Ernst Stojaspal ist nun schon zum vierten Mal Protagonist einer Sonntagsanekdote. Zeit die violette Legende etwas näher zu beleuchten: „Stoissi“ begann seine Karriere in... Anekdote zum Sonntag (129) – Gigl, Gogl und ein einbeiniger Stürmer

Ernst Stojaspal ist nun schon zum vierten Mal Protagonist einer Sonntagsanekdote. Zeit die violette Legende etwas näher zu beleuchten: „Stoissi“ begann seine Karriere in seinem Heimatbezirk Simmering. 1944 kam er von Ostbahn XI zur Austria – genau wie Jahre später ein gewisser Herbert Prohaska. Stojaspal, der den ehrenwerten Beruf des Schlossers erlernt hatte, war ein wunderbarer – aber monomechanischer – Techniker: Der damalige Austria-Präsident Dr. Emanuel „Michl“ Schwarz prägte den Spruch: „Wir haben einen Spieler, der ist nur einbeinig, schießt aber dennoch unsere meisten Goals.“ Tatsächlich war der rundliche Angreifer ein genialer Linksfuß voller Kreativität und Torgefahr. Ob Training oder Match – ein „Gurkerl“ gehörte beim Austria-Stürmer dazu.

„Ich hab halt gerne alles überspielt, was nicht zu meinem Team ghört hat. Und wenn nur mehr der Torwart da war, musste ich den natürlich auch stehen lassen. Einmal war´s im Spiel gegen Kaiserslautern, da bin i scho beinah auf der Torlinie gstanden, vor mir nur der Keeper. Da wär es do a Sünd g´wesen, hätt i den net a no überspielt.“, erzählte er einmal. Bei diesem legendären Spiel machte Stojaspal tatsächlich einen Extra-Haken, legte zurück und Mitspieler Schleger konnte unbedrängt einschießen. Austria Wien blamierte an diesem 9. September 1953 mit einem 9:2-Testspielsieg den amtierenden deutschen Meister. 25.000 Zuschauer im Praterstadion waren aus dem Häuschen. Ur-Wiener Stojaspal tröstete K’lautern-Spielführer Fritz Walter mit der rot-weiß-roten Lebensweisheit: „Einmal der Gigl, einmal der Gogl, Fritzl!“ Es bleibt fraglich, ob der deutsche Teamkapitän wusste was ihm sein Kollege damit sagen wollte. Als die beiden jedoch nach einigen Monaten wieder aufeinandertrafen konnte Fritz Ernst diese Worte zurückgeben: „Einmal der Gigl, einmal der Gogl, Ernstl!“ 6:1 gewann die DFB-Elf an diesem Tag gegen die favorisierten Österreicher bei jenem Wetter, das heute Walters Namen „trägt“. Damit war der Traum vom WM-Pokal für „Stoissi“, Happel, Zeman, die Körner-Bruder und Co. ausgeträumt.

Wie Weltstar Ferenc Puskás war Ernst Stojaspal meist mit nur einem Fuß aktiv, das genügte aber: Der Stürmer wurde fünfmal Torschützenkönig. Das erste Mal krönte er sich knapp nach dem Krieg zum besten Scorer der Liga, dabei hing seine sportliche Karriere damals an seidenem Faden. Das Ende des zweiten Weltkriegs erlebte der Wiener nämlich in einer Gefängniszelle: Im Juni ’43 wurde Stojaspal zur Wehrmacht eingezogen und versuchte dem Fronteinsatz durch vorsätzliches Handbrechen zu entgehen. Die Sache flog auf und der Fußballer wurde zu einer achtjährigen Gefängnisstrafe verurteilt. Erst im Ende Mai 1945 wurde Stojaspal freigelassen, danach konnte seine Laufbahn Fahrt aufnehmen.

Ernst war nicht nur Torjäger Deluxe, sondern hatte Spielwitz und den Blick für seine Kollegen. Gemeinsam mit Lukas „Harry“ Aurednik praktizierte Stojaspal das Gegenstück zu den Rapidlern Alfred Körner und Erich Probst. Schlaksig und schnell war „Stoissi“ dabei nicht gerade, diesen Nachteil machte er aber mit tollen Körpertäuschungen wett. Dennoch kritisierten Zuschauer und Journalisten gerne Ernstls „Kampfgewicht“. Irgendwann wurde es dem Wiener zu viel und er trainierte bei seinem Haberer Karl Blaho – seines Zeichens Ex-Boxeuropameister. Pünktlich zur WM ’54 präsentierte sich der dreifache Meister so schlank wie nie und erzielte bei Österreichs drittem Platz drei Treffer. Nach der Endrunde heuerte er bei Racing Strasbourg an. „Stoissi“ wurde in der Grande Nation heimisch und ehelichte die Elsässerin Yvonne. Das Auslandsengagement beendete zwar seine Teamkarriere, doch das war Ernst, der noch heute die klubinterne Torschützenliste der Veilchen anführt, egal. Er ließ seine Laufbahn beim AS Monaco, bei Béziers, Troyes-Savinienne und dem FC Metz ausklingen. So erfolgreich seine Sportkarriere als Aktiver auch war, als Trainer blieb der Simmeringer vom Glück „verschont“.

Schließlich machte er sich mit dem „Café de Vienne“ in Monte Carlo selbständig und freute sich, wenn Besuch aus der Heimat vorbeischaute. Nach Österreich kam der gebürtige Simmeringer nur mehr selten, selbst der Kontakt zu seinem einzigen Sohn riss ab. In fortgeschrittenem Alter zog der Ex-Profi schließlich zurück nach Ost-Frankreich und lebte mit seiner Frau in einem Vorort von Metz. 2002 musste sich Ernst in ein Altersheim begeben, denn aus dem Schmähbruder und Topkicker von einst war ein alzheimerkranker Pflegefall geworden. In einer Aprilnacht büxte der verwirrte Austrianer nur mit Pyjama bekleidet aus und wurde Stunden später tot in einer Baugrube gefunden. Ernst Stojaspal starb 77jährig an Herzversagen.

Marie Samstag, abseits.at

Marie Samstag

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