In dieser Rubrik nehmen wir regelmäßig interessante Spielzüge unter die Lupe und wollen diese im Detail analysieren. Dabei wollen wir uns nicht ausschließlich auf... Spielzug der Woche: Das Dribbling von Real Madrids Luka Modric gegen Villarreal

Luka Modric, Kroatien und Tottenham HotspurIn dieser Rubrik nehmen wir regelmäßig interessante Spielzüge unter die Lupe und wollen diese im Detail analysieren. Dabei wollen wir uns nicht ausschließlich auf Tore und Offensivaktionen beschränken, sondern auch gelungenen Defensivaktionen die gebührende Aufmerksamkeit schenken. In diesem Artikel sehen wir uns das Dribbling von Reals Luka Modric gegen Villarreal an.

Die Situation an der Spitze der spanischen Primera Division wird immer heißer. Gleich drei Teams führen die Tabelle mit 57 Punkten nach 23 Spielen an. Es sind dies Atletico Madrid, der FC Barcelona und Real Madrid. Gerade Letztere befinden sich in den letzten Wochen im Aufwind, was eng an die Leistungen eines Spielers gekoppelt ist: Luka Modric. Gegen Villarreal zählte der Kroate wieder einmal zu den besten Akteuren.

Der Spielzug im Überblick

Besonders eine Szene sorgte für Fußballfans auf der ganzen Welt für Begeisterung. In der 78. Minute bekam Modric in großer Bedrängnis den Ball, befreite sich auf engstem Raum gegen vier Gegenspieler und konnte seiner Mannschaft eine günstige Kontermöglichkeit eröffnen – selbstverständlich in höchstem Tempo. Villarreal agiert dabei keinesfalls außerordentlich schlecht, sondern es ist die pure Klasse des 28-Jährigen, die hier anerkannt werden soll.

Eine Besonderheit dieser Szene ist, dass sie eine große Ähnlichkeit zu einer aus der Anime-Serie „Die tollen Fußballstars“, die sich in den 90er-Jahren im deutschsprachigen Raum großer Beliebtheit erfreute, aufweist. Es dauerte daher nicht lange, bis sich diese Gegenüberstellung im Netz ausbreitete. Wir wollen uns nun aber den interessantesten und entscheidenden Momenten dieses Spielzugs widmen.

1.) Jeses Gegenpressing bringt Balleroberung

Die Szene beginnt mit einem langen Ball von Real aus der Abwehr heraus. Villarreal kann diesen abfangen und will umgehend wieder angreifen. Allerdings spielt Reals linke Seite ein sehr aggressives Gegenpressing, mit dem der Ball erobert wird. Entscheidender Akteur ist dabei Jese Rodriguez.

Man sieht hier, dass sich die ballnahen Real-Spieler konsequent in Richtung des ballführenden Gegners orientieren, noch bevor dieser überhaupt die Ballannahme abgeschlossen hat. Jese zeigt in dieser Situation sein großes Potenzial in Dynamik und Zweikampfführung und räumt Villarreals rechten Mittelfeldspieler förmlich weg. Allerdings ist auch er der Verantwortliche dafür, dass Modric erst in eine prekäre Lage kommt.

2.) Pass in die Enge und Modrics vorausschauendes Handeln

Das unten stehende Bild zeigt den Moment nach der Balleroberung. Jese spielt hier sofort auf Modric, der wie man sieht von Villarreal durchaus stark unter Druck gesetzt werden kann. Die Submarinos haben sich bereits in ihre Grundposition für das Gegenpressing aufgestellt. Bei einem Pass ins Zentrum können sie sich zu fünft gegen die dortigen zwei Real-Akteure zusammenziehen.

Der Weg durch die Mitte nach vorne ist für Real aufgrund der hohen Position der beiden Villarreal-Sechser versperrt. Modric steht allerdings mit dem Rücken zu ihnen, weshalb es wichtig ist, dass er über die Schulter blickt um die Situation einschätzen zu können. Entscheidend ist, dass er dies bereits vor der Ballannahme macht, da davon auszugehen ist, dass er bereits beim ersten Kontakt großen Druck verspüren wird. Er muss sich den Ball so mitnehmen, dass er danach ideal für das bevorstehende Dribbling positioniert ist.

3.) Ausspielen des ersten Gegenspielers

Nun wollen wir uns jeden einzelnen Schritt dieses Dribblings ansehen. Besonders beeindruckend ist dabei, wie Modric an seinen Gegenspielern vorbeigeht. Es sind nämlich nur vier Ballkontakte, die er benötigt um vier Spieler stehenzulassen. Ebenfalls hervorragend ist seine Entscheidungsfindung. Den ersten Gegenspieler spielt Modric mit einer „einfachen“ Körpertäuschung aus.

Man sieht hier, wie sich die beiden Spieler gegenüberstehen. Der dynamische Modric hat einen tiefen Körperschwerpunkt, ist in Laufrichtung des Balls nach vorne geneigt und bestimmt hier den Rhythmus. Der Oberkörper des Gegenspielers ist hingegen naturgemäß entgegen der Laufrichtung des Balls geneigt. Es ist für ihn schwer bis unmöglich auf unerwartete Richtungswechsel zu reagieren, daher muss er diese möglichst gut voraussehen. Genau das ist der Punkt, den gute Dribbler ausnutzen; sie bringen den Gegner aus der Balance und gehen dann an ihm vorbei.

Es stellt sich nun die Frage, warum Modric hier links am Gegenspieler vorbeigeht und nicht rechts. Der Grund dafür ist die oben gesehene Problematik, dass er dann noch tiefer in das Gegenpressing von Villarreal geraten würde. Man mag es für eine richtig gefällte 50:50-Entscheidung von Modric halten, doch die Regelmäßigkeit, mit der er diese richtigen Entscheidungen trifft und die Tatsache, dass er sich zuvor säuberlich umgesehen hat, sprechen dafür, dass er in solchen Situationen (unter)bewusst so richtig handelt.

4.) Ausspielen des zweiten Gegenspielers

Auch im nächsten Schritt erkennt man diesen Aspekt. Modric wird hier nach Umspielen des ersten Gegenspielers sofort vom nächsten angelaufen und trifft wieder die richtige Entscheidung. Man sieht hier, dass sich ohne weiteres auch ein Pass auf die Seite angeboten hätte, schließlich stehen seine Mitspieler dort in einer zwei-zu-drei-Überzahl.

Allerdings erkennt man auch, dass der dortige Spieler von Villarreal auf ein derartiges Zuspiel wartet und es mit hoher Wahrscheinlichkeit abfangen würde bzw. die Kombination unterbrechen oder den Angriff entschleunigen könnte. Eine andere Option wäre ein Dribbling in die Mitte, da der Raum dort scheinbar größer ist. Doch auch hier lauert die Gefahr, dass er dabei vom noch immer aufrechten Gegenpressing aufgefressen werden würde, zumal der eben ausgespielte Spieler sich in diese Richtung dreht.

Modric geht daher ein weiteres Mal Richtung Seitenlinie. Man sieht im obigen Bild zudem, wie eng er den Ball führt bzw. führen muss um diesen in dieser Situation nicht zu verlieren. Nur Millimeter fehlen dem Gegenspieler um den Ball wegzuspitzen. Es ist also neben der guten Entscheidungsfindung auch eine große Portion Technik mitzubringen.

5.) Ausspielen des dritten und vierten Gegenspielers

Pep Guardiola hat einmal gesagt, die Seitenlinie sei der beste Verteidiger, da der Gegenspieler dort in seinem Wirkungsbereich stark eingeschränkt wäre. Noch prekärer wird die Lage wenn man mit dem Rücken zum Spielfeld steht. Ein Ballverlust scheint ausweglos. Genau in diese Situation kommt Modric nun. Von beiden Seiten laufen ihn die Gegenspieler zusätzlich an.

Ein Pass nach vorne ist in dieser Situation nicht möglich, da sich seine Mitspieler nun im Deckungsschatten eines Gegners befinden. Er nimmt sich daher den Ball zwischen den beiden Gegenspieler noch weiter zur Seitenlinie mit – quasi Augen zu und durch. Imposant ist dabei einmal mehr seine Dynamik. Während die beiden Gegenspieler praktisch die ganze Zeit über in die Richtung stehen, in die sie lossprinten werden, hat Modric gerade einen Richtungswechsel hinter sich und muss neu beschleunigen.

6.) Geöffnete Räume am ganzen Feld

Zum Schluss wollen wir uns noch ansehen, welche Effekte – neben etlicher staunenden Gesichter rund um den Globus – dieses Dribbling hatte, vor allem für sein Team. Wie man im nachstehenden Bild sieht hätte Real diese Aktion nämlich durchaus gewinnbringender zu Ende spielen können.

Die Königlichen haben hier zum einen in Umgebung des Balls viel Platz, aber auch ballfern tun sich große Räume auf. Modric hat quasi die gesamte Aufmerksamkeit von Villarreal auf sich gezogen. Die Gäste rechneten hier – durchaus nachvollziehbar – offenbar mit einem Ballgewinn, weshalb auch die nominellen Offensivspieler höher blieben um danach torgefährlich zu werden.

Fazit

Diese Szene steht symbolisch für mehrere Dinge. Zum einen selbstverständlich für die große individualtaktische Klasse von Luka Modric, der im neuen 4-3-3 von Real aufblüht. Als Achter kann er seine Stärken im Dribbling und Kombinationsspiel sowie auch seine Vorstöße perfekt ausspielen, damit das Aufbauspiel seiner Mannschaft variabler gestalten. Es ist dies auch die zweite Erkenntnis, die man aus diesem Spielzug gewinnen kann.

Ein mannschaftstaktisch hervorragendes Team zieht man in der heutigen Zeit gerne mal einem Team mit Individualisten vor, da man geordnete taktische Abläufe alleine kaum lösen kann. Jedoch scheinen genau diese Individualisten erstgenannte Teams wieder auseinanderreißen und auf deren niedrige individuelle Klasse herunterbrechen zu können. Die Voraussetzung dafür – und das ist der letzte Punkt dieser Conclusio –  ist, dass diese Spieler selbst im Sinne der Mannschaftstaktik agieren.

Alexander Semeliker, abseits.at

Alexander Semeliker

@axlsem

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