Erst vier Jahre ist es her, als Inter Mailand nach über vierzig Jahren des Wartens wieder die Champions League gewann. Mit José Mourinho als... Gutes Spielermaterial, schlechte Abstimmung: Inters Probleme unter Walter Mazzarri

Inter Mailand - Wappen, LogoErst vier Jahre ist es her, als Inter Mailand nach über vierzig Jahren des Wartens wieder die Champions League gewann. Mit José Mourinho als Trainer bezwangen sie die Münchner Bayern und schalteten zuvor spektakulär die Jahrhundertmannschaft des FC Barcelona aus. Doch seit dem CL-Sieg 2010 geht es stetig bergab. Mourinhos Nachfolger Rafael Benitez war ein kompletter Fehlgriff und wurde schon nach einem halben Jahr entlassen. Auf ihn folgten in weniger als zwei Jahren gleich fünf weitere Trainer – Leonardo, Gian Piero Gasparini, Claudio Ranieri, Andrea Stramaccioni und Walter Mazzarri. Letzterer ist nach wie vor im Amt, befindet sich aber zurzeit nur auf Platz 11 und ist das Ziel großer Kritik. Insbesondere die Probleme im konstruktiven Aufbau von Angriffen werden als große Schwachstellen ausgemacht.

Probleme im Aufbauspiel– Kaum Präsenz im zweiten Drittel

Die größten Probleme hatte Inter hierbei bislang mit der zentralen Präsenz im zweiten Drittel. Häufig spielten sie wie z.B. gegen Fiorentina letztens mit Yann M’Vila hinter Gary Medel und Mateo Kovacic. Medel ist vom Typus her eher ein Abräumer mit technischen Fähigkeiten, der in der chilenischen Nationalmannschaft vielfach als zentraler Innenverteidiger oder Halbverteidiger in einer Dreierkette eingesetzt wurde. M’Vila hingegen kann zwar als box-to-box-Achter agieren, konzentrierte sich aber meistens auf den Sechserraum in seinem Aktionsradius im Spielaufbau. Beide suchen direkt die Bälle von den Halb- und Innenverteidigern Inters, wodurch diese lediglich im ersten Drittel den Ball wirklich zirkulieren lassen können, aber in höheren Zonen kaum zentrale Präsenz haben.

Meistens ist es der junge Mateo Kovacic, der alleine diese weiten Räume zwischen den fünf tiefen zentralen Spielern und den beiden Stürmern verbinden soll. Das ist insofern problematisch, weil Kovacic sich teilweise auf der Suche nach den fehlenden Anspielen ebenfalls zurückfallen lässt oder eben im Mittelfeld komplett isoliert ist. Seine herausragende Dynamik und sein tolles Dribbling schaffen es zwar manchmal trotzdem den Ball zu behaupten und Pässe in die Spitze zu spielen, aber meistens ist dies nicht der Fall. Dadurch entsteht ein weiteres Problem für Inter bei eigenem Ballbesitz.

Probleme im Offensivspiel – Strategisch schwache Entscheidungsfindung

Durch diese Spielweise und die Probleme mit der zentralen Präsenz gehen die meisten Pässe bei Inter auf die Flügelverteidiger. Mit Dodo, Nagatomo, Obi, Jonathan und D’Ambrosio haben sie gleich fünf Optionen auf dem Flügel, die allesamt aber unter ähnlichen taktischen Problemen leiden: Sie lassen sich auf der Seite durch den Mangel an zentralen Anspielstationen einfach isolieren. Zwar können sie durch die drei zentralen Verteidiger weit nach vorne aufrücken, aber müssen sich dann zumeist auf simple Flanken in die Mitte beschränken.

Zwar gibt es mit Daniel Osvaldo oder Rodrigo Palacio und Mauro Icardi gleich zwei Stürmer für das Abnehmen der Flanken, wirkliche Torgefahr über andere Angriffsspielzüge ist nicht gegeben. Europaweit gehört Inter zu jenen Mannschaften, die den größten Teil ihrer Chancen per Flanken kreieren und auch mit die meisten Flanken pro Spiel haben. Die Effektivität nach Flanken sowie nach ruhenden Bällen sorgt aber dafür, dass sich die offensiven Probleme in Zaum halten: Mit 13 Toren haben sie die viertmeisten Treffer in der Serie A erzielt.

Weiters hat Walter Mazzarri versucht die Probleme im Spielaufbau zu korrigieren. Die Nutzung Guarins im zentralen Mittelfeld half hierbei kaum, doch mit Hernanes und Kovacic als Doppelacht waren sie deutlich präsenter und balancierter. Zusätzlich beteiligen sich die Halbverteidiger nun stärker durch aufrückende Bewegungen und besetzen die defensiven Halbräume, was zu verbesserter Ballzirkulation führt. Das hilft auch bei den Offensivstaffelungen, wo Inter bislang schwach war; und was sich auch negativ auf die Abwehr auswirkte. Durch die schwache Offensivstaffelung konnten sie nicht nur kaum gegenpressen, sondern ließen vielfach Konter zu. Zusätzlich spielten sie im Pressing schwach, was die vielen Gegentore verantwortet.

Mangelhafte Raumverknappung und Harmonie gegen den Ball

Die Dynamik im Pressing ist eines der Probleme Inters. Sie variieren ihre Pressingformation je nach genutztem Spielermaterial und Gegner zwischen einem 5-2-1-2/3-4-1-2 und einem 5-1-2-2/3-1-4-2; dadurch haben sie aber gegen gut agierende Viererketten kaum Zugriff im Pressing. Besonders 4-3-3 und 4-4-2-Formationen sorgen für Probleme, weil hier die Flügel doppelt besetzt sind und die Flügelverteidiger Inters zurückgedrängt werden. Dann hat der Gegner einfache Möglichkeiten auf die Seiten zu spielen und dort über die Seiten aufzubauen.

Eigentlich wäre dies kein Problem, doch Inter mangelt es an der Dynamik und Aggressivität im ballorientierten Verschieben sowie der dazugehörigen Kompaktheit. Diese ist nicht auf allerhöchstem Niveau ausgeprägt, wodurch sie Räume nicht nur öffnen, sondern auch offen lassen; das schnelle Verschließen von Räumen und der Druck auf den Ballführenden sind deutlich schwächer ausgeprägt als bei Mannschaften wie dem BVB und auch schwächer als es noch vor vier Jahren bei Inter war.

Desweiteren sind die gruppentaktischen Abläufe unsauber. Manchmal schieben die Flügelverteidiger ballfern in Richtung Mitte und agieren hier auf Mittelfeld statt Abwehrhöhe oder rücken aggressiv nach vorne im höheren Pressing, aber diese Bewegungen wirken improvisiert und kollektiv unkoordiniert. Die Folgebewegungen der anderen Spieler sind nicht gegeben, wodurch diese Bewegungen von (guten) Mannschaften ausgenutzt werden können, was sich negativ für Inter auswirkt. Auch deswegen hat Inter die siebtmeisten Gegentore in der Serie A.

Fazit

Bislang deutet wenig darauf hin, dass sich Inter unter Mazzarri wieder auf die europäischen Plätze zurückheben könnte. Dabei wäre das Spielermaterial überaus gut: Nagatomo ist zwar außer Form, aber prinzipiell ein hervorragender Außenverteidiger auf beiden Seiten, Kovacic ist eines der größten Mittelfeldtalente der Welt, mit Ranocchia, Vidic und Juan Jesus lässt sich eine potenziell sehr gute Innenverteidigung aufbauen, dazu kommen Spieler wie M’Vila, Guarin, Icardi, Medel, Hernanes und Palacio.

Das Problem ist die Balance und Abstimmung, an der es noch hapert. Besonders die Mittelfeldbesetzung und die Defensivabläufe sind problematisch, wobei sich der Spielaufbau in den nächsten Wochen und Monaten verbessern könnte; Hernanes, Kovacic und M’Vila wirken wie eine passende Zusammensetzung in der Rollenverteilung. Medel könnte hierbei entweder für Letzteren oder als Verteidiger noch in die Mannschaft rücken, Guarin hingegen wäre eine Option für die Position des zweiten Stürmers oder um situativ im zentralen Mittelfeld gegen bestimmte Gegner mit seinen aggressiven Vertikalläufen auszuhelfen.

Die Frage ist, ob diese Veränderungen unter Mazzarri kommen werden. Dieser zeigte zwar bei Napoli durchaus sein Können, findet bei Inter aber bislang noch nicht die richtige Mischung. Die kritischen Stimmen der Fans werden immer lauter.

René Maric, www.abseits.at

Rene Maric

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