Das Wiener Derby bringt immer eine gewisse Brisanz mit sich. Im Vorfeld heizen österreichische Medien das Spiel daher regelmäßig mit Rückblicken auf historisch bedeutende,... Richtungsweisend und taktisch interessant: Eine Vorschau auf das 309. Wiener Derby

DerbyDas Wiener Derby bringt immer eine gewisse Brisanz mit sich. Im Vorfeld heizen österreichische Medien das Spiel daher regelmäßig mit Rückblicken auf historisch bedeutende, spektakuläre oder skandalträchtige Duelle an. abseits.at blickt in diesem Artikel auf die interessantesten taktischen Fragen vor dem 309. Aufeinandertreffen zwischen Austria und Rapid.

Die Ausgangslage war für die beiden Klubs länger nicht mehr so ausgeglichen und ein Derby so richtungsweisend. In der letzten Saison marschierte die Wiener Austria in großem Abstand zum Erzrivalen zum Meistertitel, in der bisherigen Saison schienen die Veilchen – auch aufgrund zweier Derby-Niederlagen – nur die Nummer zwei in Wien zu sein. In den letzten Wochen kämpften sie sich in die Europacupplätze zurück.

Die Austria unter Gager: höhere Stabilität

Festgemacht wird dies in erster Linie am Trainerwechsel von Nenad Bjelica zu Herbert Gager. Unter dem Kroaten erreichten die Veilchen zwar die Gruppenphase der Champions League, dennoch spießte es sich an verschiedenen, entscheidenden Punkten. So hatten mit dem autoritären Stil von Bjelica einige Spieler angeblich Probleme, während die interne Stimmung unter Gager, für den die menschliche Führung „einer der wichtigsten Punkte für einen Trainer“ ist, offenbar bestens ist.

Auch in ihrer Spielphilosophie unterscheiden sich die beiden. Bjelica betonte nach seinem Amtsantritt zwar, nicht allzu viel im Vergleich zur Meistersaison ändern zu wollen, unterm Strich erinnerte das Spiel aber nur entfernt an jenes unter Peter Stöger. Taktisch saubere Abläufe sah man nur selten, viel hing von Einzelaktionen ab. So ist es wenig verwunderlich, dass beispielsweise Daniel Royer unter Bjelica hervorstach, unter Gager jedoch zunächst nur Reservist war.

Die aktuelle Spielweise befriedigt zwar weiterhin nicht jeden Austria-Fan, dennoch führte sie dazu, dass man unter Gager ungeschlagen ist. Unter dem 44-Jährigen agiert die Austria stabiler, wie auch die Statistik unterstreicht. Während man unter Bjelica im Schnitt pro Spiel 14,9 Schüsse zuließ, waren es in den bisherigen sieben Spielen unter Gager nur 10,7. Dass man innerhalb dieses Zeitraums die wenigsten Tore aller Bundesligateams hinnehmen musste, ist die logische Konsequenz.

Die Austria unter Gager: Aktiveres Coaching

Ein weiterer Fortschritt, den die Austria unter Gager verzeichnete, ist eine höhere Flexibilität. Zwar betont dieser, dass er bestrebt ist, den Spielcharakter zu bestimmen und die Startelf nur bedingt vom Gegner abhängig zu machen, einzelne strategische Umstellungen sind jedoch klar ersichtlich. Als Paradebeispiel dafür gilt selbstverständlich die Anpassung im jüngsten Spiel gegen Red Bull Salzburg, als die Austria den frisch gebackenen Meister mit einer 3-4-2-1-Formation die Zähne zog.

Das entscheidende dabei war weniger das oft betonte Wechseln zwischen Dreier- und Fünferkette, sondern, dass man dadurch im Zentrum mehr Stabilität erreichte. Gegen die hineinkippenden Flügelspieler und zurückweichenden Stürmer bei Salzburg das richtige Mittel. Im darauffolgenden Spiel gegen Ried behielt Gager diese Grundformation bei, was sich in der ersten Halbzeit als Fehler herausstellen sollte. Ried spielte verstärkt über die Seiten, die die Austria nur mit jeweils einem Spieler besetzt hatte und dementsprechend dort in Unterzahl war.

Gager erkannte dieses Problem und stellte in der Halbzeit auf eine 4-4-1-Grundordnung um und der Austria gelang trotz Unterzahl zweimal der Ausgleich. Genau dieses aktive Coaching sah man unter Bjelica kaum. Dieser hielt meist an den starren Strukturen fest, was ein Grund dafür ist, dass man nach Rückständen nur fünf Punkte holte.

Wie reagiert die Austria auf den Ausfall von Holland?

Angesichts dessen ist die Frage nach der Grundformation, mit der die Austria ins Spiel gehen wird, vielleicht weniger relevant, nichtsdestotrotz aufgrund des Vorhabens das Spiel zu bestimmen nicht zu vernachlässigen. Ähnlich wie gegen Salzburg wird auch die zentrale Stabilität ein äußerst wichtiger Faktor sein – umso bitterer, dass mit James Holland der Balancegeber im defensiven Mittelfeld gesperrt fehlen wird. Der Australier besticht durch taktisch kluge Bewegungen, mit denen er seine Mitspieler absichert.

Einen weiteren Spieler mit diesen Eigenschaften hat die Austria nicht in ihrem Kader. Generell ist die Kaderdecke im zentralen defensiven Mittelfeld dünn. Winterneuzugang David de Paula hat sich zwar gut eingegliedert und gilt als flexibel einsetzbar, um als alleiniger Stabilisator zu agieren, fehlt ihm jedoch die Durchsetzungsfähigkeit. So verzeichnet der Spanier pro 90 Minuten 4,5 Ballgewinne, während es bei Holland 5,4 sind. Auch die Zweikampfquote spricht für den Australier (53% zu 48%).

Weitere Alternativen für eine Viererketten-Formation mit defensiver Absicherung davor wären Emir Dilaver oder gar ein vorgezogener Innenverteidiger. Dass man das Zentrum über die spielerische Komponente  bzw. mit dem Passspiel dominieren wird können, scheint unwahrscheinlich. Die Passquote in den letzten sieben Spielen beträgt nämlich nur 68,2%. Unter diesen Umständen wäre ein erneuter Auftritt des 3-4-2-1 nicht allzu abwegig.

Welche Ausrichtung wählt Zoran Barisic?

Auch Rapid-Trainer Zoran Barisic zeigte in der bisherigen Saison verschiedene Ansätze und beschränkte sich dabei nicht bloß auf simple Personalrochaden, sondern nutzte die Möglichkeiten seines Kaders in mehrere Richtungen aus. Entscheidend war auch hier die Besetzung der Zentralachse, da die Flügelspieler in ihren Spielweisen weitestgehend ähnlich sind. Auf der Doppelsechs hat Barisic einerseits die Möglichkeit neben dem gesetzten Thanos Petsos entweder auf Stabilität – beispielsweise in Form von Brian Behrendt – zu gehen oder eine ballbesitzorientierte Ausrichtung – zum Beispiel mit Dominik Wydra oder Branko Boskovic – zu setzen.

Ähnlich verhält es sich auf der Zehnerposition davor. Mit Steffen Hofmann gäbe es einerseits jemanden, der zusätzliche spielerische Elemente einprägen könnte. Andererseits hat man mit Louis Schaub einen Spieler fürs hohe Umschaltspiel und mit Deni Alar jemanden, der für eine passivere Spielweise geeigent wäre. Aufgrund der Gelbsperre von Terrence Boyd könnte Alar allerdings auch im Angriff zum Zug kommen. Will man jedoch über das Spiel gegen den Ball bzw. Umschaltmomente kommen, wäre auch eine Option mit falscher Neun naheliegend, wie etwa das Auswärtsspiel gegen die Admira zeigte.

Sowohl Rapid als auch die Austria haben also viele Freiheitsgrade in der Wahl ihrer Grundausrichtung.  Beide Teams sind in der Lage sowohl ballbesitz- als auch pressingorientiert zu agieren. Doch gerade deshalb scheint die Entscheidung über die Startaufstellung und Grundausrichtung wohl weniger entscheidend zu sein als die Reaktionen auf die Aufgaben, die der Gegner stellen wird.

Alexander Semeliker, abseits.at

Alexander Semeliker

@axlsem

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