Dass Marko Arnautovic kein Kind von Traurigkeit ist mag stimmen. Doch wird dieses Bild extrem von der österreichischen und deutschen Medienwelt gesteuert. Jeder kleine... Die Rolle der Medien in der Karriere von Marko Arnautovic

Marko ArnautovicDass Marko Arnautovic kein Kind von Traurigkeit ist mag stimmen. Doch wird dieses Bild extrem von der österreichischen und deutschen Medienwelt gesteuert. Jeder kleine Fehler der begangen wurde, wurde von den Medien ausgeschlachtet und in seine Einzelteile zerlegt. Details wurden erfunden um den Artikel lesenswerter zu machen und den „Bad Boy“ in ein noch schlechteres Bild zu rücken. Dieser Artikel soll versuchen, die Rolle der Medien in der Karriere des Marko Arnautovic zu durchleuchten und zu hinterfragen.

Zugegeben, es ist schon ein bisschen länger her, dass ein damals 17-jähriger Österreicher namens Marko Arnautovic von diversen Medien als neuer Wunderstürmer und künftiger Star in den Himmel gelobt wurde. Österreichs Zeitungen waren damals voll mit Superlativen, sogar mit Zlatan Ibrahimovic wurde er verglichen.

Hype bereits früh angekündigt

2008/2009 schaffte Arnautovic bei Twente Enschede den endgültigen Durchbruch, debütierte bereits im Oktober 2008 für das österreichische Nationalteam. Es folgten weitere Auftritte in Hollands erster Spielklasse, die von österreichischen Fans nur sporadisch verfolgt wurden. Die Medien allerdings prophezeiten damals einen schier unglaublichen Hype und erhöhten somit die Erwartungen damals leidgeprüfter österreichischer Fußballfans. Druck, der den damals knapp 20-Jährigen sicher nicht positiv beeinflusst hat.

Medien fanden ihren Skandalboy

Im Jahr 2009 stritten sich mehrere europäische Topklubs um das Talent, Chelsea nahm allerdings auf Grund einer Fußverletzung Abstand von einer Verpflichtung und so landete Arnautovic bei Inter Mailand. Österreichs Medien hyperventilierten und überschlugen sich mit Lobeshymnen. Doch diese verebbten relativ schnell wieder, absolvierte Arnautovic doch nicht all zu viele Spiele im Inter-Trikot. Erste kritische Stimmen kamen in der Medienwelt auf, man sprach beinahe schon von einem gescheiterten Fußballer. Fakt ist, ein junger Österreicher hatte die Möglichkeit bei Inter Mailand zu spielen. Dass dies ob seines Alters oder der großen Konkurrenz nicht einfach ist, wurde von den meisten Medien einfach links liegen gelassen. Lieber startete man mit den ersten kleinen Geschichten, die den Beginn einer „Eskapaden-Phase“ einleiteten. Arnautovic wurde der Bentley von Samuel Eto’o gestohlen, als dieser sich den Wagen des Kameruners lieh. Geschichten über exzessives Nachtleben folgten – nie erwähnt wurde, dass es sich hierbei um einen jungen Fußballer handelte, welcher im Lernprozess steckte. Auch ältere Spieler erlaubten sich Ausrutscher, bei Arnautovic waren die Ausrutscher jedoch gefundenes Fressen für die Medien.

Deutsche Medien springen auf den Zug auf

Im Jahr 2010 wechselte Arnautovic zu Werder Bremen, man hoffte dort auf eine Fügung des „Bad Boy“-Images. Doch schon bald wurden auch hier Kleinigkeiten gefunden, aus welchen man große Stories machte. Führend war hier im Speziellen eine große deutsche Zeitschrift. Doch wer glaubte, dass seriöse österreichische Medien eigene Recherchen anstellten, der irrte sich gewaltig. Immer wieder wurde beinahe 1:1 der gleiche Inhalt wiedergegeben wie er zuvor in Deutschland vorgekaut wurde. Es gab kein Hinterfragen, es wurde einfach so zur Kenntnis genommen, nicht selten fand man noch eine passende zusätzliche Kleinigkeit.

Nichts als Skandale – oder war’s manchmal doch nicht so schlimm?

Ex-Rapid-Mittelfeldspieler Yasin Pehlivan brach sich im Dezember 2010 bei einer Bar-Schlägerei die Hände. Kurz war dies in den Medien thematisiert worden, doch verfolgte diese Geschichte den jungen Kicker später kaum noch. Anders hingegen die Situation beim harmlosen „Saftladen-Sager“ von Arnautovic. Es war bald klar, dass es sich nur um einen Scherz handelte, aber selbst heute wird dieser Sager als Teil einer „Eskapaden-Story“ noch erwähnt. Nächstes Beispiel: Die angebliche Auseinandersetzung von Stefan Maierhofer und Marko Arnautovic nach dem Türkei-Länderspiel. In den meisten Medienberichten fand man ein Wort: „soll“. Die Zeitung Österreich entwarf damals eine vielerorts belächelte Infografik, welche den Streit darstellen sollte. Zwei Auseinandersetzungen mit der Polizei gab’s auch noch: In Wien beschimpfte Arnautovic einen Polizisten und entschuldigte sich im Nachhinein. Keiner stellte sich damals jedoch die Frage, wie so etwas an die Medien gelangen konnte bzw. durfte. Für Beamten gilt die Schweigepflicht und zu einem Streit gehören bekanntlich immer zwei. Nachdem sich Arnautovic entschuldigte, dürfte an dieser Story etwas Wahres dran sein. Das zweite Problem mit der Exekutive hatte der Teamspieler in Deutschland. Klar ist es extrem unprofessionell zwei Tage vor einem wichtigen Spiel mitten in der Nacht unterwegs zu sein. Doch auch hier entwickelt sich eine interessante Geschichte. Arnautovic und sein Kollege Elia sollen angeblich einen „auf dicke Hose“ gemacht haben, so meinten dies zumindest die Zeitungen. Allerdings wurde dies von der Polizei umgehend dementiert, jedoch fand man dieses Dementi in keiner einzigen österreichischen Zeitung. Als der Österreicher sich via Facebook zu den Vorwürfen äußerte, wurde er teils aufs Übelste beschimpft. Anscheinend dürfte er dennoch mit seiner Äußerung Recht gehabt haben, auch wenn dies nicht in das Weltbild vieler Leser passt und auch hier stellt sich die Frage, warum der Vorfall an die Medien weitergeleitet wurde.

Medienberichte etwas kritischer betrachten

Der Werder-Bremen-Legionär ist für die Medien ein gefundenes Fressen und auch wenn er sich genug selbst zuzuschreiben hat, wird vieles zum Ankurbeln der Einschaltquoten und Klickzahlen heißer gemacht als es ist. Dass sich der Österreicher deutlich mehr auf seinen Beruf konzentrieren sollte, steht außer Frage. Jedoch wäre es von Zeit zu Zeit auch angebracht, die mediale Hetze gegen den 24-Jährigen stärker in Frage zu stellen.

Christian Semmelrock, abseits.at

Christian Semmelrock