Der Begriff „Class of 92“ wird im englischen Fußballduktus allgemein als Bezeichnung jenes legendären Jahrgangs von Manchester United benutzt, aus dem Spieler wie Ryan... So gut wie Giggs – die tragische Geschichte des Adrian Doherty

_Flagge NordirlandDer Begriff „Class of 92“ wird im englischen Fußballduktus allgemein als Bezeichnung jenes legendären Jahrgangs von Manchester United benutzt, aus dem Spieler wie Ryan Giggs, Paul Scholes oder David Beckham hervorgingen. Auch der Nordire Adrian Doherty war Teil davon, nur das dessen Name wohl selbst absoluten Fußball-Nerds eher wenig sagen wird.

Dabei galt Doherty als mindestens genauso gut wie seine jungen Kollegen – wenn nicht sogar besser. Ryan Giggs kommt heute noch ins Schwärmen, wenn er über die Fähigkeiten von „Doc“ (Dohertys Spitzname) redet. Ein Jugendtrainer in Nordirland bezeichnete Doherty als „den besten Fußballer, den er in 30 Jahren als Trainer und Scout in Irland gesehen hätte.“ Bei United galt der Außenstürmer als der kompletteste Spieler der „Class of 92“ und weckte Erinnerungen an George Best. Deshalb drängte Alex Fergusons Trainerteam den legendären Coach, Doherty in der ersten Mannschaft einzusetzen.

So sollte es eigentlich auch kommen. Doch das Schicksal hat eben manchmal andere Pläne – oder um es weniger pathetisch auszudrücken: Doherty hatte einfach ziemlich großes Pech. Bei einem Spiel mit Uniteds dritter Mannschaft gegen die Reserve von Carlisle United zog sich der damals 17-Jährige eine schwere Verletzung am Kreuzband zu; damals noch so etwas wie das medizinische Todesurteil für eine Karriere. Der Traum vom Profidebüt erfüllte sich nicht. Dafür feierte Ryan Giggs an Stelle von Doherty seinen Einstand bei Uniteds erster Mannschaft. Dohertys Vater macht den Red Devils noch heute Vorwürfe, sich zur damaligen Zeit nicht genug um seinen Sohn gekümmert zu haben. Die Schwere der Verletzung wurde zudem von Uniteds Ärzten wohl zu spät erkannt.

Auf die Beine kam Doherty nicht mehr. Er blieb noch zwei Jahre im Verein, ehe sein Vertrag aufgelöst wurde. Es bleibt dabei jedoch die Frage, ob Doherty darüber so unglücklich war; dem Bild des typischen angehenden Profis entsprach er nämlich so gar nicht. Doherty trug zerschlissene Klamotten und kam mit einem Plastiksackerl statt mit seiner teuren Tasche zum Training. Während die anderen Jugendspieler nach den Spielen sich meist noch die Begegnungen im Old Trafford anschauten, verkaufte Doherty seine Freikarten.

Das Fußballgeschäft war definitiv nicht seine Tasse Tee. Seine wahre Leidenschaft war die Musik. Als großer Fan von Bob Dylan spielte er für sein Leben gern Gitarre. Mit seinem Instrument auf den Schultern erschien er oft zum Training. Das Bild des Sonderlings war somit perfekt.

Nach dem Ende seiner kurzen Fußballkarriere kehrte Doherty, der bisweilen unter großem Heimweh litt, nach Nordirland zurück, wo er sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser hielt. Alles, um genug Zeit zu haben, sich weiter um seine Musik zu kümmern. Für einen Plattenvertrag reichte es jedoch nicht. Die Hoffnung darauf gab er jedoch nie auf. Er zog in die irische Künstlermetropole Galway und tingelte dort mit seiner Gitarre durch die Bars – seine wohl glücklichsten Jahre.

Leider, wie so oft im Leben, gab es für Doherty kein Happy End. Unter bis heute nicht geklärten Umständen, ertrank Doherty in einem Kanal im niederländischen Den Haag. Laut der örtlichen Polizei gab es keinerlei Hinweise auf Drogen, Selbstmord oder ein Verbrechen. Adrian Doherty starb einen Tag vor seinem 27. Geburtstag.

Das Schlusswort dieser Geschichte gehört Ryan Giggs: „Wenn ich an Doc denke, dann fühle ich zum einen eine große Traurigkeit, weil er seinen Mitspielern, den Fans und auch sich selbst nicht die große Freude bereiten durfte, die er uns allen sicher gemacht hätte. Andererseits ist da aber auch die glückliche Erinnerung an sein Talent und an die Persönlichkeit, die er war.“

Wer sich ausführlicher über das Leben von Adrian Doherty informieren möchte, dem sein das Buch „Forever Young“ von Oliver Kay ans Herz gelegt.

Ral, abseits.at