Vor zwei Tagen kam es zu einem äußerst kuriosen Showdown in der Gruppe G der Afrika-Cup-Qualifikation. Nach einem 0:0-Unentschieden gegen Sierra Leone jubelten die... Zu früh gefreut! Südafrika und der geplatzte Traum von der Afrikameisterschaft

Vor zwei Tagen kam es zu einem äußerst kuriosen Showdown in der Gruppe G der Afrika-Cup-Qualifikation. Nach einem 0:0-Unentschieden gegen Sierra Leone jubelten die Spieler und Trainer der südafrikanischen Nationalmannschaft und freuten sich über die gelungene Qualifikation. Auch das Fernsehen verkündete enthusiastisch den Erfolg und der Präsident des südafrikanischen Fußballverbands Kirsten Nematandani gratulierte voller Stolz seiner Mannschaft. Die Afrikameisterschaft wird dennoch ohne Südafrika stattfinden, da das ganze Land die Regeln nicht kannte.

Vor dem letzten Spieltag in der Gruppe G führte Niger mit neun Punkten die Tabelle an, musste aber zum schwierigen Auswärtsspiel gegen Ägypten antreten. Der siebenfache Afrikameister konnte in den ersten fünf Partien lediglich zwei Punkte holen, wollte sich aber zumindest mit einer anständigen Vorstellung im letzten Gruppenspiel von den Fans verabschieden. Zur gleichen Zeit empfing Südafrika Sierra Leone. Vor der letzten Partie hatten beide Mannschaften einen Punkt weniger als Tabellenführer Niger.

ÄGYPTEN GEWINNT – SÜDAFRIKA SCHINDET ZEIT

Niger konnte in der ersten Halbzeit ein torloses Unentschieden halten, brach dann aber wie befürchtet ein und bekam in der 48. Minuten das erste Gegentor. Als in der 56. und in der 71. Minute weitere Treffer für Ägypten fielen, herrschte in ganz Südafrika Jubelstimmung. Beim zeitgleich ausgetragenen Spiel gegen Sierra Leone stand es 0:0, was bedeutete, dass alle drei Mannschaften punktegleich an der Tabellenspitze standen. Das Betreuerteam der Südafrikaner war bestens über den Spielstand in Ägypten informiert und auch das südafrikanische Fernsehen blendete immer wieder den Zwischenstand der anderen Partie ein. Der südafrikanische Trainer Pitso Mosimane spielte im Vorfeld alle möglichen Szenarien im Kopf durch und „wusste“, dass seine Mannschaft aufgrund der besten Tordifferenz als Tabellenführer für die Afrikameisterschaft qualifiziert wäre – wenn man nur den einen Punkt über die Zeit bringt.

Anstatt also auf einen Heimsieg zu spielen, setzte der Trainer nach dem Führungstreffer der Ägypter auf ein 0:0-Unentschieden, nahm einen Stürmer aus der Partie und schickte einen Mittelfeldspieler auf den Platz. Den Neuzugang der Kaizer Chiefs, Stürmer Lehlohonolo Majoro, ließ er über die gesamten 90 Minuten auf der Bank sitzen, obwohl er mit seiner aufstrebenden Form der ideale Mann gewesen wäre, um als Joker die Partie noch zu gewinnen. Stattdessen verzögerte die gesamte Mannschaft minutenlang die Partie, wobei insbesondere Torhüter Itumeleng Khune alle Tricks anwandte, um wertvolle Minuten verstreichen zu lassen. Die Südafrikaner hatten mit ihrer Taktik Erfolg, denn Sierra Leone gelang es nicht einen Treffer zu erzielen, sodass sich beide Mannschaften mit einem Punkt trennten.

WIE DER GRUPPENSIEGER BERECHNET WIRD

Der afrikanische Fußballverband (CAF) sieht spezielle Regeln vor, wenn sich mehr als zwei Mannschaften punktegleich an der Tabellenspitze befinden. In diesem Fall kommt nicht die Tordifferenz zur Anwendung. Vielmehr zählen die Punkte, die die Mannschaften aus den Spielen untereinander gewonnen haben. In unserem Fall heißt das, dass Tabellenschlusslicht Ägypten aus der Wertung fällt. Südafrika und Sierra Leone holten jeweils vier Punkte gegen Ägypten, wohingegen Niger nur drei Punkte gegen den Rekord-Afrikameister gewann. Während also den ersten beiden Mannschaften vier Punkte abgezogen werden, muss Niger nur drei Punkte streichen, wodurch der westafrikanische Staat mit sechs Punkten an der Tabellenspitze steht.

WIE KANN SO EIN FEHLER PASSIEREN?

Es wäre falsch zu behaupten, dass diese Regel den Teams nicht bekannt war, da die Nationalmannschaft von Niger unmittelbar nach Bekanntgabe des 0:0-Unentschiedens in Südafrika ebenfalls zum Jubeln und Feiern anfing. Der Grund für das kollektive Versagen in Südafrika war schlicht und ergreifend Ignoranz – Ignoranz gegenüber Sierra Leone. Ein südafrikanischer Fußballfan erklärt gegenüber abseits.at, dass niemand den 5-Millionen-Einwohner-Staat auf der Rechnung hatte. Die gesamte Aufmerksamkeit galt dem Spiel in Ägypten. Dass im Falle eines Remis in Südafrika und eines Heimsiegs in Ägypten plötzlich drei Mannschaften an der Spitze stehen würden – damit rechnete niemand. Sierre Leones Rolle wurde schlichtweg ignoriert.

KONSEQUENZEN UND EIN SELTSAMER „FAIRPLAY-ANTRAG“

Die Fans fordern den Rücktritt des Trainers und des gesamten Betreuerstabs, wobei besonders die technischen Assistenten in die Schusslinie gerieten. Auch der südafrikanische Fußballverbandschef Kirsten Nematandani ist scharfer Kritik ausgesetzt, da er unmittelbar nach Ende der Partie seiner Nationalmannschaft Gratulationen aussprach. Aber auch die Medien müssen sich ein kollektives Versagen vorwerfen lassen. Das Staatsfernsehen berichtete von der erfolgreichen Qualifikation und sämtliche Zeitungen des Landes vergaßen das Szenario mit Sierra Leone durchzuspielen.

Während die Fans nun Rücktritte fordern, zeigen sich nicht alle südafrikanischen Spieler und Funktionäre einsichtig. Anstatt die begangenen Fehler einzugestehen, sprechen sie von schwachsinnigen Regeln und einer ungerechtfertigten Behandlung. Der Verband legt Protest ein und Lierse-Spieler Siboniso Gaxa hofft sogar, dass sein Land „im Geiste des Fairplays“ ein Ticket zur Afrikameisterschaft bekommt. Doch selbst die südafrikanischen Fans sind sich einig, dass die Nationalmannschaft aufgrund dieser Panne die Teilnahme zur Afrikameisterschaft nicht verdient. Und was Gaxas Hoffnungen betrifft: Wer eine halbe Stunde lang mit allen möglichen Mitteln Zeit schindet, der sollte keine Forderungen an den „Fairplay-Geist“ stellen.

Für alle die es nicht gesehen haben: Südafrikas kollektiver Fehljubel:

Stefan Karger, www.abseits.at

Stefan Karger

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