Seit dem vergangenen Jahr wird man vom österreichischen Fußball nicht gerade verwöhnt. Die Nationalmannschaft enttäuschte bei der EURO in Frankreich, die Bundesliga kämpft nach... Groundhopper’s Diary: Erstklassige Unterhaltung in der 1.Klasse

_Niederösterreich Bundesland WappenSeit dem vergangenen Jahr wird man vom österreichischen Fußball nicht gerade verwöhnt. Die Nationalmannschaft enttäuschte bei der EURO in Frankreich, die Bundesliga kämpft nach wie vor erfolglos gegen die sich immer weiter nach unter drehende Attraktivitätsspirale und eine Liga darunter wurde man die vorgegebenen Rahmenbedingungen lieber heute als morgen lockern, wobei dies danach keineswegs das wirtschaftliche Überleben der Vereine sichert. Das Überleben ist auch in der Regionalliga nicht einfach. Dort bilanzieren zahlreiche Klubs unausgeglichen, wobei der eine oder andere Verein sogar in die Insolvenz schlittert.

Abhilfe gegen diese Tristesse könnte da ein Besuch eines Fußballspiels im Unterhaus schaffen. Doch der beim Hören des Wortes verbundenen Abneigung „Unterhaus“ soll mit diesem Bericht entgegen gewirkt werden. Ein Sportplatzbesuch in der 1.Klasse kann sehr wohl ein schöner Zeitvertreib sein und erstklassige Unterhaltung bieten.

Ein Besuch beim SC Sitzenberg/Reidling

Die am Rande des Tullnerfelds liegende Gemeinde Sitzenberg/Reidling gehört sicher zu den fußballverrückteren Gemeinden Niederösterreichs. Der SC Sitzenberg/Reidling ist bekannt für gute Nachwuchsarbeit und spielte bis vor wenigen Jahren noch in den höheren Spielklassen des Bundeslandes. Doch in den letzten Jahren scheiterte man an der Rückkehr in die Gebietsliga und auch in dieser Saison lief es bislang nicht nach Wunsch, sodass man sich im Abstiegskampf in der 1.Klasse Nordwest-Mitte, der siebenten Leistungsstufe, wiederfindet.

Eine wichtige Partie um den Klassenerhalt sollte am letzten Sonntag im April in der Sitzenberger Teicharena stattfinden, denn der Tabellennachbar SV Hollenburg ist zu Gast. Da das Wetter passt und Hollenburg auch geografisch nicht allzu weit von Sitzenberg entfernt liegt, kommen immerhin 200 Besucher auf den Sportplatz.

SC Sitzenberg/Reidling – SV Hollenburg 2:2 (0:1)

Von Wien aus gelangt man mit dem Auto in etwas weniger als einer Stunde über den Riederberg und vorbei an Sieghartskirchen sowie Atzenbrugg nach Sitzenberg. Das Navi findet natürlich die direkteste Route zum Pappelweg, sodass man vor einem Schranken landet und die letzten 300 Meter per pedes entlang der Sitzenberger Schlossteiche vorbei muss, um die Teicharena, die ihren Namen völlig zu Recht trägt, zu erreichen.

Trotz der nicht ganz optimalen Anreise wird der Anpfiff um 11.00 Uhr dennoch punktgenau erreicht. In der Teicharena werde ich bereits von Christian erwartet, der aus Sitzenberg stammt und lange auch selbst beim SC Sitzenberg/Reidling aktiv war.

Die Partie beginnt etwas verhalten und so drehen sich unsere Gespräche um den Fußball in der Region. Der SC Traismauer ist hier derzeit in aller Munde, denn nach dem Bau der neuen Sportanlage, steht der Verein vor dem zweiten Aufstieg in Serie. Dort hat die Gemeinde gut und vor allem viel investiert. In Sitzenberg unterstützt die Gemeinde ebenfalls den Verein mit 15.000,- Euro pro Jahr. Das ist zwar weniger als in Traismauer, aber immerhin eine gute Summe. Dass Erfolg aber nicht immer planbar ist, sieht man beim SV Rust aus der Nachbargemeinde Michelhausen. Dort wurde auch viel in den Sportplatz und die Mannschaft investiert, aber man erlebte eine Bruchlandung wie Skispringer Thomas Diethart, der ebenfalls aus Michelhausen stammt, und stieg in die 2.Klasse ab. Diese, ist laut Christian, kein Honiglecken, denn ein paar ambitionierte Teams gibt es auch dort und so gelang dem SV Rust bis heute – trotz aller Investitionen – der Wiederaufstieg nicht.

Den Sturz in die 2.Klasse möchte der SC Sitzenberg/Reidling noch verhindern. In dieser Phase der Saison zu punkten ist wichtig, zumal man erst nach dem letzten Spieltag weiß, welcher Platz für den Klassenerhalt reicht. Erst wenn alle Absteiger aus den oberen Ligen feststehen, weiß man auch, wer aus der 1.Klasse absteigen muss. Derzeit liegt man an der gefährlichen drittletzten Position.

An diesem Vormittag sieht es anfangs sehr schlecht für einen Punktezuwachs des Heimteams aus. Hollenburg geht Dank eines Traumtores per Seitfallzieher in Führung. Selbst Christan applaudiert zu diesem Treffer und meint, dass dies das Schöne am Fußball sei, weil man auch auf diesem Niveau Traumtore zu sehen bekommt, andererseits auch in der Champions League hundertprozentige Torchancen vergeben werden.

Zur Pause holen wir uns – wie viel andere Besucher – ein frisch zubereitetes Schnitzel und nehmen Platz auf den Heurigenbänken hinter dem Tor. Von dort aus lässt sich das Spielgeschehen auch gut verfolgen und so bekommen wir hautnah den aus einem Konter resultierenden zweiten Treffer der Hollenburger mit.

Es gibt kaum mehr Zweifel an einem Erfolg des SV Hollenburg, als der Schiedsrichter zu Beginn der Schlussviertelstunde dem SC Sitzenberg/Reidling einen Elfmeter zuspricht. Der Schütze visiert dreimal das obere Eck an, doch Hollenburgs Tormann durchschaut das Psychospielchen und entschärft den flach geschossenen Strafstoß. Als er wenige Sekunden später auch noch einen Weitschuss der Sitzenberger spektakulär um die Stange drehen kann, wird er von den sich siegessicheren Mannschaftkollegen schon als „Matchwinner“ bezeichnet.

Doch der Fußball wäre nicht der Fußball, wenn es bei diesem Ergebnis geblieben wäre. In der Schlussphase nimmt diese Begegnung noch einen völlig unerwarteten Lauf. Der nächste Weitschussversuch der Sitzberger passt nämlich genau ins Eck und somit ist diese bereits entschieden geglaubte Partie plötzlich wieder völlig offen. Die wenige Augenblicke zuvor noch mit dem Rücken zur Wand gestandenen Sitzenberger drängen nun auf den Ausgleich und sollten diesen auch tatsächlich erzielen. Denn wieder wird ein Weitschuss platziert im Tor der Hollenburger versenkt. Das Sitzenberger Publikum steht aufgrund des in dieser Form unerwarteten Punktgewinns Kopf, während die Hollenburger es nur schwer begreifen können, dass sie dieses Spiel nicht gewonnen haben.

Nach dem Abpfiff diskutieren noch einige Besucher am Sportplatz bei einem Bier über diese Begegnung weiter, während sich der Rest des Publikums gut unterhalten in alle Himmelsrichtungen zerstreut. Dieses Spiel war wahrlich eine Werbung für den Fußball im Unterhaus.

Es folgen Impressionen, die sich per Klick vergrößern lassen!

Heffridge

Philipp Karesch alias Heffridge wurde 1979 in Wien geboren und hatte von Kindesbeinen an die Lust am Reisen und Fußball zu spielen. Durch diese Kombination bedingt, zieht es ihn nach wie vor auf die Fußballplätze dieser Welt. Die dort gesammelten Eindrücke sind ein fixer Bestandteil der abseits.at-Kolumne Groundhopper's Diary.