Viele Fans der deutschen Nationalmannschaft forderten die unterschiedlichsten Spieler in den letzten Monaten. Einige wollten die Jungtalente Max Meyer und Timo Werner in der... Ein Mann für Jogi Löw? (1) – Shkodran Mustafis Werdegang und seine Rolle bei Sampdoria Genua

Jogi LöwViele Fans der deutschen Nationalmannschaft forderten die unterschiedlichsten Spieler in den letzten Monaten. Einige wollten die Jungtalente Max Meyer und Timo Werner in der A-Mannschaft sehen, andere verlangen nach wie vor die Rückkehr Stefan Kießlings ins Sturmzentrum und so mancher fordert gar Augsburgs Mittelfeldstrategen Daniel Baier für die Position vor der Abwehr.

Beim Testspiel gegen Chile entschied sich Bundestrainer Jogi Löw jedoch für vier andere Überraschungen. Drei davon – Augsburgs Flügelstürmer André Hahn, Freiburgs Defensivallrounder Matthias Ginter und Hamburgs Stoßstürmer Pierre-Michel Lasogga – sind den meisten aus der deutschen Bundesliga ein Begriff. Doch der vierte Name sorgte für Aufsehen, weil er schlichtweg kaum einem geläufig war: Shkodran Mustafi von Sampdoria Genua. Dabei kann sich der junge Innenverteidiger berechtigte Hoffnungen auf einen WM-Platz machen.

In diesem zweiteiligen Artikel stellen wir seine Spielweise vor. Zu Beginn geht es aber erst einmal um seinen Werdegang und seine Rolle im Verein.

Der polyvalente Wandervogel

Bis zu seinem 14. Lebensjahr spielte Shkodran Mustafi noch beim SV Rotenburg in Hessen; von dort wechselte der damalige Stürmer zum Hamburger SV. In der Jugend des HSV wurde er zu einem Defensivspieler umgeschult. Vermehrt kam er als Sechser und als Innenverteidiger zum Einsatz, wo er starke Leistungen im Jugendbereich zeigte. Der damalige Trainer der ersten Mannschaft, der Niederländer Martin Jol, ließ ihn deshalb bald bei den Profis mittrainieren.

In diesen Jahren begann auch seine Karriere in den U-Nationalmannschaften des DFB. Nach drei Jahren in der Jugend des HSV wechselte Mustafi nach England zum FC Everton. Dabei lehnte er zahlreiche andere Angebote ab, u.a. vom BVB und Manchester City. Auch einen Profivertrag beim HSV, den sie ihm schon im Alter von 17 angeboten hatten, schlug  er aus. Während seiner drei Jahre in England konnte er sich allerdings nur bei den Reserveteams durchsetzen, weswegen er 2012 abermals Verein und Land wechselte – nun von England nach Italien.

Angebote aus Deutschland gab es kaum noch. Das einstige Riesentalent galt nun als mögliches ewiges Talent, wie viele vor ihm. Doch in Italien konnte sich Mustafi nun auch im Profibetrieb erstmals durchsetzen. In dieser Saison bestritt er 29 Spiele (nur zweimal ein- oder ausgewechselt) und seit einem Jahr ist er Stammspieler in der U21-Nationalmannschaft. Dabei profitiert er auch von der mannschaftlichen Ausrichtung in dieser Spielzeit, welche sich zu seinen Gunsten verändert hat.

Der Spieler Mustafi und die Wichtigkeit des Aufbauspiels für ihn

In einem Interview mit WhoScored.com sprach Mustafi davon, dass er gerne mit dem Ball spielt und sich aktiv am Offensivspiel beteiligt. Dabei profitiert er auch von seinem neuen Trainer, wie er selbst ausführt:

“Defensively speaking, these are absolutely my strongest tools. But I also like to play with the ball and try to participate “actively” in the game. With a manager like Mihajlović it was easy, because he said to me: ”play the ball, don’t fear to miss it, but try to build from the back”. This is extremely important for a defender and for a young player like me. This improved my style of play a lot.“

Im Jugendfußball vor einigen Jahren und insbesondere im englischen Fußball , sowie zu Beginn bei Sampdoria wurden die Stärken Mustafis im Aufbauspiel nur wenig eingebunden. In England und teilweise auch in Italien ist es nach wie vor in einigen Mannschaften gang und gäbe, dass die Abwehrspieler das Spiel nicht wirklich aufbauen, sondern lange Bälle direkt ins Angriffsdrittel bolzen, oder den Spielaufbau den Mittelfeldspielern überlassen. Viele Verteidiger werden dadurch aber beschnitten, wenn sie keine oder nur limitierte Aufgaben in eigenem Ballbesitz haben. Man stelle sich vor Mats Hummels dürfte nur noch Kurzpässe geben oder Jerome Boateng müsste durchgehend lange Bälle auf Mandzukic schlagen – ob die öffentliche Meinung über sie weiterhin positiv wäre? Oder gar ihre Meinung über sich selbst und ihre Zufriedenheit mit ihrer Leistung?

Mustafi scheint ein solcher Fall zu sein, der klar von mehr Freiheit in der Entscheidungsfindung und mehr Verantwortung im Aufbauspiel profitiert. Immer wieder variiert er zwischen einzelnen langen Bällen in die Spitze, schnellen Schnittstellenpässen ins Mittelfeld oder einfache Pässen auf die spielgestaltenden zentralen Mittelfeldspieler. Auch Vorstöße durch Dribblings oder Anlocken des gegnerischen Stürmers, um seinen Mitspielern weiter vorne mehr Platz zu schaffen, gehören zu seinem Repertoire und erhöhen seinen Mehrwert für die Mannschaft.

Im Verbund mit seinen guten Fähigkeiten in der Defensive ergibt sich das Bild eines kompletten Innenverteidigers, der zwar weder defensiv noch offensiv zur absoluten Spitzenklasse gehört, aber dafür in beiden Bereichen sehr stark ist und in seiner Altersklasse den Vergleich mit anderen großen Talenten nicht unbedingt scheuen muss.

Das bereits erwähnte Interview mit und von WhoScored liefert hierbei auch interessante statistische Daten, wie folgende Grafik zeigt:

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Quelle: Whoscored.com

Er fängt viele Pässe ab, kommt auch auf eine hohe Anzahl von Grätschen, Befreiungsschlägen und gewonnenen Luftzweikämpfen. Dazu ist sein Rating von 7.39 das höchste von allen Innenverteidigern unter 21 Jahren in Europas Top5-Ligen; keine schlechten Voraussetzungen, um sich Hoffnungen auf einen Platz im WM-Kader zu machen. Noch interessanter ist gar seine Heatmap. Dort ist bereits sehr gut zu sehen, wie oft Mustafi nach vorne geht und bis in den defensiven rechten Halbraum in der gegnerischen Hälfte eindringt.

Öffnet der Gegner dort Räume und versperrt Anspielstationen, rückt Mustafi oftmals nach vorne und spielt von dort aus Pässe in das gegnerische Angriffsdrittel – ebenfalls ein Aspekt, der bei schlechterer Einbindung im Aufbauspiel nicht genutzt werden würde. Dies könnte ein Faktor sein, wieso Jogi Löw den jungen Innenverteidiger durchaus als Option für die Weltmeisterschaft zu betrachten scheint, insbesondere wenn sich noch einer aus dem Trio Mertesacker, Hummels und Boateng verletzen sollte.

Interessant wäre es auch Mustafi als Rechtsverteidiger zu nutzen. Mit seiner Technik, seiner Defensivstärke und seinen Ausflügen könnte er einen defensivstarken Außenverteidiger geben, der die Offensive absichert und ein stärkeres Aufrücken der Sechser beziehungsweise des gegenüberliegenden Außenverteidigers ermöglicht. Als Halbverteidiger in einer Dreierkette wäre er ebenfalls eine fast ideale Option, doch das erscheint beim DFB trotz zwei kleiner Experimente mit dieser Formation eher als unwahrscheinlich für die kommende WM.

Im zweiten Teil, der morgen erscheinen wird, geht es insbesondere um seine speziellen Stärken und Schwächen, sowie seinen Spielstil.

René Maric, www.abseits.at

Rene Maric

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