„Doping im Fußball  ist völliger Blödsinn. Das Doping gehört hinein in die Spieler!“, hat Herbert Prohaska angeblich einmal zu unser aller Vergnügen gesagt. Dabei... Doping im Fußball (1/3) | Berner Gelbsucht

„Doping im Fußball  ist völliger Blödsinn. Das Doping gehört hinein in die Spieler!“, hat Herbert Prohaska angeblich einmal zu unser aller Vergnügen gesagt. Dabei ist das leidige Thema höchst kontrovers: Da gibt es die einen, die behaupten, der Fußball sei dopingfrei. Schließlich gebe es weltweit erst 177 aufgedeckte Dopingfälle, bei denen den Kickern größtenteils Missbrauch sogenannter Gesellschaftsdrogen wie Marihuana oder Kokain nachgewiesen worden war. Und es gibt die anderen, wie Thomas Kistner. Der SZ-Journalist legte 2015 einen knapp 370 Seiten starken Bericht über die Verschlusssache Doping vor. Da gibt es aber ein Problem: Beweise – im Sinne positiver Proben oder dokumentiertem Missbrauch – gibt es nicht. Was es gibt sind zahlreiche Zeugenaussage (allgemeiner oder konkreter Natur) und historische Forschungen.

Wer sich intensiv mit der Dopinggeschichte des Radsports beschäftigt hat, entdeckt Parallelen zum jetzigen Fußballgeschäft: Es herrscht auch in der Kickindustrie dieselbe Omertà (mafiöse Schweigepflicht), die bei den Radlern erst mit Armstrongs-Dopinggeständnis endgültig und vor den Augen der ganzen Welt zerbrach. Und ebenso wie bei der Tour de France, wo sich Fahrer anfangs mit Rotwein aufputschten und ihre Konkurrenten mittels Glasscherben zum Aufgeben zwangen, waren auch die ersten Dopingversuche im Fußball auf Amateurniveau angesiedelt. Das gilt mittlerweile als erwiesen. Dennoch leugnen zahlreiche Fachleute, dass im heutigen Fußball flächendeckend gedopt werde. Argumentum principalis: Doping sei sinnlos, dazu Robin Dutt, aktueller VfL Bochum-Trainer: „Es ist völlig uneffektiv, weil wir eine Mischsportart aus technisch-taktischer Komponente haben.“ Gebetsmühlenartig reihen sich viele in diese Argumentationslinie mit pseudomedizinischen Diagnosen ein: Was habe es für einen Sinn etwas für Muskelaufbau zu nehmen, wenn die Kondition darunter leide?

Fußball ist wirklich anders als Schach, anders als Gewichtheben. Aber nicht, weil es eine dopingfeindliche Mischsportart sein sollen. Nein, Fußball ist eine riesige Industrie, die sich selbst finanziert. Fußball braucht kein Olympia, keine staatlichen Förderungen. Der Ballsport zieht weltweit Menschen durch spektakuläre Bilder in seinen Bann. Nicht nur die Spieler verdienen gut, sondern es hängt eine riesige Industrie daran, die Geld macht. Um zurück zum Radfahren zu kommen: Lance Armstrong versuchte sein Verhalten immer wieder zu rechtfertigen, indem er klarmachte, wie viele Leute an seinen getricksten Erfolgen mitverdient hätten: Die Ausrüster, die Sponsoren, die Verbände und natürliche seine Stiftung. Auch im Fußball machen viele Leute Geld und vertuschen alles, was dem Sport in seiner jetzigen Ausprägung schaden könnte: Korruption, Homosexualität, Manipulationen, Spielsucht und eben auch Doping.

Dieser mehrteilige Artikel kann keine Antworten liefern. Er kann nur erzählen, was noch immer nicht offiziell bzw erwiesen ist. Anzeichen und Indizien sind vorhanden, doch cui bono? Im rechtlichen Sinn gibt es keinen Handlungsspielraum, der einem erlaubt Verbände oder Klubs des systematischen Dopings zu bezichtigen. Erschwerend kommt hinzu, dass die Grenze zwischen medizinischer Hilfe und Leistungssteigerung mitunter schwammig und schwer zu ziehen ist. Das IOC definiert Doping als „1. den Gebrauch eines Hilfsmittels (Substanz oder Methode), das potenziell gesundheitsgefährdend ist und die sportliche Leistung des Athleten verbessert, sowie 2. die Anwesenheit einer Substanz im Körper eines Athleten, die auf der Liste, die dem gegenwärtigen Medical Code beigefügt ist, aufgeführt ist, oder der Gebrauch einer Methode, die auf dieser Liste aufgeführt ist.“ Hm. Auch hier hat der Radsport vorexerziert, was im Fußball vielleicht noch nicht offengelegt worden ist: „Aktuellster“ Fall ist Weltmeister, Olympia- und Tour de France-Sieger Bradley Wiggins, der – wie jetzt aufgedeckt wurde – ärztlich verschriebene Mittel als leistungssteigernde Substanzen missbraucht hat.

Es ist anzunehmen, dass es noch dauern wird bis der Fußball jene Entwicklung durchmacht, die der Radsport, Boxen oder Leichtathletik schon hinter sich haben: Das grundsätzliche Anerkenntnis aller Beteiligten ein Problem zu haben. Sollte es irgendwann eine medizinische Revolution im Fußball geben, wird dies zwar die Gesundheit der Spieler, aber nicht die Attraktivität des Spieles steigern. Hier stellt sich eine entscheidende Frage: Wer möchte das?

Berner Gelbsucht

Fußball ist Brasiliens Nationalsport. Seit den 20er-Jahren ist das Land am Amazonas verrückt nach der Kugel und zählt bis heute zu den führenden Nationen. Doch nicht nur der Zauberfußball kommt vom Zuckerhut. Europäische Teams, die zu Gastspielen nach Südamerika reisten, staunten nicht schlecht, als sie Ende der 1940er miterlebten, wie einheimische Spieler in der Pause an der Sauerstoffflasche nuckelten und so in den zweiten 45 Minuten viel frischer als ihre Gegner aufliefen.

Zeitsprung ins Jahr 1954: Das Wunder von Bern gilt als deutscher Fußballgründungsmythos. In der Retrospektive wird oft der Teamgeist und Siegeswille, der Fritz Walter und Co zum Triumph über die spielerisch klar besseren Ungarn geführt haben soll, hervorgehoben. Stimmt das? Fest steht, dass Fußball bei unseren Lieblingsnachbarn zwar beliebt war, zur Weltspitze gehörten Herbergers Kicker aber nicht. Sporthistoriker haben zwei signifikante Faktoren für den Erfolg des DFB-Teams herausgearbeitet: Adolf Dasslers Schuhwerk und eine Spritze, die jeder der elf Männer knapp vor dem Spiel injiziert bekommen hat. Ungarns Stürmer Ferenc Puskás wunderte sich schon knapp nach der Niederlage seiner Mannschaft über die starke Physis der Deutschen. Er meldete in einem Interview mit France Football Zweifel an, ob alles mit rechten Dingen zugegangen sei. Der DFB erteilte dem Superstar daraufhin bis 1964 (!) Stadionverbot in allen deutschen Sportstätten. Empört wies der deutsche Verband auch 2004 jeden Dopingverdacht zurück: Die Spieler hätten lediglich eine Vitamin C-Dosis gespritzt bekommen. Auch der damalige Co-Trainer Albert Sing schaltete sich ein und behauptete, den Spielern sei Traubenzucker injiziert worden um den Placebo-Effekt zu nutzen. Und was ist wirklich passiert?

Sporthistoriker Erik Eggers spricht sich dafür aus, dass es sich um Pervitin gehandelt haben könnte. Wenn es ausschließlich Kanülen mit harmlosen Traubenzucker- oder Vitamin C-Resten gewesen sein sollen, warum sind diese anschließend unter den Wasserablaufgittern versteckt worden? Helmut Rahn soll zweifacher Vater des Sieges gewesen sein: Der Essener schoss nicht nur das entscheidende Tor, sondern habe auch Herberger und Teamarzt Franz Loogen auf leistungssteigernde Mittel aufmerksam gemacht. Rahn soll auf einer Südamerika-Tournee seines Klubs spitzbekommen haben, dass sämtliche brasilianische Teams mit Amphetamin dopen. Im Land des (mittlerweile) fünffachen Weltmeisters wurden damals 60% der Ligaspieler positiv getestet. Eine andere Theorie besagt, dass Trainer Herberger darauf bestanden hatte, seinen Spielern Doping zu verabreichen. Es gibt mehrere Anhaltspunkte, dass es sich tatsächlich um Pervitin (Methamphetamin) gehandelt haben könnte. Produziert wurde dieses Aufputschmittel ab 1938 in den Berliner Temmler-Werken. Die deutsche Wehrmacht gab das Mittel als „Panzerschokolade“ an ihre Landser aus um deren Leistungsfähigkeit zu steigern. Die Droge war besonders bei Kampfpiloten auf langen Bomberflügen beliebt und – wie’s der Zufall will – waren Fritz Walter und andere spätere Weltmeister auf Herbergers Initiative in den Fliegerhorst abkommandiert worden. Wahrscheinlich waren sie bereits damals mit dem Mittel in Kontakt gekommen. Nach Kriegsende wurde in der Freiburger Uniklinik zu Pervitin als Ausdauerleistungssteigerungsmedikament geforscht. Auszug aus einer Doktorarbeit der 50er: „In fast allen Fällen […] erhöht sich die Leistung unter der Pervitinwirkung beträchtlich […] und durchschnittlich um 100 Watt, d.s. 23,5%.“ Heute ist Methamphetamin als Crystal Meth bekannt und berüchtigt. Die Weltmeister von ’54 zahlten einen teuren Preis. Fast alle litten später an Gelbsucht und Leberleiden. Zwei Spieler starben an den Folgen ihrer Erkrankungen. Der DFB verlautbarte, dass diese gesundheitlichen Probleme auf das enge Zusammenleben der Spieler zurückzuführen seien. So kann man es auch ausdrücken oder – ganz simpel gesagt: Es gab damals noch keine Einwegspritzen.

1966 rückte die deutsche Fußballnationalmannschaft (rückwirkend) wieder in den Dopingfokus. Nach dem Lattenpendler-Finale gegen England wurden in den Proben dreier DFB-Spieler feine Spuren von Ephedrin nachgewiesen. Auf Druck einiger Verbände hatte die FIFA damals erste Kontrollen eingeführt und pro Team und Match zwei Spieler zum Urintest gebeten. Konsequenzen für Verband oder Spieler gab es jedenfalls keine. Es kann heute nicht einmal überprüft werden, wer von den Funden informiert worden ist.

Pharmazeutische Klubgeschichten

Das fußballerische Tagesgeschäft findet in den Ligen statt und dort hatte Doping in den 60ern Hochsaison. Das behauptete zumindest Real-Legende Alfredo Di Stéfano. Nach dem Ende seiner Karriere bei Espanyol Barcelona schwärzte der Argentinier die Serie A an und behauptete, dass Substanzmissbrauch am Stiefel zum guten Ton gehöre. Auch Peitschenknaller Max Merkel soll versucht haben bei Borussia Dortmund ein Amphetamin-Programm für die gesamte Mannschaft einzuführen. Zahlreiche Spieler europäischer Spitzenvereine erzählen von Tabletten, die ihnen (meist bei länderübergreifenden Bewerbspielen) gegeben worden sein sollen. Bei Ajax, Feyenoord, Marseille oder Inter nannten die Kicker sie Schokostreusel oder Smarties. Helenio Herrera begründete nicht nur la grande Inter mithilfe des Catenaccio, sondern verabreichte seinen Kickern auch ein berüchtigtes Kaffeemixgetränk. Der Argentinier hatte mitbekommen, dass einige Spieler die „Bomben“, die er ihnen gab, nicht einnahmen, sondern im Klo versenkten, also fing er an die Präparate kurzerhand heimlich aufzulösen und servierte sie zur Jause. Damals wusste keiner der Spieler, was man da genau schluckte, nur dass man danach Bäume ausreißen konnte. Die Nachwirkungen dieser leistungssteigernden Substanzen waren verheerend und mündeten in den meisten Fällen in menschlichen Tragödien. In Italien traf es die Profis des AC Florenz besonders hart.

Angestoßen hat die Debatte Gabriella Beatrice, die Witwe eines ehemaligen Serie A-Profis. Bruno Beatrice wurde mit der Fiorentina 1975 Coppa-Italia-Sieger. Gabriella erzählte, dass sie damals regelmäßig eineinhalb Stunden mit Bruno telefonierte, denn in dieser Zeitspanne hing der Kicker am Tropf und durfte sich nicht rühren. War er nach Spielen zuhause, konnte er öfters nicht schlafen, weil er noch so aufgedreht war. Als 37-jähriger erkrankte Beatrice an Leukämie und starb zwei Jahre später. Seine Teamkameraden und viele Kollegen aus der Serie A starben im Laufe der nächsten Jahrzehnte an Herzinfarkten, Krebstumoren oder ALS. Italiens Dopingprobleme lässt sich mit diesen drei Buchstaben am besten festmachen: Die unheilbare Erkrankung des Nervensystems zerstört die für die Muskelkontrolle zuständigen Zellen und führt zu einer schrittweisen Komplettlähmung. Italienische Fußballer erkranken zehnmal häufiger als der Bevölkerungsdurchschnitt an ALS. Vermutliche sind Mikro-Erschütterungen der Halswirbelsäule dafür verantwortlich daran, Medikamentenmissbrauch verstärkt allerdings das Risiko einer Erkrankung.

Marie Samstag, abseits.at

Marie Samstag

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