In der Vorrundengruppe C ist alles für ein hochdramatisches Finale angerichtet. Im Abendspiel schoss Spanien das irische Team 4:0 ab, davor rang Kroatien der... Bilic‘ Umstellungen greifen – Kroatien nach 1:1 gegen Italien weiter im Rennen

In der Vorrundengruppe C ist alles für ein hochdramatisches Finale angerichtet. Im Abendspiel schoss Spanien das irische Team 4:0 ab, davor rang Kroatien der italienischen Auswahl ein 1:1 ab. Zwar schien die Truppe von Cesare Prandelli über weite Strecke das Spiel in Griff zu haben und Kroatien zu ideenlos zu agieren, letztlich wurde sie aber für ihre Passivität bestraft. Damit haben die Azzurri das Weiterkommen nicht mehr in der eigenen Hand.

Ein sehenswertes Freistoßtor von Andrea Pirlo brachte Italien kurz vor dem Seitenwechsel in Führung. Danach lehnte sich die bis dahin klar überlegene Squadra Azzurra zurück und ließ sich in der Folge das kroatische Spiel aufzwingen. Angetrieben von einer entscheidenden Umstellung im Mittelfeld kamen die Balkan-Kicker durch das dritte Turniertor von Mario Mandzukic zum verdienten Ausgleich.

Italien erneut im 3-5-2

Mit großem Erfolg bestand Italiens 3-5-2-System seine Feuerteufe beim Auftaktspiel gegen Spanien. Das kompakte Mittelfeldzentrum, komplettiert von der energisch agierenden Dreierkette, zog dem Kurzpassspiel des Welt- und Europameisters den Zahn. Dementsprechend setzte Prandelli auch gegen Kroatien auf das gleiche Personal. De Rossi, der im ersten Spiel stark antizipierte und kompromisslos zu Werke ging, spielte somit wieder in der Innenverteidigung. Giaccherini begann nach solidem Länderspieldebüt erneut auf der linken Mittelfeldseite. Im Sturm bekam Balotelli erneut den Vorzug gegenüber Di Natale.

Bilic setzt auf enges 4-4-2

Auch Bilic sah nach dem souveränen 3:1-Sieg gegen Irland keinen Grund für Umstellungen. In der Innenverteidigung fand sich daher die vermeintliche Zweitbesetzung wieder, im defensiven Mittelfeld sorgte Vukojevic für die Absicherung von Spielmacher Modric. Flankiert wurden die beiden von den in die Mitte drängenden Rakitic und Perisic, davor stürmten die laufstarken Prellböcke Mandzukic und Jelavic. Für die italienische Abwehr stellte das ein krasses Gegenstück zum 4-6-0 der Spanier dar. Während diese über lange Zeit auf die Spieltiefe verzichteten und lediglich vor der Dreierabwehr kombinierten, drangen die beiden Kroaten stark zur Torlinie.

Kroatien überlädt den rechten Flügel

Parallelen zum Irland-Spiel konnte man in der Anfangsphase im Angriffsspiel der „Feurigen vom Balkan“ erkennen. Man versuchte das Spiel von der schwachen linken Abwehrseite fernzuhalten. Dementsprechend bauten sie das Spiel in erster Linie über Darijo Srna, der als einer der wenigen Kroaten gehobene internationale Klasse verkörpert, auf. Der Kapitän stand sehr hoch, sein Vordermann Rakitic zog oft etwas nach innen um Platz zu machen. Da Motta, meist mit Pirlo oder Marchisio, bemüht war die Kreise von Modric einzuschränken, stand Giaccherini somit zwei Kroaten alleine gegenüber. Der unerfahrene Juve-Mittelfeldspieler, der noch dazu nur überschaubare Defensivqualitäten mitbringt, war damit selbstverständlich überfordert und wurde überrannt. Die Flanken flogen aus dem Halbfeld von seiner Seite reihenweise Richtung Mitte, wohin sich zu den beiden Angreifern auch noch Perisic gesellte. Als verkappter Stürmer sollte er aufgrund seiner Kopfballstärke für zusätzliche Gefahr sorgen. Das kampfstarke Abwehrzentrum Italiens stand aber im Großen und Ganzen sicher, wodurch keinen nennenswerten Chancen zustande kamen.

Mandzukic schirmt Pirlo ab, lässt ihn dann aber frei

Will man das Aufbauspiel Italiens entscheidend einschränken führt kein Weg daran vorbei Taktgeber Pirlo aus dem Spiel zu nehmen. Das erkannte auch Bilic und ordnete dem 33-Jährigen in der Rückwärtsbewegung Mandzukic zu. Der Wolfsburg-Stürmer ließ sich fallen und lief den Juve-Star immer wieder effektiv an, wodurch von ihm keine kreativen Impulse ausgingen. Nachdem Marchisio und Motta auf den Halbpositionen von Perisic bzw. Rakitic gedeckt wurden und dahinter Modric gemeinsam mit Vukojevic absicherte fand man ein dichtes Gedränge im Zentrum vor. Völlig unverständlich ließ Mandzukic seine Defensivaufgaben aber nach einer halben Stunde schleifen und bot Pirlo mehr Platz an. Der Routinier nahm diesen dankend an und fädelte fortan mehr Spielzüge ein. Alle seine Zuspiele in der letzten Viertelstunde der ersten Halbzeit fanden das Ziel.

Italien nützt Räume hinter den Außenverteidigern

Da das Zentrum also zugestellt war und Italien dort nicht durchkam, versuchten sie es zu umspielen. Als Schwachstelle hatten sie Strinic‘ linke Abwehrseite ausgemacht. Hinter dem Dnipro-Legionär, der sehr hoch spielte um nach Perisic‘ Diagonalläufen für Breite zu sorgen, wurde immer wieder Räume frei. Der erfahrene Maggio, aber auch Marchisio und vor allem Cassano erkannten diese frühzeitig und stießen dort hinein. Mit direkten Bällen in diese Zone öffnete man die ohnehin nicht sattelfeste kroatische Abwehr. Meist war es Cassano, der mit dem Ausweichen auf die Flanken noch dazu Schildenfeld aus der Position zog, der von der Seite mit Quer- und Rückpässen die Hintermannschaft entblößte. Balotelli und Marchisio kamen auf diese Weise zu guten Möglichkeiten. Kroatien fand darauf in den ersten 45 Minuten keine Antwort. Fokussierte man sich auf die Außen fehlte in der Mitte die Verbindung. Die unsichere Innenverteidigung musste aufgrund der Zwei-gegen-Zwei-Stellung gegen das italienische Sturmduo zeitweise von Vukojevic unterstützt werden, Modric stand dann auf verlorenem Posten.

Bilic reagiert in der Halbzeitpause

Den Wendepunkt im Spiel stellte die Halbzeitpause dar. Nach dieser stellte sich das kroatische Team nämlich in geänderter Formation auf. Rakitic, der ohnehin sehr zentral agierte, bekleidete fortan die Achterposition, dafür rückte Mandzukic auf den rechten Flügel. Weiters verschob Modric vor um als Zehner Akzente setzen zu können. Im offensiven Mittelfeld hatte er mehr Zugriff aufs Spiel, verteilte die Bälle besser auf die Flügel. Dort bekamen die Kroaten zusehends Oberwasser und deckten die Schwächen der Dreierkette schonungslos auf. Anders als im ersten Durchgang kamen sie nun vorrangig über links, wo Maggio hinten hinein gedrückt wurde – besonders nach der Einwechslung von Pranjic für Perisic. Folglich hatte der aufrückende Strinic enormen Platz um seine Flanken vorzubereiten. In Analogie zur Anfangsphase zog Mandzukic vom ballfernen Flügel immer wieder in den Strafraum um bei diesen zur Stelle zu sein. Zwar hatten De Rossi, Chiellini und Bonucci noch immer weitestgehend die Lufthoheit (insgesamt 23 Clearences), bei der hohen Anzahl an Hereingaben war es aber nur eine Frage der Zeit bis eine ankommt. Ein Stellungsfehler von Chiellini war es schließlich, der Mandzukic alleine am Fünfer zum Ball kommen und einnetzen ließ.

Italien zu passiv in Halbzeit zwei

Es mag sich nun die Frage aufdrängen ob Italien ohne diesen Stellungsfehler gewonnen hätte, schließlich kam Kroatien trotz optischer Überlegenheit kaum zwingend vor das Tor von Buffon. Es lässt sich aber nicht abstreiten, dass die Kroaten nach dem Seitenwechsel deutlich mehr Engagement als ihre blauen Konkurrenten an den Tag legten. Diese konzentrierten sich ausschließlich auf das Verwalten des knappen Vorsprungs und man ist geneigt zu sagen, dass sie dafür verdientermaßen die Rechnung präsentiert bekamen. Weiters müssen auch Prandellis Wechsel kritisch betrachtet werden. Die Schwächen seiner Taktik wurden nach Bilic‘ Halbzeitumstellung rasch sichtbar, dennoch führte der 54-Jährige ausschließlich positionsgetreue Wechsel durch. So sieht sich sein Team vor dem letzten Gruppenspiel gegen Irland großem Druck ausgesetzt. Den Stiefel-Kickern droht das gleiche Schicksal wie bei der Europameisterschaft 2004. Ein 2:2 im Parallelspiel zwischen Spanien und Kroatien würde das Aus bedeuten – egal wie hoch man selbst gegen Irland gewinnen würde. An dieser Stelle sei auf das Reglement der UEFA-Fussball-Europameisterschaft als weiterführende Literatur verwiesen.

axl, abseits.at

Alexander Semeliker

@axlsem

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