Das Rückspiel zwischen dem FC Barcelona und Chelsea FC sollte sich zu einem Aufeinandertreffen ungeahnten Ausmaßes entwickeln. Für sehr viele stand fast sicher fest,... Trotz Unterzahl und 0:2-Rückstand im Finale : Chelsea FC lässt den FC Barcelona verzweifeln

Das Rückspiel zwischen dem FC Barcelona und Chelsea FC sollte sich zu einem Aufeinandertreffen ungeahnten Ausmaßes entwickeln. Für sehr viele stand fast sicher fest, dass sich Barcelona für das Hinspiel revanchieren würde. Hier hatte Chelsea mit einem einzigen Torschuss und trotz zahlreicher zugelassener Großchancen ein 1:0 erzwingen können. Aufgrund der optischen und spielerischen Überlegenheit Barcelonas rechneten manche gar mit einem Kantersieg im Nou Camp. Dies sollte sich jedoch nicht bewahrheiten.

Obwohl die Katalanen gut begannen und sogar 2:0 führten, schien das Schicksal ihr Scheitern sehen zu wollen. Trotz einer roten Karte für Kapitän Terry und dem verletzungsbedingten Ausscheiden ihres Defensivspezialisten Cahill kämpfte sich Chelsea zurück, erzielte in Unterzahl sogar zwei Tore. Das zweite davon ein glücklicher Konter in der letzten Spielminute, welcher Barcelona den Todesstoß versetzte. Blaugrana hatte 82% Ballbesitz und eine Vielzahl an Torchancen, welche sich auf Torschüsse unter Bedrängnis oder aussichtsloser Position beschränkten. Eine hervorragende zweite Halbzeit in der Defensive sicherte Chelseas Aufstieg. In dieser Analyse werden deswegen die Aufstellungen der ersten Halbzeit nur kurz angeschnitten und jene der zweiten Spielhälfte genauer beschrieben.

Chelseas Aufstellung

 

 

 

 

 

 

Die Blues begannen mit der gleichen schematischen Formation aus dem Hinspiel. Ein 4-5-1 mit drei defensiven Spielern im Zentrum und einer Viererabwehrkette. Die Außenspieler in der Fünferkette davor hatten allerdings ebenfalls vorrangig defensive Aufgaben, Vorstöße waren bis zum zwei-Tore-Rückstand Mangelware. Im Normalfall versuchten die Engländer lange Bälle auf Drogba anzubringen oder die Außen in den freien Raum zu schicken. Vermutlich deswegen wählte Pep Guardiola eine etwas unerwartete Formation.

Barcelonas Aufstellung

 

 

 

 

 

 

Mit Pique zurück in der Mannschaft schien Barcelona die perfekten Spieler für ihre Dreierkette zu besitzen. Mascherano und Puyol sind keine gelernten Innenverteidiger, beherrschen diese Rolle jedoch. Diese zwei agierten deswegen neben Pique, der in seiner Position den spielmachender Innenverteidiger und einen klassischen Stopper mimte. Er sollte ein leichtes Aufrücken seiner beiden Nebenmänner unterstützen und absichern, da Guardiola mit der extrem tiefen Ausrichtung Chelseas zu rechnen schien.

Davor organisierten Xavi und Busques gemeinsam das Spiel, Iniesta begann auf dem Flügel. Auf der gegenüber liegenden Seite spielte Cuenca, somit gab es eine asymmetrische Flügelbesetzung. Iniesta sollte nach innen ziehen, Räume öffnen und sich im Kombinationsspiel profilieren. Ganz anders Cuenca, dieser sollte das Spiel breit machen und den zentralen Spielern sowie eben Iniesta eine bespielbare Fläche mit ausreichend Platz bieten.

Zwei Überraschungen gab es in der Formation – kein Alves und Messi nicht als Mittelstürmer. Alves fand sich auf der Bank wieder, aufgrund der Dreierkette hätte er nur im Außenstürm auflaufen können. Diese Position besetzte Cuenca, welchen Pep wohl als ruhigeren Part vorzog. Des Weiteren spielte Sanchez als Mittelstürmer, dahinter begannen Fabregas und Messi. Sanchez‘ Stärke sind seine Horizontallläufe und sein blitzschnelles Starten in die Schnittstellen, darauf spekulierte Guardiola. Sowohl Fabregas als auch Messi sind etwas ungeduldige Typen im Vergleich zu Xavi, Busquets und Iniesta. Sie versuchen öfter den tödlichen Pass und stoßen selbst gerne ins Zentrum nach vor. Diese Plattform wurde ihnen mit dieser Formation geboten. Sanchez riss Löcher und bot sich für Lupfer oder Gassenpässe an, die beiden konnten diese dann spielen oder in die geöffneten Räume vorstoßen.

Dennoch fielen beide Tore aufgrund anderer taktischer Ursachen. Bei ersterem war die Ordnung Chelseas nicht gegeben, Cuenca tauchte nach einer Ecke links auf und Busquets stand frei. Das zweite Tor hatte die rote Karte Terrys als Ursache. Die Mannschaft Di Matteos war nicht organisiert und lief in eine Falle, die Viererkette agierte zu eng und das Mittelfeld hatte noch keine veränderte Rolle. Iniesta kam über eine Halbposition von außen und verwandelte nach Pass Messis eiskalt. Ein schneller Konter in eine unkonzentrierte Barca-Abwehr sorgte für das 2:1 und in der Halbzeitpause konnte Di Matteo seine Mannschaft perfekt umstellen, wie der Leser im nächsten Kapitel sehen wird.

Die zur Legendenbildung taugliche Halbzeit in der taktischen Nachbetrachtung

 

 

 

 

 

 

Chelseas Aufstellung in der zweiten Hälfte

1) Chelseas Fluidität

Der entscheidende Faktor in dieser Partie war Chelseas rigorose Anpassung an den Gegner. Der FC Barcelona spielt eine Extremformation und dies war zusätzlich noch eine extreme Ausgangssituation. David gegen Goliath und noch 45 Minuten Ergebnisverteidigung. Damit der David aus London die größtmögliche Chance auf das Weiterkommen hatte, musste er das eigene Tor verbarrikadieren. Mit sämtlichen verbliebenen zehn Spielern. Hier kam dann Taktik im Bezug auf die Organisation und das Einwirken auf den Gegner ins Spiel.

a. Die doppelten Außenverteidiger

Barcelona nutzt meistens zwei Spieler auf den Außen, um die Schnittstellen in der gegnerischen Viererkette zu vergrößern. Im Zentrum stellen die Katalanen mehrere Spieler, die allesamt technisch sehr gut auf engstem Raum sind. Dadurch gelingt es ihnen auch mauernde Teams zu zerlegen. Chelsea entschloss sich deshalb für eine radikale Variante. Die Flügelstürmer agierten als Manndecker jener gegnerischen Spieler, die für die Außenbahn zuständig waren. Das hatte zur Folge, dass die Viererkette Chelseas sehr eng stehen konnte. Sie öffneten keine Schnittstellen und effektiv spielten sie eine Sechserkette, davor positionierten sich drei zentrale Mittelfeldspieler. Dies bedeutete auch, dass sie keine Anspielstationen in einer dritten Ebene besaßen.

b. Das Spiel ohne Mittelstürmer

Ohne Mittelstürmer wollte Di Matteo also durch die Halbzeit kommen. Effektive Pässe nach vorne fielen somit weg, lediglich zum Zeitschinden oder als Befreiungsschlag wurden sie genutzt. Im Idealfall spielte der Spieler, welcher den Ball eroberte, einen Pass in den Lauf der Außenspieler und sicherte zumeist sofort ab. Im Zentrum oder auf der gegenüberliegenden Außenbahn rückte hin und wieder wer mit nach vorne, dies blieb jedoch Mangelware. Normalerweise versuchten die Abwehrspieler Drogba hoch anzuspielen, der dann aus seiner Position als Flügelverteidiger aufrückte und sich nach vorne orientierte. Er zog Fouls, versuchte durchzubrechen und holte einmal gar eine Ecke heraus, allerdings waren alle Angriffsbemühungen effektiv zum Scheitern verurteilt. Dies lag besonders an der extrem defensiven Ausrichtung im zentralen Mittelfeld. Die Außenspieler waren schließlich zwischen einem gegnerischen Pressingblock und der Auslinie abgesperrt.

c. Das Zentrum / die fluide Dreifachsechs

Diese ungemein defensive Formation in der Abwehr sorgte allerdings dafür, dass die Kreativspieler Barcelonas wenig Raum hatten und die ohnehin winzigen Schnittstellen weiter verkleinert wurden. Die drei Sechser agierten als fluide Dreifachsechs. Damit ist gemeint, dass drei Spieler im zentraldefensiven Mittelfeld auf einer Höhe agierten und teilweise die Positionen tauschten, um die perfekte Anordnung auf die Rochaden Barcelonas finden zu können. Wenn das Spiel sehr stark auf eine Seite ging, dann rückte sogar einer der drei etwas nach hinten, um diese minimale Öffnung im Defensivverbund aus einer Zwischenposition abzudecken.

Generell sollten diese drei das gegnerische Trio im Mittefeld abdecken. Iniesta sollte keine Bindung zu seinen Mitspielern bekommen, seine schnellen und intelligenten Doppelpässe wie Läufe sind sehr gefährlich. Messi sollte keine Möglichkeit für einen Abschluss erhalten und Xavis Pässe sollten auf die Außenbahn gelenkt werden. Hierbei wurde er von einem Spieler ohne Aggressivität angelaufen und nur halbherzig attackiert, woraufhin ein Pass auf den Flügel folgte. 

d. Der liquide Defensivblock

Die fundamentalste und revolutionärste taktische Auffälligkeit war die völlige Anpassung an den Gegner. Chelsea spielte nach Bruce Lees Grundsatz: „seid Wasser.“ Wie in dessen Kampfkunstphilosophie passten sie sich völlig dem Gegner an. Sämtliche basistaktischen Dinge im Bezug auf die Formation wurden vernachlässigt, es gab eine Abkehr von allen bisher gängigen Systemen. Eine Zahlenkombination wie 6-3-0 oder 4-5-0 trifft nicht wirklich zu, da die Blues unglaublich kompakt agierten. Wenige Meter Abstand zwischen den zwei, manchmal drei Reihen. Eine dritte Reihe entstand, wenn sich die gegnerischen Flügel etwas fallen ließen oder Mikel ein bisschen zurückwich. Im Normalfall war es eine Reihe auf Höhe der Sechzehnmeterlinie und eine Dreierkette zentral davor. Diese Liquidität, welches nichts anderes als die völlige Anpassung an den Gegner bezeichnen soll, zeigte sich anhand der offensiven Orientierung am besten. Wenn Drogba und Co. ausnahmsweise den Ball in die gegnerische Hälfte brachten, musste Barcelona das Spiel neu aufbauen. Dann rückte Chelsea sogar auf und spielte das gleiche Spiel einige Meter höher, bis sie wieder zurückgedrängt wurden. Dies kostete Barcelona noch etwas mehr Zeit und war mitentscheidend für Chelseas Unentschieden.

2) Barcelonas Pyramide

 

 

 

 

 

 

Barcelonas Aufstellung in der zweiten Hälfte

Die völlige Anpassung an den Gegner resultierte auch aus einem extrem offensiven System dessen, einer 1-2-3-4-Formation. Barcelona erfand sich einmal mehr neu und spielte in der zweiten Halbzeit mit einem einzigen Verteidiger. Zumindest wirkte es so, es gab nämlich doch noch einen zweiten, sehr unerwarteten.

a. Der doppelte Libero

Für jeden ersichtlich spielte Mascherano als Absicherung hinter den anderen. Teilweise halfen ihm Busquets und Puyol, sie spielten allerdings eine Ebene höher. Der zweite Libero war nämlich Victor Valdes, der für ganz weite Bälle Chelseas bereitstand und helfen wollte, dass seine Mitspieler nicht zurückkommen mussten. Ein schneller Ball nach vorne würde verhindern, dass Chelsea bis zu Mascherano kommt und Barcelona hätte mehr Zeit zum Angreifen. Mascherano spielte den Libero davor, er sammelte lose Bälle auf und verteilte den Ball. Falls die Räume eng wurden, übernahm Mascherano an der Mittellinie jene Aufgaben, die im Barcelona-Spiel normalerweise Valdes besitzt – eine sichere Anspielstation ganz hinten.

b. Die Doppelsechs

Sehr interessant war die Aufteilung der defensiven Aufgaben vor Mascherano. Obwohl Xavi fast auf einer Höhe mit Puyol und Busquets spielte, war er aufgrund seiner Spielweise klar offensiver. Über 180 Ballkontakte zeigten auch, wie das Spiel verlaufen ist, ein Extremwert in einem extremen Spiel. Puyol und Busquets sicherten klar verschoben den Raum und hatten die Aufgaben einer klassischen Doppelsechs. Sie ließen den Ball laufen, sicherten ab und unterstützten als Anspielstationen ihre Mitspieler. Beide stießen gelegentlich mit nach vorne, konnten in der zweiten Hälfte aber keine Räume für eine Effektivität ihrer Offensivbemühungen finden. Der Grund, wieso sie linksseitig spielten, war, dass rechts mit Alves, Messi und Xavi drei entweder sehr dynamische oder spielintelligente Spieler agierten. Diese konnten Vorstöße absichern, Alves ist sogar gelernter Verteidiger – anders als Tello auf links.

c. Die drei offensiven Spieler

Davor organisierte Xavi das Spielgeschehen, Messi und Iniesta suchten Räume. Keita kam, um als Wandspieler zu fungieren, und eventuell Bälle abzulegen. Allerdings wurde diese Möglichkeit, ebenso wenig wie hohe Bälle, nie genutzt. Die drei Spielgestalter der Blauroten taten sich schwer eine Anspielstation zu finden. Messi verdribbelte sich oft, Iniesta ging im Hauen gegnerischer Spieler regelrecht unter. Der Ball wurde fast pausenlos quergeschoben, da niemand Lücken fand. Die gegnerische Dreifachsechs deckte die Schnittstellen ab, Messi wurde von zwei Mann gestellt und isoliert, Iniesta fehlte die Durchsetzungskraft. Alle drei Spieler ließen etwas vermissen, was sie eigentlich auszeichnete: Leichtigkeit. Sie wirkten verkrampft, spielten dauernd den gleichen Stiefel trotz unheimlicher Ballkontaktzahlen und schienen den Spaß am Fußball zu verlieren. Eigentlich etwas, was die Gegner Barcelonas ihr Eigen nennen dürfen.

d. Vierersturm ohne zu stürmen

Das wirkte sich auf die letzten Spieler Barcelonas in ihrer Formation auf. Ganz vorne hatten sie vier Spieler in einer Reihe, die das Spiel breit machen wollten, was ihnen nicht gelang. Zwei Spieler im Zentrum wollten Lücken öffnen beziehungsweise fungierten als Wandspieler (Keita nach seiner Einwechslung). Es fehlte aber an Bewegung. Die Außenstürmer klebten zu starr an der Außenlinie und erst nach Torrres‘ Einwechslung aufgrund dessen schwachen Stellungsspiels schien Alves zumindest ansatzweise eine Chance zu haben. Sanchez bewegte sich nicht wie sonst, er wirkte erschöpft und ratlos, ob des gegnerischen Defensivblocks. Keita erhielt keine Bälle, um seine einzige Stärke, die Größe, auszuspielen.  Chelsea konterte mit zwei eigentlichen Außenverteidigern, dem bulligen Ivanovic, der sich an Keita orientierte, und den schlaksigen Bosingwa, der Sanchez sowie Messi ein besonderes Augenmerk schenkte. Der FC Barcelona war ein Schatten ein Schatten seines Selbst gegen eine Mannschaft, die ihre Offensive und alle gängigen Formationen über Bord warf.

René Maric, abseits.at

Rene Maric

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