Im gestrigen ersten Teil unseres Specials über Jürgen Klopps Dortmunder und ihre taktische Ausrichtung informierten wir euch über die Entwicklung seit 2009 und wie... Von der unflexiblen Notlösung zur variablen Allzweckwaffe – die Entwicklung des Dortmunder 4-2-3-1 (Teil 2/2)

Im gestrigen ersten Teil unseres Specials über Jürgen Klopps Dortmunder und ihre taktische Ausrichtung informierten wir euch über die Entwicklung seit 2009 und wie einfache Schachzüge Klopps den späteren deutschen Meister zu einem taktischen Perpetuum Mobile machten. Heute beschäftigen wir uns mit der Meistersaison und aktuellen Entwicklungen.

Schlüsselspieler Sahin und sein Erbe

Zu der zentralen Figur im Dortmunder Spiel entwickelte sich Nuri Sahin. Noch stärker als in der Saison davor fungierte er als Taktgeber und leitete aus der Tiefe heraus die Angriffe ein. Für seine Auftritte gegen Kaiserslautern, Wolfsburg und Bayern München erhielt er vom deutschen Fachmagazin „kicker“ eine glatte Eins.

Zum Spieler des Jahres ausgezeichnet und begleitet von Missfallensrufen einiger Fans verließ der in Lüdenscheid geborene Türke den Ruhrpott-Klub in Richtung Madrid. Die Lücke, die der jüngste Bundesligaspieler aller Zeiten hinterließ war groß. Seinen Platz in der Mannschaft sollte nominell Ilkay Gündogan, im letzten Sommer um kolportierte vier Millionen Euro vom 1. FC Nürnberg gekommen, einnehmen, die Aufgaben aber auch auf das restliche Mannschaftsgefüge aufgeteilt werden. Diese Überführung gelang aus verschiedensten Gründen allerdings nicht reibungslos. Zum einen verfügt der erst 21-jährige Gündogan noch nicht über die fußballerischen Fähigkeiten seines Vorgängers und so kam es zu vielen Missverständnissen. Zum anderen erfüllten aber auch seine Mitspieler die Vorgaben nicht einwandfrei. Kagawa, in der Hinrunde 2010/2011 in außergewöhnlicher Form und somit wichtiger Bestandteil des Meister-Puzzles, agierte oft wie ein Fremdkörper. Seine Nichtberücksichtigung in der achten Runde gegen den FC Augsburg war daher ein logischer Schritt, ebenso die Ablöse des Dortmunder Jungen Großkreutz am linken Flügel durch den Kroaten Ivan Perisic. Mit Kapitän Kehl kehrte in den ein weiterer neuer Spieler in Startformation.

Mats Hummels – der vierte Verteidiger

Doch nicht nur die Aufstellung änderte sich, sondern auch der Aufbau des BVB-Spiels. War es in der Meistersaison noch Nuri Sahin der die Fäden zog und den Pass vor dem letzten Pass spielte, kristallisiert sich Innenverteidiger Hummels immer mehr als der Spieler heraus, der die Angriffe mit präzisen, vorzugsweise langen Bällen einfädelt. „Unser Spiel hat sich verändert“, gibt BVB-Coach Klopp zu. „Mats bekommt einfach viele Bälle, und er hat Raum, weil etliche Mannschaften nur mit einer Spitze auflaufen. Mats spielt mit einem starken rechten Fuß auf der linken Innenverteidigerposition. Das führt dann fast automatisch zu Außenristpässen“, verweist er auf die ungewöhnliche Art des gebürtigen Bergisch Gladbachers den Ball zu passen. „Sie sind eine gute Option, um hinter die letzte gegnerische Linie zu kommen. Und der Schnitt bewirkt, dass die Bälle nach dem Aufticken nicht weit wegspringen“, betont Hummels. Der 22-Jährige beherrscht aber nicht nur den langen Ball, sondern sorgt auch mit seinen Vorstößen für Aufsehen.

Wie man erkennen kann spielt Hummels für einen Innenverteidiger ungewöhnlich hoch und besticht dabei durch eine hohe Passgenauigkeit. In Brasilien wurde diese Interpretation des Verteidigers als „Quarto Zagueiro“ – zu Deutsch „vierter Verteidiger“ – bekannt, hierzulande wird Hummels gerne als moderner Libero bezeichnet.

Vier Spieler für eine Position

Das „neue“ Spiel des BVB manifestiert sich aber nicht nur in Hummels‘ Vorstößen, die Verteilung des Spielaufbaus ist weit gestreut. So beteiligt sich nun zum Beispiel auch der als Raubein verschriene Bender an diesem.

Während Piszczek und Schmelzer das Spiel breit machen um mit Tempo über die Flügeln zu kommen, lässt sich Bender zurückfallen und fordert den Ball – aus der Viererkette wird also eine Dreierabwehr.

Aufgrund des Verhaltens der beiden Außenverteidiger ergeben sich im Zentrum freie Räume. Mit einem präzisen Pass durch die Mitte setzt Bender Götze in Szene, der nach einem schönen Solo erst im Strafraum mit einem harten Tackling von Mellberg gestoppt werden kann.

Der Ex-Löwe gilt als einzige Konstante im defensiven Mittelfeld und ist, sofern er gesund ist, gesetzt. In der Meistersaison galt das Duo Bender-Sahin als in Stein gemeißelt, aktuell will sich Klopp aber auf keine fixe Kombination mehr festlegen. Die Zusammenstellung der Doppelsechs wird individuell und je nach Gegner neu überdacht. Gegen Spielstarke hat es sich bewährt die Stabilität durch Kehl als Benders Nebenmann, also ein lauf- und zweikampstarkes Gespann, zu gewährleisten. Trotz

bestechender Form wurde der BVB-Kapitän allerdings jüngst kurzerhand durch den 18-jährigen Moritz Leitner ersetzt. Der Grund: Klopp strebte viel Ballbesitz und spielerische Überlegenheit an.

Am vierten Spieltag der UEFA Champions League 2011/2012 gegen Olympiakos Piräus feierte der Deutsch-Österreicher sein Startelf-Debüt für die Schwarzgelben. Bei seiner Premiere bestach er durch enorme Ballsicherheit und Unbekümmertheit. Das blieb auch von seinem Trainer nicht unbemerkt und so wurde der ehemalige „Sechzger“ am vergangenen Spieltag ebenfalls in der Startelf aufgeboten. Beim 5:1-Kantersieg gegen den VfL Wolfsburg zeigte Leitner erneut eine sehr gute Leistung und wurde unter Standing Ovations nach 70 Minuten ausgewechselt. Ilkay Gündogan, zu Saisonbeginn noch Fixstarter, stand nicht einmal im Kader für das Duell mit den Wölfen – ebenso Freistoßspezialist Antonio da Silva. Dass sich ein technisch beschlagener Spieler wie der Brasilianer, der mit seinem linken Fuß millimetergenaue Bälle schlagen kann, vermehrt auf der Tribüne wiederfindet und nur Außenseiterchancen auf einen Platz in der Startformation hat, zeigt mit welcher Qualität der Dortmunder Kader mittlerweile ausgestattet ist. Vorbei ist die Zeit, in der die Ersatzbank mit Jugendspielern aufgefüllt werden musste und man sich über das eindimensionale Spiel beschwert hat.

Axl, abseits.at

Alexander Semeliker

@axlsem

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