Als die erste Saison der J. League 1993 startete, brach eine große Euphorie los. So verzeichnete man beim Eröffnungsspiel mehr als 30% mehr Fernsehzuschauer... Die Hundert-Jahre-Vision: Japans Fußball weiterhin im Aufwind

Shinji Kagawa - Manchester United, JapanAls die erste Saison der J. League 1993 startete, brach eine große Euphorie los. So verzeichnete man beim Eröffnungsspiel mehr als 30% mehr Fernsehzuschauer als bei jedem Baseballspiel. Dieser Wert macht deutlich, dass damals erstmals Fußball zur beliebtesten Sportart des Landes wurde. Die Liga wurde gut vermarktet und die Konzerne investierten in ihre ehemaligen Vereine, um dadurch ausländische Spieler in die Liga zu holen.

So wurden Stars, wie Zico (Kashima Antlers), Gary Lineker (Nagoya Grampus Eight), Pierre Littbarski (JEF United Chiba, Brummell Sendai) und Totò Schillaci (Júbilo Iwata) verpflichtet. Doch die wirklich prägenden Spieler der ersten paar Saisonen waren andere. Zum Beispiel Kazuyoshi Miura, Masami Ihara, Luiz Carlos Pereira und Ruy Ramos. Besonders Miura begeisterte in den ersten Jahren der J. League das Publikum und gilt heute noch als einer der besten japanischen Fußballer aller Zeiten.

In der ersten Saison konnte sich das Team von Verdy Kawasaki im Finale gegen die Kashima Antlers durchsetzen. Im nächsten Jahr wiederholte Verdy diesen Erfolg mit einem Sieg gegen Sanfrecce Hiroshima. In diesem Jahr stellte man auch einen Zuschauerrekord von durchschnittlich knapp 20.000 Zuschauern pro Spiel auf. Die Liga wuchs mit einem rasanten Tempo und so wurde sie nun jährlich um zwei Teams erweitert.

Erste Krise

Doch wieder einmal drohte die Idee einer gut funktionierenden Liga zu scheitern. Dies lag an zwei Gründen. Ein Grund war, dass der Hype um die neue Liga 1997 verflachte und sich die durchschnittlichen Zuschauerzahlen innerhalb von drei Jahren halbierten. Damals waren jedoch die Zuschauereinnahmen ein wichtiger Teil im Budget der Mannschaften und so traf sie dieser starke Rückgang sehr hart. Der zweite große Grund lag darin, dass Japans Wirtschaft zu dieser Zeit in eine große Rezession schlitterte. Dadurch konnten die Konzerne es sich nicht mehr leisten in die Teams zu investieren und für die Vereine wurde es unmöglich weiterhin die Gehälter der großen Stars aus Europa zu finanzieren.

Die Vereine kamen in große finanzielle Schwierigkeiten und so kam es, dass 1998 die Yokohama Flügels kurz vor der Insolvenz standen und nur durch eine Fusion bzw. Übernahme durch die Yokohama F-Marions gerettet werden konnten. Außerdem musste 2000 Bellmare Hiratsuka (heute Shonan Bellmare) aus finanziellen Gründen die Teilnahme am Ligabetrieb zurückziehen. Doch die Japaner machten aus ihrer Not eine Tugend und setzten anstatt auf ausländische Altstars auf heimische Talente und so begann man erstmals wieder junge Talente zu fördern. Dadurch bekamen Spieler wie Hidetoshi Nakata, Shunsuke Nakamura oder Shinji Ono die Chance schon in jungen Jahren Profierfahrung zu sammeln. Außerdem fand man hier erstmals eine Generation an jungen Spielern, die sich auch den Schritt ins Ausland zutraute. Hier konnten sie weitere wichtige Erfahrungen sammeln, was sich besonders bei der erfolgreichen Heim-WM 2002 zeigte, als Japan ins Achtelfinale vorstoßen konnte und seinen bisher größten Erfolg bei einer Weltmeisterschaft feierte.

Stetige Weiterentwicklung der Vision

Währenddessen versuchte der Ligaverband weiterhin die Anzahl der Profivereine zu erweitern und die Liga zu „europäisieren“. 1998 wurde eine Hundert-Jahres-Vision herausgegeben, welche das Ziel hat, in den nächsten 100 Jahren 100 Profivereine in den japanischen Ligen zu haben. Deswegen wurde eine 2. Profiliga eingeführt und die JFL zur 3. Liga gemacht. Dadurch gab es erstmals einen Absteiger aus der J. League. Außerdem begann man in kleineren Städten dafür Werbung zu machen, dass regionale Unternehmen die ortsansässigen Teams sponsern. Bis heute gibt es große regionale Unterschiede bei der Umsetzung dieser Idee. Einerseits gibt es Regionen, in denen sich Dörfer zusammenschließen und dadurch ihren Dorfklub in den Profifußball führen und andererseits gibt es aber auch Vereine wie zum Beispiel Avispa aus der Großstadt Fukuoka, die finanziell um ihr Überleben kämpfen müssen, weil sie kaum Sponsoren finden.

Außerdem wurde 1999 das Elfmeterschießen und 2003 die Verlängerung in der Liga abgeschafft.

Durch die Weltmeisterschaft 2002 wurde eine riesige Fußballeuphorie entfacht und man schaffte es endgültig sich aus der Krise zu befreien. Man machte nicht wieder den Fehler und verpflichtete teure Altstars, sondern förderte sehr stark die eigene Jugend. Außerdem behielt man auch den Reformkurs bei und schaffte zum Beispiel 2005 die zweigeteilte Meisterschaft ab.

Die ersten Erfolge stellten sich schnell ein 2007 und 2008 konnte mit den Urawa Red Diamonds und Gamba Osaka jeweils ein japanischer Verein die AFC Champions League gewinnen. Zu dieser Zeit führte man, um die Jugend besser fördern zu können eine Ausländerbegrenzung ein. Diese besagt, dass nur vier Ausländer pro Team gemeldet sein dürfen.

Japaner in Europa

2010 begann der große Export der japanischen Fußballer nach Europa Fahrt aufzunehmen. Als Toröffner fungierte hier Shinji Kagawa, der im Sommer 2010 vom damaligen Zweitligisten Cerezo Osaka für kolportierte 350.000€ zu Borussia Dortmund wechselte. Er war sofort Stammspieler und zog als Zehner im Mittelfeld die Fäden. In seinen ersten 17 Spielen erzielte er acht Tore, ehe ihn ein Mittelfußbruch stoppte. Auch in seiner zweiten Saison in Deutschland überzeugte er und konnte mit 13 Toren und 12 Assists in 31 Spielen und seiner elegant trickreichen Spielweise Manchester United auf sich aufmerksam machen. Er verließ zwar die Bundesliga schon nach zwei Jahren wieder, aber durch seine Leistung wurden viele andere Vereine auf den japanischen Spielermarkt aufmerksam. Außerdem spielten zu dieser Zeit auch Atsuto Uchida und Makoto Hasebe schon eine gute Rolle bei ihren Vereinen. Einzig Kisho Yano gelang es nicht so recht auf diesen Zug aufzuspringen, was aber mangels Qualität die meisten J. League-Kenner wenig überraschte.

Früher noch als Marketingspieler um japanische Sponsoren anzulocken belächelt, wollte plötzlich jeder einen „neuen Kagawa“ in seiner Mannschaft haben. Mit Hajime Hosogai, Shinji Okazaki und Tomoaki Makino im Winter 2010/11 und Takashi Usami, Yuki Otsu und Takashi Inui im Sommer 2011 wurden weitere Japaner nach Deutschland geholt und bei den meisten startete man mit der Erwartung, sie würden wie Kagawa sofort zum Leistungsträger werden. Man vergaß leider, dass nicht jeder Japaner gleich ist. Man erwartete von jedem Spieler, dass er sich schnell an die neue Kultur gewöhnen würde und fleißig Deutsch lernt um sich in die Mannschaft integrieren zu können. Außerdem schaffte man auch nicht überall gleiche Bedingungen, so hatten Spieler wie Kagawa, Uchida, Hasebe oder später Kiyotake einen Dolmetscher, der den Spieler rund um die Uhr betreute, während Hiroki Sakai bei Hannover 96 zum Beispiel in seinen ersten Monaten keinen Betreuer hatte. Dass die kleinen Unterschiede große Auswirkungen haben können bewies der vorher angesprochene Sakai deutlich. In seiner Anfangszeit wurde er für sein taktischen Verhalten von den Medien und Fans zerrissen, was sämtliche Japan-Kenner verwunderte, da man eigentlich von ihm bessere Leistungen erwartet hatte. Als er ab der Winterpause einen Dolmetscher zur Seite gestellt bekam besserten sich seine Leistungen schlagartig und heute ist er ein wichtiger Bestandteil dieser Mannschaft. Auch in anderen Ländern feierten Japaner schon Erfolge. Keisuke Honda wechselte erst vor kurzem von ZSKA Moskau zu AC Mailand und beim Stadtrivalen Inter hat Yuto Nagatomo mittlerweile eine tragende Rolle.

Wo führt der Weg hin?

Alles in allem hielt dieser Exodus an und heute ist beispielsweise die Hälfte des für die Weltmeisterschaft in Brasilien gemeldeten Kaders in Europa aktiv. Japan ist auf einem guten Weg und lässt sich auch nicht davon abbringen. Erst vor kurzem wurden wieder neue Ziele ausgegeben und weitere Veränderungen durchgeführt.

So startete 2014 die J3, also eine dritte Profiliga, welche des Erreichens der Hundert-Jahre-Vision dient. Außerdem versucht der Verband die erste Liga stärker in Südostasien zu vermarkten. So werden zum Beispiel regelmäßig Fußballer aus Thailand, Indonesien, Vietnam oder Malaysia zu Probetrainings eingeladen beziehungsweise wie zum Beispiel Le Cong Vinh, Irfan Bachdim, Stefano Lilypaly oder Sheang Tsung Tam auch verpflichtet.

Japan wird weiterhin versuchen fußballerisch neue Wege zu gehen und es bleibt abzuwarten, wohin dieser Aufwärtstrend noch führen wird.

Andreas Mejavsek

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