1942 und 1946 pausierten die Endrunden aufgrund des Weltkrieges. Beim ersten FIFA-Kongress des Jahres 1946 bewarb sich Brasilien für die Austragung des internationalen Turniers,... Weltmeisterschaft 1950: Der Papst, Frank Sinatra und Alcides Ghiggia

Uruguay - Flagge, schwarzweiß1942 und 1946 pausierten die Endrunden aufgrund des Weltkrieges. Beim ersten FIFA-Kongress des Jahres 1946 bewarb sich Brasilien für die Austragung des internationalen Turniers, das für 1949 angesetzt war. Aus organisatorischen Gründen verlegte man den Termin allerdings noch um ein Jahr.

34 Teilnehmer bekundeten Interesse, kein einziger afrikanischer Staat wollte sich jedoch beteiligen. Die Wunden des Krieges waren noch nicht geheilt, da wurden die „Kriegstreiber“ Japan und Deutschland von der FIFA ausdrücklich ausgeschlossen. Sie verfügten ohnehin nicht über Verbände mit denen sie hätten teilnehmen können.

Die Qualifikation wandelte sich zum Kuriosum: Schottland wurde hinter England in Gruppe Eins Zweiter, fuhr aber dennoch nicht nach Brasilien. Österreich wollte nicht gegen die Türkei spielen, die somit freie Bahn für die Endrunde gehabt hätte, wenn es sich die Türken nicht auch anders überlegt hätten. „Austria, Rapid und Admira waren definitiv gegen eine WM-Teilnahme.“, erinnert sich ein Zeitzeuge. Die österreichischen Klubs wollten mit ihren Spielern lieber auf finanziell lukrative Tourneen fahren und auch der ÖFB konnte oder wollte die, von Brasilien nicht gedeckten, Reisespesen für Funktionäre und Betreuer nicht aufbringen.

Dunkle Vorzeichen

Indien konnte sich in der Qualifikation ohne je ein Spiel bestritten zu haben durchsetzen, da Birma, Indonesien und die Philippinen nicht antraten. Jedoch beschloss auch der Sieger der Asien-Gruppe nicht nach Brasilien zu reisen (Die FIFA verbot den Nationalspielern ohne Schuhwerk zu spielen). Belgien, Argentinien, Peru und Ecuador überlegten es sich noch vor dem ersten Auswahlspiel anders. Frankreich und Portugal, die beide die Quali nicht überstanden hatten, wurde nun angeboten den Platz des türkischen Teams zu übernehmen. Doch die Europäer lehnten ab. Paraguay meldete sich zu spät an und fuhr „kampflos“ zur Endrunde, da sich kein Gegner fand. Weltmeister Italien musste im Mai 1949 einen schweren Verlust verkraften: Beim Flugzeugabsturz von Superga starb beinahe die gesamte aktuelle Mannschaft des AC Turin. Grande Torino hatte zuvor die Serie A dominiert und stellte einige Nationalspieler. Die eingespielte Squadra Azzurra war nun praktisch ausgelöscht und die WM 1950 hatte einen Favoriten weniger.

Die Brasilianer waren damals wie heute fußballverrückt und freuten sich auf das Großereignis. Das legendäre Maracanã-Stadion wurde eigens für diese WM errichtet und fasste fast 200.000 Sitzplätze. Damals war es das größte Stadion der Welt, in dem die brasilianische Nationalmannschaft bis auf eine Ausnahme, alle ihre Spiele kickte. Der „Hexenkessel von Rio“ wurde jedoch auch Schauplatz einer ballesterischen Tragödie, doch dazu später mehr.

Statt einer K.O.-Runde hatte sich der Veranstalter einen Modus mit zwei Gruppenphasen überlegt: Dabei wurden die 16 Endrundenteilnehmer zunächst in Vierer-Gruppen aufgeteilt. Brasilien wollte so mehr Spiele austragen und durch die verkauften Eintrittskarten Profit machen: Merchandising war damals noch nicht so gefragt. Nach dem Rückzug der bereits qualifizierten Teams aus Schottland, der Türkei und Indien und den Absagen von Frankreich und Portugal verkomplizierte sich die Durchführung der ersten Gruppenphase.

So musste Uruguay in seiner Zweiergruppe nur ein Spiel bestreiten um in die Finalrunde zu kommen: In beeindruckender Weise wies der spätere Weltmeister Bolivien mit einem 8:0-Sieg den Heimweg. In Gruppe 3 verwies Schweden Weltmeister Italien auf Platz 2, dahinter schied auch Paraguay aus. Der regierende Weltmeister war mit dem Schiff angereist, die abergläubisch-katholischen Kicker hatten nach der Flugzeugkatastrophe darauf bestanden so nach Südamerika zu gelangen. Brasilien gewann seine Gruppe vor Jugoslawien, der Schweiz und Mexiko. Spanien siegte in Gruppe 2 überraschend vor England, Chile und den USA.

Der frühreife Student

Die WM-Premiere ging für die Briten ordentlich daneben. Sir Stanley Matthews und seine Mannen gewannen zwar das erste Spiel gegen Chile, wurden aber anschließend von den USA mit 1:0 besiegt. Den Siegtreffer erzielte dabei ein Kicker, der gar kein Amerikaner war: Joseph „Joe“ Gaetjens, Haitianer mit deutschen Wurzeln, angehender Buchhalter und Tellerwäscher in einem spanischen Lokal, wurde bei einem „Kickerl“ auf Amateurniveau für die US-Nationalelf gescoutet. Die US-Boys hatten im Vorfeld der WM herbe Niederlagen einstecken müssen und reisten mit einer Mischung aus Amateuren und Halbprofis in die ehemalige portugiesische Kolonie. Frei nach dem Motto „Weil’s eh wurscht ist“ durfte fast alles mit, was Füße hatte. Gaetjens, der Columbia-Student, und Co. schlugen sich zur Überraschung aller jedoch schon im ersten Spiel gegen die Spanier sehr gut, „wurden aber am Ende eiskalt zerlegt“, würde Terrence Boyd sagen. 3:1 hieß es nach 90 Minuten. Das Team gab jedoch nicht klein bei und präsentierte sich auch im Folgespiel gegen die Briten ordentlich. Gaetjens Kopfballtor war die Sensation des Turniers, die favorisierten „Three Lions“ mussten nach einer weiteren Niederlage gegen Spanien die Koffer packen. „Am 2. Juli entschlief nach kurzem, aber schwerem Leiden der englische Fußball in Rio“, schrieb der Daily Herald. Wie passend, denn der US-amerikanische Goalie war tatsächlich im Zivilberuf Leichenbestatter.

Ein Nachspiel hatte das Match dennoch: Gaetjens und zwei weitere US-Kicker waren noch nicht im Besitz der amerikanischen Staatsbürgerschaft. Der eingelegte Protest der Inselkicker wurde jedoch von der FIFA mit der fragwürdigen Erklärung, dass alle US-Spieler fachgerecht im Verband der Vereinigten Staaten geführt wurden, ihre „Stars and Stripes“-Pässe bereits beantragt hätten und damit kein Verstoß vorliege, zurückgewiesen.

Als der 26-jährige Gaetjens am 29. Juni 1950 auf den Schultern seiner Kameraden vom Feld getragen wurde, hatte sich sein Leben um 180 Grad gedreht: Er kickte daraufhin als Profi in Frankreich und kehrte nach drei Jahren nach Haiti zurück, wo er sich erfolgreich als Geschäftsmann betätigte. Seit Juli 1964 ist er verschollen. Seine Familie bestand aus beherzten Regimegegnern und so wurde auch der WM-Held von der Geheimpolizei des haitianischen Diktators „Papa Doc“ Duvalier verhaftet. Nach dieser Entführung verlor sich seine Spur, bis heute gibt es kein Lebenszeichen des Ex-Sportlers.

Blood, Sweat & Tears

Die Vorrundengruppensieger spielten nun gegeneinander: Brasilien siegte hoch über Schweden, Uruguay und Spanien spielten remis. Das Gastgeberland konnte anschließend den hoch gehandelten Konkurrent Spanien mit 6:1 de facto aus dem Rennen werfen. Uruguay rang Schweden knapp nieder und Schweden schlug anschließend Spanien mit 3:1.

Im letzten Gruppenspiel ging es um alles: Das Match vom 16. Juli 1950 wurde zum Trauma der brasilianischen Fußballgeschichte. „Maracanaço“ – Der Schock vom Maracanã-Stadion war zugleich das am besten besuchte Fußballspiel der Geschichte. An die 200.000 Zuschauer hatten es sich im Stadion „gemütlich gemacht“, der Rest feierte draußen ekstatisch einen improvisierten Karneval. Brasilien sah sich als haushohen Favoriten, denn die „Urus“ hatten bis zu diesem Tag ein durchwachsenes Turnier gespielt. Die einheimischen Zeitungen sprachen von einem Kantersieg der Seleção und auch die Geschenke wurden noch vor der vermeintlichen „Party“ verteilt: Die Kicker bekamen Uhren mit eingravierter Widmung.

Uruguay wusste, dass es nur ein Unentschieden benötigen würde, um sich an die Spitze der Endgruppe zu stellen. So agierten die Charrúas äußerst defensiv und versuchten Topstürmer Ademir aus dem Spiel zu nehmen. Erst in der zweiten Halbzeit gelang Brasilien der Führungstreffer, „la celeste“ gab jedoch nicht auf und konnte zwanzig Minuten später ausgleichen. Die Seleção war plötzlich wie vor den Kopf gestoßen und Uruguay gewann an Selbstvertrauen. Als Ghiggia seinen Gegenspieler überwand und platziert ins kurze Eck vollendete war es im Stadion mucksmäuschenstill. Der FIFA-Präsident hatte sich noch während der Partie in die Katakomben des Maracanã zurückgezogen und betrat nach dem Abpfiff einen Ort voller Trauer. Jules Rimet überreichte dem Kapitän des Siegers Varela fast verschämt den Pokal. Fassungslos blieben tausende brasilianische Fans im Stadion sitzen, nicht alle hatten diesen Abend überlebt. Drei Menschen starben an einem Herzinfarkt, ein Vierter verübte Suizid, in dem er sich eine Tribüne hinunterwarf. Eine nationale Tragödie war im Gange, dennoch rangen sich bemerkenswert viele Zuschauer anerkennenden Applaus ab.

Des einen Freud, des anderen Leid

Die Copacabana war an diesem Abend wie leer gefegt, Fans und Spieler vereint in „Staatstrauer“. Als Konsequenz trug die Seleção bis heute nie wieder den weißen Nationaldress, in welchem man vorher regelmäßig agiert hatte. Torwart Moacyr Barbosa, der öffentlich für die Niederlage verantwortlich gemacht wurde, erzählte später: „Die höchste Strafe in Brasilien sind 30 Jahre Haft. Aber ich büße nun schon 50 Jahre für etwas, das ich nicht einmal begangen habe.“ Noch 1994 (!) hatte man dem Ex-Keeper den Zutritt zum Stadion verwehrt, als er die Seleção besuchen wollte. Er bringe nur Pech, meinte ein brasilianischer Fußballfunktionär. Das Finalspiel wurde auch für den brasilianischen Stürmer Ademir nicht zur großen Bühne. Der Torschützenkönig des Turniers hatte am Ende seiner Klubkarriere die unglaubliche Bilanz von 497 Spielen und 396 Toren stehen. Queixada (Holzkinn) war ein antrittsschneller Techniker, der bei dieser Endrunde neun Treffer erzielt hatte und einzig und allein im Endspiel torlos blieb.

Die Spieler der „Urus“ wurden als Helden verehrt. Eine Sammelaktion im Heimatland verschaffte ihnen Extra-Prämien. Wieder einmal hatte das Turnier einen Überraschungssieger hervorgebracht: „La celeste“ hatte zuvor keineswegs überzeugt, zog aber dank konsequenter Defensive den Brasilianern den Zahn. „Lediglich drei Menschen haben das Maracanã zum Schweigen gebracht: der Papst, Frank Sinatra und ich.“, erzählte Torschütze Alcides Ghiggia. Solche Geschichten schreibt eben nur der Fußball.

Marie Samstag, abseits.at

Marie Samstag

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