Michael Konsel ist ehrgeizig. Wahrscheinlich kann man gegen ihn unter normalen Umständen nicht einmal UNO spielen ohne seinen Siegeswillen anzustacheln. Der Ex-Torwart gibt sogar... Badkicker auf roter Erde, Pantera in Rom – Michael Konsel im Porträt

Michael Konsel ist ehrgeizig. Wahrscheinlich kann man gegen ihn unter normalen Umständen nicht einmal UNO spielen ohne seinen Siegeswillen anzustacheln. Der Ex-Torwart gibt sogar zu, dass er sich einst mit Ehefrau Tina matchte, wer schneller die Schuhbänder ihres Erstgeborenen zuschnüren könne. Seit damals ist aber viel Zeit vergangen und der Sportpensionist Michael Konsel ist und war Kolumnist, Organisator von Jugendfußballcamps, Kommentator, Privatier und Freizeitsportler am Limit. Er (oder besser: es) hat sich eingependelt.

Begonnen hat sein rasantes Leben in Wien, wo der spätere Rapid-Tormann als zweiter von vier Söhnen eines selbständigen Frisörmeisters zur Welt gekommen ist. Christian ist von Anfang an sein Sparringspartner: Der große Bruder ist zwei Jahre älter und die Buben messen sich, wo es nur geht. Die anderen Konsels – Wolfgang und Thomas – kommen später zur Welt und bleiben bei den Zweikämpfen der Älteren naturgemäß außen vor. Jedoch erleben alle vier eine tolle Kindheit. Das brüderliche Duell bestimmt den Alltag: „Christian war für mich das Maß aller Dinge. Ich eiferte ihm nach. Im Schnee, im Wasser auf dem Rasen.“ Allerdings hätte sich wohl keiner der beiden damals träumen lassen, dass Michaels Weg über die Vienna zum gewählten Jahrhunderttormann Rapids bis nach Rom und Venedig führen sollte.

Ausnahmeerscheinung beim Jausengegner

Es ist in der Tat eine außergewöhnliche Karriere, die der 1962 Geborene hinlegt, nicht zuletzt, weil er kein Akademiekind ist und auch keinen großen Jugendverein in seiner vita vorweisen kann. Eine richtige Ausbildung genießt Michael nur als Orthopädie-Techniker. Seine Leidenschaft für Wasserski, Eishockey oder Boxen soll ihm aber ein brauchbares körperliches Rüstzeug mitgeben. Statt auf gepflegtem Rasen spielt der junge Konsel auf roter Erde im Strandbad Kritzendorf oder in der elterlichen Wohnung mit einem Stoffball. Lange nach seiner Karriere führt er seine Wendigkeit beispielsweise auf sommerliches Gekicke im hüfthohen Meerwasser vor Caorle zurück. „Durch die vielen Sportarten war ich beweglicher und schneller als die meisten anderen. Und auch mein Einsatzwille, der sich durch die vielen Wettstreits mit Christian entwickelt hatte, war stärker ausgeprägt.“, erinnert sich der einst vierte Tormann der Vienna.

Als Siebenjähriger melden die Eltern Michael bei Fortuna 05 an, wo er zunächst linker Außenverteidiger ist. Erst mit zwölf Jahren kommt er zwischen die Pfosten. Bald darauf verlässt den jungen Konsel jedoch die Lust in einer Jugendmannschaft wochentags zu trainieren und samstags zu spielen. Er geht zurück nach Kritzendorf, wo er nach Lust und Laune kicken kann. Spaß statt Verbissenheit. Erst als 19-jähriger erwachen im Badkicker wieder Ambitionen für höhere Aufgaben. Er hält sensationell gegen die Vienna und wird sofort verpflichtet. Eine richtige Nachwuchshoffnung ist er mit rund 20 Jahren allerdings nicht mehr und so mancher zweifelt an Trainer Müllers Instinkt. Denn Peter Müller ist sich sicher: Aus dem wird was. Als Feldspieler sei er fast genauso gut wie als Schlussmann, urteilt der Vienna-Coach. Da ist es kein Zufall, dass Konsel schon damals spielt, was Neuer heute spielt. 1984 steigt die Vienna auf und gleich darauf wieder ab. Michael Konsels Highlight ist jedoch das Stadthallenturnier: „Tiger von Döbling“ tauft man ihn und die Blau-Gelben belegen Rang 2 im Endclassement. Der Währinger wird jetzt von beiden Wiener Großklubs gejagt: Rapid tauscht drei Spieler gegen jenen Goalmann, der von den Fans später ins Jahrhunderteam gewählt werden wird. Der Protagonist selbst kann es nicht fassen: Von Null auf Tausend in kürzester Zeit.

Zwölf Jahre in Grün-Weiß

Noch schwindliger wird Konsel heute, wenn er daran denkt, dass er Rapids Stammtormann Feurer im Europacup-Semifinale gegen Dynamo Moskau vertreten musste und auch im verlorenen Endspiel gegen Everton das Tor hütete. Diese Niederlage schmerzt besonders. Michael Konsel ist ein selbstkritischer Mensch: „Wenn ich ein Tor bekam, war ich stocksauer. Auf mich. Denn es war nicht der gegnerische Stürmer, der unhaltbar eingeschossen hatte, sondern ich war es, der einen Fehler gemacht hatte!“ Doch die 1:3-Niederlage gegen die Toffees hat auch ihr Gutes: Der Schlussmann gewöhnt sich nach dem verlorenen Finale an sein eigenes Verhalten im Match zu analysieren und Fehler im Training auszumerzen. Nach diesem Ritual vergisst er Negativerlebnisse und pusht sich stattdessen mit seinen Paraden bis zum nächsten Einsatz hoch. Es gehört für ihn auch dazu seine Konkurrenten völlig zu ignorieren. Konsel sieht den Tormann als einzelkämpfenden Fußballer. Weder Psychospielchen noch harmlose Gespräche mit seinen Kollegen interessieren den Wiener: Er ist nur auf sich fixiert.

Als Privatmensch kann sich Konsel von dieser Fixierung lösen. Er knabbert aber nach wie vor an den Folgen seiner Sportkarriere. Als Jungspund schüttelt er noch den Kopf, wenn der 34-jährige Antonin Panenka vor dem Match mit einem heißen Bad seine Gelenke aufwärmt. Später muss der Schmerzstiller Cortison für den gelernten Orthopädietechniker immer griffbereit sein. Selbstgebastelte Schienen schützen vor Trainingspausen wegen luxierter Finger. Für das Stadthallen-Parkett bastelte sich Konsel mit Hilfe seines Freundes Eishockeyspieler Peter Znenahlik extra leichte Polsterungen zusammen, die seinen Bewegungsradius nicht beschränken sollen.

Gleich zu Beginn seines Engagements bei den Grün-Weißen wird der Panther mit Rapid Cupsieger, doch ehe er zwei Meistertitel in Folge mit den Hütteldorfern holt, wird seine Karriere noch einmal gewaltig gefährdet. Im Training trifft ihn ein Mitspieler mit dem Fuß im Gesicht: Joch- und Augenbeinbruch. Vor Schreck muss sich Michael übergeben, als er das Loch im Gesicht und sein Auge am falschen Platz sieht. Die erste Diagnose macht ihm ebenfalls Angst, doch am Ende geht alles gut und die Brüche verheilen vollständig. Verletzungen waren nie Konsels Problem. Er hatte das Glück des Tüchtigen: Nach einem Rippenbruch will er vor der Operation noch duschen. Eine harmlose Bewegung, es macht „Krrk-knacks“ und die Rippe „klinkt“ sich wieder in die richtige Position ein. OP abgesagt.

Konsels Konkurrent Feurer tritt 1989 zurück und wird zu seinem Mentor – auch wenn der Italien-Legionär dieses Wort nicht gerne hört. Die Beiden entwickelt ein Trainingsprogramm, das den Ausnahmegoalie fordern soll: „Ich wusste nie, was auf mich zukommt. Genauso wie bei einem echten Fußballmatch.“ Funki schärft mit Überraschungsschüssen Konsels Reflexe und befriedigt dessen Gier nach immer neuen Anreizen um noch besser zu werden. Es lohnt sich: In zwölf Jahren bei Rapid wird Konsel dreimal Meister und Cupsieger, steht zweimal in einem Europacupfinale und holt in der Stadthalle – in seinem Wohnzimmer – fünf Turniersiege und fünf Titel als bester Stadthallen-Torwart. Ab 1985 ist der ehrgeizige Wiener Bestandteil des ÖFB-Teams und fährt 1990 zur WM nach Italien. Als bittersten Moment hat er die Niederlage gegen die Färoer-Inseln in Erinnerung.

Palatschinken in Rom

Die 80er ziehen wie im Rausch an Konsel vorbei, doch plötzlich geht ihm nicht mehr alles so leicht von der Hand. Rapid erlebt schlechte sportliche und katastrophale wirtschaftliche Zeiten. Erst 1995 weht wieder ein frischer Wind durch Hütteldorf. Der Tormann übernimmt nach Robert Pecls Karriereende die Kapitänsschleife und man spielt wieder international. Privat freundet er sich mit dem Büffel aus Linz, der so wie sein Bruder heißt, an: Christian Stumpf und er verbringen bis heute traditionell den 31. Dezember zusammen. Selbst während seiner Zeit in Italien, als Konsel am Neujahrstag trainieren muss, lässt er es sich nicht nehmen mit Auto und Flieger anzureisen, nur um sich im Morgengrauen wieder schnell aus dem Staub zu machen.

Die Qualifikation für die WM 1998 wird ein absolutes Highlight in der Laufbahn des zweimaligen Krone-Fußballer des Jahres. Ein gehaltener Elfer gegen Schwedens Superstar Andersson putscht ihn für das Match so auf, dass er alles hält, was vor sein Tor kommt. „Wir wollen, dass Konsel jetzt Schwede wird.“, titelt der Expressen – Schwedens größte Tageszeitung. Angst vor dem Elfmeter hätte er nie gehabt. Ein Torwart könne in so einer Situation nur gewinnen, behauptet der heute 56-jährige. Fokus und das genaue Beobachten des Schützen sind entscheidend.                                                                     Probleme mit der Achillessehne verhindern letztendlich, dass der „Panther“ die WM in Frankreich genießen kann. Am 19. August feiert er bei einem Freundschaftsmatch gegen Weltmeister Frankreich sein Abschiedsspiel. Kurz danach sitzt Michael mit Freunden in seiner Lieblingstrattoria bei Spaghetti Vongole während das ÖFB-Team ein Ländermatch spielt. Seine Frau Tina ruft an um ein Tor zu vermelden. Neunmal ruft sie an. Das peinliche 0:9 gegen Spanien bleibt Konsel somit erspart.

Juve, Fenerbahce und Man. United heißen 1996/97 Rapids Hürden in der Champions League. Als Juventus Superstar Boksic verlautbart, er habe noch nie gegen einen so guten Torwart gespielt, wird die Serie A auf Konsel aufmerksam. Plötzlich gibt es auch losen Kontakt zu den Bayern. Doch Italien interessiert Michael viel mehr – vielleicht wegen der schönen Jugenderinnerungen mit Opa Theodor und seinen Brüdern am Strand. Wütend wird er erst, als er erfährt, wie wenig Gehalt ihm die AS Roma zahlen will. Doch die Abenteuerlust siegt: Der Rapid-Stammtormann wechselt 1997 nach Italien.

Ein Mini-Zimmer im Hotel Cicerone, ein schlechtes Fixum und das Nobody-Dasein in der Serie A sind die neuen Herausforderungen des Torwarts. Konsel ist 35 Jahre alt und merkt, dass auch er – der unbändige Trainingsstreber – eine Grenze erreicht hat. Ein Bekannter nimmt ihn wenigstens abseits des Platzes unter seine Fittiche und unterrichtet „Römische Lebensführung“ – Schwerpunkt Verkehr: „Hupen statt blinken. Vollgas statt bremsen, eine vierte Fahrspur eröffnen, wo eigentlich nur zwei sind.“ Als Michael am 31. August 1997 gegen den FC Empoli debütiert und Romas Präsident „Ich bin stolz auf Konsel.“ verkündet, ist das Eis gebrochen. Es hagelt Bestnoten in der Gazzetta dello Sport und Konsel wird zum besten Torhüter und besten Spieler (vor Ronaldo, Inzagi oder Totti) gewählt. „Miki!!! Err‘ Pantera!!“, rufen ihm die Tifosi quer über Roms enge Gassen zu. Das Privatleben kann nur hinter geschlossenen Türen stattfinden und selbst da dauert es bis Michael und Tina eine passende Wohnung gefunden haben. Selbst seinen 36. Geburtstag muss der Fußballer im Hotel begehen, ehe er – nach einem Intermezzo in einem abgelegenen Reihenhaus (inklusive Einbruch) – eine schöne Wohnung erwirbt: Bei den Konsels muss jeder Gast Palatschinken schupfen, Roma-Superstar Totti stellt sich am Geschicktesten an. In der kargen Freizeit erkunden Michael und Tina mit dem Motorrad die römische Umgebung – es ist eine tolle Zeit, die bis 1999 währt.

Mach’s gut, Christian

Dann wird Michael auf einmal nachdenklich: Seine Karriere im Nationalteam ist vorbei und nach einer OP an der Achillessehne hat er Angst nicht mehr auf Top-Niveau agieren zu können. Zudem wird Roma-Trainer Zeman von Fabio Capello abgelöst. Mit Capello und seinem Training kann der Wiener nichts anfangen, er überlegt zu wechseln. Als der AC Venezia anklopft, sagt er rasch zu, denn auch Tina ist begeistert – bis in ihr Elternhaus im kärntnerischen Velden dauert es nur zwei Stunden mit dem Auto und überhaupt ist Venedig eine tolle Stadt, in der es sich zu leben lohnt. Doch aus den letzten schönen Jahren Profi-Sein wird nichts: Konsels Hüfte schmerzt entsetzlich, dazu kommen Magenprobleme. Der einzige Lichtblick der Zeit in Venedig ist die Geburt von Moritz Konsel. Die frischgebackenen Eltern entscheiden sich nach einer Saison für eine Rückkehr nachhause. 2002 beendet der Tormann seine ungewöhnliche Top-Karriere und rast in den Pensionsschock. Es dauert bis der (seit 2003 zweifache) Familienvater neue Aufgaben findet: Er kann die Tretmühle eines Profidaseins nicht so leicht abschütteln, ist er doch immer gerne an Grenzen gegangen. 2004 entschließt er sich zu einer Hüft-Operation – mit der Angst im Hinterkopf keinen Sport mehr ausüben zu können. Doch die Sorge ist unbegründet: Konsel tut weiter, was ihm Spaß macht. Im Sommer urlaubt er regelmäßig auf Sardinien, seiner Lieblingsinsel, die er mit dem Motorrad, den Taucherflossen oder Kletterseil auf allen Ebenen erkundet. 2006 sind auch Christian und Wolfgang dabei. Bei Sonnenaufgang fahren die drei mit dem Boot hinaus aufs türkisblaue Meer, das wie ein Spiegel vor ihnen liegt. Sie stellen den Motor ab um die Stille zu genießen, da blubbert es und auf einmal taucht ein Delfin auf. Er umkreist das Boot und taucht in die unergründlichen Tiefen des Meeres hinab. Für Konsel ist es das erste und letzte Mal, dass er bei seinen Sardinien-Urlauben einem Delfin begegnet. Christian stirbt kurz danach an Lungenkrebs, der Krankheit an der er schon damals litt. Derjenige, der wohl einen gehörigen Anteil an Michael Konsels Weltkarriere hat, hat diese Welt frühzeitig verlassen.

Marie Samstag, abseits.at

Marie Samstag