Das Defensivspiel Atlético Madrids wurde von allen Seiten gelobt, jedoch gab es durchaus Stimmen die sich fragten, weshalb nicht „alle“ gegen die Bayern so... Wie Atlético Madrids Pressing im Detail funktioniert

Taktikboard schwarz_abseits.atDas Defensivspiel Atlético Madrids wurde von allen Seiten gelobt, jedoch gab es durchaus Stimmen die sich fragten, weshalb nicht „alle“ gegen die Bayern so spielen würden. Um zu zeigen, wie komplex das Simeone-Pressing teilweise ist, und dass da sehr viel Training und jahrelange Arbeit dahinter steckt, haben wir es etwas genauer analysiert.

Die Höhe

Atlético formiert sich prinzipiell  im 4-4-2 im Pressing, welches jedoch viele kleine interessante Einzelheiten und Anpassungen hat. Die ersten paar Minuten agierten die Spanier recht hoch, drückten den FC Bayern in deren Hälfte. Dieses hohe Angriffspressing ebbte jedoch ab und wurde im Laufe des Spiels nur mehr situativ angewendet, man verlegte sich aufs Mittelfeldpressing. Damit wusste man die Münchner gut zu kontrollieren, wenngleich in Halbzeit zwei die zunehmende Überlegenheit der Deutschen im Ballbesitz Atletico tief in die eigene Hälfte drängte.

Die Stürmer

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Torres und Griezmann arbeiten hart. Sehr hart. Ihre Läufe um die Innenverteidiger zu attackieren sind meist sehr weiträumig und intensiv. Der Sturmpartner hingegen muss dabei stets den Sechser zumindest im Auge behalten, wie wir in obiger Grafik sehen. Wird eine Verlagerung gespielt, sprinten Griezmann auf den Passempfänger, stellt dabei Alonso in seinen Deckungsschatten und Torres pendelt in die Mitte, um auf der einen Seite Zugriff auf Alonso zu haben und idealerweise eine flache Verlagerung ebenfalls zu verhindern, in dem er sich so wie Griezmann in obiger Grafik positioniert. Die vertikale Kompaktheit schien teilweise nicht allzu hoch zu sein, ab und an klaffte ein Loch zwischen den Stürmern und der Mittelfeldreihe. Dies schien jedoch beabsichtigt, da durch die kluge Deckungsschattennutzung das Zentrum sowieso nicht bespielbar war und man dadurch einige Meter höher zum Pressen beginnen konnte.

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Eigentlich viel Raum, Griezmann und Torres decken diesen jedoch alleine durch kluges Stellungsspiel ab und können die Innenverteidiger früh anpressen.

Das Mittelfeld

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Im Mittelfeld der Madrilenen ergeben sich immer wieder äußerst interessante Staffelungen, um den Zugriff zu erhöhen. Atlético agiert situativ mit kurzen Mannorientierungen, so wie in obigem Beispiel. Da Martinez von Griezmann angelaufen wird und Filipe Luis Coman im Griff hat, sowie sich ein Pass auf letzteren anzudeuten scheint, wird mit einer kurzen Mannorientierung von Koke der Weg zu Vidal versperrt, während Gabi und Fernandez das Zentrum abdecken. Auf rechts hat Saúl Costa in Manndeckung, um eine Verlagerung auf ihn zu verhindern. Martinez spielt dann trotzdem auf Coman, Koke verlässt seine Mannorientierung, behält Vidal aber im Deckungsschatten und stellt so Überzahl für einen Ballgewinn her. Zudem agierte man prinzipiell sehr eng, um das Zentrum zunehmend zu verengen, die Flügel bearbeiteten meist die Außenverteidiger. Gab es jedoch bestimmte Pressingtrigger, wurde vom Mittelfeld oft nachgerückt, um ballnah Überzahl zu kreieren. So fanden sich die Bayern-Spieler, aber vor allem die Flügelspieler Coman und Costa, oft gegen zwei bis drei Colchoneros wieder.

Die Verteidigung

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Die Verteidigung Atléticos ist herausragend in der Strafraumverteidigung, nicht nur was das Zweikampfverhalten am Boden und in der Luft angeht, auch die Klärungen sind stets sauber, auf die Seite und weit vom eigenen Tor weg. Im Pressing selbst sah man immer wieder, dass die Außenverteidiger Juanfran und Filipe Luis Costa beziehungsweise Coman recht weit und mannorientiert verfolgten, sodass sie stets Zugriff auf die beiden Flügelspieler der Bayern hatten. Jedoch wussten beide auch, wann sie diese Deckung fallen lassen konnten, wie in der obigen Grafik, wo Juanfran für seine attackierenden Mitspieler absichert. Auf der anderen Seite kann man den recht weiten Abstand von Filipe Luis zu seinen Innenverteidigern erkennen. Der Brasilianer tut dies, um potentielle Verlagerungen auf Coman zu verhindern, oder zumindest sofort Zugriff zu haben nach einer jener Verlagerungen. Um dieses Hängenbleiben auf dem Flügel zu gewährleisten, rücken die ballfernen Flügelstürmer mit ein, um die Halbräume zu besetzen.

Interessante Abläufe und Anpassungen

Wenn die Mittelfeld- und Abwehrreihe kompakt stehen, kann man das Zentrum gut verdichten und Angriffsoptionen nehmen. Wenn man jedoch strikt „hintereinander“ steht, ergeben sich natürlich trotzdem Räume, selbst auf dem ballnahen Flügel. Um dem entgegenzuwirken, spielt Atlético in der Defensive mit einer breiteren Viererkette als Mittelfeldreihe. Die Flügelstürmer decken die Halbräume, während die Außenverteidiger stets Zugriff auf den gegnerischen Flügelspieler haben.

Die Bayern arbeiteten viel mit Vorderlaufen, vor allem auf links mit Bernat, der Costa oft vorderlief. Um dies zu verteidigen, rückte oft der ballnahe zentrale Mitteffeldspieler mit, während der Flügelstürmer den Halbraum weiterhin abdeckte und der Außenverteidiger Zugriff behielt.

In Halbzeit zwei nutzten die Bayern die Halbräume besser, weshalb Griezmann sich im Pressing öfter zurückfallen ließ, um diese Halbräume besser abdecken zu können. Die Bayern versuchten über schnelle Halbraumverlagerungen die enge Mittelfeldreihe der Spanier zu überspielen. Mit einem zusätzlichen Mann im Mittelfeld konnte man die Breite besser abdecken.

Fazit

Atléticos Pressing ist nicht einfach nur intensiv und verlangt viel Kondition und Kampfgeist. Es ist sehr klug und variabel angelegt, was eine hohe Spielintelligenz von den Trainern und den Spielern verlangt. Und vor allem: viel kluges Training. Viele österreichische Trainer, werden es nicht glauben, aber dies gelingt am besten in Spielformen.

David Goigitzer, abseits.at

David Goigitzer