Die erste Runde der Serie A wurde mit einem sehr torreichen Spiel abgeschlossen. Im Stadio San Paolo gewann die SSC Napoli gegen AS Roma... Napoli nützt Romas offensive Ausrichtung aus – Cavani trifft bei 4:1 dreimal

Italienische LigaDie erste Runde der Serie A wurde mit einem sehr torreichen Spiel abgeschlossen. Im Stadio San Paolo gewann die SSC Napoli gegen AS Roma mit 4:1. Herausragender Akteur bei den Hausherren war Stürmerstar Edinson Cavani, der sein Team mit einem Trippelpack 3:0 in Führung brachte. Der eingewechselte Pablo Osvaldo konnte für die Gäste zwar zwischendurch verkürzen, Christian Maggio setzte aber in der 90. Minute den Schlusspunkt.

Taktisch bewegte sich dieses Duell zwar nicht auf Topniveau, dennoch war es ein sehr kurzweiliges Spiel, was nicht nur an den Toren lag. Die Roma hatte neben dem zwischenzeitlichen 1:3 viele weitere Torchancen, scheiterte aber meist an Napoli-Keeper Morgan De Sanctis oder der eigenen Unfähigkeit das Leder im Tor unterzubringen.

Beide Teams in Bestbestzung

Walter Mazzarri konnte zum Jahresauftakt quasi aus dem Vollen schöpfen. Nur der etatmäßige Kapitän Paolo Cannavaro und Gianluca Grava fehlten, da sie im Zuge des Wett- und Manipulationsskandals für sechs Monate gesperrt wurden. Im Abwehrzentrum des 3-4-2-1 verteidigte deswegen Miguel Britos, der von Hugo Campagnaro und Alessandro Gamberini flankiert wurde. Das Mittelfeld war mit Christian Maggio und Juan Zuniga auf den Seiten sowie Valon Behrami und Gökhan Inler im Zentrum sehr ausgeglichen besetzt. Die beiden Außenspieler gelten als klassische Wingbacks, die sowohl defensiv verlässlich zurückrücken können als auch offensiv Nadelstiche setzen können und das Schweizer Duo steht ebenfalls für eine große Balance. Davor bildeten Marek Hamsik, Goran Pandev und Edinson Cavani das sehr flexible Angriffstrio.

Tottis Rückkehr als falscher Neuner?

Auch Zdenek Zemans Römer traten bis auf eine Ausnahme in Bestbesetzung an. Innenverteidiger Marquinhos sah beim 4:2-Sieg über den AC Milan Rot und fehlte dadurch gesperrt, dafür kehrte Leandro Castan ins Team zurück. Ansonsten sah man aufseiten der Giallorossi die gewohnte asymmetrische 4-3-3-Ausrichtung mit Ivan Piris und Erik Lamela als gestrecktes Duo auf der rechten Seite sowie Francesco Totti und Federico Balzaretti eng aneinander agierend links. Romas Kapitän ist bekannt dafür, dass er nur selten die Flügelposition hält, dennoch konnte man phasenweise eine klare Verschiebung der Aufgabenbereiche sehen. So spielte er über weite Strecken der ersten Halbzeit in seiner einstigen Paraderolle als falscher Neuner im Sturmzentrum bzw. bespielte dauerhaft den Zehnerraum. Lamela rückte dann weiter ein, während Mattia Destro, der nominelle zentrale Stürmer, nach links auswich. Zwei hochkarätige Möglichkeiten des Neuzugangs gehen beispielsweise auf die Tatsache zurück, dass ihn Totti vom Zentrum aus anspielte.

Hoher Mannfokus bei Napoli

Durch das ständige Abfallen ins zentrale Mittelfeld versprach sich der 36-Jährige sich von der Manndeckung seines Gegners lösen zu können. Campagnaro klebte nämlich ständig an seinen Fersen und holte sich zum Beispiel auch die gelbe Karte ab nachdem er Totti tief in der Hälfte der Roma legte. In den wenigen Fällen, in denen ihm der Argentinier von der Seite wich, stellten ihn die beiden zentralen Mittelfeldspieler und auch Hamsik war sich nicht zu schade Romas Nummer zehn zu verfolgen. Dadurch war der AS-Offensivmotor quasi lahmgelegt, einzig Pjanic konnte über die halbrechte Seite mit Vertikalläufen vereinzelt aufzeigen. Mit diesem hohen Grad der Manndeckung zerstörte Napoli übrigens in der aktuellen Saison bereits das Spiel von Romas Stadtrivalen Lazio.

Richtungsweisendes 1:0

Eine weitere Parallele zum damaligen Spiel ist die Art und Weise wie das Spiel nach dem 1:0 für Napoli verlief. Die Neapolitaner beherrschen das Konterspiel wie kaum ein anderes Team in Europa, weswegen ihnen die offensive Ausrichtung der Roma sehr entgegenkam – vor allem weil das erste Tor bereits in der vierten Minute fiel. Aufgrund des richtungsweisenden Charakters sei dieser Treffer ausführlicher betrachtet.

Nach einem Abschlag von De Sanctis ergibt sich die obige Situation. Man erkennt hier, dass die Roma ein großes Loch zwischen der Mittelfeld- und Angriffslinie hat. In genau diesem Raum landet der Ball nach dem Luftzweikampf zwischen Maggio und Bradley. Der Grund für dieses Loch ist, dass Pjanic und Destro davor losgelöst von den anderen Mitspielern De Sanctis anpressten, was auf Kosten der Kompaktheit ging. Die fehlende Defensivkompaktheit der Roma ist unter Zeman aber ein langfristiges Problem und setzte sich im Laufe dieses Angriffs von Napoli fort.

Wie man in diesem Bild erkennt hatte Pandev zwischen den Linien viel Platz und konnte das Zuspiel von Inler in Ruhe annehmen. Dieser spürte aufgrund des oben erwähnten Lochs keinen Druck durch einen Gegenspieler. Ebenfalls erwähnenswert ist auch die Bewegung von Hamsik, der mit einer Bewegung weg vom Ball seinen Gegenspieler Piris kurzfristig wegzog und Pandev dadurch Platz verschaffte.

Piris musste sich vergewissern, dass Hamsik von Nicolas Burdisso übernommen wird und konnte daher Pandev ebenso wie Castan nicht daran hindern einen Steilpass auf Cavani zu spielen. Die Abschluss- und Sprintstärke des Urus tat ihr Übriges.

Cavanis raumschaffende Bewegungen

Neben dieser Abschlussstärke zeigte Cavani bei diesem Tor auch eine weitere, oft unerkannte Stärke: sein Laufspiel. Ausgehend von der linken Seite bewegte er sich nach rechts, wodurch Romas Hintermannschaft zweimal Zeit beim Übergeben einbüßte: Burdisso auf Castan und Castan auf Balzaretti. Letzterer war aber, wie im ersten Bild zu sehen ist, für die Absicherung gegen Pandev zuständig. Da er sich nun auch um Cavani kümmern musste, wurde dem  Mazedonier zusätzlicher Platz gewährt. In letzter Konsequenz konnte der Stürmer schließlich neben seiner Sprintstärke auch die Tatsache ausnützen, dass er im Vergleich zu Balzaretti „auf der Innenbahn“ lief.

Diese Laufwege sieht man bei Cavani, vor allem in Kontersituationen, regelmäßig. Er bewegt sich zunächst in der Horizontalen zwischen den Schnittstellen der Gegenspieler und setzt dann in Tornähe meist in günstigerer Position als sein Gegenspieler zu einem Vertikalsprint an. Für Napoli ist dies wohl ein wichtigerer Faktor als seine Kaltschnäuzigkeit vor dem Tor, die ebenfalls ohne Zweifel außergewöhnlich ist – wie die des ganzen Teams. So standen für die Gastgeber nach dem Spiel bei 35% Ballbesitz nur acht Schüsse, von denen sechs aufs Tor gingen (Roma: 8/25), was gemeinsam mit dem Ergebnis ein weiterer Indikator dafür ist, dass es nicht auf die Anzahl dieser ankommt, sondern auf deren Qualität.

Alexander Semeliker, abseits.at

Alexander Semeliker

@axlsem