„Mit Tull Harder verbindet mich seit vielen Jahren eine echte Sportkameradschaft, begründet auf meine langjährige Mitarbeit in den Hamburger Sportbehörden und auf meine Tätigkeit... Kicker unterm Hakenkreuz (1) – Vom Mittelstürmer zum Kriegsverbrecher: Otto „Tull“ Harder

Hamburger SV Wappen_abseits.at„Mit Tull Harder verbindet mich seit vielen Jahren eine echte Sportkameradschaft, begründet auf meine langjährige Mitarbeit in den Hamburger Sportbehörden und auf meine Tätigkeit als Schiedsrichter in vielen Spielen bei denen Tull Harder mitwirkte. Diese Verbundenheit konnte auch durch den Umstand keine Einbußen erleiden, dass Tull Angehöriger der SS wurde, während ich Jude bin.“ Diese Zeilen schickt Martin Stock am 15. März 1947 an Rechtsanwalt Dr. Alfred Heynen, der jenen Otto Harder, genannt „Tull“, vor einem britischen Militärgericht vertritt. Stock ist nicht der Einzige, der dem ehemaligen Fußballer die Stange hält und das obwohl Harder nicht nur unter dem Deckmantel der Parteimitgliedschaft zu überwintern versuchte hatte, sondern als Leiter des KZ-Außenlagers Hannover-Ahlem als ein direktes Rädchen in der braunen Mordmaschinerie funktionierte.

Stock ist in der Weimarer Republik einer der bekanntesten Schiedsrichter gewesen. Nach Hitlers Machtergreifung gehört er zu jenen jüdischen Deutschen, die überzeugt sind sich mit dem Regime irgendwie arrangieren zu können. Doch bereits im Dezember 1936 wird er von der Gestapo verhaftet. Als er nach wenigen Wochen überraschend freikommt, glaubt er dies einer Intervention Harders zu verdanken. Nach dem Krieg setzt er sich vice versa für den ehemaligen Starstürmer des Hamburger SV ein – Ein gutes Sinnbild für die Sympathien, die „Tull“ Harder noch lange nach seinem Tod entgegenschwappen sollen. Seine Tätigkeit in der SS und seine rassistisches Weltbild können seine vergangenen sportlichen Erfolge nicht eintrüben: „Tull“ bleibt lange als harter, schneller Mittelstürmer beliebt. Dabei ist er einer von vielen Männern, deren Weg aus einem deutschnationalen Elternhaus, über den freiwilligen Kriegseinsatz im 1. Weltkrieg in eine Mittäterschaft in der NS-Zeit gemündet hat.

Der alte Fritz

HSV gegen 1. FC Nürnberg: Nach 225 kraftraubenden Minuten muss Schiedsrichter „Peco“ Bauwens das Endspiel um die deutsche Meisterschaft des Jahres 1922 abbrechen. Es gibt keinen Sieger, die Erschöpfung der Mannschaften sowie die einbrechende Dunkelheit erlauben ein Weiterspielen aber nicht. „Tull“ Harder ist 29 Jahre alt und muss seinen Karrierehöhepunkt hinausschieben, denn auch das Wiederholungsspiel sieben Wochen später wird beim Stand von 1:1 abgebrochen, da die Nürnberger nach zwei Ausschlüssen und zwei Verletzten nicht weiterspielen können. Der DFB will den HSV zum Meister erklären, doch dieser lehnt nach Protesten der bayerischen Kontrahenten ab. Erst 1923 gelingt Harder und den Rothosen der ganz große Coup: In der 34. Minute schießt Mittelstürmer „Tull“ das 1:0 gegen Union Oberschönweide. Ein Foto aus dem Endspiel zeigt Harder in seiner typischen Haltung: Mit energischem Blick deckt der 1,90-Riese die Kugel ab. Der Berliner Verteidiger daneben wirkt klein und eingeschüchtert. „Berührte der Hamburger den Ball, dann schloss sich sozusagen ein unsichtbarer Kontakt, ein Funke sprang über auf die Massen“, beschreibt ein Journalist Harders Wirkung auf die Zuschauer. Magie! 387 Tore erzielt der Stürmer in seiner Karriere für die Hamburger, nur Uwe Seeler schießt mehr. „Tull“ ist schon 1923 Publikumsmagnet und das noch lange vor dem Höhepunkt seines Ruhmes. Bis zu seinem 41. Lebensjahr ist er der bekannteste Mittelstürmer Deutschlands und Prototyp des kräftigen Kämpfers. Warum wird aus diesem Spieler ein KZ-Wachmann? Eigentlich unbegreiflich.

Seine sportliche Laufbahn steht zunächst nicht unter gutem Stern: Am 25. November 1892 in Braunschweig als Sohn einer gutbürgerlichen Familie geboren, muss Harder seiner Bubenleidenschaft heimlich nachgehen, denn Vater Fritz verbietet Klein-Otto das Fußballspielen. Eine undeutsche Sportart sei das, verschwenderisch und wild. Otto solle lieber turnen anstatt dem Ball nachzujagen. Das sei Körperertüchtigung für den Ernstfall. Und Ernstfall heißt Krieg. Der Fußball dagegen kommt aus England, von den Rivalen des Deutschen Reiches. Zwar sind die überheblichen Inselbewohner nicht ganz so schlimm wie die Erbfeinde aus Frankreich, aber auch sie halten die Deutschen vom „Platz an der Sonne“ fern und sind somit des Teufels. „Wer weiß, was die Juden, die Engländer und die Freimaurer da wieder ausgeheckt haben, um Deutschland zu schwächen.“, vermutet Fritz.

Der Zufall will es, dass Otto Harders Geburtsstadt jener Infektionsherd ist, von dem sich die Fußball-Krankheit flechtenartig über Stralsund und München bis nach Trier und Gleiwitz ausbreiten wird. Nicht einmal zwanzig Jahre vor Harders Geburt hatte der Gymnasiallehrer Konrad Koch den Anfang gemacht und Schülern des Braunschweiger Martino-Katharineums einen Ball vor die Füße geworfen. Die „Fußlümmler“ stießen damals auf regen Widerstand: Ihr Spiel sei anarchisch, rüde und überhaupt: Sport aus reinem Vergnügen, was soll das? Zwei Jahre nach Ottos Geburt gibt es zwar immer noch genügend Deutsche, die – wie Fritz Harder – nichts vom Ballsport wissen wollen, der Weg des Fußballs zur Sportart Nummer Eins ist jedoch bereits geebnet, wie Koch in seiner „Geschichte des Fußballs“ zufrieden Bilanz zieht: „Die Frage, ob Fußball in Deutschland eingeführt werden soll oder nicht, bedarf keiner Erörterung mehr, sie ist durch die Macht der Tatsachen entschieden.“

Selbst der Rohrstock seines Vaters kann den späteren HSV-Stürmer nicht davon abhalten sich auf dem Leonhardsplatz in der Innenstadt herumzutreiben. Dort, wo heute die Braunschweiger Stadthalle steht, spielen Otto und seine Freunde am staubigen Feld. Prophetisch für die Dualität seines späteren Lebens ist, dass sich heute schräg gegenüber die Gedenkstätte für das KZ-Außenlager Braunschweig-Schillstraße befindet. Noch weiß Otto Harder nicht wohin in sein Weg führen wird, den Grundstein für sein deutschnationales Denken hat Vater Fritz allerdings bereits gelegt.

Der Jugendliche überragt seine Kumpel um mindestens einen halben Kopf, ist sauschnell und durchsetzungsstark. Als Fünfzehnjähriger tritt Harder dem amtierenden norddeutschen Meister FC Hohenzollern Braunschweig bei. Der Vater hat den Widerstand aufgegeben. Es ist ein kleiner Trost für ihn, dass es Otto als Leichtathlet nebenbei zum passablen Mehrkämpfer bringt. Fußball ist jedoch sein hervorstechendes Talent. Nur ein Jahr bleibt er bei den Hohenzollern, dann kommt er schon zur Eintracht, dem ältesten Braunschweiger Fußballklub. Aufgrund seiner Größe und seines Torriechers spielt Harder als „center forward“, als Mittelstürmer für die Reserve. 1911 sind die Tottenham Hotspurs bei den Niedersachsen zu Gast. Ganz vorne spielt der flotte, trickreiche Walter Daniel Tull. Er ist der erste schwarze Fußballfeldspieler und der erste schwarze Offizier der britischen Armee: Statur und Spielart erinnern an den Reservisten Harder, bald ruft ihn der ganze Verein nur noch „Tull“. Nach anderen Quellen ist „Tull“ jedoch einfach eine plattdeutsche Kurzform von Otto.

Die blau-gelbe Eintracht gehört neben Altona 93, Victoria Hamburg und Holstein Kiel zu den besten norddeutschen Mannschaften vor dem Weltkrieg. Als Zwanzigjähriger schießt Harder Braunschweig im Mai 1913 zum norddeutschen Meister und will mehr. Der Hamburger FC 88 streckt seine Fühler nach dem Stürmer aus: Fabrikant Hauenschild, ein Mäzen des Klubs, hat sich in „Tull“ verschaut und macht ihm einen Wechsel schmackhaft. Nach langem Hin und Her zieht Harder schließlich nach Hamburg, in die Stadt, in der er schon länger als Versicherungsmakler arbeitet und am Wochenende zu den Meisterschaftsspielen nach Niedersachsen pendelt. Im April 1914 gibt er beim 4:4 gegen Holland sein Länderspieldebüt und nimmt wenige Monate später an einem Zehnkampf in der Hansestadt teil. Kurze Zeit macht er sich sogar Hoffnungen auf eine Teilnahme an den Olympischen Spielen 1916 in Berlin, doch dann kommt der Krieg.

„Kein Tempo, das er nicht übersteigern kann…“

Der norddeutsche Fußballbund ruft seine Spieler dazu auf sich freiwillig zu melden: „Ran an den Feind! Zeigt in diesem Ringen, dass ihr echte Sportsleut‘ seid!“ Das muss man „Tull“ nicht zweimal sagen. Seine Kindheit zwischen Deutschtümelei und dem Fetisch des Vaters für preußisch-blaue Uniformen hat ihn geprägt. Außerdem ist das Leben im Krieg ganz nach seinem Geschmack: Kameradschaft und Abenteuer. Harder meldet sich als Kriegsfreiwilliger und kommt an die Westfront. Seine Vorgesetzten können ihn kaum bremsen, nur seine fehlende Disziplin wird bisweilen bemängelt. Soldat Harder ist mutig und trinkfest, ein Draufgänger, der dreimal verwundet und mit dem Eisernen Kreuz erster und zweiter Klasse ausgezeichnet wird. Als Unteroffizier rüstet er ab und ist vom Ausgang des Krieges enttäuscht: Auch er hatte Deutschland für unbesiegbar gehalten, ganz so, wie es ihm Vater Fritz eingeimpft hat. Seine Bereitschaft, die Knochen für Kaiser und Vaterland zum Markte zu tragen, kann nicht nur auf unpolitische Kriegsromantik zurückgeführt werden: Harder denkt rechtskonservativ, das werden Augenzeugen später erzählen.

Als er 1919 nach Hamburg zurückkehrt, hat sich sein HFC mit dem SC Germania und dem Eppendorfer FC Falke 1906 zum Hamburger Sportverein zusammengeschlossen. Im fremdbesetzten Deutschland beginnt seine erfolgreichste Zeit als Fußballer: „Wenn spielt der Harder Tull, dann heißt es drei zu null…“, dichtet ein Hamburger Kabarett und die Statistik verleiht dem Lied Wirklichkeitsgeltung. Noch mit 36 Jahren wird der gebürtige Braunschweiger in einem Ligaspiel ganze zwölf Treffer erzielen. In fünfzehn Spielen für Deutschland macht er vierzehn Tore, zuletzt als Kapitän. Er ist eine Mischung aus Toni Polster, Gareth Bale und Zlatan Ibrahimovic; versteckt sich im Strafraum, wartet auf den tödlichen Pass und lässt sich den Abschluss dann nicht mehr nehmen. Das bringt ihm gelegentlich auch Kritik ein: „Er kämpfte kaum um den Ball. Er wartete.“ Seine Größe macht ihn unheimlich. Harder deckt geschickt den Ball ab, ist aber trotzdem wendig, schnell und trifft mit allen drei Fußballkörperteilen: Mit links, mit rechts und mit dem Kopf. Sogar ein Kinofilm wird dem populären Stürmer 1927 gewidmet. Titel: „König der Mittelstürmer“. Das Fachmagazin Der Kicker nennt ihn ohne Übertreibung einen Volksliebling, doch so gesellig er auch wirken mag, Harder ist kein Menschenfreund.

Die gesellschaftlichen und politischen Veränderungen beobachtet er mit Argwohn, wie so viele Deutsche sieht er den Friedensvertrag von Versailles als Schmach an. Bei einem Spiel in Köln sind ihm die englischen Besatzer im Rheinland ein Dorn im Auge. Er, der den Namen eines schwarzen Briten verpasst bekommen hat und zu seinem Markenzeichen werden ließ, stößt sich vor allem an den dunkelhäutigen Soldaten. Die Herkunft jenes Spieles, das er so liebt und das Grenzen überschreiten kann, ist ihm egal. Bei einem Sportbankett versichert „Tull“ einer Gruppe Sudetendeutscher in einer spontanen Brandrede, dass sie „im Reich immer ihre Heimat haben sollen.“ Als 35-jähriger schießt Harder in Minute 7 das 1:0 beim 5:3-Sieg über die Berliner Hertha und darf erneut die „Viktoria“ als Deutscher Fußballmeister in die Höhe stemmen. Es ist der letzte große Erfolg für den blonden Hünen. Sechs Jahre später beendet er beim Vfb Kiel seine Laufbahn als Stürmer und tritt im Herbst 1932 in die NSDAP ein, acht Monate später wird er SS-Mitglied.

Mitgliedsnummer: 1345616

„Er ist überzeugt von dem was Hitler sagt. Aber er findet dann in der SS auch einen Ersatz für die Kabine, für die Mannschaft, für das Männerbündlerische.“, erklärt Roger Repplinger. Der Historiker hat sich eingehend mit Harders Biografie befasst und beurteilt dessen Begeisterung für den Nationalsozialismus so, wie auch schon seinen freiwilligen Kriegseinsatz. „Man muss etwas tun für das Land, dann bekommt man etwas dafür: Anerkennung, Kameradschaft. Das kennt er aus dem Krieg, das war so beim Fußball. Und das findet er nun in der SS.“, analysiert Repplinger.

Auf Neudeutsch könnte man Harder als „Adrenalinjunkie“ bezeichnen. Als der Krieg beginnt und der nunmehr 46-jährige den Befehl erhält, sich als Wachmann im KZ Sachsenhausen einzufinden, sucht er postwendend um Versetzung an die Front an. Das Elend und Sterben aus dem Ersten Weltkrieg haben seine Begeisterung für Soldatendienste nicht mindern können. Ist „Tull“ nach der erfolgreichen Sportlerkarriere in ein Loch gefallen und versucht die Glorie vom Fußballplatz auf dem Schlachtfeld wiederzufinden? Im Ersten Weltkrieg hat das jedenfalls problemlos geklappt, jetzt wird er als zu alt abgelehnt und kommt zum Wachdienst ins KZ Neuengamme. Bald wird er in die Lagerverwaltung versetzt, wo er bis in den Spätherbst 1944 bleibt. Als KZ-Wächter ist Harder nicht ehrgeizig, er will keine Karriere machen. Ein Indiz dafür, dass er sehr wohl begriffen hat, dass es einen Unterschied macht, ob man als Soldat im Krieg kämpft oder einem Wehrlosen gegenübersteht. Trotzdem wird er vor Gericht später unverfroren erzählen, dass sich sein Dienst stets „im Rahmen des menschlichen Anstands“ bewegt habe. Er, der im Konzentrationslager Mord, Totschlag und Unrecht hautnah mitbekommt, wagt es tatsächlich zu behaupten, dass die meisten Insassen froh gewesen wären, überhaupt eine Aufgabe bekommen zu haben. Harder ist zwar kein Sadist, der seine Gelüste an den wehrlosen Häftlingen auslässt, er missbraucht seine Macht perfider, indem er sich – wie so viele NS-Täter – an den Wertgegenständen Verfolgter persönlich bereichert.

1945 wird SS-Mann Otto Harder zum Kommandanten des Außenlagers Hannover-Ahlem befördert. Nach Ahlem werden in den letzten Kriegsmonaten vorwiegend polnische Juden aus dem Ghetto Lodz transportiert, die Steinbruch-Stollen als Produktionsstätten der Continental-Gummiwerke-AG ausbauen sollen. Harder, der sich im Prozess als zu „gutherzig“ für die Lagerleitung verteidigt, behauptet, er hätte sich im Zuge seiner Position stets bemüht „Sauberkeit, Ordnung und Disziplin“ aufrechtzuerhalten: Ahlem sei ein „Modell-Außenkommando“ gewesen. Blanker Hohn für die Ahlemer Lagerrealität: Bis zu zwölf Stunden täglich müssen die Internierten körperliche Schwerstarbeit praktisch ohne Ruhepausen und medizinische Versorgung vornehmen. Im Durchschnitt überlebt ein Häftling nur zwei Monate lang, über 600 sterben unter Otto Harders Kommando. Mit ebenso vielen Überlebenden marschiert ein SS-Trupp in den ersten Apriltagen 1945 Richtung Bergen-Belsen, während Untersturmführer Harder von englischen Soldaten festgenommen und nach Iserbrook gebracht wird. Bereits im Sommer wird er aufgrund von anhaltenden Magenschmerzen aber wieder entlassen. Er fühlt sich sicher. „Ich habe doch niemanden etwas getan!“, sagt er seiner Frau.

Tarnname: Tomato

Entgegen seiner Annahme, wird er jedoch wieder verhaftet. Er ist nicht der einzige NS-Verbrecher, der mit Straflosigkeit gerechnet hat. Quer durch alle Dimensionen, vom Blockwart bis zum Minister, zieht sich die Blauäugigkeit mancher Nazischergen. So rechnet auch Hans Frank, Generalgouverneur von Polen, mit einer raschen Freilassung aus alliierter Gefangenschaft. Frank wird schließlich wegen zigfachem Massenmord in den Nürnberger Prozessen zum Tode verurteilt und hingerichtet. Harder wird im Garten seines Hauses festgenommen und ins War Crimes Holding Center nach Minden gebracht, wo er unter dem Pseudonym „Tomato“ festgehalten wird bis sein Prozess beginnt.

Am 6. Mai 1947 sitzt Otto Harder im Curiohaus an der Rothenbaumchaussee in Hamburg und wartet auf das Urteil. Hier im großen Saal des Gesellschaftshauses hat er einst zwei Meisterschaften mit den Hanseaten begossen. Einen Steinwurf entfernt, im Stadion am Rothenbaum, ist er von der Menge beklatscht und bejubelt wurden. Heute klatscht niemand und sein HSV hat ihn still und heimlich ausgeschlossen. Trotzdem wird „Tull“ noch einmal davon kommen, auch das verdankt er seiner Popularität: Anwalt Dr. Heynen verliest nicht nur Martin Stocks „Leumundszeugnis“, sondern verweist auch auf einen Brief von „Peco“ Bauwens, jenem Final-Schiedsrichter von 1922, der später erster DFB-Nachkriegs-Präsident werden soll und ebenfalls lobende Worte für Harder übrighat.

Der stellvertretende Generalstaatsanwalt räumt ein, dass sich eine direkte Tatbeteiligung Otto Harders an Folter und Mord nicht nachweisen lässt, Harder allerdings „obwohl er nicht allem, was geschah, zugestimmt haben mag“, keine oder nur unzureichende Anstrengungen unternommen hat, „der Brutalität […]Einhalt zu gebieten. Er war der Kommandant. Wer anderes sollte es gesehen haben?“ In seiner Verteidigung beruft sich der Ex-Stürmer vorwiegend auf seine soldatische Pflicht. Viele seiner Aussagen sind allerdings auch als glatte Lügen identifizierbar, so versteift er sich darauf, dass die Verpflegung in Ahlem „gut und ausreichend“ gewesen sei. Andere Dinge sind wiederrum richtig, auch wenn sie ihn nicht unschuldig machen: Selbst gequält und geprügelt hat Harder nicht, das bestätigt David Klipp, ein ehemaliger Ahlemer Häftling. Der Lagerälteste Wexler und SS-Rottenführer Damann werden als Ausführende von Lagerstrafen und Ermordungen identifiziert. Harder selbst zeigt sich geschockt: „Ich gebe zu, dass das, was in diesem Prozess darüber ausgesagt worden ist, was in meinem Lager vorging, mich fast sprachlos gemacht hat. Anzunehmen, dass solche Dinge ohne mein Wissen geschehen sein könnten!“ Wexler muss lebenslang in Haft, über Damann wird eines von elf Todesurteilen der sogenannten Curiohaus-Prozesse gefällt. Otto Harder, Spitzname „Tull“, wird von dem britischen Militärtribunal wegen Beteiligung an der Ermordung von vierhundert bis fünfhundert alliierten Staatsbürgern schließlich zu 15 Jahren Haft verurteilt.

Harder nützt jene Paradoxie, die viele Kriegsverbrecherprozesse bestimmt: Die Opfer, voller Scham, sind psychisch oder physisch oft nicht in der Lage auszusagen. Die Täter fühlen sich stark. Reue zeigt Harder im ganzen Prozess nicht. Er ist überzeugt, dass nur juristisch Verurteilte bei ihm eingesessen sind. Seine Aufgabe umschreibt er so: „Ich musste aufpassen, dass keiner rausläuft.“ Den Tauschhandel, den er mit KZ-Häftlingen betrieben hat, lässt er unter den Tisch fallen. Für einen Fußball hat Harder von Insassen in Neuengamme einmal zweitausend Zigaretten verlangt. Er kennt kein Mitleid, erinnert sich nicht an seine Kindheit, in der er Schläge in Kauf nahm, nur um einem Ball nachjagen zu können. Jederzeit hätte Harder aussteigen können, als erfolgreicher Sportler, selbständiger Versicherungsagent und Kriegsheld war er nicht darauf angewiesen für sein Auskommen im Konzentrationslager Wache zu schieben. Er hat es trotzdem getan. Harder ist ein einfacher Mann und Geist, Befehle hat er nie hinterfragt, sondern stattdessen eine ruhige Kugel geschoben. Unpolitisch war er aber auf gar keinen Fall. Alles hätte schon seine Richtigkeit, darauf hat sich Harder verlassen. Als stillschweigender Mittäter ist er jedenfalls schuldig, das beweisen sein Eintritt in die Partei noch vor Adolf Hitlers Machtübernahme, sowie sein Antrag auf Aufnahme in die SS.

Harders Urteil wird schließlich auf zehn Jahre reduziert, schon 1951 wird er wegen seiner schweren Magenerkrankung ganz freigelassen. Kaum ist der Krieg vergangen, will man sich nur mehr an den Mittelstürmerstar aus den Zwanzigern erinnern. Nur wenige Meter vom Curiohaus entfernt, lädt ihn der HSV zum Heimspiel ein und nimmt ihn auch wieder offiziell als Vereinsmitglied auf. Am 4. März 1956 stirbt Otto „Tull“ Harder in seinem Haus in Bendestdorf. „Er war stets ein guter Freund und treuer Kamerad“, trauern die Rothosen. Zwanzig Jahre später wird er in einer Broschüre auch zum „Vorbild für die Jugend“ erklärt, nach einem Aufschrei werden die Exemplare, die einen verurteilten Kriegsverbrecher idealisieren, rasch wieder entfernt. Als die Rothosen 2009 ihre Vergangenheit in einer Ausstellung aufarbeiten, stellen sie besonders die Biografien Harders und seines Mitspielers Asbjørn Halvorsen in den Vordergrund: Halvorsen, der norwegische Mittelfeldstratege, fütterte Stürmer „Tull“ ein Jahrzehnt über mit Bällen. Nach dem deutschen Einmarsch in Norwegen begann für den Widerstandskämpfer Halvorsen eine Odyssee durch mehrere Konzentrationslager. 1945 wurde er mehr tot als lebendig aus dem KZ Neuengamme befreit. Obwohl sich Harder und Halvorsen nie zur gleichen Zeit in Neuengamme befanden, stehen sie – abgesehen von ihren sportlichen Leistungen – für Ideale, die niemals zu vereinen sind: Gestern. Heute. Morgen.

Marie Samstag, abseits.at

Marie Samstag