Borussia Dortmund hat bereits vor dem offiziellen Saisonstart den ersten Titel eingefahren. Am Mittwochabend durften „die Jungs“, wie sie Jürgen Klopp nennt, über den... Der deutsche Meister in der Vorbereitung – Klopp lässt seine Jungs schwitzen!

Borussia Dortmund hat bereits vor dem offiziellen Saisonstart den ersten Titel eingefahren. Am Mittwochabend durften „die Jungs“, wie sie Jürgen Klopp nennt, über den LIGA total! Cup jubeln. Das Einladungsturnier der Deutschen Telekom hatte aber ausschließlich Testcharakter und sollte nicht überwertet werden. Dennoch sind nach drei Wochen Training, sieben Testspielen und einer Woche intensiven Trainingslager Tendenzen für den Saisonstart gegen den SV Sandhausen erkennbar.
Neben dem schwarzgelben Ballspielverein waren Rekordmeister Bayern München und Liga-Dino HSV die Gäste des FSV Mainz 05 in dessen neuer Coface Arena.

Die Spiele des zweitägigen Turniers dauerten jeweils zweimal 30 Minuten. Nachdem die Schwarzgelben erwartungsgemäß gegen die Hausherren mit einem 1:0-Sieg in das Finale vorstießen, überraschten die Hanseaten in der zweiten Partie des Abends und schalteten die Münchner 2:1 aus. Während der selbsternannte deutsche Meister 2012 im Spiel um Platz drei nach nervenaufreibenden 60 Minuten und zwölf Elfmetern mit in Summe 7:6 haarscharf an der totalen Blamage vorbeischrammte, bezwangen Klopps Jungs dank eines Doppelschlags den Vorjahressieger mit 2:0.

TOTGESAGTE LEBEN LÄNGER

Großen Anteil an der ersten Saison-Trophäe hatte der kroatische Neuzugang Ivan Perisic. Im Halbfinale zeichnete er sich kurz nach Seitenwechsel für den Siegtreffer verantwortlich. Nach schöner Götze-Flanke stieg der 187-cm-Hüne an der Torraumgrenze hoch und wuchtete das Kuhhautgebinde mit dem Kopf ins Netz. Und auch im Finale sorgte Perisic nach seiner Einwechselung für Aufsehen. So konnte Felipe Santana eine Flanke des dreifachen Nationalspielers per Kopf zur 1:0-Führung verwerten. Doch nicht nur mit diesem Assist meldete er sich im Kampf um die Position im linken offensiven Mittelfeld zurück. Ein Kampf, der eigentlich schon verloren schien – zu stark war Kevin Großkreutz, zu hart das Training („Ich hatte mir die Umstellung hart vorgestellt – aber nicht so hart“). Keine Akzente konnte er in den Testspielen zuvor setzen, einem Tor kam er nur einmal, mit einem Pfostentreffer gegen den FC Zürich, nahe. Es fehlte die Bindung zum Spiel, selbst gegen unterklassige Gegner wie eine Sauerlandauswahl oder den VfL Rhede blieb der 22-Jährige blass. Ivan gehe gerade durch ein tiefes Tal, ihm fehle die Leichtigkeit, die er für sein Spiel brauche, so Übungsleiter K. vor kurzem in einem Interview. Doch davon war an den beiden Tagen in Mainz nichts zu merken. Immer wieder sorgte der belgische Torschützenkönig für Wirbel auf der linken Angriffsseite der Dortmunder, suchte das direkte Duell mit seinen Bewachern, brachte gute Flanken und auch mit seinen Abschlüssen stellte er die gegnerischen Torhüter vor Probleme. Die Talsohle scheint also überwunden und mit deutlich ansteigender Form geht es Kopf an Kopf mit dem Dortmunder Jung in die letzten Tage der Vorbereitung.

22 + 21 = 2 x 6

Ein ebenso knappes Rennen zeichnet sich im zentralen Mittelfeld, genauer gesagt um die beiden Positionen der „Doppelsechs“, ab. Es gilt hier vor allem den besten Spieler der letzten Bundesliga-Saison vergessen zu machen. Um dieses Unterfangen zu verwirklichen wurde der 20-jährige Deutsch-Türke Ilkay Gündogan von Sportdirektor Michael Zorc für kolportierte vier Millionen Euro in die Bierstadt gelotst. Von Vergleichen mit dem jüngsten Bundesligaspieler aller Zeiten hält dieser allerdings nichts („Ich bin Ilkay Gündogan und nicht der Nachfolger von Nuri Sahin“). Abgesehen von der Passsicherheit einen die beiden am Spielfeld nur die gleiche Position.

Physisch ist Gündogan Sahin wohl jetzt schon überlegen, was sich nicht nur am größeren Oberarm, den er stolz im neuen, gelbschwarzen ärmellosen Trainingsshirt präsentierte, festmachen lässt. Obwohl der aktuelle U21-Nationalspieler, ähnlich wie Perisic, mit der höheren Trainingsbelastung zu kämpfen hatte („Hier gibt es nie Stillstand. Das ist schon extrem“), zeigte er schon in den ersten Tests auf. Ebenfalls neu in Dortmund und auf der offensiveren Position im defensiven Mittelfeld wohl fühlt sich Moritz Leitner. Der Deutsch-Österreicher gilt als eine der positiven Überraschungen der Vorbereitungen, ähnlich wie Mario Götze letzte Saison. Der 18-Jährige bringt neben hervorragenden fußballerischen Anlagen auch jede Menge Ehrgeiz und Biss mit. So holte er sich freiwillig, gemeinsam mit acht weiteren Spielern (Gündogan, Perisic, da Silva, Kagawa, Großkreutz, Subotic, Hornschuh, Hübner) am Leidenshöhepunkt des Trainingslagers nach 70 Minuten Schinderei noch zusätzliche Drill-Minuten von Co-Trainer Buvac ab. Im Gegensatz zu den genannten Spieler muss Sebastian Kehl sehr genau auf die Belastung seines leidgeprüften Körpers achten. Als einer von nur vier Spielern im Kader, die bereits drei runde Geburtstage feiern durften, bläst der neue und alte Kapitän nach zuletzt nur zwölf Einsätzen in den letzten beiden Saisonen zum x-ten Comeback.

KAMPF GEGEN DIE ZEIT

Seit Anfang September 2010 wartet der 31-Jährige auf einen Startelf-Einsatz bei einem Pflichtspiel der Profis. Diese Serie könnte allerdings in der ersten Runde des DFB-Pokals ein Ende haben. Musterschüler Sven Bender konnte wegen zäher Knieprobleme weite Teile des Mannschaftstrainings im Trainingslager in Bad Ragaz (Schweiz) nicht mitmachen. Im Juni wurde ihm ein vernarbtes Kapselgewebe entfernt. Nach dem Urlaub zeigte er sich körperlich bereits wieder topfit. In Folge der hohen Trainingsintensität musste er aber immer wieder die Belastung zurückschrauben. Weit mehr jedoch als der Ausfall des Ex-Löwen würde ein Fehlen von Linksverteidiger Marcel Schmelzer schmerzen. Der 23-jährige Magdeburger stieg letzte Saison zum deutschen Nationalspieler auf und galt zusammen mit Christan Fuchs als bester seiner Zunft. Der Blondschopf laboriert an einer hartnäckigen Entzündung im linken Hüftmuskel und wäre nur äußerst schwer zu ersetzen. Auf seiner Position ließ sich Klopp zu einigen Experimenten hinreißen. Der vom Chemnitzer FC gekommene Chris Löwe bestätigt zwar seinen Ruf als Dauerläufer, taktisch ist die Lücke zwischen Regional- zum Bundesligameister allerdings nicht von heute auf morgen zu schließen. Auch ein fast Vergessener durfte die Position links in der Viererkette bekleiden. Florian Kringe, den der Verein zwar einen Wechsel nahegelegt hat, mangels Interessenten aber mit in die Schweiz fuhr, zeigte sich durchwegs engagiert und lies Erinnerung an alte Zeiten aufkommen. Eine ernsthafte Alternative dürfte er aber nicht sein.

Ursprünglich wollte Klopp auch in Mainz seiner Linie treu bleiben und viel rotieren, jeden Tag eine andere Elf aufbieten. Aufgrund des großen personellen Aderlasses war dies allerdings nicht möglich, nur 20 Akteure traten die Reise nach Mainz an. So musste Großkreutz sogar auf beiden Abwehrseiten aushelfen. Etwas, das er seit dem Europa-League-Auftritt bei Paris Saint-Germain bereits kennt. Neben den bereits erwähnten Bender und Schmelzer musste Jürgen Klopp in Mainz auch auf Antonio da Silva (Reizung der Patella-Sehne), Marvin Bakalorz (Achillessehnen-Reizung) und Jakub Blaszczykowski (Faserriss im Adduktorenbereich) verletzungsbedingt verzichten. Dem nicht genug reihten sich am Mittwoch in diese Liste mit Neven Subotic, der nach einer Gehirnerschütterung, erlitten im Luftkampf mit dem Mainzer Choupo-Moting, die Nacht im Krankenhaus verbrachte, sowie Kevin Großkreutz und Mario Götze, drei weitere Stammspieler ein.

ALLES BEIM ALTEN

Bei letzteren beiden handelt es sich allerdings um reine Vorsichtsmaßnahmen. Die zwei Youngsters konnten den Schwung aus der Meistersaison mitnehmen und sind nach wie vor Fixpunkte im Dortmunder Offensivspiel. Vor allem Götze begeistert nicht nur die schwarzgelben Fans, sondern die gesamte Fußballnation, sodass auch manch Kommentator (Jörg Dahlmann: „Mein persönlicher Lieblingsspieler in der Fußball-Bundesliga“) nicht mit Superlativen geizt. Zusammen mit Rückkehrer Shinji Kagawa spielte er dem einen oder anderen Gegenspieler Knoten in die Beine. Der Japaner zeigt sich gewohnt spielfreudig, spult das Trainingspensum mit einem Lächeln ab. Es macht ihm einfach Spaß wieder Fußballspielen zu können, keine Spur von komplizierten Brüchen oder Operationen. Der quirlige Angreifer überzeugt mit seiner Raffinesse, ist technisch wie eh und je eine Augenweide und der Dreh- und Angelpunkt in der Offensive des Meisters. Der Großteil der Angriffe läuft über den kleinen japanischen Nationalspieler.

ANGRIFF AUS DER ZWEITEN REIHE

Vollendet werden diese in Abwesenheit von Toptorjäger Lucas Barrios, der mit der Auswahl Paraguays am Sonntag gegen Uruguay um die Copa América kämpft und zum Saisonstart fehlen wird, von dessen Vertretern Robert Lewandowski und Mohamed Zidan. Und beide zeigen sich treffsicher, verzeichneten zusammen neun Volltreffer und verdeutlichen, dass die Borussia auch im Angriff sehr gut aufgestellt ist. Im Gegensatz zu der offensivsten Position ist jene am anderen Ende des Spielfelds bereits vergeben. Roman Weidenfeller wurde als stellvertretender Kapitän bestätigt und soll mit seiner Routine auch in der neuen Saison die junge Truppe führen. Doch auch auf dieser Position hat man einen weiteren Klassemann in der Hinterhand. Mitch Langerak, vor einem Jahr aus Melbourne gekommen, bestand letzte Saison bereits die Feuertaufe in Bayerns Allianz-Arena und zeigte, dass es sich dabei nicht um eine Eintagsfliege handelte. Schnelle Reflexe und lautstarkes Einteilen zeichnen die schmächtige Nummer 20 aus Down Under auch in den heurigen Testspielen aus. Im Gegensatz zum australischen Sonnyboy werden die weiteren Teilnehmer des Trainingslagers Marc Hornschuh, Damien Le Tallec, Florian Hübner und Johannes Focher öfter auf dem grünen Rasen zu bewundern sein – allerdings nicht in der Bundesliga, sondern bei der zweiten Mannschaft in der vierthöchsten Leistungsklasse.

axl, abseits.at

Alexander Semeliker

@axlsem