Hand aufs Herz: Wer hätte vor der Saison ein paar Euro darauf verwettet, dass Wiener Neustadt nicht Letzter sein wird? Die Stronach-Millionen sind in... Stögers zweiter Streich in der Bundesliga? – Der SC Wiener Neustadt überrascht…

Hand aufs Herz: Wer hätte vor der Saison ein paar Euro darauf verwettet, dass Wiener Neustadt nicht Letzter sein wird? Die Stronach-Millionen sind in die Steiermark weiter gezogen und es blieben ein Stadion und ein Kader über, denen nur wenige Erstligatauglichkeit manifestierten. Aber zum Glück kommt es im Fußball immer anders und dann noch, als man gedacht hat!

Sommeraktivitäten

Das Gerüst der Mannschaft verließ das vermeintlich sinkende Schiff. Die Routiniers Hannes Aigner (LASK), Vaclav Kolousek (FC Brünn) und Pavel Kostal (Hansa Rostock) zogen bessere Verträge einem Verbleib im Süden Wiens vor. Saso Fornezzi ging in die Türkei zu Orduspor. Die Talente Guido Burgstaller (Rapid) und Alexander Grünwald (Austria) vollzogen logische Schritte auf der Talenteleiter. Christian Thonhofer folgte wie Burgstaller Trainer Schöttel zu Rapid und Mirnel Sadovic, Nikon el Maestro und Christian Haselberger gingen ohne neuen Verein.

Die Neuzugänge ließen wenig Hoffnung aufkeimen, zumindest was die Namen betrifft. Einzig Matthias Lindner kam von einem Erstligaverein (SV Mattersburg), Ex-Italien-Legionär Daniel Wolf kam von der Admira. Fernando Troyansky kam vom Zweitteam der Austria, Stürmer Günther Friesenbichler war zuletzt bei Hartberg unter Vertrag. Die restlichen Neuzugänge kamen allesamt aus der Regionalliga: Thomas Helly kehrte von der Kooperation mit dem Wiener Sportklub endgültig zurück, Goalie und Neo-Teamspieler Jörg Siebenhandl kam von Columbia Floridsdorf, Mario Pollhammer wurde vom GAK mitgebracht. Serkan Cifti (Rapid Amateure), Danijel Prskalo (Red Bull Juniors) und Matthias Maak (Neusiedler SC) waren die restlichen Zugänge. Dazu gesellte sich noch Willi Evseev aus dem Nachwuchs von Hannover 96.

Weite Sprünge konnten also nicht erwartet werden – auf den ersten Blick. Mit beispielsweise Michael Madl, Tomas Simkovic oder Christian Ramsebner wies der Kader einige Akteure auf, die in ihrer Jugend beachtliche Nachwuchserfolge feiern konnten. Zusammen mit Routiniers wie Troyansky oder Friesenbichler hatte Peter Stöger einen gar nicht so schwachen Kader zusammengestellt – vor allem angesichts der finanziellen Möglichkeiten. Dass der Trainer gut ist, bewies er 2006 mit dem einzigen Meistertitel der Stronach-Ära bei der Wiener Austria oder als Meistercoach der Vienna in der Regionalliga Ost. Stichwort Regionalliga: Die Ostliga gilt unter Experten als stärkste der Regionalligen. Sich dort Talente zu angeln, die möglicherweise bei Grün bzw. Violett-Weiß durch den Rost fallen, ist keine schlechte Idee.

Wichtige Punkte zu Beginn

Das erste Tor der Bundesligasaison fiel durch einen Spieler der Wiener Neustädter. Dem nicht genug, hieß der Torschütze auch noch Jörg Siebenhandl, seines Zeichens Torhüter. Gegen Mattersburg konnten gleich zu Beginn wichtige Punkte eingefahren werden. Rapid und der traditionell starke Aufsteiger, in dem Fall Lokalrivale Admira, besiegten die Blauen. Kein Beinbruch, denn die Gegner gegen den Abstieg waren ja andere. Ein Punkt gegen die auch als Abstiegskandidat gehandelten Innsbrucker und ein Sieg gegen den Kapfenberger SV rundeten Juli und August ab – fast, zumindest. In Runde sechs kam der SC Wiener Neustadt nämlich noch bei Sturm Graz mit 0:5 unter die Räder. Aber, wie bereits erwähnt, konnten die „Sechspunktespiele“ gegen den KSV und den SVM gewonnen werden, dazu noch gegen Wacker remisiert werden. Die hohe Niederlage gegen Sturm war wohl ein Schuss vor den Bug zur rechten Zeit. Mittendrin verloren die Spieler beim Ausscheiden im Cup gegen die Rapid Amateure allerdings peinlicherweise mit 0:1.

Das Bild wird klarer

Die Neustädter trotzen der Wiener Austria ein 1:1 ab und verloren dann programmgemäß in Salzburg. Gegen Cupsieger Ried konnte daheim ein 2:2 geholt werden. Bitter war die zehnte Runde. Der SV Mattersburg konnte im Nachbarschaftsduell einen wichtigen Dreier holen. Doch der SC Wiener Neustadt steckte nicht auf, remisierte im Hanappi-Stadion durch einen Helly-Elfer fünf Minuten vor Schluss. Gegen die Falken folgte ein gutes 2:0 und somit waren beide Hinspiele gegen den KSV 1919 gewonnen. Durch die dann folgende Niederlage gegen Wacker wussten die Blauen mehr und mehr, wer die Gegner sind. Mit den bundesligaerfahrenen Mattersburgern war man auf Augenhöhe, aber stärker als die Kapfenberger. Innsbruck blieb in Schlagdistanz.

Vier starke Wochen, 2:1 im 18 Kilometerduell

Gegen die Admira wurde ein Unentschieden erreicht. Der Sieg gegen Sturm Graz war mit 3:1 verdient und besserte den Makel der hohen Niederlage im ersten Aufeinandertreffen in der UPC-Arena aus. Gegen den FK Austria Wien konnte wieder remisiert werden, diesmal allerdings in deren Generali-Arena. Trotz Chancenminus stand es auch gegen die Europacuphelden aus Salzburg am Ende 0:0. Mit dem 17. Spieltag betrug der Vorsprung auf den Letzten aus Kapfenberg bereits neun Punkte! Nach einer Niederlage bei den starken Riedern folgte dann ein weiteres Highlight. In Mattersburg – die Stadien sind nur 18 Kilometer auf der Straße entfernt – konnte Kapitän Simkovic kurz vor Schluss den entscheidenden Treffer markieren. Im Nachbarschaftsduell steht es somit 2:1 für Wiener Neustadt. Fünf Siege, sieben Unentschieden und moderate sieben Niederlagen bedeuten Rang acht und fünf Punkte Vorsprung auf Mattersburg und satte zwölf auf die Kapfenberger.

Taktisches

Am Papier stellte Peter Stöger oft unterschiedlich auf. Doch der Headcoach dirigierte seine Elf dann doch sehr oft gleich. Setzte er zu Anfang der Saison noch auf einen Sturmtank vor einem Fünfermittelfeld, so adaptierte er dies. Egal, ob es nun 4-4-2 oder 4-5-1 hieß – die Idee war immer gleich. Eine recht konservative Viererkette agierte hinter einer Zentrale, die den Auftrag hatte, das Spiel im defensiven Mittelfeld nicht nur passiv, sondern aktiv zu gestalten. Auf den Gegner eingehend setzte Stöger auf einen Zerstörer oder zwei Spielgestalter, davor moderne Flügelläufer und vor allem eine spielende Spitze. Die Spielanlage hatte sich seit Schöttel nicht grundsätzlich geändert – schnell, direkt nach vorne.

Dass ein Team wie Wiener Neustadt mehrheitlich im Konter gefährlich wurde, ist klar. Die aktive Zentrale und die weiten Wege in der Hälfte des Gegners unterstützten aber die spielerische Linie auf erfrischende Art und Weise.

Moment der Saison

0:5 waren die Neustädter gegen Sturm Graz untergegangen – Grund genug, eine Extraportion Wiedergutmachung in das „Rückspiel“ mitzunehmen. Ciftci und Simkovic stellten vor der Pause im Heimspiel auf 2:0, Friesenbichler erhöhte nach Vorarbeit des Torschützen zum 2:0 auf 3:0. Das 3:1 durch Mario Haas wenige Minuten später war nur noch Ergebniskosmetik. Revanche geglückt, drei wichtige Punkte eingefahren.

Fazit

Wiener Neustadt könnte mit etwas mehr Glück noch weiter oben stehen. Ramsebner und Madl halten die Defensive zusammen, Simkovic und Reiter geben den Ton weiter vorne an. Gegen Sturm einmal untergehen, kann passieren. Ansonsten war das bisher so gar nicht die Leistung eines Abstiegskandidaten. So skurril die Geschichte des Bundesliga-Aufstiegs der Wiener Neustädter auch war, so erfolgreich hält man sich in diesem Jahr. Mit Fornezzi, Burgstaller und Grünwald konnte einigen Spielern ein Sprungbrett zu höheren Aufgaben geboten werden, einige Neue stehen bereit. Und quasi den Staubsauger für Austria und Rapid zu spielen, funktioniert ebenfalls. Diese Neustädter sollen, können und müssen oben bleiben.

Georg Sander, abseits.at

Georg Sander