Irland erwies sich für Italien als unangenehmer Gegner, denn der Favorit tat sich lange Zeit schwer Lücken in der dicht gestaffelten Abwehr der Iren... Irland fährt ohne Punkt nach Hause – Italien nach 2:0-Sieg im Viertelfinale

Irland erwies sich für Italien als unangenehmer Gegner, denn der Favorit tat sich lange Zeit schwer Lücken in der dicht gestaffelten Abwehr der Iren zu finden. Am Ende waren es ausgerechnet zwei Standardsituationen, die der Mannschaft von Cesare Prandelli den Weg ins Viertelfinale ebneten.

Während es bei der Aufstellung der irischen Mannschaft keine Überraschung gab, bewies der italienische Teamchef  Cesare Prandelli, dass eine der Stärken seiner Mannschaft die taktische Flexibilität ist. Der Coach stellte nämlich auf ein 4-3-1-2-System um, da er gegen die dicht gestaffelten Abwehrreichen der Iren in erster Linie Breite brauchte, die die Außenverteidiger Abate und Balzaretti gewährleisten sollten. Daniele De Rossi, der seine bisher eher ungewohnte Rolle im Abwehrzentrum in den vergangenen beiden Spielen ausgezeichnet löste, durfte wieder ins Mittelfeld, wo er links neben Pirlo spielte. Neben Chiellini machte Barzagli im Abwehrzentrum einen ausgezeichneten Job und verhielt sich bei den relativ seltenen Konterangriffen der Iren taktisch ausgezeichnet. Im Sturm bekam Di Natale den Vorzug gegenüber dem angeschlagenen Balotelli, der erst in der Schlussphase in die Partie kam und per Seitfallzieher spektakulär zum 2:0-Sieg traf.

Italien dominiert die Partie, Irland mit großen Schwächen im Spielaufbau

Ein Blick auf die Statistik lässt erahnen, dass das Spiel eine relativ einseitige Angelegenheit war. Die Italiener spielten mit 545 Pässen fast doppelt so viele wie die Iren, die den Ball nur 272 Mal abspielten. Bezeichnend ist, dass die Iren dennoch mehr lange Pässe spielten (64), während die Mannschaft von Prandelli nur 58 Mal einen weiten Pass versuchte. Das bedeutet, dass die Italiener zweieinhalb Mal so viele kurze Pässe spielten wie ihr Gegner (463:187).

Die Fehlpassquoten zeigen den Klasseunterschied der Mannschaften deutlich auf, denn während die Italiener 85% aller Pässe zu den Mitspielern brachten, kamen die Iren nur auf 69%. Besonders die irischen Abwehrspieler hatten Probleme das Spiel aufzubauen, allen voran Außenverteidiger Stephen Ward, der mit 33 Abspielen die meisten Pässe aller irischen Verteidiger versuchte, aber nur in 52% aller Fälle erfolgreich war. Eine 48-prozentige Fehlpassquote sieht man im Profifußball wirklich selten. Die beiden Innenverteidiger St.Ledger und Dunne wurden so gut wie gar nicht in den Spielaufbau eingebunden und kamen jeweils nur auf 14 Pässe. Die Iren versuchten es mit langen Abschlägen, die jedoch nur selten erfolgreich waren.

Lange Bälle ins Nichts

Es war abzusehen, dass die Iren gegen die Italiener nicht mit endlosen Passstafetten glänzen würden, aber ein wenig mehr Spielkultur hätte sich wohl auch der fanatischste Anhänger des Kick and Rushs gewünscht. Das Problem war nämlich, dass die weiten Bälle der Iren vorne so gut wie keine Abnehmer fanden. Ward versuchte neunmal den Ball weit zu den Spitzen zu spielen – kein einziger Versuch endete erfolgreich. Der Torhüter der Iren, Shay Given, spielte in der ganzen Partie 21 Pässe, wovon gleich 19 weite Abschläge nach vorne waren. Von diesen 19 Abschlägen konnten die Iren nur vier für sich behaupten (0,21%). Die Italiener konnten ebenso viele Bälle nach Abschlägen ihres Torhüters Buffon unter ihre Kontrolle bringen – dieser schlug allerdings nur zehnmal den Ball nach vorne und baute das Spiel sonst über die Viererkette in der Abwehr auf. Von einer irischen Lufthoheit war also auch abgesehen von den beiden Toren nur wenig zu sehen.

Iren schwer zu überwinden

Italien hatte 67% Ballbesitz, wirkte aber gegen die tiefstehenden Iren zeitweise ideenlos und verabsäumte es öfters über die Flügeln anzugreifen, obwohl die Außenverteidiger sich gut ins Spiel nach vorne einschalteten. 40% aller italienischen Angriffe gingen über das Zentrum, während über die linke Seite 34% und über die rechte Seite nur 26% kamen. In der Mitte machten Whelan und Andrews den Raum jedoch gut eng, noch dazu da auch die Flügelspieler McGeady und Duff stark ins Zentrum rückten. Einige Male spielten die Italiener gut über die Flügel, allerdings nutzten sie diese Option viel zu selten. Zusätzlich müssen sie es sich wohl vorwerfen lassen, dass sie ihre Angriffe zu langsam vortrugen und den Iren zu lange Zeit ließen sich wieder zu formieren.

Schwache Konter

Die Iren standen tief und lauerten auf ihre Konterchancen, die sie aber nicht gut nutzen konnten. Einerseits zeigten sich die italienischen Abwehrspieler, allen voran Barzagli, in Eins-gegen-Eins-Situationen sehr stark, andererseits waren auch die Laufwege der Iren nicht ideal aufeinander abgestimmt und die Mannschaft von Giovanni Trapattoni holte aus diesen Szenen nicht annähernd das Optimum heraus. Das irische Spiel leidet darunter, dass ein kreativer Spielgestalter fehlt, der auch gegen Top-Mannschaften Ruhe ins Spiel bringen, den Ball behaupten und kreativ weiterverarbeiten kann.

Gegentore nach Standardsituationen

Aus dem Spiel heraus gelang den Italienern kein Treffer, dafür erzielten Cassano per Kopf (35.) und Balotelli per Seitfallzieher (90.) die einzigen Tore ausgerechnet nach Eckbällen. Das wird Giovanni Trapattoni besonders ärgern, da Standardsituationen eigentlich die Stärken der irischen Mannschaft sein sollten. Wie schon im ersten Spiel gegen Kroatien hatten die Iren beim ersten Treffer ein wenig Pech, da der Ball, abgefälscht von Shay Given, von der Latte nur knapp hinter der Torlinie landete.

Fazit

Irland hatte in der starken Gruppe C keine realistische Chance auf den Aufstieg, auch wenn sich die wunderbaren irischen Fans, die trotz Niederlagen die lautesten der Europameisterschaft waren, ein Weiterkommen verdient hätten. Rein fußballerische war Trapattonis Truppe jedoch mindestens eine Klasse zu schwach, auch wenn man den Iren in Sachen Kampfgeist sicherlich keinen Vorwurf machen kann. Von Glück verfolgt waren sie jedoch auch nicht, da sie im Laufe des Turniers einige kuriose Tore bekamen. Für das ÖFB-Team wird diese Mannschaft trotz des klaren Ausscheidens ein harter Brocken werden, denn jede Mannschaft, die nicht gerade wie die Spanier nach vorne spielen kann, wird sich recht schwer tun den irischen Abwehrriegel zu knacken. Man darf jedoch davon ausgehen, dass sich die Spielanlage der Iren gegen das österreichische Nationalteam ändern wird und sie insbesondere in der ersten Partie am 26.03. 2013 in Dublin mehr fürs Spiel machen werden bzw. müssen. Ein Umstand der Marcel Koller und seiner Mannschaft entgegen kommen könnte, denn den Iren fehlte insbesondere im zentralen Mittelfeld ein Ideengeber, der das Spiel in die Hand nehmen konnte.

Die Italiener spielten alles in allem bis jetzt ein ordentliches Turnier, wobei insbesondere die taktische Flexibilität auffällig war. Teamchef Cesare Prandelli kann sein System perfekt dem Gegner anpassen und vielleicht noch für die eine oder andere Überraschung sorgen.

Stefan Karger, www.abseits.at

Stefan Karger

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