Vereinstreue, Engagement und Identifikation fordern die Anhänger von ihren Spielern. In einer Welt des Wettkampfes und des Geldes müssen diese aber oft zweitrangig sein.... Der spielende Fan  –  Klubhelden der Neuzeit (3): Francesco Totti

AS Roma LogoVereinstreue, Engagement und Identifikation fordern die Anhänger von ihren Spielern. In einer Welt des Wettkampfes und des Geldes müssen diese aber oft zweitrangig sein. Vereinswechsel in bessere finanzielle und sportliche Perspektiven sind an der Tagesordnung. So ist Fußball.

Aber es gibt auch Ausnahmen: Kicker, die selber Fans ihrer Farben sind und für diese ihr Herzblut vergießen. Bubenträume, die mit einem Profivertrag beim Traumklub war wurden.

In dieser achtteiligen Serie wollen wir euch nun einige Musterexemplare dieser Gattung vorstellen: Urgesteine und Legenden, sowie noch aktive Kicker, die Spieler und Anhänger in Personalunion sind. Unterschiedliche Typen in unterschiedlichen Ligen. Wir gehen der Frage nach ob und warum man ihnen eines Tages ein Denkmal meißeln wird….

Teil 3 unserer Serie behandelt:

Francesco Totti – „Die Liebe war immer stärker als alle Angebote.“

„Ich bin in Rom geboren, Römer und Romanista.“, sagt Francesco Totti. „Il capitano“ ist seit 1993 als Profi beim AS Roma engagiert. Eine Langzeitbeziehung, die unter die Haut geht: Ein tätowierter Gladiator auf dem rechten Oberarm zeugt von der Verbundenheit zu seinem Heimatverein.

Im Viertel Appio Latino in der ewigen Stadt am 27. September 1976 geboren, kickte er schon seit 1989 für die Nachwuchsmannschaft der Rot-Gelben. Die Liebe ging so weit, dass die Familie Totti eine Delegation des Rivalen Lazio Rom kurzerhand vor die Tür setzte, als diese die Wohnung aufsuchten um den jungen Francesco zu ihrem Team zu lotsen. „Ich bin seit über 20 Jahre bei diesem Klub, bin den Pakt wohl bei meiner Geburt eingegangen.“, sagte der Kapitän über „seinen“ Verein. Er kann sich nicht vorstellen für einen anderen Verein zu kicken.

„Der Ewige“ aus der „ewigen Stadt“

Laut eigenen Angaben bestimmten zwei Dinge die ballesterische Leidenschaft des jungen Francesco: Sein Vorbild Giuseppe Giannini, der Kapitän der Roma, von deren Fans er wegen seiner eleganten Spielweise auch Il Principe“ (Der Prinz) genannt wird und der Fußballklub Real Madrid, der Glamour und Erfolg verkörpert. Der Vater Enzo, ein Arbeiter, und die Mutter Fiorella, eine Hausfrau, unterstützten den kickenden Sohn, wo es geht. Zunächst spielte Totti auf der Straße und in Hinterhöfen. Die Piazza San Cosimato war sein erstes fußballerisches „Zuhause“. Auch sein älterer Bruder Riccardo hatte begabte Füße: Eine „Ferserl“ hier, ein „Gurkerl“ da. Ricardo wurde aber nicht Profi, sondern Jurist und ist heute als Berater seines Bruders tätig.

Fortitude war die erste Vereinsstation des damals siebenjährigen Tottis. Smit Trastevere und Lodigiani sollten folgen. Dort zeichnete sich schon Tottis „Zehner-Position“ als offensiver Mittelfeldspieler ab.

Der Jungspund war zu diesem Zeitpunkt schon vielen Jugendtrainern in Bella Italia bekannt. In die Casa Totti kam bald der erste Abwerber und dieser war Scout des AC Mailand. Doch die gebotenen 150 Millionen Lire waren einem Freund der Familie zu wenig, er riet den Eltern auf bessere Angebote zu warten. Auch der Stadtrivale Lazio Rom bemühte sich um den jungen Burschen, doch das war für die Tottis beinahe ein Affront. Groß war die Freude also, als Francesco zu dem Verein wechselte, der für seine Familie der größte Klub der Welt ist.

Vier Jahre nachdem er zum römischen Nachwuchs kam, gab Totti sein Debüt für den Hauptstadtklub. Ob der 16-jährige damals schon wusste, dass er über 500 Spiele für seinen Herzensverein bestreiten würde?

No Totti – no party

Der AS Roma entwickelte sich auch dank Totti zu einem Spitzenklub der Serie A. Als 21-jähriger führte der Mittelfeldspieler sein Team bereits als Kapitän aufs Feld. Der beidfüßige Offensivspieler errang mit Roma sechs Vizemeistertitel und krönte sich einmal zum Serie A-Sieger (2000/2001). Im Pokal sieht es ähnlich aus: 2003, 2005 bis 2008 und 2010 standen die Giallorossi im Finale der Coppa Italia. Gewinnen konnten sie den Cup jedoch nur 2006/2007 und 2007/2008.

Tottis persönliche Auszeichnungen reichen vom besten Spieler der Serie A, Torschützenkönig, Einberufung in das All-Star-Team der EM und WM bis zum Goldenen Schuh für den besten europäischen Torschützen, den er 2007 gewinnen konnte. Er ist ein Spielgestalter mit einer perfekten Technik: Schlenzer und „Ferserl“ gehören zu seinem Standardprogramm. Außerdem ist er brandgefährlich und hat eine gute Spielübersicht. Totti verkörpert einfach den Typus eines Spielmachers.

Beinahe unnötig zu erwähnen, dass „Il Re di Roma“ (Der König von Rom), so einer seiner zahlreichen Spitznamen, der Rekordhalter an Serie A- Einsätzen ist und in der ewigen Torschützenliste Italiens derzeit auf Platz 2 liegt.

Tottis internationale Bilanz lässt sich ebenso sehen: 1996 wurde er mit der U21 Italiens Fußballeuropameister.

Seine Auftritte mit dem A-Team verliefen anfangs eher unglücklich. 2006 wurde der Römer mit Italien jedoch Weltmeister in Berlin. Obwohl er aufgrund der Rekonvaleszenz einer Verletzung nicht topfit war und seine Klasse ausspielen konnte, trug er mit einem Elfmetertor und drei Torvorlagen doch zum Gewinn des WM-Titels bei. Danach erklärte der Römer seinen Rücktritt vom Nationalteam. 58 Spiele hat er bislang für das italienische A-Team absolviert.

Jetzt, nachdem Totti seinen Vertrag bei Roma erneut verlängert hat, werden auch Stimmen lauter, die den 37-jährigen wieder in der Squadra Azzurra sehen wollen. Auch Nationaltrainer Cesare Prandelli öffnet die Tür für den Roma-Angreifer. „Wenn wir jetzt unmittelbar vor der WM stünden, wäre er heute in der Mannschaft, absolut ja“, sagt Prandelli.

Kein Wunder, schließlich spielt die AS Roma unter Tottis Führung gerade sensationell: 7 Siege in 7 Spielen stehen zu Buche. Inter Mailand wurde auswärts mit 3:0 besiegt. Aber Francesco bleibt bescheiden: „Mit diesem Team ist alles möglich. Wir verstecken uns nicht.“

Das südländische Temperament?

Wenn die Geschichte des Spielers Francesco Totti hier enden würde, wäre alles gut: Ein kraftvoller Spieler mit feiner Klinge, der sich fürs Team aufopfert und seinem Verein seit 24 Jahren die Treue hält. Der König von Rom. Liebling der Massen.

Leider muss man aber noch zwischen den Zeilen lesen. Denn immer wieder packt „der Gladiator“ sein Schwert aus und attackiert Gegner auf unfaire Art und Weise.

Im Vorrundenspiel gegen Dänemark bei der EM 2004 spuckte Totti den gegnerischen Verteidiger Christian Poulsen nach wiederholter Provokation dreimal an. Per Videobeweis wurde ihm dieses Vergehen nachgewiesen und der Italiener durfte für den Rest des Turnieres auf der Tribüne Platz nehmen.

Carsten Ramelow, seinerzeit die Nummer 28 bei Bayer Leverkusen, bekam die Stollen des Italieners dort zu spüren, wo es äußert unangenehm ist: Ein schöner Rücken kann auch entzücken. Auf dieser Kehrseite landete Totti mit voller Wucht, nachdem er hochgesprungen ist um dem grätschenden Deutschen zu entkommen. Er erwischte auch dessen Oberarm. Auweh, würde Oliver Polzer sagen. Ramelow konnte damals weiterspielen, war aber verständlicherweise fuchsteufelswild.

Noch schmerzhafter musste es einst für den Lazio-Spieler Luciano Zauri gewesen sein, denn Totti erwischte bei einem Zweikampf die Kronjuwelen des am Boden liegenden Spielers.

„Kick and Rush“ hat Totti wohl manchmal missverstanden: 2010 spielte Roma im Pokalfinale gegen Inter Mailand. In der 88. Minute trat Totti mit voller Wucht von hinten gegen Mario Balotellis rechtes Bein. Er schwang den Fuß, als wolle er einen Freistoß treten. Das Spielgerät dabei ist aber der Fuß des Skandalboys. Nach dem Spiel meinte dieser sogar, Totti habe ihn rassistisch beleidigt, der Roma-Kapitän schob aber Balotelli den schwarzen „Pietro“ zu und beschuldigte ihn, ihn mehrmals provoziert zu haben. Auch Alexander Manninger bekam einmal Tottis Ehrgeiz zu spüren: Der Tormann hielt nach einem Gegentor den Ball fest, Totti boxt ihm diesen mit drei Schlägen aus dem Arm. Tottis vierter Coup trifft den Österreicher dann im Rippenbereich.

Solche Vergehen sind eines Sportlers von Tottis Format unwürdig. Der 37-jährige wurde aber auch immer wieder dafür bestraft: 2011 trat ein Lazio-Spieler dem gefoulten Roma-Kapitän während des Derbys ins Gesicht. Im selben Jahr stieg Mark van Bommel als AC Milan-Spieler Totti von hinten auf die Achillesferse. Dieses Vergehen roch nach Absicht.

Lange Zeit wurde der Play-Station-Liebhaber Totti von den italienischen und internationalen Medien gehörig auf die Schippe genommen. Für viele war er die „Dumpfbacke“ schlechthin. So wurde er mit der „Versteckten Kamera“ und mit verarschendem Englisch-Unterricht geärgert. Totti bewies aber Humor. Nicht nur, dass er der Veröffentlichung herabwürdigender Videobeiträge zustimmte, er gab auch selbst das Buch „Alle Witze über Totti“ („Tutte le barzellette su Totti“) heraus.

Auszug aus diesem: „Tottis Bibliothek steht in Flammen! Seine beiden Bücher sind verbrannt! Darauf ärgert sich Totti: „Maledetta, ich hatte das zweite noch gar nicht ausgemalt!““

Noch mehr Herz als Humor bewies der Römer aber, als er sowohl den Erlös des Witzebuches als auch jenen seines zweiten autobiografischen Werkes „Jetzt mache ich ihm einen Heber rein − Mein Fußball“ („Mo je faccio er cucchiaio – Il mio calcio“) sozialen Projekten zukommen ließ. Der zweifache Familienvater ist seit 2003 ehrenamtlicher UNICEF-Botschafter.

„Ein Tropfen Liebe ist mehr als ein Ozean Verstand“

„Il cucchiaio“ – der Löffel ist Tottis Markenzeichen. In Österreich ist der Kunstschuss unter dem Namen „Lupfer“ bekannt. „Ferserln“, lupfen und präzise Freistoße – Francesco Totti ist wahrlich kein Holzfuß. Das zeigte er auch in einem wichtigen EM-Match:

2000 holten die Italiener den Vize-Europameistertitel. Im Halbfinale gegen die Niederlande lupfte Totti im Elfmeterschießen seinen Ball als letzter ins Tor. Im Finale unterlagen die Italiener dann Frankreich.

Fußballikone Pelé sagte einst über den Römer, dass er der beste Spieler der Welt sei und lediglich viel Pech gehabt habe. Sir Alex Ferguson nannte ihn eine „Inspiration für andere Spieler.“

Tatsächlich: Totti vereint, was einen Weltklassemann ausmacht. International konnte er das nicht allzu oft zeigen: Roma war nur selten auf einem europäisch ausgezeichneten Niveau. Und bei seinen Auftritten mit der Nationalmannschaft machte ihm entweder sein Naturell oder körperliche Gebrechen einen Strich durch die Rechnung.

Aber Totti schlug stets Angebote aus, um bei seinem Herzensverein zu bleiben, „Danke, dass ich weiter das einzige Trikot tragen darf, das ich liebe“, sagte er vor wenigen Tagen, als er seinen Vertrag verlängerte. Nur einmal, wäre er fast schwach geworden: Sein zweiter Lieblingsverein Real Madrid klopfte an. Mit den angebotenen Vertragsdetails war der Römer aber nicht wirklich glücklich und entschied sich gegen das weiße Ballet. „Ich habe es nie bereut!“, sagte er später in Edith-Piaf-Manier.

Heute denkt Totti noch nicht an die Fußballer-Pension: „Nun habe ich zwei weitere Jahre und ich bin mir sicher, dass wir zusammen Großes erreichen werden.“

Der schon zurückgetretene Marco Materazzi ist sich sicher, dass der „Gladiator“ noch einige Jahre auf sehr gutem Niveau kicken kann. Fast 40 wird der Kapitän der „Wölfe“ sein, wenn sein Vertrag ausläuft. Und er wird ihn sicher aus – laufen-.

Der abseits.at – Platzheld-Check:

Name: Francesco Totti

Alter: 37

Position: Mittelfeld/Hängende Spitze

Dienstzeit beim Verein: Seit 1993 (!)

Spiele/Tore: 535/227

Unvergessener Moment? Das Scudetto-Match 2000/2001: Roma gegen Parma am 17. Juni 2001. Die „Wölfe“ gewannen 3:1 und die Freude kennt keine Grenzen: Fahnenmeer und Autocorso, alles in gelb-rot. Der Kapitän selbst brachte die Heimmannschaft mit einem sehenswerten Treffer aus vollem Lauf in Führung. Sein Jubel danach wirkt, als würde ein Riesenwunsch kurz vor der Erfüllung stehen.

Ein Meistertitel ist immer schön, aber dieser war etwas Besonderes: Die ganze Stadt war schon lange hungrig nach einem Titel. Totti und andere Spieler, wie Gabriel Batistuta, verliehen dem Hauptstadtklub Glanz und führten ihn an die Spitze zurück.

Darum lieben ihn die Fans: Wen jemand eine lebende Legende ist, dann Totti. Er ist kein Zugezogener sondern ein „Romano di Roma“. Tausendfach hat er erklärt nur für den AS Rom spielen zu wollen. Gibt es außer ihm noch Spieler, die eine solche Ansage konsequent durchgezogen haben?

Umso höher ist es dem Offensivmann anzurechnen, dass er geblieben ist, obwohl er mit einem anderen Klub vielleicht mehr internationale Erfolge feiern hätten können. Der finanziell-gebeutelte AS Roma musste immer wieder gute Spieler verkaufen um sein eigenes Überleben zu sichern. Einzig Totti galt als unverkäuflich. Der Lohn seiner Treue und Hingabe ist die blühende Liebe der Fans.

Darum liebt ihn der Verein: Leidenschaft und Konstanz. Totti ist nicht nur ein hervorragender Techniker, sondern auch ein Kämpfer. Was er mit dem Mund versprach, hielten seine Beine. Für jede Vereinsführung ist es ein Geschenk einen außergewöhnlichen Spieler, der fest mit dem Klub verwurzelt zu sein scheint, in dessen Reihen zu haben.

Blumenspende oder Denkmal? Der Römer ist ein Topspieler, eine Identifikationsfigur für Mannschaft und Fans und ein „Eigengewächs“ des Vereins. Einzig und alleine seine Titelbilanz ist relativ leer: Nur eine Meisterschaft konnte er mit den Giallorossi gewinnen. Die Wahrheit hinter den Zahlen erzählt aber nicht von den sechs Vize-Meistertiteln mit Roma oder von deren Etablierung als Spitzenmannschaft aus dem Nichts heraus.

Er selbst ist bereits in die italienische Fußballgeschichte eingegangen. Ex-Premier und Steuersünder Silvio Berlusconi erklärte ihn zum „italienischen Nationalgut, was den Fußball angeht“ und Napolis Stürmer Marek Hamšík sagte einmal: „Ich will Napolis Totti werden.“

Vielleicht prangt in ferner Zukunft auf dem römischen Wappen neben Romulus und Remus auch Totti. Verdient hätte er es sich.

Fazit:   ****** von ******  in der Platzheld-Wertung.

Marie Samstag, abseits.at

Marie Samstag