Im Rahmen der Aktion „Das ASB trifft“ sprachen die Chefredakteure Daniel Mandl und Stefan Karger mit Austria-Trainer Peter Stöger. Eigentlich war nur ein Artikel... Peter Stöger im abseits.at-Interview (3): „Ohne Gegneranalyse geht es heute nicht mehr“

Im Rahmen der Aktion „Das ASB trifft“ sprachen die Chefredakteure Daniel Mandl und Stefan Karger mit Austria-Trainer Peter Stöger. Eigentlich war nur ein Artikel zum Thema geplant, aber das Interesse der Fans im Austrian Soccer Board war so groß, dass nun ein Vierteiler draus wurde, der heute und morgen veröffentlicht wird. Die Fragen der Fans wurden in chronologischer Reihenfolge gestellt – und hier sind Stögers Antworten!

Gatrik: Wie beurteilen Sie das momentane Trainerniveau in der österreichischen Bundesliga im Vergleich zu internationalen Topligen und was fehlt, damit Österreich neben Spielern auch wieder Trainer „exportiert“?

Peter Stöger: Das ist für mich sehr schwer zu beurteilen. Wir vergleichen uns immer mit Deutschland und was uns da im Vergleich auf jeden Fall fehlt, sind die Erfolge. Deshalb bin ich auch sehr froh darüber, dass Schöttel mit Rapid die Europa League Gruppenphase erreichen konnte. Wir werden da immer in einen Hut geworfen – die „98er-Generation“ – insofern ist es gut, dass einer aus dieser Generation einen solchen Erfolg zustande brachte. Vielleicht ist es auch nicht unwichtig wieder Erfolge mit der Nationalmannschaft zu erleben, um ein bisschen mehr Aufmerksamkeit zu bekommen. Aber ich denke es sollte niemand verbittert sein, dass wir den Sprung ins große Trainergeschäft noch nicht geschafft haben. Es ist noch einiges zu tun.

Gatrik: Welchen Wert hat für Sie der „6er“ und welche Qualitäten muss ein Spieler auf dieser Position mitbringen?

Peter Stöger: Ein „6er“ sollte ein Organisator sein, Überblick haben und realisieren, was hinter ihm passiert. Er sollte Räume erkennen, im Idealfall eine Anspielstation sein, ein Bindeglied nach vorne, der die Bälle verteilen kann. Passsicherheit, Ruhe ausstrahlen, dennoch Zweikämpfe gewinnen… aber man muss natürlich dazu sagen, dass all diese Facetten in einem einzelnen Spieler sehr selten zu finden sind.

cmburns: Zwei Dinge, die meinen unmittelbaren Abo-Nachbarn graue Haare wachsen lassen, z.B. User fermin ist schon schloweiß: Seit Jahren ziehen wir uns nach einer z.B. 1:0-Führung zurück und betteln danach um einen Gegentreffer bzw. wollen die Spieler den Ball ins Tor tragen, Schüsse aus ~ 20 Metern sind ein seltenes Gut! Ist Ihnen das als Konkurrenztrainer auch schon aufgefallen und steht es vielleicht auf dem Zettel der behebenswerten Dinge?

Peter Stöger: Schüsse aus ~20 Metern geben wir immer noch zu wenige ab – das macht mich auch wahnsinnig!  Dafür bin ich logischerweise auch verantwortlich, aber wir machen in diesem Bereich im Training sehr viel. Wenn es passiert, dass wir uns nach einem 1:0 zurückziehen, dann passiert es bei uns nicht gewollt. Es gehört natürlich auch immer ein Gegner dazu, der nach einem Tor vielleicht aggressiver und offener spielt oder weitere Bälle spielt, damit du zwangsläufig nach hinten gedrängt wirst. Wir wollen schon immer versuchen aufs zweite Tor zu gehen, weil das der Qualität der Spieler entspricht. Wenn wir sechs offensive Spieler aufstellen kann man davon ausgehen, dass diese ihre Qualitäten eher nach vorne als nach hinten haben und, dass man sie „geplant“ nach einem Führungstreffer nicht hinten aufstellen sollte. Wenn der Gegner sehr gut ist, passiert das dann aber natürlich gezwungenermaßen.

Kobe: Du bezeichnest dich immer wieder als Austrianer – wie kannst du es dann mit dir selbst vereinbaren zwei Jahre mit Grün-Weiß gejubelt zu haben?

Peter Stöger: Das war damals für mich die Variante, mit der ich meine fußballerische Karriere fortsetzen konnte. Das war eine gute Möglichkeit, weil ich unbedingt aus Innsbruck weg wollte. Es bleibt dabei, da kann ich hundert Mal Austria-Trainer sein, es bleibt dabei: Das waren sehr erfolgreiche Jahre und ich hatte mit dieser Mannschaft das Glück im wahrscheinlich letzten Europacupfinale, das jemals eine österreichische Mannschaft erreichen wird, stehen zu dürfen. That’s it. Ich werde mich dafür jetzt selbst sicher nicht geißeln und ich von mir aus lass‘ ich mich auch heute noch von ein paar Leuten deswegen schimpfen, aber ich bleibe dabei: Das war eine supergeile Zeit und im Nachhinein war es als Spieler auch etwas Besonderes für mich, sowohl mit der Austria, als auch mit Rapid Meister zu werden.

Stefan Karger: Ist das noch bei vielen Austria-Fans ein Thema?

Peter Stöger: Es wird immer wieder angesprochen, klar. Aber ich habe mich schon damals nicht vor den Rapid-Fans versteckt und gesagt: „So ist die Situation, die müssen wir lösen.“ Und genauso ist es jetzt. Ich bin Austria-Trainer und werde hier alles für den Erfolg geben. Ich war zehn Jahre bei der Austria und zwei Jahre bei Rapid. Die zwei Jahre bei Rapid waren sehr erfolgreich und sehr positiv.

ufo05: Gibst du deinen Spielern auch Anweisungen wie sie privat leben zu haben(z.B. am Abend nicht in die Disco gehen, auch wenn am Folgetag kein Spiel ist)?

Peter Stöger: Es ist so, dass man davon ausgehen kann, dass die Spieler selbst genau wissen, was zu tun und was zu lassen ist. Ich war nie jemand, der auf Fehler wartet oder die Spieler kontrolliert. Das wäre mittlerweile, durch die Neuen Medien, sehr einfach. Die meisten posten’s eh gleich, wo sie unterwegs waren und was sie gemacht haben. Eigentlich musst eh nur auf Facebook schauen und du weißt, wo sie am Vorabend waren 😀 – ich weiß, dass die Spieler für den sportlichen Erfolg viel machen müssen, aber ich weiß auch, dass meine Kicker zwischen 17 und 30+ Jahre alt sind und auch ein Privatleben haben. Die Spieler sollen auch nicht nur Scheuklappen haben und nur an Fußball denken, sie sollen auch ihr Privates ausleben können. Alles zu seiner Zeit und nicht alles muss im alkoholisierten Zustand sein. Entscheidend ist für mich die Trainingsarbeit und die Leistung bei den Spielen. Entscheidend ist auch das Auftreten abseits des Platzes – und wenn dann einer weggeht und sich zwei, drei schöne Stunden in einer Disco macht, habe ich kein Problem damit.

ufo05: Wie wertvoll ist Manfred Schmid für dich und welche Aufgaben übernimmt er?

Peter Stöger: Manfred Schmid ist genauso wie Franz Gruber und Dr. Martin Mayer sehr wichtig für mich. Ich liebe es mit Trainern zusammenarbeiten zu dürfen, die selbst sehr viel Qualität haben und selbständig arbeiten können. Mit Manfred Schmid kann ich zusammensitzen und ausdiskutieren, wie wir ein Match angehen. Er ist für alles was mit Video zu tun hat zuständig: Analysen, Zusammenschnitte, in dem Bereich ist er ein echter Freak und nimmt mir sehr viel Arbeit ab, die mit hohem Zeitaufwand verbunden ist. Die Trainingsarbeit teilen wir uns, Manfred ist insgesamt ein sehr wichtiger Faktor für meine Arbeit als Trainer.

ufo05:  Gibt es sprachliche Barrieren mit ausländischen Spielern?

Peter Stöger: Eigentlich nicht. Wir versuchen alles auf Deutsch zu machen und in Einzelgesprächen versuche ich langsam mit den ausländischen Spielern zu sprechen. Bei James Holland reden wir manchmal, wenn’s um etwas sehr wichtiges geht, auf Englisch – aber normalerweise bleiben wir bei Deutsch.

Martinovic: Denken Sie daran eine einheitliche Spielphilosophie und ein Spielsystem für alle Nachwuchsmannschaften vorzuschreiben oder halten Sie das für nicht sinnvoll!?

Peter Stöger: Ich halte das nicht für sinnvoll.

Martinovic:  War es für Sie ein Thema Michael Madl zur Austria mitzunehmen?

Peter Stöger: Michael Madl ist ein Spieler, den ich sehr schätze, was er auch weiß. Als ich zur Austria kam waren wir auf seiner Position allerdings sehr gut besetzt oder sogar überbesetzt, daher war das zu diesem Zeitpunkt kein Thema.

Martinovic:  Wird es unter Ihnen wie unter Daxbacher oft praktiziert auch mehrere trainingsfreie Tage geben obwohl eine neueste sportmedizinische Studie beweist dass man auch jeden Tag ohne negative Auswirkungen trainieren kann.

Peter Stöger: Das wird es bei mir das eine oder andere Mal auch geben. Dabei geht es nicht darum, dass es negative Auswirkungen haben könnte, sondern daran den Kopf frei zu bekommen und mal an etwas anderes zu denken, Zeit mit der Familie zu verbringen, damit die geistigen Akkus neu aufgeladen werden können.

Martinovic:  Wie bilden Sie sich weiter, hospitieren Sie auch im Ausland bei anderen Klubs und Trainern?

Peter Stöger: Wenn du im laufenden Geschäft bist, ist es nicht ganz einfach Hospitationen vorzunehmen. Bei großen Vereinen musst du das längerfristig ankündigen. Wir haben derzeit Gott sei Dank viele Spieler im Ausland, die wir als Infoquellen nutzen können. Wir versuchen über diese Spieler Informationen zusammenzutragen, zum Beispiel über Trainingsmethoden, mögliche Abweichungen und Überschneidungen im Vergleich mit uns. Auch über die Neuen Medien hast du natürlich viele Möglichkeiten in diesen Bereichen nachzulesen und dich zu informieren. Es wäre natürlich schon ideal auch hie und da vor Ort sein zu können, aber das ist nicht immer ganz leicht.

Daniel Mandl: Mit welchen Spielern tauscht du dich diesbezüglich aus?

Peter Stöger: Mit vielen Spielern in verschiedenen Ländern und Ligen. Wir haben zum Beispiel Georg Margreitter auch schon angekündigt, dass wir mal anfragen werden, wie in England trainiert wird. Könnte interessant werden… Stale Solbakken ist jetzt Trainer bei den Wolves, erstmals ein Norweger als Trainer und es dürften schon alle gespannt sein, was anders sein wird als vorher. Es wird interessant sein zu sehen welche Trainingspläne englische Spieler „erwarten“ und wie ein norwegischer Trainer das umsetzt. Ich habe mich schon als Aktiver bei Martin Hiden informiert, wie’s bei Leeds United war. Du trägst einfach alles zusammen und speicherst alles ab, was du kriegen kannst.

Martinovic:  Wirst du dir ab und zu Spiele der Austria Amateure und der Akademieteams ansehen?

Peter Stöger: Ich gehe jetzt gleich zum Amateur-Spiel rüber, ja.

Purple Eagle: Peter Stöger war schon Spieler, Sportdirektor, Trainer in den verschiedenen Ligen (in Österreich), war schon für die schreibende Zunft tätig. Breites Spektrum, zumal in jeder Branche durchaus erfolgreich. Inwiefern ist es für dich von Vorteil (oder Nachteil), das Fußballgeschäft aus diesem vielen Blickwinkel zu kennen?

Peter Stöger: Das ist nur von Vorteil. Da ich auch für die schreibende Zunft und fürs Fernsehen tätig war, habe ich ein bisschen mitbekommen, wo sie so ihre Probleme in der Umsetzung haben. Ich habe dadurch schon mehr Verständnis für Journalismus und Journalisten entwickelt. Wenn du dein Wissen in vielen Bereichen aufstockst und einiges mitnimmst, kannst du natürlich nur profitieren.

Purple Eagle: Heruntergebrochen und verkürzt dargestellt: Wir richten uns nach dem Gegner, oder der Gegner hat sich nach uns zu richten?

Peter Stöger: Beides. Geht gar nicht anders. Wir haben schon unsere Philosophie, wie wir ein Spiel anlegen wollen.  Aber jeder Gegner hat seine Schwächen, auf die wir uns in der Trainingswoche vorbereiten und jeder hat seine Stärken, auf die wir versuchen aufzupassen. Das eine geht ohne dem anderen nicht.

Purple Eagle: Stichwort Nationalteam: Auf einige Einsätze hast du es ja auch gebracht, gab‘s schon Kontakt zu Marcel Koller? Seit einiger Zeit sind ja auch immer wieder Veilchen im Teamdress zu bewundern. Wie siehst du als (ich hoffe mal das trifft zu) Fan des österreichischen Teams die Chance für die bevorstehende WM-Quali?

Peter Stöger: Ich traue mich zu behaupten, dass ich einer der größten Fans der Nationalmannschaft bin. Ich glaube, dass ich kaum ein Spiel in Österreich live verpasst habe, seit ich selbst nicht mehr spiele – auch weil ich selber immer gerne für Österreich gespielt habe. Ich sehe die Entwicklung sehr positiv, wir haben viele Legionäre, die sich sehr gut entwickeln. Wir haben jetzt das, wovon wir früher nur gesprochen haben: Stammspieler im Ausland, auch bei Top-Vereinen. Es wird trotzdem sehr schwierig, die bisherigen Qualifikationen, angefangen bei Prohaskas Spitz 78, waren immer sehr knapp. Wir werden sicher auch eine Portion Glück brauchen, wenn wir uns qualifizieren wollen. Zu Marcel Koller: Seit ich Austria-Trainer bin habe ich einmal mit ihm telefoniert.

Stefan Karger: Ist dir das zu wenig?

Peter Stöger: Nein. Er wird sich rühren, wenn er mich braucht und meine Aufgabe ist es sowieso die Spieler so vorzubereiten, dass er sie verwenden kann.

Purple Eagle: Wo hat der Trainer mehr Anteil: Mit einem guten Kader erfolgreich sein (etwa Meister 2006, auch wenn du ja damals nicht unmittelbar Trainer warst) oder mit einem weniger guten Kader die angestrebten Ziele erreichen (Klassenerhalt mit Neustadt)?

Peter Stöger: Es kommt immer darauf an, für was du verpflichtet wirst. Die Situationen sind unterschiedlich und man muss sich auf die jeweilige Situation einstellen, aber das gehört zum Job. Wichtig ist nur, dass alle immer wissen, wovon man spricht.

Sargon: Sind Ihnen die Analysen von ballverliebt.eu, spielverlagerung.de oder auch jene von abseits.at bekannt? Wenn ja, wie schätzen Sie das Niveau dieser von Fußballfans angefertigten Analysen im Vergleich mit jenen wie sie in der Bundesliga erstellt werden ein? Welchen Stellenwert nimmt die Gegneranalyse in Ihrer Arbeit ein?

Peter Stöger: Wie vorhin erwähnt: Ohne Gegneranalyse geht es heute nicht mehr. Die Qualität dieser Seiten ist gut, es sind immer wieder interessante Sachen dabei, über die ich nachdenke und diskutiere. Ich finde die Seiten gut.

Daniel Mandl Chefredakteur

Gründer von abseits.at und austriansoccerboard.at | Geboren 1984 in Wien | Liebt Fußball seit dem Kindesalter, lernte schon als "Gschropp" sämtliche Kicker und ihre Statistiken auswendig | Steht auf ausgefallene Reisen und lernt in seiner Freizeit neue Sprachen