Blues vs. Skyblues – die diesjährige Champions-League-Saison fand im Endspiel zwischen Manchester City und dem FC Chelsea ihren Höhepunkt. Das Spiel, das vor 16.500... Analyse: Chelsea erobert den europäischen Fußballthron

Blues vs. Skyblues – die diesjährige Champions-League-Saison fand im Endspiel zwischen Manchester City und dem FC Chelsea ihren Höhepunkt. Das Spiel, das vor 16.500 Zuschauern im Estádio do Dragão zu Porto über die Bühne ging, bedeutete auch das erneute Aufeinandertreffen der beiden Taktikfüchse Pep Guardiola und Thomas Tuchel. Es war das dritte Aufeinandertreffen in den vergangenen eineinhalb Monaten. Chelsea behielt sowohl im FA-Cup-Halbfinale als auch in der Liga mit 1:0 bzw. 2:1 die Oberhand. Die vergangenen Begegnungen verliefen immer sehr knapp und auch dieses Mal durfte man eine spannende Auseinandersetzung erwarten. Vor allem aus taktischer Sicht hatte das Duell sehr viel zu bieten.

Guardiola geht aufs Ganze

Personell schien City-Coach Pep Guardiola von Beginn an alles auf eine Karte setzen zu wollen. Er ließ seine Mannschaft ohne nominellen Sechser, dafür mit sechs absoluten Offensivgranaten auflaufen. Auf dem Papier waren es Ilkay Gündogan, Phil Foden und Bernardo Silva, die das zentrale Mittelfeld bildeten – allesamt Spieler mit äußerst ausgeprägten Offensivgedanken. Man durfte dadurch unter anderem gespannt sein, wie City in Sachen Konterabsicherung agieren würde.
Tuchel hingegen hielt an seinem altbewährtem 3-4-2-1 fest. Ben Chilwell und Reece James bekleideten dabei die beiden Wingback-Positionen und sorgten dafür, dass in der Defensive aus der Dreier- eine Fünferabwehrkette wurde. An vorderster Front agierte Timo Werner, der von den beiden Zehnern Mason Mount und Kai Havertz unterstützt werden sollte.

City hat den Ball, Chelsea die Chancen

Manchester City sollte über das gesamte Spiel mehr Ballbesitz als der Gegner haben. Wenn die Citizens ihre Angriffe aufbauten, ergab sich eine 3-4-3-Formation, wobei die vier Akteure im Mittelfeld eine Raute bildeten. In der ersten Aufbaulinie agierten der eingerückte und flach positionierte Rechtsverteidiger Kyle Walker sowie die beiden Innenverteidiger John Stones und Ruben Dias.

Eine rautenförmige Anordnung im Zentrum davor sollte diagonale Passwege zwischen den Spielern in jenem Raum lukrieren, der Guardiola am wichtigsten ist – dem Mittelfeldzentrum. Die Besetzung der Positionen in der Raute waren interessant zu beobachten. Ilkay Gündogan übernahm den Part des Sechsers. Die beiden äußeren Positionen der Raute nahmen der nominelle Linksverteidiger Oleksandr Zinchenko und Bernardo Silva ein. Den tiefsten Punkt dieser Anordnung teilten sich Kevin De Bruyne und Phil Foden. Diese Position war jene, an der die meiste Variabilität herrschte. Zeitweise agierten beide auf einer Höhe im Zwischenlinienraum, ansonsten schob einer der beiden an die letzte gegnerische Verteidigungslinie, während der andere weiterhin zwischen den Linien, hinter den gegnerischen zentralen Mittelfeldspielern besetzte.

Als Breitengeber fungierten Raheem Sterling auf links und Riyad Mahrez auf rechts. Sie positionierten sich auf Höhe der gegnerischen Abwehrkette, um die beiden Chelsea-Wingbacks dort zu binden.

Wenn man also nun die 3-Raute-3-Grundordnung mit dem 5-2-3 Chelseas auf dem Papier miteinander verglich ergab sich eine 4vs2-Überzahl für Manchester City im Zentrum. Wie bereits erwähnt, sind die Spieler im Mittelfeld darüber hinaus günstig zueinander positioniert, da stets diagonale Passlinien gegeben sind. Doch der Schein trog, denn Chelsea hatte eine äußerst effektive Antwort im Spiel gegen den Ball parat.

Alles begann in der ersten Pressinglinie, die den Fokus bewusst nicht drauf legte, die aufbauende Dreierkette Citys großartig unter Druck zu setzen. Stattdessen nahm jeder von ihnen einen hinter sich positionierten Spieler der Raute in den Deckungsschatten. Der zentrale Stürmer Timo Werner kümmerte sich so um seinen Landsmann Gündogan, der linke Zehner Mason Mount kontrollierte den rechten Part der gegnerischen Raute, Bernardo Silva. Kai Havertz nahm dieselbe Rolle wie Mount auf der anderen Seite ein und fokussierte sich darauf, den Passweg auf Zinchenko zuzustellen. Sollte das Zuspiel auf einen der beiden Achter in der Raute trotzdem möglich gewesen sein, war dies allerdings auch kein Beinbruch, da einer der Spieler der hinteren Verteidigungslinien sofort Druck auf den Passempfänger ausübte.

Mount (dunkelblau 19) nimmt Bernardo Silva (hellblau 20), Timo Werner (11) und Ilkay Gündogan (8) und Kai Havertz (29) Oleksandr Zinchenko (11) in den jeweiligen Deckungsschatten (siehe gelbe Kreise). Sollte es City trotzdem möglich sein, einen der beiden ins Spiel zu bringen, waren es der jeweilige Halbverteidiger Rüdiger (2) bzw. Azpilicueta (28), die den Passempfänger in geschlossener Körperstellung (mit Blick Richtung eigenes Tor) unter Druck setzten. Wenn die beiden Achter der Mittelfeldraute in einer etwas tieferen Zone an den Ball kamen, übernahm der jeweilige zentrale Mittelfeldspieler, Ngolo Kanté (7) oder Jorginho (5), diesen Job.

Trotz der nominellen numerischen Unterlegenheit schafften es die Blues also das Zentrum zu kontrollieren. Die zentralen Mittelfeldspieler achteten zusätzlich noch darauf, De Bruyne und Foden in den Deckungsschatten zu nehmen. Diese taktische Maßnahme Chelseas ließ die beiden kaum zur Entfaltung kommen, sie mussten sich ihre Bälle in tieferen Zonen abholen.

Durch die effektive Rollenaufteilung Chelseas im Zentrum schafften es die Skyblues aus Manchester zwar immer wieder, in die gegnerische Formation hineinzuspielen, oft war aber nach dem Zuspiel auf einen der beiden Achter Schluss, da den Guardiola-Schützlingen nichts anderes übrigblieb als den Ball zurück in die erste Aufbaulinie zu spielen und es danach über die andere Seite zu versuchen.

Des Öfteren kam es auch zu Ballverlusten im Zentrum, was Chelsea für gefährliche Umschaltsituationen nützte. Timo Werner hätte in der Anfangsviertelstunde gut und gerne drei Tore erzielen können, agierte im Abschluss allerdings unglücklich. City konnte nur dann im Ansatz gefährlich werden, wenn sich Umschaltsituationen für sie ergaben. Doch selbst dann kam der letzte Pass nicht an oder der erste Kontakt bei Sterling & Co war nicht gut genug, sodass die Situationen von den Chelsea-Verteidigern geklärt werden konnten, bevor man überhaupt zum Abschluss kam.

Wingbacks und Zehner als Chelseas Schlüssel

Chelsea wählte von Beginn weg einen direkteren Ansatz als der Gegner. Das hohe Pressing der Citizens konnten die Londoner für sich nutzen. Die drei Spieler an vorderster Front standen äußerst clever, indem sie versuchten die höchstmögliche Position an der Mittellinie einzunehmen. So konnte die gegnerische Viererkette gebunden werden. Die restlichen sechs Feldspieler Citys pressten den Gegner aber ungemein hoch an, wodurch sich eine große Lücke zwischen Sechser Gündogan und seinen Kollegen in der Viererkette ergab. Tuchels Mannen griffen daher oft auf Chipbälle in Richtung einen der beiden Zehner oder auf lange Bälle hinter die letzte gegnerische Verteidigungslinie auf den schnellen Werner zurück.

Bei den gezielten Chipbällen auf einen der Zehner, die in erster Linie auf den in der Ballbehauptung stärkeren Havertz auf der rechten Seite gespielt wurden, konnte man ein klares Schema erkennen. Sobald der Ball auf Havertz gespielt wurde, kamen die zentralen Mittelfeldspieler sofort zur Unterstützung, damit der Deutsche den Ball ablegen konnte. Wenn dies gelang, sprinteten Werner und Mount sofort in die Tiefe, um die gegnerische Restverteidigung Richtung Tor zu locken und den Raum am ballfernen Flügel freizuziehen. Dort fand Wingback Chilwell viel Raum vor und konnte eine gefährliche Angriffsaktion initiieren.

Azpilicueta (28) chipt den Ball Richtung Havertz (29), der den Ball gegen Dias (3) behauptet. Kanté (7) kommt sofort als Unterstützung nach, damit Havertz auf ihn ablegen kann. Mount (19) und Werner (11) sprinten danach sofort in die Tiefe, um ihre direkten Gegenspieler Walker (2) und Stones (5) mitzunehmen und den Raum am ballfernen Flügel freizuziehen, in den Wingback Chilwell (21) läuft. Dieser findet nun einen großen Raum vor, um bis in den gegnerischen Sechzehner zu gelangen.

Ein wichtiger Faktor im Positionsspiel Chelseas waren die beiden Wingbacks Reece James und Ben Chilwell. Beide nahmen eine hohe und breite Position ein, wodurch sie mittels Flachpass des ballnahen Halbverteidigers oder auch mit Hilfe des ballnahen zentralen Mittelfeldspielers in Szene gesetzt wurden. Durch die smarte Positionierung der beiden Zehner Mount und Havertz wurden die gegnerischen Außenverteidiger an der letzten Linie gebunden und konnten nicht ins Pressing gehen, sobald der Ball Richtung Wingback unterwegs war. Dies räumte den Flügelspielern genügend Zeit ein, um den Ball nach vorne zu verarbeiten und eine Anschlussaktion zu initiieren.

So entstand auch das Goldtor, dass Chelsea den Weg zum Champions-League-Triumph ebnen sollte.

Torhüter Edouard Mendy (16) wählt diesmal den direkten Chipball auf Chilwell (21). Die Positionierung Mounts (19) erlaubt es Rechtsverteidiger Walker (2) nicht, Chilwell bereits bei der Ballannahme unter Druck zu setzen – er sieht sich mit einer 1vs2-Unterzahl am Flügel konfrontiert, die von den beiden Chelsea-Akteuren auch genützt wird (siehe gelber Kreis). Das Zuspiel auf Mount hat zur Folge, dass Stones (5) aus der Kette Richtung Ball schiebt. Timo Werner (11) hat mit seinem Laufweg in die Tiefe einen unscheinbaren, aber sehr großen Anteil am Torerfolg, da er seinen direkten Gegenspieler Ruben Dias (3) aus dessen Position lockt und den Raum für den Schnittstellenpass auf Havertz (29) freizieht. Letzterer sprintet ebenfalls in die Tiefe und erhält das ideale Zuspiel von Mount (siehe rote Pfeile). Danach bleibt der Deutsche Sieger im 1vs1 gegen Kepper Ederson und schiebt zum 1:0 für Chelsea ein.

City will mit taktischen Adaptierungen das Ruder herumreißen

Guardiola reagierte in der Pause nicht personell, dafür aber in taktischer Hinsicht. Die Raute im Mittelfeldzentrum war Geschichte, Zinchenko und auch Walker agierten nun eher als klassische Außenverteidiger, indem beide eine breitere Positionierung einnahmen. Der im Laufe des zweiten Durchgangs eingewechselte Fernandinho übernahm seine gewohnte Rolle als Sechser, Gündogan bekleidete dafür gemeinsam mit Foden die Achterpositionen.

Speziell die verletzungsbedingte Auswechslung von Kevin De Bruyne traf City hart. Guardiola nutzte dies, um mit Gabriel Jesus den ersten gelernten Mittelstürmer zu bringen, der aber eher in die Rolle einer Falschen Neun schlüpfte. In der Schlussviertelstunde kam mit Sergio Agüero noch ein zweiter Spieler dieser Kategorie, um die Präsenz vor den drei Innenverteidigern Chelseas zu erhöhen.

All diese taktischen Adaptierungen brachten allerdings nicht viel, da sich an der Charakteristik der Begegnung nicht viel änderte. City hatte weiterhin mehr Ballbesitz und versuchte permanent, Torchancen zu kreieren. Chelsea schloss das Zentrum und verteidigte leidenschaftlich. Die Zehner Havertz und Mount passten ihre Position gegen den Ball an die breitere Positionierung der beiden gegnerischen Außenverteidiger an, sodass das 5-2-3 aus der ersten Halbzeit zu einem 5-4-1 mit einer flachen Viererreihe im Mittelfeld wurde. Mittelstürmer Werner war weiterhin darauf fokussiert den gegnerischen Sechser zu kontrollieren. Dies war der Schlüssel dafür, dass der gesamte Defensivblock Chelseas über weite Strecken nicht geknackt werden konnte. Kurz nachdem Werner für Pulisic ausgetauscht wurde, kam es allerdings zu einer der wenigen Situationen, in der City genau das gelang.

Pulisic (10) konzentriert sich zu sehr darauf, Stones (5) unter Druck zu setzen und vergisst auf Fernandinho (25) in seinem Rücken. Mithilfe des Spiels über den Dritten kommt der Ball via Foden (47) zu Fernandinho, der sofort Jesus (9) in Szene setzt. Dieser wiederum lässt auf den nachrückenden Foden klatschen. Foden nützt der den Raum hinter Jesus, um den in die Tiefe sprintenden Mahrez (26) in Szene zu setzen. Dieser kann in den Sechzehner dribbeln und den Ball vors Tor bringen. Seine Hereingabe wird allerdings in letzter Sekunde von Azpilicueta geklärt. Dieser Angriff stellt einen der wenigen gelungenen Versuche Citys dar, den Defensivblock Chelseas durch das Zentrum zu knacken.

Je länger das Spiel dauerte desto tiefer stand Chelsea und versuchte, das Ergebnis über die Zeit zu bringen bzw. im Konter für die Entscheidung zu sorgen. Dies gelang auch fast, als Christian Pulisic in der 73. Minute den Ball neben das Tor der Citizens lupfte. City versuchte mit allen Mitteln Lösungen im Offensivspiel zu finden, was allerdings nicht mehr gelingen sollte. Kurz vor Abpfiff war es Mahrez, der einen zu kurz geklärten Ball an der Strafraumgrenze direkt übernahm, das Leder allerdings knapp über das Tor setzte. Nach einer siebenminütigen Nachspielzeit war das Spiel zu Ende – der FC Chelsea London steht somit als Champions-League-Triumphator fest!

Fazit

Chelsea schaffte es auf hervorragende Art und Weise, City die eigenen Stärken zu rauben, indem sie das Zentrum verdichteten und somit kaum Progression in deren Angriffen zuließen. Die Londoner verdanken den Sieg in erster Linie ihrer Defensivleistung, aber auch der direkte Ansatz im Spiel nach vorne mit Chipbällen auf die Zehner oder Wingbacks war ein entscheidender Faktor. Manchester City konnte kaum für Torgefahr sorgen. Laut dem Twitteraccount ‚The xG Philosophy‘ kam die Guardiola-Elf auf einen Expected-Goals-Wert von 0,52 – der niedrigste City-Wert in dieser Saison. Chelsea hingegen fand mit einem Wert von 1,59 die insgesamt qualitativ hochwertigere Torchancen vor und kann auch deswegen als verdienter Sieger dieses Spiels betrachtet werden.


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Mario Töpel, abseits.at

Mario Töpel

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