Das Frühjahr in der österreichischen Bundesliga begann mit einem kleinen Salzburger Derby: Die Bullen empfingen im heimischen Stadion den Salzburger Vorstadtverein SV Grödig. Die...

AlanDas Frühjahr in der österreichischen Bundesliga begann mit einem kleinen Salzburger Derby: Die Bullen empfingen im heimischen Stadion den Salzburger Vorstadtverein SV Grödig. Die Grödiger lagen vor diesem Spieltag noch uneinholbar auf Platz 2 mit vier Punkten Vorsprung und sind bisher die Überraschung der Bundesligasaison, während die Bullen nach der Wintervorbereitung ihren Erfolgslauf in der heimischen Liga fortsetzen möchten. Beide Teams wollten aber nicht nur möglichst gut in die Rückrunde starten, sondern es auch auf ihre Weise tun. Geschafft haben dies jedoch nur die Bullen – mit einer hervorragenden Partie.

Aufstellungen:
Red Bull (4-4-2): Gulacsi – Schwegler, Ramalho, Hinteregger, Ulmer – Leitgeb, Ilsanker – Mané, Kampl –  Soriano, Alan
SV Grödig (4-2-3-1): Stankovic – Hart, Maak, Karner, Martschinko – Leitgeb, Fountas – Huspek, Nutz, Boller – Elsneg

Grödig mutig

Auch wenn das Ergebnis eigentlich keinen Interpretationsspielraum zulässt, so war die Grödiger Leistung keineswegs über neunzig Minuten schwach. Insbesondere in der Anfangsphase der ersten Hälfte machten sie wie üblich ungeheuren Druck, pressten die Bullen weit in deren Hälfte, konnten sie zu Fehlern zwingen und hatten selbst einige Chancen. In der achten Minute hätten sie beispielsweise vielleicht sogar einen Elfmeter bekommen können und hatten zumindest schon eine Großchance herausgespielt.

Ein Beispiel dafür war diese Szene, wo Grödig potenziell eine Großchance gehabt hätte, wenn nicht auf Abseits entschieden worden wäre:

Schnellangriffe gegen die Ballorientierung1

Aus ihrem 4-2-3-1 zeigten die Grödiger wie üblich ihr etwas chaotisches, dafür aber hochintensives und sehr ansehnliches kollektives Pressing. Aus diesem konnten sie ein 4-4-2 herstellen oder der Zehner orientierte sich nach hinten und unterstützte das Mittelfeld bei der Jagd auf den Ballführenden. Dann standen die Grödiger auch defensiv im 4-2-3-1 da oder wurden gar kurzzeitig zu einem 4-1-4-1. Mit diesem laufstarken und flexiblen Bewegungsspiel übten sie viel Druck aus – was auch die Salzburger taten. Doch in der Effektivität gab es Differenzen.

Zwei Pressingmannschaften – doch ein feiner Unterschied

Bei den Grödigern – und bisweilen auch bei den Riedern – gibt es in den sehr aggressiven und chaotischen Momenten ihrer Spielweise Probleme mit der Struktur. Die Absicherungen können bei diesem Tempo, dieser extremen Ballorientierung vieler Spieler in Ballnähe und der Aggressivität, mit der gepresst wird, nicht immer eingehalten werden. Dies ist übrigens alles andere als eine Kritik an Adi Hütter; ganz im Gegenteil. In Relation zu ihrem Pressing sind die Grödiger nämlich sogar sehr gut abgestimmt und organisiert, letztlich ist es aber schlicht kaum möglich durchgehend mit einer individuell unterlegenen Mannschaft und dieser riskanten Spielweise stabil zu bleiben. Teilweise wird es aber einfach zu extrem, wie man hier sehen kann:

Haufenbildung zu Beginn1

Die Salzburger können dies schon eher; sie ziehen sich nicht so oft so extrem zusammen wie die Grödiger und sind hier etwas balancierter, ohne aber an Aggressivität und Laufbereitschaft zu verlieren. Gleichzeitig gewinnen sie viele Zweikämpfe, wo eben keine Absicherung mehr möglich war und neutralisieren somit diesen Nachteil. Grundlegende Szenen sind aber ähnlich, wenn auch mit besserer Staffelung, wie man hier sehen kann:

Haufenbildung1

Besonders wichtig sind hierbei die Innenverteidiger als letzte Instanzen, welche ihre Rolle tagein, tagaus fast schon hervorragend erfüllen.

Ramalho und Hinteregger sichern offene Räume

Durch das offensive und aggressive Herausrücken und das intensive Gegenpressing der Offensivspieler, Außenverteidiger und Mittelfeldspieler öffneten sich natürlich immer wieder weite Räume bei den Salzburgern. Das ist keine einfache Aufgabe für die Innenverteidiger. Sie haben einen riesigen Raum abzudecken, müssen zwischen Herausrücken oder Absichern, Mann- oder Raumdeckung entscheiden.

Teilweise waren nämlich weite Räume auf der Seite gegen Grödigs 4-2-3-1 offen:

Pressing und Grödigs 4-2-3-1_1

So wurde beispielweise Martin Hinteregger in dieser und letzter Saison schon ein paar Mal kritisiert, weil er zu riskant herausrückte. Letztlich ist dies aber ein normales Risiko: Rückt er heraus und erobert den Ball nicht, konnte er zumeist den Angriff dennoch verzögern oder zumindest zur Seite lenken, wodurch die Bullen mehr Zeit haben, um im defensiven Umschaltmoment ihre Positionen einzunehmen beziehungsweise Gegenpressing zu spielen. Manchmal muss man aber auch die Mitte sichern, wie Hinteregger und Ramalho hier strategisch intelligent taten und letztlich sogar ein Abseits erhielten:

Red Bull auch mit Lücken1

Gegen die Grödiger gab es durchaus einige offene Räume und auch sogar mehrere vielversprechende Konter nach schnellen Direktkombinationen für die Gäste, die einige Male nur im letzten Moment gestoppt wurden oder an der mangelnden Durchschlagskraft und Effizienz der Grödiger zeigten. Nach der Anfangsphase hätten die Grödiger mit etwas mehr Glück und besserem Abschluss durchaus in Führung gehen können; doch in Führung gingen die Salzburger.

Grödigs Schwachstellen und Red Bulls Stärken: Offene Räume, Konter und Gegenkonter

Ein langer Ball vom Torwart, ein gewonnenes Kopfballduell mit Weiterleitung in den offenen offensiven Halbraum und eine gute ausweichende Bewegung für Soriano reichte aus. Soriano rückte auf, kam bis in den Strafraum und spielte auf Alan, was zum Tor führte. Es war die erste Torchance, die in der 17. Minute gleich zu einem Treffer führte. Nur wenige Minuten später war es ein langer Diagonalball von Rechtsverteidiger Schwegler in den offenen ballfernen Raum, wohin nun Alan ausgewichen war. Jetzt besetzte der eingerückte Kampl die Mitte, Soriano stand halbrechts, erhielt dort den Ball und traf zum Tor. Ebenfalls symbolisch war das vierte Tor: Grödig zog sich um Mané zusammen, der befreite sich aus der Drucksituation und konnte einen schnellen Angriff mit viel Raum einleiten.

All diese Tore zeigten, wie das extrem ballorientierte Verteidigen Grödigs zwar Druck erzeugt, aber auch viele Räume öffnet, die Salzburg dann bespielen kann. Mit Soriano und Alan besetzen sie entweder die Mitte doppelt und sorgten für Probleme bei den Innenverteidigern oder können mit tollen ausweichenden Bewegungen und Rochaden für Chaos sorgen und offene Räume hinter den aufrückenden Außenverteidigern anvisieren. Dazu kommen ähnliche Bewegungen von Kampl und Mané, die immer wieder in die Mitte einrücken und zusätzlich hervorragende Fähigkeiten in Unterzahlsituationen und engen Räumen besitzen.

Im Verbund mit dem schnellen Direktspiel, schnellen Kontern in offene Räume (besonders in der zweiten Hälfte) und Gegenkontern nach unterbundenen Konterversuchen Grödigs konnten die Bullen die eigentlich zu Beginn starken Grödiger in ihre Einzelteile zerlegen und das Spiel gewinnen. Besonders das Gegenpressing war einmal mehr hervorragend.

RBSs Gegenpressing1

Insbesondere nach dem 0:3 brachen die Gäste weg und hatten weder psychologisch noch physisch etwas gegenzusetzen.

Fazit

Mit einer schwierigen Anfangsphase und einer Galavorstellung in der zweiten Hälfte gewinnen die Bullen klar und deutlich mit 6:0 gegen den Tabellenzweiten im Salzburger Derby. Zwar hatten die Gäste eine gute Anfangsphase, konnten sich aber letztlich nicht durchsetzen und hatten gegen die schnellen Konter der Gastgeber und deren individuelle Überlegenheit keine Chance. Man merkte auch, dass in solchen Spielen Philipp Zulechner den Grödigern womöglich sehr fehlen wird. Der Jäger und körperlich präsente Mittelstürmer fehlte vorne, obgleich man auch ohne ihn einige schöne Angriffsversuche hatte. Die Zeit wird zeigen, wie die restliche Saison ohne den bislang besten Torschützen laufen wird.

Die Bullen hingegen überzeugten einmal mehr mit und besonders ohne Ball. Zum Abschluss gibt es eine schöne Szene, welche das sehr aggressive und mutige Pressing der Bullen, ihre Ballorientierung und die dabei effektive Staffelung zeigt. Die Szene führte zu einem Ballgewinn und Konter.

Red Bull lässige Staffelung1

René Maric, www.abseits.at

Rene Maric

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