englischen Nachwuchsteamspieler an der nötigen Konstanz um sich nachhaltig durchzusetzen. In 60 Ligaspielen wurde er 15 Mal ein- und 32 Mal ausgewechselt, spielt aktuell hinter Walters nur die zweite Geige auf der rechten offensiven Außenbahn.

Auf der anderen Seite agiert mit Matthew Etherington ein vielseitigerer Spieler. Der 32-jährige Engländer schnürt seit 2009 seine Schuhe für Stoke und war in der Pulis-Ära einer der wenigen Kreativspieler in den Reihen der Rot-Weißen – wenngleich er nicht so spektakulär agiert wie etwa Arnautovic. Er ist vielmehr ein Balancespieler, der sich taktisch klug verhält und versucht seine Mitspieler in Szene zu setzen. Eine markante Beobachtung der bisherigen Spiele unter Hughes ist es, dass die Flügelspieler asymmetrisch agierten – jedoch gab es keine bevorzugte Flanke. Während einer beiden nahe dem Zentrum agierte, stand der andere höher.

Wo ist Platz für Arnautovic?

Unter diesen Gesichtspunkten ist es naheliegend zu erwarten, dass Arnautovic den Platz von Walters einnimmt, hoch und vor allem breit steht, während Etherington stärker in den Spielaufbau einbezogen wird. So hätte man den perfekten Mittelweg gefunden, denn Arnautovic ist neben seiner technischen Fertigkeiten auch physisch stark und kann mit hohen Bällen und Steilpässen eingesetzt werden. Lediglich die Fragen, auf welcher Seite man mit dem ÖFB-Legionär plant und wo die anderen beiden offensiven Neuzugänge hin sollen, bleiben offen. Assaidi kam bei Liverpool nicht über vier Kurzeinsätze hinaus, Ireland ist eher ein Kandidat für die zentralen Positionen in der 4-3-3-artigen Grundformation.

Am besten zur Geltung kam Arnautovic bisher als inverser Flügelspieler im linken Mittelfeld. Dort kann der Rechtsfuß mit Diagonalläufen zum Tor ziehen und seinen Schussstärke ausspielen. Aber auch auf der rechten Seite zeigte er – in erster Linie im ÖFB-Team – bereits starke Leistungen. Gut möglich, dass Hughes auf den Tordrang des Österreichers verzichtet und in ihm mehr einen Vorbereiter für die physisch starken Angreifer sieht – also ein Upgrade zum eindimensionalen Walters. Eines scheint jedenfalls sicher: wo auch immer Arnautovic seinen Platz finden wird, das Engagement bei Stoke City dürfte für ihn die letzte Chance sein, um in die Spur zur großen Karriere, die ihm vor Jahren prophezeit wurde, zu finden.

Alexander Semeliker, abseits.at

Alexander Semeliker

@axlsem

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