Der FC Schalke 04 ist ein Verein mit nervösen Fans. Das ist der SK Rapid Wien auch. Vergleichen kann man die beiden Traditionsklubs diesbezüglich... Andreas Müller wechselt nach Hütteldorf: Der richtige Typ, der Ruhe und Zeit braucht, um Struktur zu schaffen

SK Rapid Wien (Logo, Wappen)Der FC Schalke 04 ist ein Verein mit nervösen Fans. Das ist der SK Rapid Wien auch. Vergleichen kann man die beiden Traditionsklubs diesbezüglich dennoch nicht – dauerhaft bei den „Knappen“ zu arbeiten, erfordert mehr Durchhaltevermögen. Dies hängt wohl damit zusammen, dass die Gelsenkirchener noch mehr nach Erfolgen hungern, als der zumindest einst unfehlbare Rekordmeister. In ebendiesem nervösen Metier Schalke wird ein gewisser Andreas Müller als Urgestein bezeichnet.

Der 51-jährige Andreas Müller wuchs im Schwabenland auf, rückte im Alter von 20 Jahren in die Kampfmannschaft des VfB Stuttgart nach. In den Jahren 1983 bis 1987 sollte er in 111 Bundesligaspielen 13 Treffer für den VfB erzielen und 1984 deutscher Meister werden. Nach einer Zwischenstation in Hannover, die der ehemalige Mittelfeldspieler schon nach einem Jahr hinter sich ließ, folgte ein Wechsel „Auf Schalke“ im Alter von 25 Jahren. Es folgten zwölf Jahre beim Kumpelverein, ein UEFA-Cup-Sieg und viele Jahre als Kapitän.

Sportchef bei Schalke und Hoffenheim

Nun verschlägt es den Stuttgarter nach Wien. Der SK Rapid ist seine dritte Station als Funktionär, nachdem er bereits bei Schalke und Hoffenheim sportlicher Leiter war. Eine Kombination, die ungleicher nicht sein könnte. Seit April 2013 „stand“ Müller, nachdem er die TSG 1899 Hoffenheim verließ. Nach dem Traditionsverein Schalke und dem Retortenverein Hoffenheim, ist Müllers Engagement bei Rapid die zweite Kehrtwende in seiner Manager-Karriere.

Neun Jahre als Funktionär in Gelsenkirchen

Das Managerdasein bei Schalke ist nicht einfach. Gerade aufgrund der langfristigen Erfolglosigkeit des Bergarbeiterklubs wird man als Entscheidungsträger von Fanseite für kurzfristiges Handeln beurteilt. Großes Lob, wenn überhaupt, gibt es meistens erst im Nachhinein. Andreas Müller ist nicht der einzige Funktionär, der dieses Schicksal kennt. Unmittelbar nach seiner aktiven Karriere wurde er zum Teamkoordinator des FC Schalke 04 berufen. Eine Funktion, die am ehesten mit der zu vergleichen ist, die Stefan Ebner seit vielen Jahren beim SK Rapid ausübt. Müller verblieb sechs Jahre lang in dieser Position, ehe er im Frühling 2006 – nach Rudi Assauers Abgang – zum Manager berufen wurde. Damit einhergehend wurde er auch in den Vorstand aufgenommen.

Özil und Boenisch rücken in die Kampfmannschaft auf

Die vorangegangenen Saisonen 2004/05 und 2005/06 verliefen vielversprechend und Schalke machte den Eindruck sich an der Spitze der deutschen Bundesliga etablieren zu können. In seiner ersten Saison als Manager – 2006/07 – wurde man nur zwei Punkte hinter dem Überraschungsmeister aus Stuttgart Zweiter. Im Laufe der Saison lehnte sich Müller nicht allzu sehr aus dem Fenster, musste mit der angespannten finanziellen Lage auf Schalke vorsichtig umgehen, gab kein Geld für neue Spieler aus, sondern zog hauptsächlich junge Spieler in die „Erste“ hoch. Unter anderem den damals 17-jährigen Mesut Özil und den 19-jährigen Sebastian Boenisch. Der Transfer von Peter Lövenkrands, der ablösefrei von den Glasgow Rangers kam, war eine nicht unwichtige Überbrückung in einer Saison, die mehr Ungewissheit mit sich brachte, als es die guten letzten Saisonen vermuten ließen. Noch beurteilte man Müller sehr zurückhaltend und harrte der Dinge, die da noch kommen mochten.

Talente wechseln nach Bremen

Nachdem Schalke 2007 – einmal mehr – knapp am Titel vorbeischrammte, erwartete man sich für die Saison 2007/08 viel. Die vorhin genannten Talente Özil und Boenisch machte Müller jeweils während der Saison zu barem Geld: Özil wechselte um fünf Millionen Euro zu Werder, Boenisch folgte ihm um 3,5 Millionen. Die für den Deutsch-Polen lukrierte Transfersumme ist positiv zu bewerten, aus Özils Potential hätte man vielleicht noch mehr herausholen können. Gleichzeitig gab Schalke in dieser Saison über 14 Millionen Euro für neue Spieler aus, für die Müller noch nachhaltig kritisiert werden sollte.

Neue Spieler fürs 4-2-3-1 und die taktische Kehrtwende Slomkas

Die Vorkommnisse im Winter 2007 sollten Müller noch lange anhaften. Der Schalke-Sportdirektor verpflichtete Albert Streit von Eintracht Frankfurt um 2,5 Millionen Euro. Zusätzlich zum Rechtsaußen kam mit Vicente Sánchez ein bis dahin unbekannter Uruguayer um eine Million für den linken Flügel. Dies geschah in einer Zeit, in der Schalke im 4-2-3-1 auflief und der damalige Trainer Mirko Slomka forderte von Müller zwei neue Flügelspieler, um mehr Varianz ins Spiel der Knappen zu bringen. Doch schon nach wenigen Runden im Frühjahr 2008 stellte Slomka auf ein 4-4-2 um. Streit und Sánchez wurden obsolet. Slomka gab den taktischen Ton vor, Müller holte die dazu passenden Spieler und kurze Zeit später änderte sich die Tonlage. Verantwortlich wurde Müller gemacht.

Streit als rotes Tuch, Grossmüller und Zé Roberto als Flops

Damit nicht genug: Streit, der einen Vierjahresvertrag erhielt, entpuppte sich als charakterlich enorm schwierig, saß seinen teuren Schalke-Vertrag bis zum Schluss aus, wurde nur einmal an den Hamburger SV verliehen und mehrfach suspendiert. Für die Schalke-Fans ist der heute 33-Jährige ein rotes Tuch – aktuell spielt er nur noch viertklassig, bei Viktoria Köln. Müller wurde nicht nur für diese Transfers verantwortlich gemacht, sondern erntete auch Kritik für fehlenden Weitblick, als im Sommer 2007 der Uruguayer Carlos Grossmüller fürs defensive und der Brasilianer Zé Roberto (nicht zu verwechseln mit dem ehemaligen Bayern-Spieler) fürs offensive Mittelfeld verpflichtet wurden. Beide standen zwei Jahre auf der Gehaltsliste und spielten praktisch nicht bzw. entpuppten sich als klassische Transferflops und kosteten zusammen über sechs Millionen Euro. In gewissem Maße fielen die beiden aber ebenfalls einem Systemproblem zum Opfer.

Die positiven Transfers in der ersten Saison

Der Ärger der Schalker Fans, der sich lange in die Amtszeit Müllers hineinziehen sollte, überwog und so vergaß man schon mal, dass der Sportdirektor auch den jungen Ivan Rakitic von Basel loseisen konnte und den später enorm wichtigen Heiko Westermann aus Bielefeld verpflichtete. Noch wichtiger: Jermaine Jones kam ablösefrei aus Frankfurt, avancierte später zum Leistungsträger und Müller sorgte dafür, dass Benedikt Höwedes, damals 19 Jahre alt, in die Kampfmannschaft hochgezogen und stark forciert wurde.

Flop als Antwort auf Flop

Die Saison 2007/08 beendete Schalke auf Platz 3. Der Tenor war eher, dass mehr drin gewesen wäre, als dass diese Platzierung leistungs- und potentialgerecht war. Aufgrund der Flops Streit, Grossmüller, Sánchez und Zé Roberto forderte man vor der Saison 2008/09 neue Spieler. Müller holte als „Antwort“ auf den schwachen Grossmüller den hünenhaften Niederländer Orlando Engelaar fürs defensive Mittelfeld. Mit 5,5 Millionen Euro Ablöse war der damalige Teamspieler eigentlich ein Schnäppchen, aber seine Zeit auf Schalke verlief äußerst unglücklich und nach nicht mal einem Jahr stand er auf dem Abstellgleis.

Ungeduldige Fans kritisieren teuren Farfan-Transfer

Fast noch mehr kritisiert wurde Müller aber für den Kauf des Peruaners Jefferson Farfan. Der damals 23-Jährige kam um stolze zehn Millionen Euro von PSV Eindhoven und wirkte in seinem ersten Jahr lange Zeit wie ein Fremdkörper. Das Preis-Leistungs-Verhältnis wurde Müller damals angekreidet. Heute, nach über 200 Pflichtspielen und 50 Toren für Schalke weiß man, dass die Farfan-bezogene Kritik zu Unrecht erfolgte. Die kurzfristige Kritik an Farfan wurde zum Sinnbild für Müllers Hauptproblem mit dem „ungeduldigen FC Schalke“.

„Wir müssen uns davon befreien“

Grundsätzlich ist Müller ein bedächtiger Arbeiter, der seinen Job im Hintergrund erledigt, nicht viel nach außen dringen lässt. Dennoch ist er auch einer, der kein Problem damit hat, vor TV-Kameras zu treten und dort diplomatisch zu agieren. Anders als der eher beschwichtigende Helmut Schulte ist Andreas Müller dennoch ein Manager, der sich ein „bis hierher und nicht weiter“ zutraut. So geschehen im Dezember 2008, wie dieses Video zeigt.

Jahre später: Leistungsexplosion der Müller-Schützlinge

Drei Monate nach diesem Video wurde Müller beurlaubt. Es war ein Abgang der Marke Bauernopfer. Müllers Konzept stützte sich auf langfristige Ideen, was auch die hohe Ablösesumme für Farfan zeigte. Die Öffentlichkeit im Ruhrpott wollte hingegen schnell gute Ergebnisse sehen. Passend dazu wurde vier Monate nach Müllers Abgang Felix Magath als Trainer engagiert. Eine Entscheidung, die Schalke kurzfristig einen Vizemeistertitel bescherte, den Verein aber binnen zwei Jahren in seiner langfristigen Entwicklung bremste. Müllers Zeit beim FC Schalke 04 war im März 2009 vorbei. Seinen Wert erkannte man erst Jahre später, als Spieler, die Müller entweder verpflichtete oder forcierte/entwickelte (Westermann, Rafinha, Farfan, Neuer, Höwedes) um hohe Millionenbeträge den Verein wechselten oder beim FC Schalke zu tragenden Kräften heranwuchsen.

Scouting und Nachwuchs unter Müller systematisch

Magaths durchgängiges Konzept der Hamsterkäufe, unter denen stets der eine oder andere Top-Mann dabei sein würde, stand im Gegensatz zum punktuellen Mannschaftsaufbau, den Müller verfolgte. Erst in jüngster Vergangenheit wurde Müller wieder von einigen Schalke-Fans für seine knapp drei Jahre als Schalke-Sportchef gelobt. „Damals hatten wir wenigstens ein Scoutingkonzept und bauten Nachwuchsspieler nach einem System ein“, hieß es.

Neuer Job bei der sprunghaften TSG

Nach einer kurzen Schaffenspause und einem Ausflug in die Privatwirtschaft fand Müller im September 2012 einen neuen Job als Sportdirektor. Die TSG 1899 Hoffenheim startete wechselhaft in die Saison und Mäzen Dietmar Hopp war längst von seinem Konzept abgekommen, die besten Spieler der Region zu verpflichten. Man war dem Bundesligatrott verfallen, wollte sich mit aller Gewalt verstärken, kaufte viel zu viele Spieler um viel zu teures Geld – und der unsichere Markus Babbel war seiner Traineraufgabe aus zahlreichen Individualisten eine Mannschaft zu formen nicht gewachsen. Knapp zehn Wochen nach Müllers Amtsantritt wurde Babbel entlassen.

Schwierige Situation im Winter 2012

Delpierre, Wiese, Chris, Schröck, Derdiyok, Joselu, Malbasic, Usami… die Liste der Hoffenheimer Neuzugänge im Sommer 2012 war lang. Müller hatte mit den zahlreichen umstrittenen Transfers noch nichts zu tun. Als die TSG im Winter auf dem 16.Platz (Relegationsplatz) stand, musste aber in der Wintertransferzeit reagiert werden. Müller tat dies auf unterschiedliche Weise: Einerseits wurde der gute Innenverteidiger David Abraham von Getafe mit einem längerfristigen Vertrag ausgestattet und der polnische Teamspieler Eugen Polanski kam aus Mainz. Leihgeschäfte mit Igor de Camargo, Heurelho Gomes und Patrick Ochs sollten das angeschlagene Team für das Frühjahr kurzfristig verstärken. Mit Afriyie Acquah, Luis Advíncula und Guilherme Biteco kamen außerdem drei Talente um insgesamt fünf Millionen Euro, die aktuell verliehen sind und noch keine Rolle in der ersten Elf Hoffenheims spielen.

Müller folgt Trainer Kurz in die Arbeitslosigkeit

Die Art und Weise, wie in Hoffenheim gearbeitet wurde, entsprach jedoch nicht der Welt, die Müller von seiner bisherigen Station im Ruhrpott kannte. Die Seifenblase Hoffenheim versprach keinerlei Kontinuität, jeder war auswechselbar. Und der Erste, der ausgewechselt wird, ist bekanntlich der Trainer: Marco Kurz musste Anfang April 2013 seinen Platz räumen. Andreas Müller stellte sich auf die Seite des angezählten Trainers und räumte seinen Stuhl ebenfalls. Dies soll jedoch eher eine Solidaritätsbekundung als eine Entlassung gewesen sein. Müller bekrittelte den fehlenden Weitblick in Sinsheim. Obwohl alle Mitteln zur Verfügung stehen, kann man bei der TSG nur sehr schwer etwas Langfristiges aufbauen. Neo-Coach Markus Gisdol schaffte schließlich über die Relegation den Klassenerhalt.

Entwicklerqualitäten und der richtige „Typ“

In seiner bisherigen Laufbahn war deutlich zu sehen, dass Müller mit langfristig orientierter Arbeit bei Vereinen mit klaren Werten und Tradition bzw. in Situationen, die auf diesen Attributen fußen, besser zu Recht kommt, als mit der Aufgabe möglichst schnell „irgendetwas“ zu gewinnen. Abgesehen davon, dass Müllers Erfahrung für österreichische Verhältnisse ohnehin auf einem sehr hohen Level anzusiedeln ist, ist der Deutsche auch ein richtiger „Typ“ für Rapid. Bedenkt man das Vorstandsgehalt, das Müller auf Schalke wohl lukrierte, ist der vermeintliche Rückschritt Rapid einer, der klar für den 51-Jährigen spricht. Noch nie bekam Müller im Laufe seiner Managertätigkeit die Chance, bei einem Klub langfristig und ohne andauernde Störgeräusche etwas aufzubauen. Dass seine Handschrift beim FC Schalke 04 erst dann leserlicher wurde, als er bereits Jahre lang weg war, spricht für seine Entwicklerqualitäten.

Langfristiges Arbeiten, klare Strukturen in Nachwuchs und Scouting

Mögliche Probleme? Wahrscheinlich dieselben wie auf Schalke. Auch vom erfahrenen Andreas Müller darf man sich keine spontanen Titel erwarten und es wird wichtig sein, dass die Rapid-Fans das von Anfang an verstehen. Aber ebenso wie Helmut Schulte, der sich selbst zu wenig Zeit gab bzw. sehr früh eine neue Herausforderung annahm, weiß Müller, wie man System und Struktur in die Bereiche Nachwuchs, Scouting und Mannschaftsentwicklung bringt. Die Tatsache, dass er bei Rapid nur begrenzte finanzielle Mittel zur Verfügung hat, ist für Müller in diesem Ausmaß ein Novum. Darin liegt die Herausforderung in der Arbeit für den österreichischen Rekordmeister. Eine Herausforderung, die mit der richtigen Struktur in Nachwuchs und Scouting – und dafür stand Müller in seiner Schalke-Zeit primär – zu meistern ist.

Daniel Mandl, abseits.at

Daniel Mandl Chefredakteur

Gründer von abseits.at und austriansoccerboard.at | Geboren 1984 in Wien | Liebt Fußball seit dem Kindesalter, lernte schon als "Gschropp" sämtliche Kicker und ihre Statistiken auswendig | Steht auf ausgefallene Reisen und lernt in seiner Freizeit neue Sprachen

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