Die langwierige Trainersuche der Grazer ist beendet und ein neuer starker Mann wurde vorgestellt. Mit Heiko Vogel bekommt Sturm einen Nachfolger für Franco Foda,... Heiko Vogel – kann das in Graz funktionieren?

Die langwierige Trainersuche der Grazer ist beendet und ein neuer starker Mann wurde vorgestellt. Mit Heiko Vogel bekommt Sturm einen Nachfolger für Franco Foda, der sich ja ab 1.1.2018 rein dem Nationalteam widmen wird. Wer „der Neue“ ist, was ihn ausmacht und wie er sich bei seiner ersten Pressekonferenz präsentierte, lest ihr hier.

Anfänge und Zeit in Basel

Die Trainerlaufbahn von Heiko Vogel begann sehr früh, da er bereits mit 20 Jahren seine aktive Karriere aufgrund einer Verletzung beenden musste. Der studierte Sportwissenschaftler begann dabei in unterschiedlichen Nachwuchs-Mannschaften des FC Bayern Münchens, ehe er als Co-Trainer von Thorsten Fink zu Ingolstadt in die dritte Liga ging. Gemeinsam stiegen sie mit den Schanzern auf und verließen den Verein im Anschluss in Richtung Schweiz zum FC Basel. Dort arbeitete Vogel weiterhin als Co-Trainer. Nach der Trainerentlassung von Fink wurde Vogel bei Basel zum Interimstrainer bestellt. Nachdem er in den ersten sechs Spielen sechs Siege einfahren konnte und unter anderem Manchester United aus der Champions League kegelte, wurde er zum Cheftrainer befördert. In dieser Meisterschaft holte er das Double, wurde aber in der Folgesaison im Oktober entlassen. Die Mannschaft schied danach in der Champions-League-Qualifikation aus und stand in der Liga nur auf Platz vier.

Übergang und Zeit in München

Nach seinem Ende bei Basel nahm er sich ein Jahr Auszeit vom Trainer-Business. In dieser Zeit war er aber nicht untätig wie dieser Beschreibung seines Lebensabschnittes zu entnehmen ist: Es ist nicht so, dass ich am Tegernsee auf der faulen Haut rumliege. Ich habe sehr viel gelesen und mich mit anderen Ballspielen auseinandergesetzt, mit Handball, mit American Football, mit Basketball. Mir geht es dabei darum, die Anatomie der Taktik und des Erfolgs zu durchforsten. Um meine Gedanken über Fussball zu strukturieren, habe ich daraus ein Konzept erstellt. Das war sehr zeitintensiv mit Recherchen auf verschiedenen Ebenen, ich habe Videosequenzen geschnitten, die zu meiner Philosophie passen. Wichtig dabei ist aber, dass man nicht kopiert, sondern authentisch bleibt.» Im Herbst 2013 kam er wieder zurück zum FC Bayern und trainierte dort eineinhalb Saisonen lang die   U-19 des Vereins, hatte dort aber nur mäßigen Erfolg. Dennoch wurde er im Sommer 2015 zum Trainer der Amateurmannschaft hochgezogen, konnte aber auch nicht an seine Basler-Erfolgszeiten anschließen. Zu dieser Zeit agierte er in Doppelfunktion, denn er übte auch das Amt des Nachwuchskoordinators aus. Nachdem in der Saison 2016/17 die Ergebnisse ausblieben und die Entwicklung der Mannschaft stagnierte, trat er im März 2017 zurück. Und das, obwohl er im Sommer angekündigt hatte, er wolle das Jahr auf jeden Fall „durchzuziehen“. Ein weiterer Grund für seinen Rückzug war auch, dass er nicht als neuer sportlicher Leiter für den Bayern-Nachwuchs berücksichtigt wurde, obschon er für den Posten gehandelt wurde.

Ehemalige Spieler und Erfahrungen

Aufgrund seiner Stationen in der Schweiz und im Nachwuchsbereich der Bayern lernte er bereits unterschiedlichste Spielertypen kennen und förderte diese. Im Sommer 2012 hatte er Salah in die Schweiz gebracht, der ja heuer an der Anfield Road durch die Decke schießt. Außerdem standen Eleny, Dragovic und Sommer unter seiner Regie, sowie Shaqiri und Xhaka, die aber im Sommer 2012 verkauft wurden. Bei den Münchner kam er in den Genuss mit vielen, späteren Nationalspielern zu arbeiten wie etwa Schweinsteiger, Hummels, Kroos, Lahm oder Müller. Auch David Alaba stand unter seinen Fittichen. Seit dieser Zeit schwärmt Vogel auch vom Umfeld der Bayern und der „Mia-san-Mia“-Mentalität der Deutschen. Trainererfahrungen machte er größtenteils unter Thorsten Fink, dem er in über 160 Spielen zur Seite stand. Weiters war er Co-Trainer unter Jürgen Press (19 Spiele), Horst Köppel (5 Spiele) und Michael Wiesinger (1 Spiel). Enorme Erfahrungen sammelte er in seiner Zeit bei den Bayern in den letzten Jahren, da er in Austausch mit Guardiola und Ancelotti stand. Vor allem vom Spanier war Vogel fasziniert, der auch Trainertypen a la Diego Simeone sehr schätzt.

Spielsystem und Philosophie

In seiner Zeit als Co-Trainer unter Fink lernte er bis dato nur die Viererkette kennen, welche er auch in seiner Basler Zeit forcierte. Offensiv ließ er variabler agieren und schränkte sich nicht auf ein Spielsystem ein. Dennoch fehlte es ihm damals etwas an Mut, was ihm letztendlich zum Verhängnis wurde, da die Mannschaft zu oft Unentschieden spielten und er so ergebnisbedingt entlassen wurde. Nach seinem „Sabbatjahr“ versuchte er es in der U-19 der Bayern erstmalig mit einer Dreierkette und wurde so auch im Defensivspiel variabler. Weiterhin wichtig für ihn sind die Außenspieler, bei denen er vor allem Wert auf Schnelligkeit legt. Allgemein müssen Offensivakteure für ihn technisch sehr versiert sein, wie er in einem Interview sagte. Vom Spielsystem her wurde er anpassungsfähiger und meinte daher über seine Zeit bei den Amateuren der Bayern: „Wenn ich zwei gute Stürmer habe, will ich beide spielen lassen und mich nicht zwanghaft für einen entscheiden müssen. Also spiele ich in diesem Fall mit einem 4-4-2 oder 3-5-2.“ In seiner Spielanlage steht der Ballbesitz im Vordergrund, was auch durch seine Affinität hinsichtlich der Spielidee von Pep Guardiola geprägt ist. Darüber sagte er in einem Interview aus 2013: Im Zentrum aller Überlegungen steht immer der Ball, das ist die eine These. Im Palestra, der Kathedrale des US-amerikanischen College-Basketballs, ist ein Spruch verewigt: «To win the game is great. To play the game is greater. But to love the game is the greatest of all.» Die Liebe zum Spiel ist ein ganz zentraler Baustein. Liebst du das Spiel, wird auch der Erfolg kommen – der ja auch notwendig ist.»

Reputation

Nicola Sansone, ehemaliger Bayern-Amateure-Spieler, lobte Vogel in einem Interview aus 2015 in höchsten Tönen. Damit ist er aber nicht alleine, denn auch andere, ehemalige Weggefährten sprechen sehr gut über den Deutschen. So meint der Präsident der Basler, dass Vogel sehr gute Arbeit verrichtet habe und vor allem menschlich hervorrage. Auch von Bayern-Seite wurde Vogel für seine Arbeit sehr gelobt und es wurde ihm hierbei einiges an Talent bescheinigt. Von der Führungsriege der Schweizer wird außerdem erwähnt, dass er auch bei den Fans ein hohes Ansehen genossen hat.

Kommunikation

Grundsätzlich meint Vogel selbst von sich, dass er sehr konkrete Kabinenansprachen vollführt und er legt im Leben neben dem Platz Wert auf Disziplin. Weiters sind ihm Teamwork und Wille von großer Wichtigkeit, wie dieses Zitat von ihm untermauert: Im Fußball werden enorm viele Fähigkeiten geschult, die in vielen Bereichen erforderlich sind. Teamwork heißt, sich unterzuordnen, zu führen, Verantwortung zu übernehmen, zu kommunizieren. Durch Niederlagen lernt man, Rückschläge zu verarbeiten. Bei Siegen, nicht abzuheben oder daraus Motivation für weitere Erfolge zu ziehen. Das sind Dinge, die vom Fußball auf das tägliche Leben übertragen werden können.“ Vogel, der auch knallhart sein kann, wenn es um Ehrlichkeit und seine Meinung hinsichtlich von Spielern geht, hat auch kein Problem damit, Träume von „zu untalentierten“ Jugendspielern zu zerstören. Ehrlichkeit hat bei ihm hohe Priorität und er verlangt nach mündigen Spielern.

Pressekonferenz zum Antritt

Warum Trainer Vogel?

Zu Beginn meinte Präsident Jauk, dass es ein Start-Ziel-Sieg für Vogel war, da er schon am Anfang des Findungsprozesses in der Pole-Position stand. Die Gespräche mit ihm verliefen sehr harmonisch und hochprofessionell. Sowohl der Vorstand der Grazer, als auch Vogel selbst, waren sofort von ihrem gemeinsamen Projekt überzeugt. Günther Kreissl gab dann noch Einblick in die Findungsphase des neuen Trainers. Dabei sprach er darüber, dass es nur ein Hauptkriterium für den neuen Coach gab: Er soll der deutschen Sprache mächtig sein. Für Vogel sprachen laut Kreissl auch, dass er jung ist, bereits Erfolg hatte, internationale Erfahrung mitbringt, Basel ebenfalls auf einem hohen Level übernommen und den Weg erfolgreich weitergeführt hat, Druck standhalten kann, bereits Erfahrungen im Ausland hat und mit vielen jungen Spielern gearbeitet hat und diese fördern konnte. Das Wichtigste laut Kreissl ist aber die persönliche Komponente und dahingehend sind sich die Verantwortlichen der Grazer einig, dass sie mit Vogel einen kompetenten und teamorientierten Mann gefunden haben. Kreissl sieht den Neuen als „Arbeiter mit Freude und Begeisterung“ und ist bereits selbst vorfreudig auf die kommenden Aufgaben.

Der „Neue“

Vogel, der davon spricht, dass er vom Spiel der Grazer regelrecht „begeistert ist“, lobte Trainer Foda, den er bereits seit einem gemeinsamen Trainerkurs im Jahr 2000 kennt, und sein gesamtes Team zu Beginn seiner Stellungnahme. Informationen von ihm nimmt der ehemalige Münchner gerne mit und steht auch schon in Kontakt mit dem Neo-Teamchef. Vogel verspüre „keinen Druck, sondern Vorfreude“ für die gemeinsame Zeit. Danach gewährt er Einblick in seine Spielphilosophie, wobei hier eigentlich nur die Worte „Ballbesitz“ und „situationselastisch“ fallen. Über seine Ziele im Frühjahr meint er, dass sie „mit Demut an die Aufgaben herangehen müssen und ihre Leistungen bestätigen müssen.“ Grundsätzlich ist das übergeordnete Ziel der Weg nach Europa, zu mehr ließ sich der Neo-Coach nicht hinreißen.

Die Frage nach der Vorbereitung auf seine neuen Aufgaben beantwortete Vogel sehr gekonnt und meinte, dass „die Grazer Strukturen“ ein Punkt waren, weswegen er sich für Sturm entschieden hatte und er auch von den Fans sehr überzeugt ist. Ein ganz entscheidender Punkt für Vogel ist die Kommunikation. Wie auch bei den vorherigen Stationen steht nun die Interaktion im Mittelpunkt, wobei auch der Humor nicht zu kurz kommen darf. Patrick Puchegger bestätigte dies erst kürzlich in einem Interview. Der neue Trainer geht sogar soweit und sagt, dass für ihn „Humor als Waffe in der Kommunikation“ eingesetzt werden kann. Weiters spricht er an, dass er sich selbst als sehr kommunikativen Trainer sieht, der das Gespräch mit den Spielern sucht. Für ihn beruht ein gutes Arbeitsverhältnis auf einer „Basis des Verständnisses“ und er geht daher direkt in Kontakt mit seinen Leuten. Abschließend wurden auch sein Verhältnis zu jungen Spielern diskutiert, wobei Vogel hier klarstellte, dass er nichts erzwingen möchte, es bei Jungspielern nicht „planbar“ ist und sie nur für ihn infrage kommen, wenn ausreichend Qualität vorhanden ist.

Weitere Personalien

Das Trainerteam wurde ebenfalls umgekrempelt. Tormanntrainer Loch und Konditionstrainer Niederkofler bleiben an Bord. Neuer Co-Trainer wird Joachim Standfest, der sich zuletzt seine Sporen bei der Amateurmannschaft der Grazer verdient hatte. Außerdem verstärkt Patrick Dippel das Trainergespann, der als engster Vertrauter von Vogel gilt. Dippel wird als Fachmann auf dem Gebiet der Videoanalyse beschrieben und arbeitete bereits bei diversen Jugendnationalmannschaften in Deutschland. Mit dieser Personalie möchte Sturm einen Schritt in Richtung der Spezialisierung bei Analysen gehen, da man auf diesem Bereich den anderen Großclubs in Österreich noch hinterherhinkt. Mit seinem Know-how dürften die Grazer auch auf dieser Position richtig gut aufgestellt sein. Der neue Amateur-Trainer wird der bisherige Akademie-Trainer und ehemalige Bundesliga-Profi Thomas Hösele.

Fazit

Für die Österreichische Bundesliga ist Heiko Vogel auf jeden Fall eine Bereicherung. Durch seine vorherigen Stationen und Erfolge dürfte er sich ein gewisses Renommee eingehandelt haben und somit gilt er bestimmt auch als Werbung für die heimische Liga. Auch aus den Fankreisen der Grazer ist man sehr zufrieden mit dieser Personalie und hofft auf Erfolg unter ihm. Ins selbe Horn blasen auch die meisten Experten, die von der Neuverpflichtung ebenfalls angetan sind und den Steirern eine rosige Zukunft prophezeien, sofern die Ideen von Vogel sich auch umsetzen lassen. Es stehen auf jeden Fall spannende Monate bevor.

Für das Spiel der Grazer lässt er sich aber noch nicht in die Karten blicken, bezüglich einer Formation oder einem fixen Spielsystem. Sitatuationselastisch wolle er agieren, daher dürften die Würfel jede Woche aufs Neue fallen. Wenn man sich seine vorherigen Stationen ansieht, hat er sich meist schnell auf ein defensives Basiskonzept festgelegt und offensiv immer wieder rotiert. Aus Spielersicht kann man vielleicht herauslesen, dass der neue Trainer für einen Spieler wie Maresic ein Grund sein könnte, seinen Vertrag temporär zu verlängern. Eine Lösung über zwei bis drei Jahre wäre durchaus vorstellbar, wobei hier mit Sicherheit eine Austiegsklausel für die Sommertransferperioden eingebaut sein wird. Es könnte so zu einer win-win-Situation kommen, denn der Verein kann durch den Verkauf Geld generieren, der Trainer hat einen lernfähigen und sehr soliden Abwehrspieler in seinen Reihen und Maresic kann unter einem Trainer den nächsten Schritt machen, der genau weiß, wie man mit jungen Spielern umgeht.

Weitere Gewinner des Trainerwechsels könnten Lovric und Eze sein. Lovric zum einen, da der neue starke Mann den Ballbesitzfußball bevorzugt und der junge Mittelfeldkicker dabei klare Vorteile gegenüber seinem Kontrahenten Jeggo besitzt. Mit Lovric und Zulj im zentralen Mittelfeld wäre dies gut möglich, da sie beide über hohe Spielintelligenz verfügen und den Ball in den eigenen Reihen halten können. Eze könnte profitieren, da Vogel im Sturm auf technisch versierte und schnelle Spieler setzt; zwei Eigenschaften die der Stürmer mitbringt. Eine weitere Möglichkeit wäre es, den jungen Mann auf den Außenpositionen aufzubieten.

Nach dem Interview lässt Vogel viel Raum für Spekulationen, welche die Aufstellung und das Spielsystem betreffen. Man darf gespannt sein, ab wann die Handschrift des neuen Trainers erkennbar sein wird und inwiefern neue Elemente im Spiel der Grazer erkennbar werden. Bis zum Trainingsstart am 4.1.2018 wird sich Vogel jedoch noch nicht einmischen und bei den Spielen der Steirer fernbleiben, wenngleich er die Partie vor dem heimischen Fernsehgerät verfolgen wird.

Thomas Schützenhöfer, abseits.at

Thomas Schützenhöfer