Jeden Sonntag wollen wir in dieser neuen Serie einen Blick in die Vergangenheit werfen: Wir spielen sozusagen einen Zuckerpass in den Rückraum und widmen... Wiederholung in Zeitlupe (12) – Brasiliens Fußballfiebertraum (KW 23)

Jeden Sonntag wollen wir in dieser neuen Serie einen Blick in die Vergangenheit werfen: Wir spielen sozusagen einen Zuckerpass in den Rückraum und widmen uns kurz und bündig legendären Toren, Spielen, Fußballpersönlichkeiten, Ereignissen auf oder neben dem Platz und vielem mehr. Wir wollen Momente, Begebenheiten, Biografien im Stile von Zeitlupenwiederholungen aus dem TV nochmals Revue passieren lassen. Gedanken machen wir uns dabei über Vergangenes, das in der abgelaufenen Kalenderwoche stattgefunden hat. Heute reisen wir zurück zum Eröffnungsspiel der WM 2014, gestern vor 7 Jahren, am 12. Juni, und reflektieren aus der Sicht des Gastgebers die damalige Endrunde…

Brasiliens Bilanz: Brot und Spiele

Als die Spieler der Seleção sich nicht mit der verkürzten Version ihrer Hymne zufriedengaben, geschlossen und mit ernstem Gesicht einfach a cappella weitersangen und dabei von der randvoll gefüllten Arena Corinthians unterstützt wurde, hatte man den Eindruck: Die wollen wirklich Weltmeister werden. Jene Momente in São Paulo, als nicht nur David Luiz mit Tränen in den Augen „Sei gegrüßt, geliebte Heimat …“ in den Frühabendhimmel brüllte, gehören für mich zu den eindrucksvollsten Erinnerungen an diese Endrunde. Ganz Brasilien erwartete von der Mannschaft rund um Superstar Neymar den ganz großen Coup. Ganz Brasilien? Nein, eine vergleichsweise kleine Menge von ca. 50.000 Menschen protestierte noch während der gesamten Endrunde gegen die Austragung des Turniers. Demonstrationen hatte es seit dem Zuschlag gegeben.

Aus sportlicher Sicht erreichten die Südamerikaner glanzlos das Halbfinale, erfuhren aber dort eine ihrer bittersten Niederlagen. Der spätere Turniersieger Deutschland fertigte den Gastgeber wie eine Schülermannschaft mit 1:7 ab. Jene Tränen, die viele Fans und Spieler beim Eröffnungsmatch gegen Kroatien in den Augen hatten, liefen ihnen jetzt strömend über die Wangen. Es war unglaublich. Der „Schock von Mineirão“ (portugiesisch: Mineiraço) beendete als höchste Turnierniederlage der Seleção alle Träume von einem WM-Triumph in der Heimat. Eine ORF-Radiokorrespondentin meinte am nächsten Morgen, sie sei sicher heute auf den Straßen Rios werde ihr niemand mehr im notorischen gelben T-Shirt mit zartem „Ordem e Progresso“-Wappen auf der Brust begegnen. Ob sie recht hatte? Jedenfalls wirkte die Semifinalblamage wie ein Schlag. Die geschockte Mannschaft beging im Spiel um Platz drei katastrophale Abwehrschnitzer und verlor mit 0:3 gegen die Niederlande.

In der Retrospektive scheinen das Eigentor von Marcelo und der geschenkte Elfmeter im Spiel gegen Kroatien schon exemplarisch für das spätere Abschneiden der Brasilianer zu stehen. Selbst mit Herz und Leidenschaft waren die spielerischen und taktischen Schwächen der von Scolari trainierten Mannschaft nicht zu übersehen. Als der Heilsbringer im Spiel gegen Kolumbien mit einem Lendenwirbelbruch ausscheiden musste, war die Enttäuschung im ganzen Land spürbar. Trotzdem hielt das (vermeintlich gesamte) fußballverrückte Volk an seinem Traum fest – dieser Traum sollte aber im Halbfinale zum Albtraum mutieren. Der Frust über die Schmach saß so tief, dass unbekannte Täter ein Busdepot in der brasilianischen Hauptstadt abfackelten. David Luiz brachte es auf den Punkt: „Wir wollten unsrem Volk, dem es nicht gut geht, Freude machen. Das haben wir nicht geschafft.“

Für Brasilien ging es bei der damaligen Endrunde nie nur um Fußball, es ging um viel mehr: Das Wirtschaftswachstum der ehemaligen portugiesischen Kolonie war schon seit 2010 rückläufig, die klaffenden Unterschiede zwischen Armen und Reichen vergrößerten sich. Nicht alle Brasilianer waren von der Austragung der Fußball-WM begeistert, denn – entgegen den Versprechungen – wurde die Organisation zu 90% aus öffentlichen Geldern bezahlt. Das, obwohl die Regierung zunächst beschwichtigte und behauptete, die Weltmeisterschaft sei eine Privatinitiative. Die Rechnung hatten sie aber ohne die FIFA gemacht, denn die Parole des Weltfußballverbandes ist einfach: Alle Vorbereitungs- und Durchführungskosten des Events trägt das Gastgeberland, die direkten Einnahmen – wie TV-Rechte, Tickets, etc. – gehen an die FIFA, an denen sich dann ihre Funktionäre bereichern.

Letztendlich machte der Staat Brasilien kaum Gewinn, das Geld steckten sich FIFA-Manager und Organisatoren ein. Umweltzerstörungen und Zwangsumsiedlungen wurden mit dem Polizeiknüppel durchgesetzt. Nachdem die letzten Auswärtsfans den südamerikanischen Kontinent wieder verlassen hatten, rutschte das Land am Zuckerhut in die Rezession. Ein positiver makroökonomischer Effekt der WM war nicht feststellbar. Nach der Austragung der Olympischen Spiele 2016 verfielen die Sportstätten, im legendären Maracanã hausten Straßenkatzen. Die ökonomischen Probleme mündeten in die Wahl des Rechtsextremen Bolsonaro, der seit 2018 die Staatsgeschäfte führt. Die Lebensbedingungen vieler Brasilianer haben sich unter seiner Führung nicht verbessert, Menschenrechtsverletzungen und Korruption stehen an der Tagesordnung. Das junge Land durchlebt schwere Stunden.

Seine Nationalmannschaft liegt aktuell auf Platz drei der FIFA-Weltrangliste, die Seleção konnte 2019 seit über zehn Jahren wieder die Copa América gewinnen. Ihr blamables Ausscheiden bei der Heim-WM-Endrunde scheint aber ebenfalls mit dem korrupten Fußballsystem zusammenzuhängen: Der damalige CBF-Verbandspräsident Ricardo Teixeira verkaufte die Übertragungsrechte von Freundschaftsspielen der Seleção in den 2000er-Jahren an eine saudische Unternehmensgruppe und strich sich das Geld aus dem sehr guten Deal großteils selbst ein. Aufgrund einer Klausel, die die Aufbietung von Starspielern vorsah, waren dem Trainer bei der Aufstellung teilweise die Hände gebunden. Der nationale Fußball war keine rein sportliche Angelegenheit mehr, die Austragung der WM schon gar nicht. Die Ablenkung des Volkes durch den WM-Sieg erfolgte nicht. Am Ende war die Siegessicherheit und Hybris einiger brasilianischer Funktionäre das einzige, das ihnen kein Geld einbrachte.

Juca Kfouri, Brasiliens wichtigster Fußballkommentator, meinte kurz nach dem WM-Finale zwischen Deutschland und Argentinien: „Das Vermächtnis der WM für den brasilianischen Fußball muss die dringende Reform seiner Methoden und Organisation sein und damit die Demokratisierung seiner Praktiken.“ Und heute?

Marie Samstag, abseits.at

Marie Samstag