Schon sehr bald nach dem Entstehen des modernen Fußballs, ereiferten sich die Protagonisten Taktiken und Spielsysteme zu entwickeln, die die physisch-technische Komponente des Sportes... G’schichterln ums runde Leder (8) – Eine kurze Reise durch historische Spielsysteme

Schon sehr bald nach dem Entstehen des modernen Fußballs, ereiferten sich die Protagonisten Taktiken und Spielsysteme zu entwickeln, die die physisch-technische Komponente des Sportes in den Hintergrund rücken ließen. Es ist wie beim Poker: Nicht immer gewinnen die besten Kicker. Geschick und Disziplin bilden oft das Erfolgsgeheimnis. Hier eine kleine Zusammenschau althergebrachter Taktiksysteme:

1-1-2-7

Anfangs spielte man Fußball nur mit angreifenden Spielern und verzichtete auf Verteidiger. Charles William Alcock (1842-1907) entwickelte für seinen Wanderers FC ein System, indem erstmals Mittelfeldspieler und Verteidiger aktiv waren. Alcocks System war ballorientiert und so erfolgreich. Um Unterzahlsituationen auszugleichen, musste seine Mannschaft darauf achten, die Kugel in ihren Reihen zu „halten“. Mit dieser Taktik gewannen die Wanderers fünfmal den von Alcock als Verbandssekretär initiierten FA-Cup.

Short-Passing-Game

Zwei Verteidiger, zwei Läufer, sechs Angreifer und schon war das organisierte Passspiel geboren. In Alcocks 1-1-2-7 wurde zwar schon rudimentäres Zusammenspiel praktiziert, dennoch begann der schottische Verein FC Queens Park mit diesem heute unabdingbaren Bestandteil des Fußballs. Anstatt nur blindlings mit dem Ball zu laufen und den Ballführenden zu attackieren, agierten die Spieler erstmals als Mannschaft. Fußball emanzipierte sich so vom Rugby.

Die schottische Furche

Alcocks System wurde ab 1877 zur sogenannten „Schottischen Furche“ weiterentwickelt. In diesem System, einem 1-2-3-5, wurde noch mehr Wert auf gepflegtes Zusammenspiel gelegt. Die Aufstellung ergab die dreieckige Form einer Furche. Die Furche kennzeichnete sich nicht nur durch Manndeckung, sondern auch dadurch, dass die Spieler sowohl defensive als auch offensive Aufgaben zu erfüllen hatten. Die klassische Spielernummerierung stammt ebenfalls aus dieser Zeit: So trugen beispielsweise die Verteidiger 2 und 3, der Rechtsaußen die 7 und der Mittelstürmer die Nummer 9.

W-M-System

1925 wurde die Abseitsregel in ihre heutige Form geändert. Herbert Chapman (1878-1934), damals frischgebackener Arsenal-Trainer, ließ seine Gunners daraufhin mit drei manndeckenden Verteidigern spielen und zog den zentralen Mittelfeldspieler in die Defensive zurück. Die Sturmreihe wurde wie ein „W“ angeordnet; Außen- und Mittelläufer, Verteidiger und Torwart waren in einem „M“ aufgestellt. In Chapmans W-M-System agierten Angriff und Verteidigung getrennt voneinander. Zahlreiche Teams spielten diesen Taktikplan erfolgreich, die deutsche Nationalmannschaft wurde so 1954 Weltmeister.

Schweizer Riegel

Der „Schweizer Riegel“ wurde vom Wiener Karl Rappan (1905-1996) erfunden. Rappan schuf so in den 30ern den Vorläufer des Liberos. Dieser und der Spieler hinter der Abwehrkette schalteten sich auf der jeweiligen Seite in einen laufenden Angriff ein, wodurch das Bild eines Riegels entstand. Das System ermöglichte rasches Umschalten und war der „Schottischen Furche“ somit überlegen. Sowohl die „Nati“ als auch hiesige Vereine, die Rappan coachte, spielten erfolgreich dieses System. Der österreichische Trainer holte sechs Meistertitel in seiner Wahlheimat.

Catenaccio

Nereo Rocco (1912-1979) schuf für US Triestina diese Spielanlage und wurde mit seiner spielschwachen Mannschaft auf Anhieb Zweiter der Serie A. Der berühmt-berüchtigte italienische Riegel lässt Fußballästheten einen kalten Schauer über den Rücken laufen: Vier manndeckende Abwehrspieler, ein Libero, drei defensive Mittelfeldspieler und zwei hängenden Stürmer, die diesen Namen eigentlich nicht verdienen. Diese Elf versucht den Raum für den Gegner so eng wie möglich zu machen. Das Unspiel perfektionierte Inter Mailand in den 60ern auf internationalem Niveau und stand vier Mal in einem Europapokalfinale.

Die Raute

Die Raute ist nicht nur Zeichen einiger Klubs, sondern manifestiert sich auch auf dem Spielfeld: Vor der Viererkette steht ein Spieler. Dieser und zwei Halbaußen sowie ein Mann vor den zwei Stürmern ergeben die geometrische Figur. Die Raute bedient intensiv das zentrale Mittelfeld, wo es viele Anspielmöglichkeiten gibt. Da das Spiel sehr zentral ausgerichtet ist, ergibt sich allerdings öfters ein Problem auf den Flügeln. So sind die Außenverteidiger auf den offensiven Flügeln stark gefordert. Wenn die Raute „funktioniert“, kommt es zu Überzahlsituation in der gegnerischen Spielhälfte und so zu besonders vielen Anspielstationen.

Frankreich ‘98

Der regierende Weltmeister gewann zwanzig Jahre zuvor ebenfalls die WM-Endrunde mit einer Mischung aus einer 4-3-1-2/4-3-3 -Kombination im Angriff und einem 4-4-2 in der Verteidigung: Drei schnelle Angreifer mussten immer wieder ins Mittelfeld sowie in die Verteidigung zurückrücken. Die Außenverteidiger spielten weit in der gegnerischen Hälfte und lieferten bei Vorstößen die Flanken in den Strafraum. Der heutige Weltmeistertrainer Deschamps agierte damals als Libero nicht nur defensiv, sondern schaltete sich auch spielgestaltend ein. Natürlich verfügten die Kicker rund um Ausnahmeerscheinung Zidane über die notwendigen technischen, konditionellen und taktischen Fähigkeiten um das System gut umzusetzen.

Marie Samstag, abseits.at

Marie Samstag

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